Linke und Libyen

Vor ein paar Jahren hat man die dezidiert bis radikale Linke daran erkennen können, dass sie sich gegen den Westen und (was die de facto Kehrseite der Medaille ist) für dessen Feinde ausgesprochen hat. Die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg wurden nicht ohne Grund sehr oft von Anhängern Saddam Husseins und von pro-palästinensischen Gruppen wie der A.N.S.W.E.R. Coalition organisiert. Doch jetzt hat die Verwirrung in linken Gefilden einen neuen Höhepunkt erreicht.

Die Orientierungslosigkeit wurde offenbar ausgelöst durch die Tatsache, dass Linke „ihren“ Präsidenten unterstützen möchten, der zugleich allerdings die Kriege seines Vorgängers weiterführt und in Libyen sogar einen neuen angefangen hat.

Der linke Kolumnist Nicholas Kristof von der New York Times schrieb direkt im Anschluss über die Nachricht von Gaddafis Tod, „Falls Gadaffi tot ist, dann ist dies (eine tendenzielle) Rechtfertigung einer mutigen Entscheidung von Obama, den Versuch der Rebellen zu unterstützen, Gaddafi zu stürzen.“ Im Jahre 2003 warnte Kristof derweil vor dem „wachsenden islamistischen Fundamentalismus im Irak“ und davor, dass der Irak „ein islamischer Staat“ werden könnte. Die von Obama unterstützte libysche Übergangsregierung möchte die Scharia in Libyen einführen und das Verbot der Polygamie aufheben. Man würde doch meinen, dass Kristof konsequenterweise auch vor einem drohenden islamischen Regime in Libyen warnen müsste.

Das linke Centre for American Progress begrüßt den Tod von Gaddafi als „ein gewisses Maß an Gerechtigkeit“ für dessen Opfer. Der linke Kommentator Bill Press sagte in der Countdown-Fernsehshow, die Operation habe nur sieben Monate gedauert und sei unter Führung der NATO und der UN abgelaufen. Im Gegensatz zu den Einsätzen im Irak und in Afghanistan, will das bedeuten.

Der linke Komiker Jon Stewart (The Daily Show) erklärte, die USA hätte in sechs Monaten ohne Verlust von amerikanischen Soldaten einen Diktator gestürzt und nur eine Milliarde Dollar dafür ausgegeben, statt eine Trillion. Bill Maher behauptet, die Republikaner würden Statuen für Obama errichten, wenn sie nicht wüssten, dass er ein Demokrat sei.

Es ist wahrscheinlicher, dass die Linken Obama noch viel wüster kritisieren würden als Bush, wenn Obama ein republikanischer US-Präsident wäre. Hier die Gründe dafür:

1. Gaddafi wurde ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. Im Gegensatz zu Saddam Hussein.

2. Die NATO hat in Libyen ein Kinderkrankenhaus bombardiert, einen Marktplatz und Privathäuser, was unschuldige Zivilisten verwundet und getötet hat. Von den US-unterstützten libyschen Rebellen wurden offen grobe Menschenrechtsverletzungen begangen. Von der Linken, die so erpicht darauf war, die Fehler der US-Armee im Irak zu kritisieren, gab es nicht viel über diese Missgeschicke zu hören.

3. Gaddafi wäre eine viel größere Bedrohung für sein eigenes Volk und für den Westen gewesen, wenn er nicht als Reaktion auf den Sturz von Saddam Hussein, verursacht durch die Intervention von George W. Bush, seine Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen eingestellt hätte.

4. Obama hat im Gegensatz zu Bush nicht versucht, die Zustimmung des Kongresses für seine militärische Intervention zu bekommen. George W. Bush hat um diese Zustimmung gebeten und sie erhalten.

5. Die Erfolge der Intervention in Libyen können Obama weniger zugeschrieben werden als die Erfolge in Afghanistan und Irak George W. Bush zugeschrieben werden können, denn diejenigen, welche die Intervention in Libyen maßgeblich geplant und vorangetrieben hatten, waren die Arabische Liga, der britische Premierminister David Cameron und der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Obama hat sich irgendwann als Mitläufer betätigt.

Brian Becker von der A.N.S.W.E.R. Coalition, welche die Anti-NATO-Demonstrationen angeführt hatte, bedauerte den Tod Gaddafis, weil Libyen nun zu einem Satellitenstaat der NATO umfunktioniert werde.

Die tatsächlichen Probleme, vor denen Libyen nun steht und die durch die Intervention ausgelöst wurden, scheinen Linke nicht weiter zu kümmern. Diesbezüglich herrscht Funkstille. Diese Probleme sind zum Beispiel:

1. 20 000 hitzesuchende Raketen sind aus Libyen verschwunden. Sie könnten sich mit einiger Wahrscheinlichkeit in den Händen von Terroristen befinden.

2. Der fundamentalistische Islam wurde bereits als neue Staatsform von der Übergangsregierung angekündigt.

3. Libyen ist in diverse Regionen und Stämme unterteilt, die unter Gaddafi mit Gewalt und danach durch ihren Widerstand gegen Gaddafi geeint wurden. Wer soll sie jetzt einen, wenn sich die USA zurückziehen will?

4. Libyen war keine unmittelbare Gefahr für den Westen. Der Iran ist dies allerdings schon und gegenüber dem Iran hat Obama eine sehr nachgiebige Politik an den Tag gelehnt. Das könnte sich rächen.

Quelle

Joseph Klein: The Left’s Confused Reactions to Quaddafi’s Death

Ein Leser hat mich außerdem auf den folgenden Artikel über die Unterdrückung von Frauen in Indien aufmerksam gemacht: http://uk.reuters.com/article/2011/10/27/uk-india-women-exploitation-idUKTRE79Q1WJ20111027 Hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, ist aber lesenswert.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik.

2 Kommentare zu “Linke und Libyen

  1. Vulki sagt:

    Tatsache ist, dass das in gleich doppelter Hinsicht nicht Obamas Krieg war: erstens waren es, wie gesagt, nicht die USA, die den NATO-Einsatz begannen. Und zweitens wurde der Krieg selbst von den Rebellen begonnen. Deren Lage vor Bengasi zwang die NATO dann geradezu, einzugreifen. Die Lage ist mit dem Irak überhaupt nicht vergleichbar.

  2. hubbabubba sagt:

    wie gestern zu lesen war, hat die hamas im gaza-streifen libysche raketen ergattert:

    http://nlarchiv.israel.de/2011_html/10/Infobrief%20vom%2027.10.2011a.htm

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