Misanthropischer Beitrag

Wenn man zu viele psychologische, ökonomische, soziologische Studien über den Menschen liest, dann hasst man ihn irgendwann. Welch eine abscheuliche Kreatur der Mensch doch sein muss, wenn sein Verhalten derart vorhersagbar ist! Und nicht nur vorhersagbar, sondern vorhersagbar, wenn man annimmt, dass er kein Mensch ist.

Jüngstes Beispiel ist eine Studie von dem Psychologen Roy F. Baumeister namens Cultural Variations in the Sexual Marketplace: Gender Equality Correlates With More Sexual Activity.

Das geht etwa so: Wenn Frauen schlechter gestellt sind in einer Gesellschaft, dann versuchen sie den Preis dessen zu erhöhen, was sie anzubieten haben und was Männer haben wollen, nämlich Sex. In der islamischen Welt sind es nicht in erster Linie Männer, die Frauen zur Einschränkung ihrer sexuellen Aktivität zwingen, sondern es sind Frauen, die andere Frauen dazu nötigen.

Das tun sie durchaus mit guten Absichten. Es liegt im eigenen kollektiven Langzeit-Interesse der Frauen in Gesellschaften, wo sie benachteiligt sind, den Preis für Sex auf einem hohen Level zu halten. Sex ist ein Tauschmittel für Liebe, Treue, Wohlstand und so weiter.

In Gesellschaften mit einem höheren Maß an Geschlechtergleichheit, mit anderen Worten, ist Sex weniger wert. Hier, zum Beispiel, ist Sex weniger wert. Höhere Gleichheit korreliert mit mehr Gelegenheitssex, mehr Sexualpartnern pro Einwohner, jüngeres Alter für sexuelle Aktivität und größere Toleranz für vorehelichen Sex.

Es liegt also im Interesse von Männern, insofern sie viel Sex mit verschiedenen Partnerinnen haben wollen, dass die Geschlechter gleichberechtigt sind. Wenn Männer dominieren, halten sich die Frauen mit sexuellen Aktivitäten zurück, um sie als wertvolles Tauschmittel einsetzen zu können, weil ihnen andere Tauschmittel verwehrt sind. In Gesellschaften mit Gleichberechtigung der Geschlechter können es sich die Frauen erlauben, mehr Sex zu haben. Und Männer lassen sich sowieso nicht zweimal bitten.

Die Studie hätte man auch mit Affen oder Faultieren machen können und hätte wohl dasselbe herausgefunden. Man müsste irgendeine Situation erzeugen, wo die Weibchen besonders auf Sex als Tauschmittel angewiesen wären und dann würden sie sich sexuell zurückhalten. So einfach ist das! Als hätte man eine Fernbedienung und müsste nur auf die richtigen Knöpfe drücken!

Das Interessante an Studien aus den Humanwissenschaften besteht darin, dass praktisch keine von ihnen voraussetzt, dass der Mensch einen Verstand hat oder einen freien Willen. Je mehr man davon liest, desto mehr könnte man den Menschen für einen simplen Automaten halten oder für irgendein anderes Tier.

Das erinnert mich an das letzte Kapitel von Gullivers Reisen. Als Gulliver von seinen Abenteuern zurückkommt, verachtet er die ganze Menschheit und bevorzugt die Gesellschaft von Pferden. Ja, Pferde – obwohl, die sind große Säuger, wie Menschen. Ich bevorzuge Katzen.

Aber hört nicht auf mich, ich bin gerade krank und überarbeitet. Als Gegengift für dieses kalte Grauen namens Wissenschaft lese ich gerade ein interessantes Buch – wann immer ich keine Textprogramme mehr sehen kann – nämlich Aping Mankind. Neuromania, Darwinitis and the misrepresentation of humanity von dem Neurowissenschaftler und Philosophen Raymond Tallis.

Tallis argumentiert gegen zu weitgehende Schlussfolgerungen aus Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften, wenn sie auf den Menschen angewandt werden. Genau das, was ich brauche. Wie Medizin gegen meine Erkältung, oder in diesem Fall gegen Szientismus.

Ach ja: Danke einmal mehr an Rolf Degen, der mir die Studie geschickt hat. An der Arbeit selbst ist ja nichts verkehrt und ich fand sie aufschlussreich. Roy Baumeister hat übrigens auch ein großartiges Buch über die Geschlechterunterschiede geschrieben:

http://www.amazon.de/There-Anything-Good-about-Men/dp/019537410X

Aber lest es nur, wenn ihr noch an die Menschheit glaubt.

„Was ist das für ein Volk? …Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“ (Franz Kafka)

(Update: Beitrag von allzu übellaunigen Stellen bereinigt)

Ein Kommentar zu “Misanthropischer Beitrag

  1. wienspotlight sagt:

    Hast recht, hin und wieder kann man schon an der Menschheit verzweifeln. Als Wahlwienerin geht es mit ähnlich, wenn ich hier im Alltag meine soziologischen Betrachtungen anstelle.
    Zwei frustige Erlebnisse habe ich kürzlich gebloggt.
    Aber auf der anderen Seite sind Menschen auch zu Großem und Wunderbaren fähig.
    Ich glaube, mein nächster Eintrag wird mal bewußt ein positives Menschenbild zeichnen,
    auch wenn man dazu oft ganz schön tief graben und recherchieren muß …

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.