Gegen die Legalisierung von Drogen

Was ist los in London? Drei Dinge: 1. Der Wohlfahrtsstaat mit seinen Auswirkungen Fatalismus, Nihilismus, Ressentiments gegen Regierung, Ober- und Mittelschicht und 2. Die Kultur der Unterschicht, nämlich rücksichtsloser, kurzsichtiger, egozentrischer Hedonismus und ethischer Relativismus und 3. Die Plünderer sind miese Bastarde. Im Detail lernt man die Segnungen von Wohlfahrtsstaat und Unterschichtskultur in den Büchern des ehemaligen britischen Gefängnisarztes Theodore Dalrymple kennen – hier finden Sie deutsche Übersetzungen von einigen seiner Artikel.

Bevor ich näher auf die britischen Plündereien eingehen kann, habe ich einen anderen Artikel fertiggestellt, der sich ebenfalls mit Dalrymples reichhaltigen Erfahrungen mit Kriminellen und der britischen Unterschicht auseinandersetzt. Es geht konkret um den Zusammenhang von Kriminalität und der geforderten Legalisierung harter Drogen, die im Milieu der Plünderer weit verbreitet sind. Dalrymple argumentiert gegen die Legalisierung. Ein Leser hat mir nach Lektüre seines Artikels zum Thema geschrieben, er hätte seine naiv-liberale Position nun geändert. Es folgt eine Zusammenfassung von Dalrymples Argumentation, für deutschsprachige Leser zugänglich gemacht:

Philosophische Ausgangsbasis: John Stuart Mill: On Liberty: „Der einzige Zweck, zu dem rechtmäßig Macht über irgendein Mitglied der Gemeinschaft gegen seinen Willen ausgeübt werden kann, besteht darin, die Schädigung anderer zu verhindern. Sein eigener Vorteil, ob physisch oder ethisch, ist keine ausreichende Rechtfertigung.“

Probleme:

1.) „In der Praxis ist es zunehmend schwierig, dafür zu sorgen, dass die Menschen alle Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen tragen müssen – was sie tun müssten, falls Mills großes Prinzip als philosophische Richtlinie für die Politik gelten soll. Die Abhängigkeit von, oder der regelmäßige Gebrauch der aktuell verbotenen Drogen kann nicht nur die Person beeinflussen, die sie nimmt – und nicht auch seinen Partner, Kinder, Nachbarn oder Arbeitgeber. Kein Mann, außer vielleicht ein Einsiedler, ist eine Insel; also ist es praktisch unmöglich, Mills Prinzip auf irgendeine menschliche Handlung anzuwenden, ganz abgesehen von dem Spritzen von Heroin oder dem Rauchen von Crack.“

2.) Liberale Formulierung des 1. Einwands: Wenn Individuen harte Drogen nehmen, kann dies zur Einschränkung der Rechte anderer (Partner, Kinder, Nachbarn, Arbeitgeber) führen. Der Konsum harter Drogen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass individuelle Rechte verletzt werden.

3.) Manche Freiheiten sind wichtiger als andere. Manche Einschränkungen von Freiheiten können letztlich unsere Freiheiten vergrößern – etwa die Einschränkung unserer Freiheit, bei Rot über die Ampel zu fahren. Der freieste Mensch ist nicht derjenige, der stetig seinen momentanen Launen nachgibt, seinen „whims“, wie Ayn Rand sie verächtlich nannte. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen dem Menschen und dem Tier: Der Mensch kann rational in die Zukunft planen, er muss nicht seinen spontanen Begierden folgen.

4.) Bei konsequenter Anwendung von Mills Prinzip müssten auch Leichenschändung und Ausstellungen nekrophiler Handlungen erlaubt sein. Eine Leiche ist keine Person und hat keine Interessen und lebende Individuen werden nicht in ihren Rechten eingeschränkt, wenn sie sich freiwillig an sexuellen Handlungen mit Toten beteiligen oder ihre Körper zerstören. Gibt es trotzdem Gründe, die dagegen sprechen, Ausstellungen zu erlauben, wo Lebende Sex mit Toten haben, auf die Leichen urinieren, sie aufessen?

5.) Der Drogenkonsum hat den Effekt, die Freiheit des Menschen zu beschneiden, indem er das Ausmaß seiner Interessen einschränkt. Er beschneidet ihre Fähigkeit, wichtigere menschliche Werte anzustreben, wie eine Familie zu versorgen oder bürgerlichen Pflichten nachzugehen. Sehr oft schränkt der Drogenkonsum die Fähigkeit der Menschen ein, gewinnbringende Arbeit zu verrichten und fördert Parasitismus. Drogen limitieren das Bewusstsein und erweitern es nicht.

6.) „Keine Kultur, die öffentlich sanktionierte Maßlosigkeit zu ihrem höchsten Gut macht, kann lange überleben: Ein radikaler Egoismus muss geradezu ausbrechen, der Einschränkungen des persönlichen Verhaltens als Einschränkungen grundlegender Rechte wahrnimmt. Unterscheidungen zwischen wichtig und trivial, zwischen der Freiheit, traditionell überlieferte Ideen zu kritisieren und der Freiheit, LSD zu nehmen, sind genau die Standards, die Gesellschaften vor der Barbarei bewahren.“

Pragmatische Ausgangsbasis: Die Alternative zur Legalisierung harter Drogen ist die Prohibition, die kriminellen Drogenhandel mit sich bringt. Kokain und Heroin wären selbst für die Armen günstig zu haben, gäbe es die Prohibition nicht. Darum könnten Kriminelle keine riesigen Gewinne mehr mit dem Drogenverkauf erzielen. Wären harte Drogen legal, würden nur noch anständige Menschen Geld mit dem Verkauf harter Drogen verdienen und es würde niemand sozial ausgeschlossen, wenn er Drogen kauft.

Die Polizei hätte weniger zu tun. Die Nachfrage bedingt ohnehin stets das Angebot, also werden Drogen auf die eine oder andere Weise sowieso verkauft. Und die Drogen wären von höherer Qualität, ihre Gefahren geringer. Zudem wären sie nicht mehr so attraktiv, weil ihre Illegalität sie überhaupt erst für manche attraktiv macht. Schließlich sind bereits schädliche Drogen wie Alkohol und Nikotin legal und es wäre heuchlerisch, nicht auch noch andere Drogen zu legalisieren. Das wäre inkonsequent und schädigt den Respekt für das Gesetz.

Probleme:

1.) Die ultimative Ursache der Kriminalität sind Gesetze, die bestimmte Handlungen verbieten. Es wird normalerweise nicht argumentiert, dass wir den „Krieg gegen Diebstahl“ oder den „Krieg gegen Mord“ verloren hätten, nur weil es weiterhin Diebstähle und Morde gibt. Doch es argumentieren manche, wir hätten den „Krieg gegen Drogen“ verloren, nur weil es weiterhin Drogenmissbrauch gibt. Gewinnt die Medizin den „Krieg gegen den Tod“? Nein. Ist die Medizin darum den Aufwand nicht wert?

2.) Es gibt Gründe zu bezweifeln, dass die Kriminalitätsrate allzu dramatisch fallen würde, wie es die Befürworter einer Legalisierung annehmen. Amsterdam, wo der Zugriff auf Drogen relativ unproblematisch ist, gehört zu den gewalttätigsten und verkommensten Städten Europas. Die Idee hinter der Kriminalität – reich werden, oder zumindest reicher, schnell und ohne großen Aufwand – wird wahrscheinlich nicht verschwinden, sobald Drogen für jeden, der sie haben möchte, frei verfügbar sind. Und es könnte sein, dass die offizielle Sanktionierung antisozialen Verhaltens – das offizielle Lüften von Tabus – noch mehr antisoziales Verhalten hervorbringt, wie es die „Schiefe Ebene“-Theorie suggerieren würde.

3.) Dalrymple hat in seiner Funktion als Gefängnisarzt zahlreiche Drogendealer kennengelernt. Er glaubt nicht, dass sie zu einem respektablen Leben zurückkehren würden, falls ihr Hauptprodukt legalisiert werden würde. Sie drücken tiefe Verachtung für reguläre Arbeit aus und sehen jene, die von täglicher Arbeit leben, als Feiglinge und Idioten an. Ein kriminelles Leben bietet Verlockungen für jene, die sonst ein unaufgeregtes Leben führen würden. So lange es die Möglichkeit gibt, mit illegalen Produkten zu handeln, wird es Menschen geben, die das tun, und deren Verbreitung ausweiten. Selbst Legalisierer wollen in der Regel Drogen nicht für Kinder erhältlich machen und Entkriminalisierung könnte durchaus dazu führen, dass Dealer ihre Aufmerksamkeit zunehmend jüngeren und jüngeren Kindern widmen.

4.) Drogenkliniken führen an, dass der Anteil ihrer Patienten, der für Verbrechen verurteilt wird, nach der Behandlung viel geringer ist, als zuvor. Das Krankenhaus in der Nähe von Dalrymples Gefängnis behauptet, dass es 80% weniger Verurteilungen nach einer Methadon-Behandlung gibt als zuvor. Einwände:

a) Die Patienten sind selbst-selektiert. Sie lassen sich freiwillig behandeln, weil sie sich verändern wollen. Nur ein kleiner Anteil der Drogenkonsumenten lässt sich behandeln und es ist zweifelhaft, ob alle weniger für Verbrechen verurteilt würden.

b) Eine Methadon-Behandlung stabilisiert das Leben von Kriminellen. Sie sind effektiver darin, sich nicht schnappen zu lassen – obwohl sie weiterhin Verbrechen begehen.

c) Wer nachweisen kann, dass er in irgendeiner Art von psychiatrischer Behandlung ist oder war, wird mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit überhaupt erst für seine Verbrechen verklagt.

d) Die Anzahl krimineller Handlungen erfolgreich therapierter Patienten bleibt sehr hoch. Der Vizedirektor der Klinik schätzt, dass ein durchschnittlicher Patient vor der Behandlung 250 kriminelle Handlungen im Jahr ausübt und 50 danach.

5.) Legalisierer gehen davon aus, dass der Drogenkonsum nicht sonderlich ansteigen würde, da die meisten Menschen weiterhin ihrer regulären Arbeit nachgehen müssen. Aber das sollten Drogenkonsumenten eigentlich auch und unsere Erfahrung mit Alkohol lehrt, dass Preis und Verfügbarkeit große Auswirkungen haben auf die Bereitschaft der Menschen, ihn zu konsumieren. Es wäre gut möglich, dass die Reduzierung der Kriminalität, die von der Drogenlegalisierung erwartet wird, durch mehr Konsumenten, die kriminell werden, ausgeglichen werden könnte. Es gäbe ebenso viel Kriminalität wie vorher, nur mehr Drogenabhängige.

6.) Im Gegensatz zu Opiaten, die lediglich beruhigen, gibt es auch Drogen wie Crack-Cocain, die den pharmakologischen Effekt haben, paranoid, aggressiver und gewalttätiger zu machen.

7.) Im Gegensatz zu Milton Friedmans Behauptung wird die Legalisierung von Drogen keineswegs unbedingt zu weniger Bürokratie führen, sondern sie könnte gut zu weitaus mehr Bürokratie führen. Apotheken, Banken, Schulen, Krankenhäuser – alle öffentlichen Organisationen – könnten sich genötigt fühlen, regulär und per Zufallsprinzip den Drogenkonsum ihrer Mitarbeiter zu überprüfen. Institutionen würden viel mehr in unsere Leben eingreifen, als zuvor.

8.) Alkohol ist schon seit Jahrhunderten im regulären Gebrauch. Man muss nicht auch noch dafür sorgen, dass weitere zerstörerische Drogen weithin akzeptiert und gebraucht werden.

Quelle: Theodore Dalrymple: Don’t legalise Drugs

Update: Der Mediziner Dr. Gottfried Beyvers hat mir ergänzend folgendes Argument gegen die Legalisierung harter Drogen geschickt:

# Wenn ein oder zwei Drittel der Bevölkerung Tabak oder Alkohol konsumieren (was ja der Fall ist), so kann eine solche Gesellschaft noch gut funktionieren.

# Wenn aber ein oder zwei Drittel der Bevölkerung (harte) Drogen konsumieren würden, dann könnte eine solche Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

Woher kommt der Unterschied? Für das Zustandekommen einer gesellschaftsschädigenden Wirkung muß eine Substanz zwei Eigenschaften gleichzeitig haben:

a: hohes Suchtpotenzial (also: Ein hoher Prozentsatz der User wird abhängig.)

b: starke Beeinträchtigung der körperlichen und/oder geistigen Leistungsfähigkeit bei aktuellem Konsum.

Untersuchen wir unter diesen zwei Aspekten drei Beispielsubstanzen:

Alkohol:

zu a: niedriges Suchtpotenzial (fast alle Menschen konsumieren öfter im Leben Alkohol, werden aber nicht abhängig.)

zu b: starke Beeinträchtigung bei aktuellem Konsum (Fahruntauglichkeit…)

Fazit zu Alkohol: nur b trifft zu, a aber nicht.

Tabak:

zu a: hohes Suchtpotenzial (fast alle regelmäßigen Raucher sind nikotinsüchtig, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen oder nicht zugeben)

zu b: geringe bis keine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit bei aktuellem Konsum; im Gegenteil: Viele Raucher leisten bereitwillig ihren Beitrag zur Gesellschaft und schaffen dies auch jederzeit.

Fazit zu Tabak: a trifft zwar zu, nicht aber b.

Heroin:

zu a: sehr hohes Suchtpotenzial (fast alle User sind auch abhängig; es gibt wenige User mit „kontrolliertem“ Konsum)

zu b: starke Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit bei aktuellem Konsum.

Fazit Heroin: a und b treffen gleichzeitig zu.

Das Zusammentreffen der beiden Merkmale bei Heroin führt zu stärkeren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen. Dagegen trifft bei Alkohol und Tabak jeweils nur eines der beiden Merkmale zu, mit geringeren gesellschaftlichen Auswirkungen. Damit geht es bei der Frage der Freigabe von Heroin, Crack, LSD… nicht nur darum, „noch weitere Drogen“ freizugeben (wie Du in Anlehnung an Dalrymple schreibst). Nein, bei den harten Drogen geht es eindeutig um etwas qualitativ Anderes. Wenn 30 oder 40% der Deutschen im arbeitsfähigen Alter täglich Heroin konsumieren würden, wäre der Staat binnen weniger Jahre am Ende.