Wie Liebe entsteht

Frank Berghaus, einer der schärfsten Islamkritiker unter säkularen Humanisten, ist formell selber ein Muslim. Er ist zwecks Heirat einst in aufwändigen Zeremonien zum Islam übergetreten. Berghaus erzählt die lesenswerte Geschichte in einem aktuellen Artikel auf wissenbloggt.de, ein Auszug:

Da arbeitet man nun im selben Unternehmen, lernt sich kennen und scherzt im Kollegenkreis. Man albert ein wenig herum, schwatzt auch einmal allein miteinander, verabredet sich auf einen Kaffee und macht einen Einkaufsbummel, trifft sich schließlich auch abends. Und plötzlich, ohne dass man hinterher sagen könnte, wann genau es geschah, ist innerlich ein Knoten geplatzt. Man wird sich darüber klar, dass man ohne den anderen gar nicht mehr sein möchte. Und trotzdem ein ganz normaler Vorgang, den man gemeinhin als das Entstehen von Liebe bezeichnet und der sich in dieser oder abgewandelter Form millionenfach auf unserer Erde wiederholt.

„Liebe auf den ersten Blick“ kann zwar vorkommen, ist aber statistisch selten – und in der Regel ist das, was auf den ersten Blick geschieht, keine Liebe, sondern erotische Anziehung. Die meisten Menschen lernen ihren Partner auch nicht in der Disco oder auf einem Konzert, etc. kennen, sondern in der Schule, beim Studium, bei der Arbeit. Wahre Liebe braucht eben ihre Zeit.

Es scheint vielen Menschen schwer zu fallen, über Liebe zu theoretisieren. Immerzu wollen sie etwas über ihre eigenen Erfahrungen erzählen. Ein Literaturprofessor von mir gab den Teilnehmern seines Seminars einmal auf, sie sollten ihre Seminararbeiten über die Liebeskonzepte der Romantiker schreiben und kein einziger hat (jedenfalls dem Mythos zufolge) persönliche Anekdoten aus seiner Arbeit herausgelassen. Er hat geschworen, seine Studenten niemals wieder über Liebe schreiben zu lassen. Da könnt ihr bei mir beruhigt aufatmen. Ich erzähle konsequent so gut wie gar nichts über mein Privatleben, weil es nicht viel beiträgt zum Erkenntnisgewinn – dafür braucht man größere Stichproben und nicht nur Anekdoten.

Wer an einem tieferen Verständnis der Liebe interessiert ist, dem empfehle ich vor allem Richard Carriers Sense & Goodness Without God. Das Kapitel über Liebe (10.2; S. 197-202) darin gehört zum Aufschlussreichsten, was ich jemals über das Thema gelesen habe. Jeder, der Liebe auf eine zeitweise Kohabitation zwecks Genreplikation reduziert (oder gar auf sexuelle Attraktion), wird sich nach Lektüre des Werkes schämen. Auch Carrier plaudert über seine Ehe, aber er tut das strikt im Kontext seiner philosophischen Argumentation als bloße Exemplifizierung. So geht das schon eher.

Wer sich für Studien aus der empirischen Psychologie über Liebe interessiert, der findet hier, was er sucht: Barking up the wrong tree. Dort erfährt man zum Beispiel:

1. Speed-Dating führt nur in vier Prozent der Fälle zu Beziehungen.

2. Frauen werden tatsächlich stärker von Männern angezogen, wenn diese teure Autos besitzen.

3. Eine Beziehung geheim zu halten hat eine Reihe negativer Auswirkungen.

Na ja, ich bevorzuge inzwischen Philosophie und Literatur gegenüber empirischer Psychologie, da Korrelationen immer problematisch sind. Aber wenn man ein philosophisches Framework besitzt, können Studien durchaus zum besseren Verständnis beitragen. Es hilft, wenn sie jemand interpretiert, der viel Lebenserfahrung hat im entsprechenden Bereich. Wenn mit „Lebenserfahrung“ allerdings gemeint ist, dass ein einzelner Mensch alles Mögliche mittels seiner persönlichen Erfahrungen verstanden haben will, halte ich es allerdings für überschätzt. Es ist einfach nicht möglich, als Individuum alle Erfahrungen über alle Bereiche überall jemals persönlich zu machen.

Ich habe schon von Leuten, die mit ihrer „Lebenserfahrung“ argumentiert haben, den bizarrsten Unsinn vernommen. Wer schon einmal in Israel war, meint sogleich, ein größerer Experte über den Nahostkonflikt zu sein als ich. Wer mit seinem türkischen Gemüsehändler jeden Tag übers Wetter redet, der weiß viel mehr über Integration und Türken als ich, der immer nur zu Hause herumsitzt (eigentlich wissen diejenigen welchen überhaupt nicht, was ich tue oder nicht tue – aber ich blogge viel, also muss ich das wohl zu Hause tun und auch ansonsten niemals das Haus verlassen. Interessant, dass es jetzt schon Experten über mich gibt, die mich nicht einmal kennen). Ich habe schon von Leuten mit „Lebenserfahrung“ gehört, wie man am besten eine Beziehung mit zwei Frauen gleichzeitig führt, als wäre das eine gute Idee, nur weil es bei manchen Leuten zur „Lebenserfahrung“ gehört. Und wer mehr Lebenserfahrung hat, der werde schon merken, dass Menschen mehr sind „als nur Physik“.

Solchen Besserwisser kann ich nur empfehlen, das Gegenteil von dem zu tun, was sie unentwegt mir empfehlen: Setzt euch auf euren Hintern und macht eure Hausaufgaben! „Im wahren Leben“ mit Leuten tratschen ersetzt keine Umfragen – die schließlich dasselbe sind wie „mit Leuten tratschen“, nur professionell, systematisch und mit tausenden Teilnehmern. Nicht nur mit eurem Gemüsehändler! Jahrelang planlos im Nahen Osten herumzukrebsen ist nicht einmal ein Tausendstel so viel wert wie eine systematische Umfrage von Gallup oder Pew.

Damit will ich persönliche Erfahrung nicht prinzipiell abwerten – aber doch darauf hinweisen, dass persönliche Erfahrung alleine nicht genügt und dass auch persönliche Erfahrung eine gewisse Quantität aufweisen muss.

Ein Beispiel ist Theodore Dalrymples jahrzehntelange Arbeit als Gefängnisarzt. Er interpretiert viele Studien genau entgegengesetzt zum soziologischen und medizinischen Mainstream, aber seine Interpretation ergibt erheblich mehr Sinn, da er ja jeden Tag zahlreiche Fälle selber miterlebt hat und selber mit der Unterschicht, über die er schreibt, im selben Viertel gelebt hat. Es ist der Unterschied zwischen einem Lehnstuhl-Wissenschaftler und einem, der massive Feldforschung betrieben hat. Jedoch weiß er natürlich nur einen bestimmten Bereich des Lebens besser zu interpretieren als andere.

Wissen also Profi-Verführer mehr über die Liebe als andere? Nachdem ich ein pseudo-psychologisches Buch von einem Extremsport-Verführer gelesen habe, bekam ich eher den Eindruck, dass dies die oberflächlichsten Menschen der Welt sein müssen, die sich von Tieren kaum unterscheiden. Dass sie so erfolgreich sind bei Frauen, lässt bestimmte Rückschlüsse auf die meisten Frauen zu. Der Verführer hat eine Art System, das er immer wieder, meist erfolgreich, anwendet, um Frauen „rumzukriegen“. Er ist fast wie ein Roboter, der ein Programm ausführt. Ich hatte den Eindruck, dass das Leben des Extremsport-Verführers zu den bedeutungslosesten Leben gehören muss, die man sich vorstellen kann. Er „bekommt“ viele Frauen ja, aber er liebt niemals wirklich irgendjemanden.

Psychopathen werden uns nicht über wahre Liebe aufklären können. Mit Philosophie, Literatur und persönlicher Erfahrung bekommt man auf jeden Fall bereits ein viel tiefgreifenderes Verständnis über die Liebe, als es der Extrem-Verführer und der lebensfremde Laborant es jemals haben werden. Empirische Studien können helfen, so lange sie nicht ohne Kontext gelesen werden.