Es gibt fast keine Vegetarier

Ja, es war schon ein bisschen peinlich, den Artikel Animals and Us von Hal Herzog in Psychology Today zu lesen. Nach der Lektüre von zwei Büchern von Peter Singer war ich kurzzeitig selber auf einem Vegetarismus-Trip und habe Fleischersatz-Produkte gespachtelt. Im Nachhinein war das Unterfangen etwa so sinnvoll wie meine zehnjährige Rindfleisch-Abstinenzphase.

Wer den Unsinn gleich bleiben lassen will, für den gibt es hier ein paar Anekdoten und Statistiken.

Meine Weigerung, Rindfleisch zu essen, wurde bei mir im Kindesalter durch die BSE-Reportagen im Fernsehen ausgelöst. Ich dachte, dies wäre die vernünftige, aufgeklärte Handlungsweise, also habe ich zehn Jahre lang konsequent kein Rindfleisch gegessen. Bei Schulausflügen dachten einige, ich wäre Mitglied in einer rindfleischabstinenten Religion oder in irgendeiner komischen Sekte. Wenn ich wirklich von etwas überzeugt bin, dann kann ich es durchziehen, und wenn die ganze Welt untergeht.

Positiv betrachtet stärken solche Aktionen durchaus den Charakter. Böse Stimmen behaupten, mein Charakter könnte inzwischen eher einen Weichspüler vertragen. Viele Menschen könnten aber durchaus davon profitieren, eine Weile lang konsequent auf das zu verzichten, was sie gerne haben möchten. Das tue ich inzwischen übrigens schon wieder, aber vor einem erheblich rationaleren Hintergrund. Schätze ich mal.

Nachdem ich eingesehen hatte, dass die BSE-Panik ein typisches Beispiel für irrationale „German Angst“ gewesen ist, war ich doch etwas vorsichtiger mit zukünftigen Selbstgängelungs-Praktiken. Darum war ich auch nur unter Vorbehalt ein paar Wochen lang Vegetarier, worüber sich Frank Welker, mein Nachfolger als Leiter des Evo-Magazins, bei einem Beiratstreffen der Giordano Bruno Stiftung berechtigterweise amüsierte. Ich finde nach wie vor, dass die Kuh sowieso bereits tot war und sich insofern kaum über meine Inkonsequenz beschweren konnte. Die fleischlichen Gelüste kennen kein Pardon. Wir sind alle Sünder.

In dem Artikel in Psychology Today erfahren wir, dass Vegetarier generell so handeln. Mit wenigen Ausnahmen behaupten Vegetarier nur, kein Fleisch zu essen, tun es aber insgeheim trotzdem.

Eine Umfrage von Times/CNN aus dem Jahr 2002 unter 10 000 Amerikanern ergab, dass sich sechs Prozent der befragten Individuen für Vegetarier ausgaben. Als sie jedoch gefragt wurden, was sie in den letzten 24 Stunden gegessen hatten, stellte sich heraus, dass 60% der angeblichen Vegetarier rotes Fleisch, Geflügel oder Fisch am Tag zuvor konsumiert hatten. Für eine Umfrage der amerikanischen Landwirtschaftsbehörde wurden 13 313 Amerikaner telefonisch befragt, ob sie Vegetarier seien. Drei Prozent stimmten dem zu. Eine Woche später wurden die selben Amerikaner erneut befragt, was sie am Tag zuvor gegessen hatten. 66% der „Vegetarier“ hatten am Vortag Fleisch konsumiert.

Was ist nun mit der vegetarischen Revolution, die sich gerade zutragen soll? „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ – so wurde das Buch Tiere essen von Jonathan Safran Foer zum Beispiel beworben. Doch genau wie der Anarchosyndikalismus oder das Sado-Maso-Fahrrad von Mr. Garrison aus South Park wird der Vegetarismus noch ein paar Millionen Jahre auf seine Zeit warten müssen.

Singers Buch Animal Liberation hatte neben einer Reihe von Ideologen und Tierrechts-Terroristen auch sehr positive Folgen. Im Vergleich zum Publikationsjahr 1975 werden 90% weniger Katzen und Hunde in amerikanischen Tierheimen getötet und mehrere US-Staaten haben Vorgaben für die Massentierhaltung eingeführt. Während die Anzahl von Rauchern seit den 1970ern von 50% auf 25% gesunken ist, hat sich an dem Anteil der Fleischesser von 98% der US-Bevölkerung allerdings nichts geändert.

Die Biologie hat triumphiert. Der Fleischkonsum war aller Wahrscheinlichkeit nach sehr wichtig für die Entwicklung unseres großen Gehirns und nicht ohne Grund macht Fleisch essen süchtiger als Nikotin.

Hal Herzog, der Autor des Artikels, findet das nicht gut. Auch der Psychologe Jonathan Haidt ließ sich durch die Argumente von Peter Singer den Fleischkonsum mit Schuldgefühlen aufladen. Ich dagegen halte die Argumente für den Vegetarismus inzwischen für unzureichend.

Wer gerne erfahren möchte, warum ich das so sehe, den verweise ich auf mein kommendes Buch Ist der Wald endlich tot?. In einem der neuen Beiträge in dieser Sammlung begründe ich auf einer einzigen Seite, warum Tiere keine Rechte haben. Immerhin benötige ich für die Begründung von Menschenrechten auch nur eine Seite. Somit liegen Menschen und Tiere gewissermaßen gleichauf. Vielleicht liegt mir ja doch mehr an Tieren, als es scheint.

Ein Dankeschön für den Hinweis auf den Artikel gebührt dem Psychologen Rolf Degen. Vielleicht sollte ich allmählich einen „Danke Rolf“-Knopf entwerfen und ihn in die entsprechenden Beiträge einbauen.

Siehe auch Degens Gastbeitrag: Vegetarismus ist Heuchelei

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