Onkel Sam über das Bewusstsein

Onkel Sam alias Sam Harris äußerte sich in seinem jüngsten Blogeintrag über das Mysterium des Bewusstseins. Kann man es auf Physik reduzieren? Glaubt er nicht:

„Viele Wahrheiten über unser Bewusstsein werden wir direkt mit unserem Bewusstsein entdecken, oder überhaupt nicht.“

Harris hat auch einen Vorschlag, wie das Gehirn Bewusstsein erzeugen könnte: „Die Anordnung von Atomen auf eine bestimmte Art führt zur Erzeugung von Bewusstsein. Und diese Tatsache gehört zu den größten Mysterien, über die wir nachdenken können.“

Allerdings ist das keine „Tatsache“, sondern lediglich einer von vielen Lösungsvorschlägen, die Materialisten anbieten. Der Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis (siehe meine Übersetzung seines Artikels Unentdeckt) hat, wie auf die anderen Lösungsvorschläge, auch auf diesen eine Antwort gefunden. Genauer geht es um bestimmte neuronale Muster, also Muster von Nervenzellen, wobei sich seine Argumentation aber auch auf Muster von Atomen anwenden lässt:

1. „Warum sollten bestimmte Muster mit Erfahrungen von materiellen Ereignissen korrespondieren – wie die Interaktion zwischen elektromagnetischer Strahlung mit materiellen Objekten – die selbst nichts an sich haben, was mit diesen Erfahrungen korrespondiert?“

Verschiedene Verdrahtungen können nicht verschiedene Erfahrungen erklären. Welche Energieformen auch an den Nervenenden landen, so werden sie alle in die selbe Art von Energie übersetzt: Die elektrochemische Energie der Nervenimpulse.

Jedes Sinnesorgan empfängt eine bestimmte Art von Energie – das Auge kann elektromagnetische Strahlen verarbeiten und das Ohr Vibrationen in der Luft – doch alle werden übertragen in die exakt selbe Energieform. Und doch haben wir völlig verschiedene subjektive Erfahrungen (Qualia) wie die Empfindung der Farbe Rot, der Geschmack von Zitronenlimonade, die akustische Wahrnehmung von Musik, die visuelle Erfahrung eines Theaterstücks.

Warum?

2. Anordnungen von Nervenzellen ergeben nicht an sich Muster, sondern diese werden erzeugt durch einen bewussten Beobachter

Illustration:

T T T

T T T

T T T

Diese Anordnung könnte man als drei Reihen mit Ts interpretieren, als neun Ts, als Gruppe von sechs Ts plus drei Ts und verschiedene andere Möglichkeiten. Diese Anordnung verfügt über kein inhärentes Muster, sondern nur über die Möglichkeit von Mustern. Erst der bewusste Beobachter erzeugt die Muster.

Was nun Muster von Nervenzellen im Gehirn angeht, gibt es zunächst keinen bewussten Beobachter, der sie als solche identifizieren könnte. Es sei denn, man stellt sich einen cartesianischen Geist vor, der die Muster erkennt.

Laut dem Stand der Forschung gehen Neurowissenschaftler davon aus, dass der größte Teil des Gehirns nichts mit dem Bewusstsein zu tun hat, nur ein geringer Teil des Gehirns wird damit assoziiert. Ein weiteres Problem besteht nun darin, dass sich dieser geringe Teil durch überhaupt nichts qualitativ unterscheidet von den unbewussten Teilen des Gehirns.

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Obwohl Sam Harris eine bestimmte Auffassung vertritt, wie das Gehirn Bewusstsein erzeugt, so erkennt er die grundlegenden Schwierigkeiten durchaus an. Er schreibt:

Aber könnte eine ausgewachsene Neurowissenschaft keine anständige Erklärung des menschlichen Bewusstseins in Hinblick auf die ihm zu Grunde liegenden Gehirnprozesse anbieten? Wir haben Gründe für die Annahme, dass Reduktionen dieser Art weder möglich, noch konzeptuell kohärent sind. Nichts am Gehirn, egal in welcher Größenordnung man es untersucht (räumlich oder temporär), würde auch nur darauf hindeuten, dass es Bewusstsein enthalten könnte.

Und am Ende outet sich Harris ebenfalls als ein Skeptiker, was Tallis und mir Vorwürfe eingebracht hat, wir würden esoterisch-religiös-idealistischem Aberglauben auf den Leim gehen:

Wie kann es sein, dass unbewusste Ereignisse das Bewusstsein hervorbringen können? Wir haben nicht nur keine Ahnung, sondern es scheint unmöglich zu sein, uns auch nur vorzustellen, welche Art von Ahnung die Erklärungslücke ausfüllen könnte.

Ja, wir Neuen Atheisten sind schon ein paar esoterische Komplettspinner, dass wir am Ende glatt zugeben, etwas nicht zu wissen. Unverschämtheit.

Literatur

Sam Harris: The Mystery of Consciousness II

Raymond Tallis: Aping Mankind

5 Kommentare zu „Onkel Sam über das Bewusstsein

  1. „Ja, wir Neuen Atheisten sind schon ein paar esoterische Komplettspinner, dass wir am Ende glatt zugeben, etwas nicht zu wissen. Unverschämtheit.“

    Es geht nicht darum, das man etwas nicht weiß, sondern dass man dieses Nichtwissen als etwas darstellt, das außerhalb herkömmlicher Erklärungsmuster ist.

    1. Warum soll es denn bitte innerhalb herkömmlicher Erklärungsmuster liegen, wenn wir es nicht wissen? Wir wissen nicht, wie wir es erklären sollen, also woher soll das Wissen kommen, dass herkömmliche Erklärungsmuster ausreichen? Das ist lediglich eine metaphysische Spekulation.

  2. „[…] Es sei denn, man stellt sich einen cartesianischen Geist vor, der die Muster erkennt.“
    Ja, aber dann sind wir wieder bei einem grobkörnigen Substanzdualismus gelandet, der das seltsame Phänomen, welches wir Bewusstsein nennen, schlichtweg als eine ontisch eigenständige Kategorie ausgrenzt. Das ist aber eine tote Position, die sich nicht mehr rehabilitieren lässt. Dazu genügt ein Blick in jede beliebige Einführung in die Bewusstseinsphilosophie.

    Gerade das gilt es zu vermeiden. Wenn wir derartige Annahmen nicht machen wollen, müssen wir nicht zwangsläufig irgendwelche reduktiven physikalischen Theorien vertreten, die auf Biegen und Brechen eine Identität herstellen möchten, ohne genau angeben zu können, auf was sich diese Identität eigentlich beziehen soll. Es gibt dann innerhalb eines solchen ontischen Materialismus auch zuhauf alternative Erklärungsversuche, seien sie Funktionalistisch oder noch seltsamerer Art (etwa Epiphänomenalistisch oder Chalmers Identitätstheorie den „Neutrale Monismus“).
    Es ist also schon richtig. Wir wissen ja womöglich nicht, was wir da versuchen zu erklären. Aber wir wissen, daß einige Annahmen über das Wesen des Bewusstseins mit großer Wahrscheinlichkeit einen Irrtum darstellen. Und das cartesische Theater bzw. der Substanzdualismus in all seinen Ausformungen ist eine solche irrtümliche Annahme. Und nicht nur das. Streng genommen erklärt sie ja überhaupt nichts. Ich postuliere dann schlichtweg irgendeine ominöse Instanz ohne irgendetwas dazu angeben zu können außer, daß sie behauptet notwendigerweise postuliert werden muss, wenn ich eine gehaltvolle Erklärung bekommen mag. Das kann nur in die Hose gehen, siehe Popper und Eccles mit ihren „Psychonen“, die ja nichts anderes waren als ein Ausdruck von Hilflosigkeit.
    Wie dem auch sei. Wir wissen mehr, wie es nicht klappt, denn wie es klappen könnte.

    BunteKuh

  3. Klassischer Materialismus sucht nach einer DIREKTEN Kopplung zwischen Materie
    und Geist. Der Ansatz ist spätestens mit Heinz von Foerster in den 70er/80er
    Jahren nicht mehr haltbar (siehe Unterscheidung triviale vs. non-triviale
    Maschine).

    In diese Richtiung schient auch Tallis zu gehen, nur etwas spät kommt er damit
    und mir scheint, obwohl ich ihn noch nicht gelesen habe, daß er das weniger
    systematisch als Heinz von Foerster gemacht hatte.

    Aus der Mathematik und Chaostheorieforschung weiss man, daß man, wenn man
    komplexe Systeme mit Differnzialgleichungen beschrieben will, man bei
    nichtlinearen Differenzialgleichungen höheren Grades sehr bald nicht mehr
    Vorhersagen machen kann. man kann das konstruieren, aber mit der
    Vorhersagbarkeit hapert es.

    und i Beispiel von heinz von Foerster mit den nicht-trivialen Maschinen sieht
    man, daß auch mirt sehr wenigen Parametern bereits sehr schnell eine praktische
    ANALYSE solch eines Systems nicht mehr gangbar ist.

    Das alleine reich, um aufzuzeigen, daß man mit heutiger methodik bestimmte
    Dinge ganz einfach nicht lösen kann. Prinzipiell nicht. Siehe auch halteproblem
    der Informatik.

    Dennoch reichen diese Ansätze der kybernetik nicht aus, da sie auf der
    herkömmlichen mathematik und Logik basieren. Diese Ansätze reichen aber, um
    aufzuzeigen, daß manche heute gegangenen Wege in eine Sackgasse führen.

    Was man brauchr, wenn man Subjektivität/Bewusstsein/Selbstbewusstsein erklären
    können will, ist auch das probvlem der Selbstreferenz zu lösen. Das geht mit
    wertbasierten Logiken nicht, da sie Identitätslogiken sind und keine Strukturen
    formalisieren können, sondern nur Werte. Und Werte können nicht auf sicdh
    selbst verweisen; das wäre eine Paradoxie, und diese ist aus gutem grund auas
    der klassischen logik ausgeschlossen worden.

    Wenn man aber selbstreferentielle Dinge modellieren will, muß man daher
    strukturbasierte Formalismen haben, keine wertebasierten Formalismen/Logiken.

    Nach Humberto Maturana ist Bewsusstsein/Selbstreflexivität dadurch möglich, daß
    einzelne Hirnbereiche nicht nur ÄUßERE sondern auch INNERE Zustände als Input
    nehmen und beide nebeneinander stellen können. So kann ein Selbstbezug zustande
    kommen. Man kann Äußeres und Inneres zueinander in Bezug setzen, wobei man
    anmerken muß, daß eh fast alle Informationen im Gehirn von Innen kommen, nur
    der geringste Teil an Anregung kommt von Aussen. Das Gehirn sendet sogar mehr
    Informationen ans Auge, als das Auge ans Gehirn, obwohl das Auge phylogenetisch
    VOR dem Gehirn entstand.

    Diese SELBSTbetrachtung der inneren Zustände, ALS OB sie äußere wären,
    ermöglicht es demnach Bewusstsein (bzw. SELBST-Bewusstsein) zu GENERIEREN.

    Das erklärt auch, wieso es nicht jedem gelingt, Phantasie (Mythen, Religion,
    Wahn) und äußere „Realität“ sauber voneinander zu trennen. Erst einmal, weil
    auch das Äußere, das an uns heran tritt immer auch KONSTRUIERT ist, nicht nur
    reines ABBILD. Und dann, weil beides vor dem „inneren Auge“ auch auftaucht, ALS
    OB es ein Gegenstand ist. Selbst Denken kann Gegenstand des Denkens sein.

    Diese Selbstbezüglichkeit kann aber mit klassischer Logik, welche Grundlage der
    Wissenschaft herkömmlicher Bauart ist (aber Selbstbezüglichkeit formal
    verbietet), nicht modelliert/formalisiert werden. Daher kann die bisherige
    Wissenschaft auch keine Erklärungen finden, da sie für Selbstbezüglichkeit
    BLIND ist.

    Das wird als Paradoxie verworfen. Also beschäftigt man sich nicht mit dem
    eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisapparat, sondern verwirft, was nicht ins
    Bild passt. Dann kann man auch kein bewusstsein und keine Subjektivität oder
    gar „freien Willen“ finden, wenn man das von vornherein ausschliesst.

    Die in eine Methodik gegossenn wissenschaftlichen Spielregeln verbieten
    bestimmte Betrachtungsweisen. Statt den eigenen Erkenntnishorizont aufzuweiten,
    beharrt man auf Denken, das aus einer Zeit stammt, aus der auch das christliche
    Denken stammt. Selbst Ariustoteles hatte noch weiter gedacht als das, was man
    uns heute präsentiert. Es wird oft gesagt, man habe das Denken vom Ballast der
    Philosophie gereinigt. Dabei hat man nur das entfernt, was dem
    naiv-materialistischen Denken, das die Naturwissenschaften so beflügelt hat,
    im Wege stand oder dafür überflüssig war.

    Dieses Dnekne und diese Wissenschaft hat sich aber ausschliesslich auf OBJEKTE
    bezogen; und folglich hat man alles, was SUBJEKTiv ist, hinaus geworfen.

    Man hat sozusagen das Subjekt vernichtet.

    Daher wird man es auch mit dieser eingeengten methodik der toten Dinge NIEMALS
    finden können.

    Es braucht also genau das, was da jemanden der Antwortenden gestört hat – daß
    es eben innerhalb der Herkömmlichen Erklärungsmuster nicht erklärbar ist – also
    einen erweiterten Erkenntnisrahmen.

    Das hat nichts mit Esoterilk und Sopinmnerei zu tun, sondern genau mit dem
    Gegenteil: sich von falschen Denkkonzeopten zu verabschieden, welche selbst
    eher esoterisch sind. Mit einer Wissenschaft, die vorzüglich für die Erklärung
    toter Dinge, reiner OBJEKTE angepasst ist, wird man Lebensprozesse nicht
    erklären können.

    Die Fähigkeit dazu hat man sich im Laufe der Jahrunderte selbst genommen. Zur
    Perfektionierung der Erkenntnisse der toten Materie, des naiven materialismus
    war das vielleicht gar notwendig…. um bis an den Punkt zu kommen, wo man
    Objekt und Subjekt bene nicht mehr voneinander trennen kann, in der subatomaren
    Welt (Welle-Teilchen-Problem, UnschärfeRELATION etc.).

    Klassische Logik und Mathematik kennen Selbstbezüglichkeit, z.B. im
    Bewusstsein, oder bei der Unmöglichkeit der Trennung von Subjekt und Objekt im
    subatormaren Bereich usw. nicht formalisieren, also nicht Beschrieben, also
    nicht „erkennen“.

    Da sind Lücken in der wissenschaftlichen Methodik – selbst in der
    zugrundeliegenden Logk und Mathematik.

    Dazu braucht man andere Ansätze.

    Zum Aufknacken des bisherigen naiven materialismus ist Heinz von Foerster gut
    geeignet, und Thallis geht wohl in die selbe Richtung, wenngleich weniger
    abstrakt.

    Und zum Lösen der Probleme kommt man um strukturbeschreibende Formalismen wie
    die, die Gotthard Günther entwickelt hat und Rudolf kaehr erweiter / genauer
    ausformuliert hat, nicht herum.

    Nicht also zuzugeben, an einem Punkte nicht weiter zu wissen, ist intellektuell
    unredlich oder esoterisch, sondern wenn man nicht anwendbare Methodiken
    weiterhin als anwendbar postuliert.

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