Sam Harris und der Objektivismus

Der Philosoph Sam Harris ist der populärste lebende Verteidiger des ethischen Realismus, der besagt, dass die Ethik aus der Natur abgeleitet werden kann. Über ihn bin ich beim Objektivismus von Ayn Rand gelandet. Der Unterschied ist folgender:

Sam Harris: Ziel der Ethik ist die Maximierung des Wohlbefindens bewusster Lebewesen.

Ayn Rand: Ziel der Ethik ist das individuelle Anstreben eines glücklichen Lebens als Mensch.

Letzten Endes lässt sich nicht philosophisch rechtfertigen, von Individuen zu verlangen, dass sie das Glück von allen bewussten Lebewesen anstreben sollen, darum halte ich Ayn Rands Ausgangsbasis für überzeugender.

Auf jeden Fall ist Sam Harris in einem neuen Blogbeitrag auf den Objektivismus eingegangen.

Wobei „eingegangen“ vielleicht nicht die richtige Bezeichnung ist. Leider wiederholt er nur linke Vorurteile über Ayn Rand und über die Marktwirtschaft, anstatt sich mit ihrer Philosophie wirklich zu befassen. Anlass war die Tatsache, dass er sehr viele wütende Zuschriften erhalten und Leser verloren hat, weil er eine höhere Besteuerung der Reichen forderte.

Mich wird er darum nicht als Leser verlieren. Ich hätte mir allerdings schon gewünscht, dass er sich an seine eigenen Richtlinien halten und lesen würde, was die Philosophie, die er kritisiert, eigentlich besagt. Stattdessen argumentiert er wie folgt:

1.) „Konservative“ (dazu gehören in den USA auch klassische Liberale) sagen, dass Steuern Diebstahl wären.

2.) Reiche erzeugen nicht unbedingt etwas Wertvolles für andere. Manche haben ihren Reichtum nicht selbst verdient, sondern ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern.

3.) Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Menschen auch reich werden können, indem sie die globale Wirtschaft zerstören.

4.) Frage: Wie viele Republikaner, die gegen Steuererhöhungen für Reiche gestimmt haben, würden in einem Land mit einem Trillionär und 30% Arbeitslosigkeit leben wollen? Wenn sie das nicht wollen, sind sie auch für Einkommensumverteilung.

5.) Zukünftige technologische Entwicklungen könnten Millionen Arbeitsplätze auslöschen.

6.) Wir sollten einen Teil unseres Geldes auf sinnvolle Weise in die Zukunft investieren, um Energieunabhängigkeit zu erreichen, Arbeitsplätze zu schaffen und um unsere Infrastruktur zu verbessern. Dies könnte entweder die Regierung übernehmen und dafür einen Teil des Geldes der Reichen nehmen, oder die Reichen könnten freiwillig eine Organisation mit diesen Aufgaben gründen.

7.) Da die meisten von uns kurzsichtig und egoistisch sind, sind Steuern eine Art von Diebstahl, die notwendig ist.

8.) Wir profitieren davon, wenn andere Menschen eine gute Ausbildung bekommen und nicht arm sind. Also sollten wir darin investieren oder der Staat sollte unser Geld dafür benutzen.

9.) Objektivismus macht einen religiösen Fetisch aus dem Eigennutz und lehnt Altruismus und Mitgefühl als Charakterfehler ab. Objektivismus ist Autismus mit anderem Namen. Ayn Rands Literatur ist furchtbar und darum hat Sam Harris sie nicht gelesen.

10.) Wir sind nicht bereit für radikalen Libertarianismus. Darum gibt es Gesetze. Auch die Umverteilung des Reichtums wäre ein Fall, wo der Staat unserer Kurzsichtigkeit und Egoismus entgegenwirken könnte.

11.) Die Reichen könnten das russische Atomarsenal sicherstellen, das in die Hände von Terroristen gelangen könnte, aber das tun sie nicht. Der Staat müsste es tun, aber er kann es nicht, weil er kein Geld mehr hat.

12.) Es hängt stark vom Glück ab, dass man in dieser Zeit geboren wurde, dass man arbeiten kann, dass man Erfolg haben kann – nicht nur von eigener Leistung.

13.) Die Reichen profitieren am meisten von unserem System, also sollten sie etwas dafür bezahlen.

14.) Manche Leute sind einfach nicht in der Lage, genügend zu leisten, um leben zu können.

Aus der Perspektive eines Objektivisten kann ich gerne auf diese Punkte antworten, die ja sehr häufig von Linken vorgebracht werden und die ich selbst einst für überzeugend hielt.

Replik

1.) Das sagen eigentlich nur Objektivisten und Libertäre mit ähnlicher Ausrichtung. Die meisten Konservativen sind nicht grundsätzlich gegen Besteuerung, insbesondere wenn sie dazu dient, die eigentliche Aufgabe des Staates zu finanzieren: Den Schutz der Menschenrechte, nämlich Leben, Sicherheit und Eigentum. Objektivisten würden sogar diese Dinge in einem letzten Schritt auf freiwilliger Basis finanzieren. Die Idee kam mir zunächst sehr unrealistisch vor, aber die Argumentation von Ayn Rand in The Virtue of Capitalism für diese Position ist überzeugend.

2.) Reiche sind schon nützlich durch ihr bloßes Reich-sein, weil sie andere dazu motivieren, ebenfalls hart zu arbeiten, um reich werden zu können. Manche erben ihren Reichtum von ihren Eltern, aber wenn sie ihn nicht klug verwalten, wird er irgendwann verschwinden. Zudem ist die finanzielle Sicherung der eigenen Kinder ein wichtiger Antrieb für die Erwirtschaftung von Reichtum. Das Luxusleben vieler Reicher erzeugt Jobs, selbst wenn sie nicht unternehmerisch tätig sind. Das Geld, das sie auf ihren Konten belassen, kann von zukünftigen Generationen investiert werden.

Und selbst, wenn sich ein Reicher so unnütz wie nur möglich für andere Menschen verhält: Das ist sein Recht, so wie es unser Recht ist, es besser zu machen. Menschenrechte sind unantastbar. Wir können lediglich versuchen, ihn von bestimmten Investitionen zu überzeugen, mehr nicht.

3.) Ayn Rand empfand eine intensive Verachtung für Unternehmer, die ihr Geld durch unlautere Methoden verdienen. Der ehrliche, rationale Händler war ihr größtes ethisches Ideal. Die Selbstbereicherung auf Kosten anderer wäre illegal und ethisch verwerflich im Rahmen des Objektivismus.

4.) Ich würde nicht in einem Land mit einem Trillionär und 30% Arbeitslosigkeit leben wollen, aber die Alternative liegt nicht darin, dem Trillionär sein Geld abzunehmen. Die Alternative lautet, dass Arbeitslose Dinge produzieren oder Dienstleistungen bereitstellen sollten, für die Menschen Geld zu zahlen bereit sind. Das Geld einfach umzuverteilen, löst das Problem nicht. Die Arbeitslosigkeit resultiert daraus, dass Arbeitslose nichts tun, was anderen Menschen Geld wert ist. Die Arbeitslosigkeit resultiert nicht daraus, dass manche Menschen Dinge produzieren, für die andere Menschen insgesamt sehr viel Geld zu zahlen bereit sind.

5.) Bislang ist der Fall nicht eingetreten, dass neue Technologien mehr Arbeitsplätze gekostet hätten, als neue entstanden sind. Das liegt an einer der Grundlagen der Ökonomie: Die Wünsche und Interessen der Menschen sind unbegrenzt. Sie verschieben sich lediglich mit fortschreitender technologischer Entwicklung weg von den bloßen Notwendigkeiten des Lebens (Wasser, Brot) zu Luxusprodukten (iPod, HD-Fernseher).

6.) Wir erreichen Energieunabhängigkeit, die nötige Infrastruktur und mehr Arbeitsplätze am effektivsten durch den freien Markt. Ich würde nur eine Ausnahme sehen: Wenn Energieproduzenten, die Kunden in unserem Land nutzen, ein Sicherheitsrisiko darstellen, könnte der Staat zum Schutz seiner Bürger diesen Kunden verbieten, mit unseren Feinden Geschäfte zu machen. Was er zum Beispiel im Falle des Iran tun sollte – wenigstens, was Waffenlieferungen betrifft und Teile, die für die Waffen-, insbesondere für die Atomwaffenproduktion, nötig sind.

7.) Wer garantiert, dass diejenigen, die über unsere Steuern verfügen, nicht auch kurzsichtig und egoistisch sind?

8.) In der Tat profitiert jeder davon, wenn die Menschen eine gute Ausbildung bekommen. Die Ausbildung sollten die Menschen, oder deren Eltern, finanzieren, welche die Ausbildung nutzen. Ansonsten sind sie auf die freiwillige Unterstützung von privaten Investoren angewiesen. Etwas anderes mag schön sein, oder nicht schön sein, aber es lässt sich unmöglich hinreichend philosophisch begründen.

9.) Sam Harris Darstellung des Objektivismus ist falsch. Der Objektivismus lehnt das Mitgefühl keineswegs ab, sondern er besagt, dass man für seine eigenen Werte eintreten sollte. Die eigenen Werte sollten das Ziel haben, das persönliche Glück, das dem eigenen Leben als Mensch dient, zu steigern. Mitgefühl gegenüber anderen Menschen kann mit Sicherheit das persönliche Glück steigern. Man sollte lediglich eines laut dem Objektivismus nicht tun: Einen höheren Wert für einen geringfügigeren Wert aufopfern.

Es wäre zum Beispiel innerhalb des Objektivismus möglich, dass ein Mensch sein eigenes Leben für das Leben eines anderen Menschen aufopfert, aber nur, wenn er diesen Menschen liebt und ohne ihn nicht weiterleben möchte (was in Atlas Shrugged vorkommt). Es wäre dagegen unethisch, sein eigenes Leben für das Leben von Fremden aufzuopfern, die einem egal sind – es sei denn, dieses Opfer dient ebenfalls der Erhaltung höherer Werte. Mögliches Beispiel: Man opfert sein Leben auf, indem man einen Anschlag auf einen Diktator wie Adolf Hitler verübt. Dann opfert man sein eigenes Leben einem höheren Wert: Der Freiheit und darunter der Freiheit der eigenen Kinder. Die Aufopferung des eigenen Lebens für seine Feinde wäre absolut inakzeptabel innerhalb des Objektivismus.

Generell geht es darum, dass ein Mensch seinem eigenen Leben dienen sollte – auf rationale Weise; nicht, indem er stets seinen spontanen Gelüsten folgt. Der Stamm, der Staat und jede andere Gruppe darf nicht über das Leben von Individuen verfügen. Niemand hat das Recht, darüber zu befinden, was ein Individuum tun muss, außer das Individuum selbst.

Altruismus ist die grundlegende Moral aller kollektivistischen Philosophien, die das Opfer von Individuen für eine „höhere Sache“, für das „Gemeinwohl“ fordern, vom Kommunismus bis zum Nationalsozialismus.

Man merkt, dass Harris die Bücher von Ayn Rand nicht gelesen hat – trotzdem glaubt er, sie beurteilen zu können.

10.) Wenn „wir“ nicht bereit sind, über unser eigenes Geld zu verfügen, warum sollten Politiker dazu bereit sein? Sind Politiker Übermenschen? Bei Stuttgart 21 haben sie sich zum Beispiel „für das Gemeinwohl“ in die eigene Tasche gewirtschaftet. Wenn die Demonstranten generell dagegen gewesen wären, dass der Staat über das Geld der Bürger verfügen kann, dann hätte ich mich auf ihre Seite geschlagen. Aber die Demonstranten wollten lediglich, dass das Geld, das uns gestohlen würde, für etwas anderes eingesetzt wird, als für den Bahnhofsumbau.

11.) Wir dürfen nicht einfach in Russland einmarschieren und deren Atomwaffen demontieren. Das wäre eine unglaubliche Provokation, die einen Krieg riskieren würde. Wenn ein individueller Mensch das versuchen möchte, würde ich ihn gewiss nicht davon abhalten. Aber die Regierung eines Staates – das wäre schwer zu rechtfertigen.

Sollte die Gefahr, die von diesen Atomraketen ausgeht, wirklich so groß sein, wie Harris behauptet, und Russland ist nicht willens zur Kooperation, könnte man vielleicht tatsächlich eine militärische Intervention riskieren müssen, weil es im Interesse der nationalen Sicherheit liegen könnte.

12.) Sicher spielt auch der Zufall dabei eine Rolle, ob man Erfolg hat oder nicht. Allerdings sind andere Menschen nicht dafür verantwortlich, ob du Glück oder Pech hast. Also müssen sie auch nicht dafür bezahlen, wenn du Pech hattest – nur, wenn sie es wollen.

13.) In der Tat. Die Reichen sollten für alles bezahlen müssen, was sie nutzen, um ihren Reichtum zu erwirtschaften. So wie jeder andere. Reiche sollten nicht weniger Steuern zahlen müssen, als andere, sondern genausoviel (in Prozenten) – und irgendwann gar keine mehr.

14.) Wenn jemand nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen, wäre es das Undankbarste, was er machen könnte, wenn er diejenigen, die für ihn aufkommen, auch noch bestehlen würde.