Christliche Rechte über „Ist der Wald endlich tot?“

Ja, die Jungs vom Magazin freiheitlich sind schon deftig bodenständig, da kann ich als 95% Liberaler, der manch konservative Werte wie Pünktlichkeit und Ehe irgendwie gut findet oder so, nicht mithalten, will ich auch nicht.

Und doch hat einer ihrer Autoren einen näheren Blick geworfen auf mein provokatives Freidenker-Büchlein Ist der Wald endlich tot?.

Wie ihr euch denken könnt, muss man als überzeugter Christ – obendrein auch noch als baptistischer Evangelikaler, Intelligent-Design-Anhänger und Abtreibungsgegner wie der Autor der Rezension – schon über seinen eigenen Schatten springen, um ein solches Buch überhaupt anzurühren. Vielleicht muss man seinen eigenen Schatten gar erst in einem Boxkampf niederstrecken. Nicht nur das hat der Autor getan, sondern er hat obendrein eine sehr faire Besprechung verfasst.

Das Blog „Feuerbringer“, mittlerweile in „Aufklärung 2.0“ umbenannt, gehörte lange zu den ersten deutschsprachigen Adressen eines aggressiven Atheismus, wie er sich in weiten Teilen Europas bereits seit der Französischen Revolution breit gemacht hatte und seither immer wieder von Zeit zu Zeit wellenförmig über den Alten Kontinent schwappt.

Michael Klonovsky hat zu diesem eigentlich alles Wesentliche gesagt, als er ihm beschied, seit seinen Anfängen den langen Weg von der Eleganz eines Liebesbriefes zur Plumpheit einer SMS zurückgelegt zu haben.

Ha! Die letzten 300 Jahre Ideengeschichte in der Kurzversion: Liebesbrief > SMS. Ein bisschen was ist dran, denn im Zuge der Säkularisierung ist die Sinngebung in Bedrängnis geraten. Dass inzwischen mittels SMS „Schluss gemacht wird“ und sich 13-jährige mittels SMS zum Sex verabreden, dürften auch reflektionsfreudige Atheisten für eine zweifelhafte Entwicklung halten.

Die Romantik ist eine Reaktion gewesen auf den Sinnverlust im Zuge der Demontierung des Christentums und genau dem Thema habe ich darum meine Abschlussarbeit gewidmet. Leider ist die Romantik heute auf alternativmedizinisch-ökologische Naturverehrung reduziert worden. Eigentlich kein Wunder, dass manchen sogar das Christentum noch lieber ist.

Aber ein paar Errungenschaften soll die Moderne ja schon mit sich gebracht haben, von den Werten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu Wohlstand für alle, genügend Nahrung, medizinische Versorgung, allgemein verfügbare Bildung (genutzt von fast niemandem). Ist doch immerhin etwas.

Dass Andreas Müller es beispielsweise wagte, den linken Narrativ von Sarah Palins „geistiger Urheberschaft“ hinsichtlich des Amoklaufs eines irren Einzeltäters in einem Einkaufszentrum in Arizona in Frage zu stellen, hasserfüllten Attacken auf Israel entgegenzutreten oder feministische und ökoreligiöse Dogmen auseinanderzunehmen, war einigen zu viel

Aus meiner Perspektive ist auch das alles nur ein Ergebnis kritischer Prüfung von bestimmten Behauptungen. Dass viele andere – obgleich längst nicht alle – Säkularhumanisten nicht bereit sind, ihren eigenen Blödsinn kritisch zu hinterfragen, ist nicht grundsätzlich das Problem von Aufklärern. Eine große Enttäuschung war es trotzdem.

Die Prinzipien der US-Unabhängigkeitserklärung – Leben, Freiheit und Streben nach Glück – müssten eigentlich unabhängig davon, ob überhaupt und, wenn ja, welcher religiöse Hintergrund beim Einzelnen besteht, konsensfähig sein, da sie sich sowohl religiös als auch säkular, beispielsweise objektivistisch, begründen lassen. So arbeitet Andreas Müller in seinem Beitrag „Allein gegen den Rest der Welt“ heraus, dass moralisches Verhalten sich nicht nur religiös, sondern gerade auch aus einer Betrachtungsweise heraus begründen lässt, die nur das rein rational umschriebene Eigeninteresse in den Vordergrund stellt.

Ja, genau! Und vielleicht sehen meine Co-Humanisten jetzt endlich mal ein, wozu meine Befassung mit dem ethischen Realismus gut war. Man hört doch nicht jeden Tag von einem konservativen Christen, dass man ethische Grundprinzipien auch säkular begründen kann! Der Papst würde da kaum zustimmen (wobei es Baptisten auch recht egal sein dürfte, was der Papst davon hält).

Und in einer Ordnung, in der Konsens darüber besteht, dass nicht der Staat, sondern der Einzelne definiert, was die Grundlagen seines „Strebens nach Glück“ sind und die durch staatliche Selbstrücknahme unterschiedlichen Menschen, Gruppen und Parallelgesellschaften die Möglichkeit gibt, einander wechselseitig aus dem Wege zu gehen, muss keiner befürchten, übervorteilt oder untergebuttert zu werden – egal, ob man nun an die Geschichte von den Affenmenschen glaubt und religiöse Lehren für „Unsinn“ hält oder ob man das Ganze genau andersrum betrachtet.

Eben! Wenn nur jeder diesem liberalen Grundprinzip zustimmen würde, wäre doch schon viel gewonnen. Und hier wäre das Fazit:

Man muss und man wird nicht jeden Gedanken teilen, den Andreas Müller und seine Gastautoren im oben genannten E-Book äußern. Das würde der Autor wohl auch nicht mal selbst erreichen wollen. Dem selbst gesetzten Ziel, den Leser dazu zu bringen, die oft erfrischend ironischen und sarkastischen islamkritischen, antifeministischen, anti-staatsdirigistischen und skeptizistischen Beiträge als Anstoß zum Weiterdenken zu betrachten, wird der Band aber jedenfalls gerecht. Sehr positiv fällt auch der Gastbeitrag der Nachwuchsbloggerin Jennifer Nathalie Pyka auf. Insgesamt lohnt der Großteils des Inhalts zweifellos die Investition der € 2,99.

Damit wäre ich wohl der erste „Neoatheist“, der auch von konservativen Christen ohne Nervenzusammenbruch gelesen werden kann. Sollte mich das beunruhigen? Mir auch egal, ich freue mich über die Rezension. In der Tat war es längst eines meiner Ziele, Andersdenkende zu erreichen, anstatt in der eigenen Clique schlecht über sie zu reden. Wenn das möglich ist, ohne meinen spöttischen Entertainment-Stil aufzugeben, umso besser.

Wie man sich denken kann, ist es schließlich nicht einfach, mit einem provokativen Freidenkerbuch Menschen zu erreichen, die normalerweise kein Interesse haben an säkular-humanistischer Literatur oder die ihr gar ablehnend bis feindschaftlich gegenüberstehen. Mission accomplished!

Literatur

freiheitlich (Magazin): „Ist der Wald endlich tot?“ – Ausgewählte Beiträge von „Aufklärung 2.0“ als E-Book

Andreas Müller: Ist der Wald endlich tot?

14 Kommentare zu „Christliche Rechte über „Ist der Wald endlich tot?“

  1. Freut mich, dass meine Rezension offenbar auch aus Deiner Sicht dem Buch und dem dahinter stehenden Anliegen gerecht geworden ist. Zwei kleine Anmerkungen möchte ich allerdings schon noch loswerden: „Redakteur“ bei freiheitlich.me bin ich nicht (sonst würde dort einiges wesentlich anders aussehen), aber ein Freund ist es, der mich kürzlich ersucht hat, ab und an mal Beiträge dort einzustellen, zumal er selbst bedingt durch Recherchearbeiten und einer Urlaubsreise als Autor vermehrt verhindert ist. Dieser Bitte kam ich gerne nach und seither ist dieses Blog aus meiner Sicht „Missionsgebiet“. 🙂

    Und statt als „Kreationist“ würde ich mich eher als „Intelligent Design“-Anhänger bezeichnen. Ich weiß es schlichtweg nicht, inwieweit ich den Schöpfungsbericht der Genesis wörtlich zu nehmen habe und inwieweit er symbolhaft zu verstehen ist. Um es mit Barack Obama zu formulieren, würde ich die Antwort auf diese Frage immer noch als „above my pay grade“ betrachten.

    Was ich jedoch sicher sagen kann, ist, dass ich an Deinem E-Book und an Deinen Blogbeiträgen immer wieder Freude habe und ich weiterhin gerne von Dir lesen werde…

      1. Bitte gerne. Und meinerseits Danke für den Tipp bezüglich der Abschlussarbeit – angesichts des sehr interessanten Themas würde ich auch gerne mal lesen. Und das definitiv nicht, um Fußnoten zu schnüffeln. 🙂

  2. Michael Klonovsky hat zu diesem eigentlich alles Wesentliche gesagt, als er ihm beschied, seit seinen Anfängen den langen Weg von der Eleganz eines Liebesbriefes zur Plumpheit einer SMS zurückgelegt zu haben.

    Ein gutes Zeichen, Webbaer auch sehr plu-ump. – Stimmt aber ohnehin nicht, gell?

  3. Wie goldig! Das Hohelied auf eine liberale Gesellschaft in der man entweder die Affengeschichte oder die… naja, die unaffige Geschichte glauben kann und sich ansonsten freilich nicht einmal mit den Hinterbacken ansehen muss. Also ich bin gar nicht so überrascht, daß sich der unentschlossene Geist (Kreationismus oder etwa doch ID evtl. oder so. Schwierig: Fragen über Fragen!) davon angezogen fühlt 🙂 Gratulieren möchte ich ihm im Übrigen auch an dieser Stelle. Hat er es doch tatsächlich geschafft „Fremdliteratur“ zu lesen. Wo man doch sonst nur „Eigenliteratur“ liest. Bisschen eklig war’s aber schon, oder? Komm, Hand auf’s Herz! Aber nun ist es ja vollbracht und es darf gefeitert werden. Prost zusammen!
    Ahja bei der Gelegenheit: diesen Quatsch eine objektivistische Ethik (für die man sich dann „stark“ machen müsste) als eine sonderbare Minderheitenposition hinzustellen ist doch ein Stück weit auch nur Selbsterhöhung, oder etwa nicht? Vor paar Monaten hat Derek Parfik sich mal wieder herabgelassen einen Wälzer zu schreiben „On what matters“. Spätestens seit seinem Buch „Reasons and Persons“ ist eigentlich der ethische Subjektivismus in arger Bedrängnis und nicht umgekehrt. Das der als akademischer Philosoph bei diesem Thema zwangsläufig nicht auf übernatürlichen Hokuspokus rekuriert, versteht sich von selbst. Wenn man Glück hat findet man ne knappe Fußnote dazu. Aber sobald das einmal angekommen ist, bin ich mir sicher, es werden sich viele Verteidiger finden. Angebliche Außenseiterpositionen besitzen nunmal einen größeren Disktinktionsgewinn in der Bloglandschaft, gell.
    So. Nochmal Prost.

    Bunte Kuh

    1. In Deutschland ist ja wohl bitte der Objektivismus eine Minderheitenposition. Wie viele ausgesprochene Verteidiger der freien Marktwirtschaft soll es hier geben? Wir haben nicht einmal mehr eine liberale Partei. Zum Objektivismus gehört zum Beispiel auch die Position, dass das Schulsystem völlig privatisiert werden sollte. Ist das in Deutschland etwa der Fall, wo der Staat selbst für Privatschulen die Lehrpläne vorgibt?

      Deine Veralberung der Religionsfreiheit passt kaum zur Aussage, der Objektivismus wäre eine weithin anerkannte Haltung. Es wäre eben schon viel gewonnen, wenn Islamisten den Liberalismus anerkennen würden, aber das bekommt ja nicht einmal eine einzige Partei gebacken.

      Mir ist es außerdem lieber, wenn jemand auf die eine oder andere Art an die Schöpfungsgeschichte glaubt, als wenn er stattdessen an den Staat glaubt und gerne das Leben anderer Menschen planen würde. Und das nach zwei desaströsen sozialistischen Regimen in diesem Land innerhalb des letzten Jahrhunderts! Und DAS ist die häufigste Position der angeblich so aufgeklärten säkularen Humanisten. Das schlägt doch die harmlose Schöpfungsgeschichte in Punkto Irrationalismus und magisches Denken ums Millionenfache! Was soll mich das überhaupt kümmern, wenn jemand statt anderer Literatur einem bestimmten Mythos besonders viel abgewinnen kann? Wenn sich jemand als aufgeklärter und erhaben ansieht, aber es nicht einmal hinbekommt, ein einziges Buch von der Gegenseite über Ökonomie zu lesen, nicht einmal die Klassiker wie Mises oder Hayek. Da hat ja sich die römische Inquisition aber sorgfältiger mit den Positionen der Ketzer befasst.

      Dazu kommt natürlich, dass der Autor der Rezension, wie man ja nachlesen konnte, nicht nur dieses Buch gelesen hat, sondern auch andere Beiträge auf diesem Blog. Ich wünschte, es gäbe entsprechende Linkshumanisten, die mal Bücher von George W. Bush, von ihren verteufelten Evangelikalen, oder von irgendwem auf der Gegenseite lesen würden. Ihr ökolinker Autismus schlägt den der Konkurrenz meiner Erfahrung nach bei weitem.

      Welcher Normalmensch Derek Parfit, noch dazu in Deutschland, überhaupt kennt, die Frage interessiert dich gar nicht. Nur, was in deinen akademischen vier Wänden abläuft, scheint von Relevanz zu sein, nicht das, was die Menschen tatsächlich glauben. Warum hat sich Sam Harris eigentlich genötigt gefühlt, sein als provokativ angesehenes Buch „The Moral Landscape“ zu schreiben, wenn ohnehin schon jeder seiner Meinung ist? Und selbst in der Philosophie sind Kontraktualismus und ethischer Realismus wohl kaum die Mainstreampositionen. Das habe ich noch nie gehört, gibt es dafür auch mal Belege?

  4. Nur damit wir uns nicht mißverstehen: ich sprach ausdrücklich von einem ethischen Objektivismus und das ist eben ne klar Umrissene metaethische Position – das man sich damit außerhalb von Seminaren nicht befasst, ist ja nun nicht meine hochnotpersönliche Schuld. Sowas interessiert vielleicht auch zurecht kein Schwein, ebenso wie technische erkenntnistheoretische Fragen oder Kunst oder Lebensnöte besonderer Art.
    Also darum ging’s. Um nix sonst. Also zum Beispiel diese Ideen von der Ayn Rand (die ihre Position ja auch Objektivismus nennt) geht weit über solche Fragen hinaus. Da geht es dann um praktisches Allerlei und letzlich um Politik und politische Philosophie, z. B.

    „Zum Objektivismus gehört zum Beispiel auch die Position, dass das Schulsystem völlig privatisiert werden sollte.“

    In dieser philosophischen Theorie dieses Namensvon Rand geht es wohl um solche Fragen. Nicht aber bei dem Küchenstreiterein zwischen Meta-Ethikern.
    Beides sollte man nicht vermengen.

    Davon, daß „eh jeder dieser Meinung ist“ kann freilich nicht die Rede sein. Wenn ich so verstanden wurde, dann wurde ich falsch verstanden. Mehrheitspositionen in der Ethik auszumachen, ist eh eine fragliche Aufgabe. Aber sich hinzustellen und stets darauf hinzuweisen, daß ein ethischer Objektivismus eine Minderheitenposition wäre und das – bis auf paar religiöse Kasper – ihn nicht ernst nehmen oder gar vertreten würden, ist eben schlichtweg nicht (mehr) richtig. Anbei denkst Du etwa das so ein typisches „ID-oder-Kreationismus-Kasperl“ sich für derart abgehobene Fragen der Meta-Ethik interessiert? Die meisten hochgebildeten und intelligenten Leute tun das nicht.

    Und zum Ende zu der Frage, wieso man nicht auch öfter einmal ein Buch von G. W. Bush (oder Rudolf Steiner oder Thorwald Dethlefsen liest). Auch das hat nicht immer etwas mit Verbortheit zu tun. Die Lebenszeit ist begrenzt. Zum anderen interessieren, mich persönlich, bezogene Positionen weit weniger als die Begründungen die dafür angegeben werden. Wenn die Begründungslinien schon schrott sind oder dümmliche Prämissen angegeben werden, dann lese ich nicht weiter, bis daraus eine Position zu einer Frage abgeleitet wird. Ich klappe das Buch dann sofort zu. Eine Position ist schnell bezogen, eine saubere Begründung weniger schnell angebeben. Jedenfalls möchte ich mich darauf beschränken gehaltvolle Begründungen zu lesen. Es gibt soviele interessante Bücher, ich werde sie eh nie alle lesen können. Muss ich dann also wirklich Steiners Abhandlungen über die Landwirtschaft als Primärtext lesen um zu verstehen, daß es sich dabei um ausgemachten Blödsinn handelt?
    Was für einen selbst dann wichtig ist, muss eh jeder selbst entscheiden. Ich habe entschieden, daß mir meine Lebenszeit zu kostbar dafür ist, sie mit der Lektüre kreationistischer Literatur zu vergeugen. So ist es auch nicht hilfreich Bücher von kompetenten Ökonomen mit abweichenden Vorstellungen damit zu vermengen. Es ist also keine verschwendete Lebenszeit wenn man zuerst Rawls und dann auch den Nozick liest. Wenn Du das damit meinst, gebe ich dir natürlich recht.

    1. Anbei denkst Du etwa das so ein typisches „ID-oder-Kreationismus-Kasperl“ sich für derart abgehobene Fragen der Meta-Ethik interessiert?

      Es gibt ausführliche Diskussionen zwischen evangelikalen Philosophen und atheistischen Philosophen über genau solche Fragen. Schau dir mal die Debatten zwischen Theologen und den „Neuen Atheisten“ auf YouTube an, immer wieder, in praktisch jeder Diskussion, geht es um die Frage, wie man ohne Gott eine Ethik objektiv oder überhaupt begründen kann. Schau mal die Debatten auf der Website von Richard Carrier (naturalistischer Philosoph) an: http://www.richardcarrier.info/naturalism.html

      Und zum Ende zu der Frage, wieso man nicht auch öfter einmal ein Buch von G. W. Bush (oder Rudolf Steiner oder Thorwald Dethlefsen liest).

      Solange man sich nicht enblödet, diese Autoren zu kritisieren, ohne ihre Denkweise aus erster Hand zu kennen, muss man das natürlich auch nicht lesen. Dass es für eine qualifizierte Kritik von Steiner nötig ist, wenigstens ein paar seiner Werke oder hinreichend umfangreiche Auszüge zu lesen, sollte ja wohl hoffentlich klar sein? Im Falle von George W. Bush kommt hinzu, dass er die Weltpolitik des letzten Jahrzehnts als amerikanischer Präsident massiv beeinflusst hat. Alleine aufgrund seiner Bedeutung kann es sinnvoll sein, sich mit ihm zu befassen. Bush mit Dethlefsen zu vergleichen, ist ja wohl völlig absurd.

      Wenn die Begründungslinien schon schrott sind oder dümmliche Prämissen angegeben werden

      Woher willst du das überhaupt wissen, wenn du die Begründungslinien nicht liest? Es wird allerlei einfach behauptet über Bushs Gründe für den Irak-Krieg, was er selbst und seine Regierung dazu gesagt haben, hat wenig bis gar nichts mit diesen Fiktionen zu tun. Nur Dummbolzen glauben einfach, was ihnen irgendein linker Journalist vorkaut, der selber keine Ahnung hat.

      Muss ich dann also wirklich Steiners Abhandlungen über die Landwirtschaft als Primärtext lesen um zu verstehen, daß es sich dabei um ausgemachten Blödsinn handelt?

      Sicher nicht alles, aber wer einen Autor kritisiert, dessen Werke er rein gar nicht gelesen hat, ist ein unqualifizierter Idiot. Sogar ich habe einiges von Steiner gelesen, um zu überprüfen, ob die Behauptungen eines Gastautors, der auf diesem Blog gegen Steiner angeschrieben hat, etwas taugen. Manchmal reichen ja schon ein paar Auszüge, wenn Steiner über Atlantis und diverse Geistwesen schreibt, wird recht schnell klar, was los ist. Aber gar nichts von ihm lesen und ihn kritisieren, so arbeitet man nicht als Akademiker gleich welcher Art.

      daß mir meine Lebenszeit zu kostbar dafür ist, sie mit der Lektüre kreationistischer Literatur zu vergeugen

      Dann kritisiere sie auch nicht. Schließlich hast du keine Ahnung, was drinsteht. Ich habe schon mehrere kreationistische Essays und Buchauszüge gelesen. Einige Autoren verwenden sehr elaborierte Argumente für ihre absurden Thesen, das kann kein Laie widerlegen, so merkwürdig das zunächst klingen mag. Siehe hierzu z.B. „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus“ von Martin Neukamm. Dies ist ein Sammelband, in dem die elaboriertesten kreationistischen Argumente widerlegt werden. Was bestimmte Detailfragen angeht, hätte ich das niemals gekonnt. Man lernt auch selbst etwas hinzu.

      Man profitiert alleine schon durch die Lektüre, als man sich in die Sorgen, Denkweisen, Lebenswelten anderer einfinden kann. Das schützt vor Dämonisierung von Andersdenkenden, auch wenn ihre Positionen einer kritischen Prüfung überhaupt nicht standhalten, und Arroganz.

    2. „Sowas interessiert vielleicht auch zurecht kein Schwein, ebenso wie technische erkenntnistheoretische Fragen oder Kunst oder Lebensnöte besonderer Art.
      Also darum ging’s. Um nix sonst.“

      1. Metaethische Fragestellungen erlauben es uns aber, uns genauer klar zu machen, was Moral eigentlich ist und wie und vor allen Dingen ob man sie begründen kann. Von einem nonkognitivistischen Standpunkt aus gesehen, bei dem Moral letztlich eine Verbalisierung von Gefühlen ist, ergeben ganz andere Argumentationen einen Sinn als von einem streng Naturrechtlichen Standpunkt.
      2. Die kritischen Rationalisten scheinen aus ihrem Standpunkt (alle Moral ist problemlösen) schon einiges gemacht zu haben. Auch wenn er IMHO letztlich falsch ist.

      “ Es ist also keine verschwendete Lebenszeit wenn man zuerst Rawls und dann auch den Nozick liest. Wenn Du das damit meinst, gebe ich dir natürlich recht.“

      Beides _keine_ Ökonomen. Die richtige Reihenfolge wäre, wenn schon, Kant -> Rawls -> Nozick. Denn Rawls baut seine Argumentation ua. auch Kant auf. Aber auch auf Locke usw.

      Falls du dich wirklich für solche Thesen wie die von Nozick interessierst, die „Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg“ (Gkpn) hat sogar ein Sonderheft zu diesem Thema online gestellt. 😉

  5. Danke für den Link. Ja, diese Diskussionen, eher Streitgespräche vor und für das Publikum mögen nun unterschiedliche Qualitäten besitzen und für den Einstieg zweifellos als informatives Medium taugen. Ich habe mir einmal eine solche Debatte angesehen, in der Peter Singer mit einem dieser ID-Lobbyisten (Souza hieß der glaube ich) „diskutierte“. Also ein argumentativer Austausch im eigentlichem Sinne fand dort nicht statt. Wie denn auch? Die ID-Lobbyisten bekommen in einem undurchsichtig finanzierten Think Tank ein Büro in dem sie dafür bezaht werden, Tag und Nacht Argumente gegen eine Position zu finden. Und zwar solcher Art, die besonders massentauglich sind. Danach schickt man sie auf Dienstreise. Das hat mit wissenschaftlicher Arbeit nun nichts zu tun.

    „Woher willst du das überhaupt wissen, wenn du die Begründungslinien nicht liest?“

    Wenn die Prämissen falsch sind, kann daraus nichts Gehaltvolles mehr folgen. Das mögen nun krasse Ausnahmen sein (dennoch: die Kreationisten gehören aber dazu). Wenn ich etwa ne gehaltvolle Anthropologie auf Steiner aufbauen möchte, dann geht das in die Hose, ganz einfach, weil seine Annahmen hierzu nichts hergeben können. Bei den meisten – wohl wichtigen – Fragen, ist es natürlich weniger offensichtlich. Es reicht völlig diese Annahmen zu kennen. Das man sich die anlesen muss und am besten via Primärtext, da gebe ich Dir recht. Aber das sollte doch trivial sein. Es läuft ja praktisch nur auf die banale Tatsache hinaus, daß ich Grundzüge einer Ansicht zur Kenntniss genommen haben muss, bevor ich darauf reagiere. Wenn man das bereits kritisieren muss, wünsche ich eine gute Nacht. Aber ist es wirklich so schlimm? Jenen gegenüber, für die es keine Selbstverständlichkeit ist sollte man eh immer mißtrauisch sein.
    Niemand kann (und muss glücklicherweise) mehr alle vergangene Schlachten schlagen. Wer metaethische Positionen heute noch unter der Fragestellung des lieben Gottes diskutieren mag, hat schlichtweg den Zug verpasst. Das sind dann keine wissenschaftlichen Probleme mehr, sondern gesellschaftspolitische, so wie auch die ID-Diskussion in den USA keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftspolitische Diskussion ist. Auch das sollte man nicht vermengen. Vermengt man es doch, tut man den ID’lern einen großen gefallen, denn damit haben sie ein Teilziel erreicht. Das wissen etwa auch ein Neukamm oder Kutschera sehr gut.

    „Einige Autoren verwenden sehr elaborierte Argumente für ihre absurden Thesen, das kann kein Laie widerlegen, so merkwürdig das zunächst klingen mag.“

    Das klingt überhaupt nicht merkwürdig. Solche ID-Kasper besitzen reichhaltige Wissensbestände und können einen unvorbereiteten Laien ganz schön doof dastehen lassen. Ebenso wie jeder Eso-Kasper oder der eine oder andere politische Extremist welcher Coleur auch immer. Ohne Vorbereitung würde ich im Gespräch mit einem solcherart geschulten Lobbyisten schnell ahnungslos dastehen. Aber wie gesagt, zum Glück muss ich diese vergangenen Schlachten nicht mehr schlagen und kann mich den -mir – dringlichen und wichtigen Dingen widmen. Da bedanke ich mich nicht nur bei Leuten wie Hume, bei denen jeder Absatz anno dazumal mit heute Lebenszeit einspielte, sondern auch all jenen, sie sich tatsächlich mit solchen Spinnern auf ein Podium stellen, dabei wieder und wieder längst widerlegte Unnsinnigkeiten zerpflücken. Sie sollten meiner Ansicht nach eine Schmutzzulage für ihren Beruf bekommen.

    1. Die ID-Lobbyisten bekommen in einem undurchsichtig finanzierten Think Tank ein Büro in dem sie dafür bezaht werden, Tag und Nacht Argumente gegen eine Position zu finden. Und zwar solcher Art, die besonders massentauglich sind. Danach schickt man sie auf Dienstreise.

      Ist das nicht ziemlich genau die Art, wie man das Verhältnis der GBS (außer dem undurchsichtig finanziertem Teil) und Michael Schmidt-Salomon beschreiben könnte? Inwiefern sind die Diskutanten der Gegenseite da anders oder besser? Wie ich das sehe, sind meist „nur“ ihre Argumente besser, nicht das Prinzip. Sehe auch das Problem damit nicht.

      Das hat mit wissenschaftlicher Arbeit nun nichts zu tun.

      Nicht unmittelbar. Na und?

      Wenn ich etwa ne gehaltvolle Anthropologie auf Steiner aufbauen möchte, dann geht das in die Hose, ganz einfach, weil seine Annahmen hierzu nichts hergeben können

      Woher willst du wissen, was die Annahmen sind, wenn du die Primärliteratur nicht liest? Da kannst du nur Sekundärquellen vertrauen und davon rate ich tendenziell ab. Jedenfalls jenen mit akademischem Anspruch rate ich davon ab.

      Das alles ist überhaupt nicht so einfach. Klar sind die überprüfbaren empirischen Behauptungen der IDler und Kreationisten falsch. In das Thema spielt aber unendlich viel mehr herein. Wenn es einem um bloße Erkenntnis der Wirklichkeitsbeschaffenheit geht, kann man sie ignorieren. Man sollte aber nicht übersehen, dass gerade solche Debatten eine wichtige Motivation für die Öffentlichkeit sind, sich weiterzubilden.

      Zudem ist es problematisch, einfach den Fundis schlechte Absichten zu unterstellen. Mit ihren Diagnosen bestimmter gesellschaftlicher Probleme haben sie zum Teil ja recht, nur ist ihr Lösungsansatz recht abstrus. Auch finde ich, dass etwas dran ist an der Behauptung, dass sich Menschen wie Tiere verhalten werden, wenn man ihnen sagt, dass sie Tiere sind, ohne auch die Unterschiede des Menschen zu anderen Tieren herauszustellen.

      Schaut man sich einmal die Argumentationslinien von manchen an, die versuchen, den Menschen alleine durch Rekurs auf die Evolutionsbiologie zu erklären, so wird es schnell peinlich. Ich verweise nur auf die Idee, man könnte durch bloße statistische Ermittlung und evolutionäre Erklärung des menschlichen Paarungsverhaltens feststellen, welches davon aus ethischen Gründen wünschenswert ist. Manche Autoren schreiben zum Beispiel, dass Treue sinnlos und nicht wünschenswert sei, nur weil die meisten Menschen statistisch betrachtet irgendwann mal fremdgehen, was man evolutionär erklären kann. Dito ist es kein Problem, wenn Teenager immer früher schwanger werden, weil es ja einen natürlichen Sexualdrang gibt. Dieser Sichtweise zufolge sind alle Einschränkungen des Sexualdrangs (abgesehen von jenen, welche direkt in Menschenrechte eingreifen) irrational und können nur erklärt werden durch irrationale Dogmen von Religionen.

      So bescheuert muss man erst mal werden. Da geht doch vom wissenschaftlichen Über-Reduktionismus mehr Verstrahlung als Erhellung aus.

      1. Ich weiß nicht ob es viele ernst zu nehmende Wissenschaftler gibt die ein rein biologisch fundiertes Handlungsmodell des Menschen vertreten. Realistisch dürfte eher ein duales Modell mit kultureller und biologischer Fundierung sein.

        So weit ich dass verstanden habe versucht man Religion dann als eine Art Gegenmittel gegen die biologische und letztlich wissenschaftliche Entzauberung des Menschen zu verwenden. Ich denke allerdings dass sich Lebenssinn auch ohne Religion bewerkstelligen lässt (vgl. hier das Buch von Bernulf Kanitscheider, Entzauberte Welt. Über den Sinn des Lebens). Genauso ist Moral auch ohne Religion möglich.

  6. „Zum Objektivismus gehört zum Beispiel auch die Position, dass das Schulsystem völlig privatisiert werden sollte. Ist das in Deutschland etwa der Fall, wo der Staat selbst für Privatschulen die Lehrpläne vorgibt?“ (derautor)

    Mich wuerde interessieren, wie ein gaenzlich privatisiertes Schulsystem ohne allgemeine Qualitaetsstandarts aussehen wuerde. Wuerde das nicht unweigerlich zu pseudowissenschaftlicher und ideologischer Indoktrination in vielen, selbst elitaeren Privatschulen fuehren?

    1. Wenn Menschen dazu bereit sind, für so etwas zu bezahlen. Meiner Ansicht nach ist es nicht unsere Entscheidung, wofür Menschen ihr eigenes Geld ausgeben – ich gehe aber davon aus, dass es so schlimm nicht werden würde. Lese gerade ein Buch über das Thema und werde darüber berichten.

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