Mit wem sollen wir uns identifizieren?

Die liberale Antwort, dass wir uns mit uns selbst identifizieren sollten, mag wohl nicht ausreichen. Nachdem ich in einem vorhergehenden Beitrag davon abriet, dass wir uns mit unseren genetischen Vorfahren identifizieren, sollte ich also meine Antwort auf die Frage näher ausführen, aus welcher Materie wir sozusagen unsere Identitäten konstruieren könnten.

Generell würde ich es für eine gute Idee halten, sich an Menschen zu orientieren, die Großes vollbringen oder die Großes vollbracht haben. Damit meine ich keine großen Feldzüge, obwohl das unter bestimmten Bedigungen sogar auch denkbar wäre, sondern Menschen, welche die Welt als einen besseren Ort zurückgelassen haben, etwa, indem sie etwas entdeckten, etwas erfanden, ein Unternehmen aufbauten, für Gerechtigkeit kämpften. Wir sollten uns an Personen orientieren, die philosophisch, ökonomisch, ästhetisch, politisch die Menschheit vorangebracht haben. Das mögen Wissenschaftler, Philosophen, Künstler sein, das mögen ebenso „normale“ Menschen sein, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben.

Auf kultureller Ebene gilt dasselbe Prinzip. Stammeskulturen wie die Germanen haben die Menschheit nun einmal nicht oder so gut wie nicht vorangebracht, eher im Gegenteil. Das gilt auch, mit Verlaub, für die amerikanischen Ureinwohner – selbst für die zentralamerikanischen „Zivilisationen“ -, die vor 16 000 Jahren erstmals in Amerika auftauchten. Europa hat sie kulturell innerhalb von maximal 1500 Jahren (inklusive griechisch-römischer Antike), minimal 500 Jahren (seit Beginn er Renaissance) in praktisch jedem Bereich übertroffen. Innerhalb kürzester Zeit hat die freie Welt etwas erreicht, was Stammeskulturen in 16 000 Jahren nicht geschafft haben. Gewiss müssen sich die Indianer nicht für die Verbrechen der europäischen Kolonialmächte bedanken, aber sehr wohl für die technologischen, philosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, medizinischen Fortschritte, auf die sie Zugriff erhielten. Amerika konnte dank der europäischen Einwanderer, was immer man gegen sie sagen konnte, die Neuzeit innerhalb von ein paar Jahrzehnten nachholen.

Die Gründe für die Überlegenheit des Westens sind unter anderem Wissenschaft, Eigentumsrechte, Wettbewerb, Medizin, die Konsumgesellschaft, die Arbeitsethik – so argumentiert jedenfalls der Historiker Niall Ferguson in seinem Buch Der Westen und der Rest der Welt.

Identifizieren können wir uns also, was mich angeht, mit der freien Welt. Diese umfasst alle Nationen, wo individuelle Rechte weitgehend garantiert werden. Nicht identifizieren sollten wir uns mit der unfreien Welt, mit Diktaturen, Stammeskulturen, Terroristen, Plünderern und Mördern. Das heißt nicht, dass wir gegen diese unbedingt Krieg führen müssten, sondern eben nur, dass sie wenig für die eigene Identitätsstiftung taugen. Die Stammeskulturen mögen auch nicht unbedingt gefährlich sein, aber im besten Falle tun sie eben nicht viel, entwickeln sich nicht großartig weiter.

Auf der anderen Seite: Normalerweise neigen die Leute dazu, „Leben und Leben lassen“ zu empfehlen, aber diese Denkweise führt, wie Michael Schmidt-Salomon richtig anmerkt, oftmals dazu, dass Menschen ihr Leben lassen müssen. Wenn eine Regierung nicht ihren Bürgern dient, sondern Sklaven ihren Herren, so ist es unser Recht, diese Tyrannei zu zerstören, sollte dies in unserem Interesse liegen oder wir gerade Lust dazu haben. Tyranneien haben keine Rechte und zwar gerade weil individuelle Menschen Rechte haben.

Ich denke doch, dies ist eine sehr starke Position. Wer möchte, kann sich gerne nach spezifisch deutschen Vorfahren umsehen, die für das Gute eingetreten sind – ich persönlich habe meine Identität auf die gesamte freie Welt ausgeweitet und bin damit ganz zufrieden.

Sicher identifiziere ich mich auch mit meiner Stadt, Bundesland, Land – aber meine Beurteilung von diesen ist jeweils philosophischen Prinzipien unterworfen. Theoretisch könnte ich in einem Land leben, wie Nordkorea, das ich furchtbar finden würde, das ich sabotieren und an den Westen verraten würde, wo es nur geht. Weil der Westen, nicht zuletzt ethisch, Nordkorea weit überlegen ist. Eine Regierung legitimiert sich dadurch, dass sie im Interesse des Volkes handelt und in der unfreien Welt ist dies nicht der Fall.

Und das meine ich, wenn ich davon abrate, sich mit seinen genetischen Vorfahren zu identifizieren, nur weil sie die genetischen Vorfahren waren. Weiße Europäer stammen nicht nur, aber auch von Barbaren ab. Es gibt keinen Grund, sich an diesen zu orientieren. Wir stammen ebenso von großen Denkern, Künstlern, Erfindern ab, aber wir sollten sie nicht verehren, weil wir von ihnen abstammen, sondern weil sie große Denker, Künstler, Erfinder waren. Die meisten nachahmenswerten Personen stammen sicher nicht aus Deutschland, nachahmenswert sind sie trotzdem.

Amen.

Werke über die Überlegenheit des Westens

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6 Kommentare zu „Mit wem sollen wir uns identifizieren?

  1. Ich stimme ja im Großen und Ganzen zu. Aber:
    „Innerhalb kürzester Zeit hat die freie Welt etwas erreicht, was Stammeskulturen in 16 000 Jahren nicht geschafft haben.“
    Wieso hätte denn die freie Welt weniger Zeit gehabt? Und frei? Das sind die Länder Europas und Nordamerikas auch erst ganz seit kurzem (weniger als 250 Jahren für wenige, und kaum ein halbes Jahrhundert für die meisten im Westen).
    Wir hatten eine alte Tradition namens Philosophie, die auch Wissenschaft hervorgebracht hat, und die über tausend Jahre Mittelalter beinahe verloren gegangen wäre. Wir haben Schwein gehabt, dass das nicht passiert ist.

    Und nun haben wir auch die Verpflichtung, dieses wertvollste Gut, das Menschen ja hatten, zu bewahren – gegen alberne Multi-Kulti-Ideologien, die letztlich aus einer Perversion wissenschaftlicher Vorsicht entstanden sind, gegen primitive „Kulturen“, die mit unserer über einen Kamm geschlagen werden.

    Wir sind nicht die besseren Menschen, aber wir haben Wertvolleres für uns, unsere Nachkommen und auch für die gesamte Menschheit zu bewahren. Und das zu verraten, wäre ein Verbrechen, dass nicht mal die schlimmen Kriegen des vorhergehenden Jahrhunderts damit konkurrieren könnten. Dieser Verrat würde uns dazu verdammen, noch mal die Irrungen und Wirrungen von Religionskriegen, ideologischen Kämpfen durchzustehen, die wir in der Neuzeit bis zum 20.Jh. schon hatten. Dann wären wir wieder im Mittelalter, da wo die meisten Köpfe in den meisten Regionen der Welt noch immer sind.

    1. Gut, „wir“ haben natürlich auch die meiste Zeit nichts getan, aber innerhalb von gut 1500 Jahren haben wir uns selbst und alle anderen weit übertroffen. Natürlich gab es auch in China wichtige Erfindungen und für kurze Zeit auch in der islamischen Welt. Von daher ist es sicher interessanter, nach dem „Warum“ des Fortschritts zu fragen und da spielen liberale Bedingungen eine wichtige Rolle, die auch in autoritären Systemen wie China quasi streckenweise entstanden waren und nun wieder entstanden sind. Natürlich können wir uns auch die wenigen Freidenker der islamischen Welt als Vorbilder nehmen oder die Erfinder Chinas. Wie schon gesagt, geht es mir jedenfalls nicht um Abstammung, sondern um die Bedingungen, die nötig sind, damit eine Gesellschaft besonders gut funktioniert und darum, sich an dem, was gut und bewährt ist, zu orientieren.

      1. Na, wenn es um liberale Bedingungen geht, dann hatten wir die sicher nicht 1500 Jahre lang, also auch das ganze Mittelalter über, sondern seit den ersten Anfängen des Liberalismus in den Niederlanden im 16. Jahrhundert, also seit grob 500 Jahren, wenn man großzügig rechnet. Das ist die fruchtbarste Phase, die die Welt bisher gesehen hat. Und die Geschwindigkeit scheint ja noch dramatisch zuzunehmen mit der Anzahl der Wissenschaftler: Heute leben mehr Wissenschaftler, als in allen Generationen vorher zusammengenommen. Ein weiterer Fortschritt ist die enorm beschleunigte Kommunikation und die Möglichkeit Personen gleichen Interesses auszumachen und an einem Strang zu ziehen. Das ist ja erst seit 30 Jahren wirklich in Schwung gekommen.
        Aber das ist ein Beispiel dafür, dass eine Entwicklung an ganz anderen Enden Voraussetzungen schafft – die Computertechnologie ist ohne das Industriezeitalter mit Schwerindustrie und Eisenbahn und Otto-Motor und Quantenphysik nicht vorstellbar. Diese Entwicklungen und die neuen, die jetzt erst in die Startlöcher gehen, von denen wir noch nichts wissen, und deren Wechselwirkungen, das alles ist hochgradig nicht-linear, also kaum prognostizierbar.

  2. Wir müssen allem voran mal das Thema Überbevölkerung angehen, das immer unter der viel ferneren Klimathematik untergeht. Bevor sich das Klima erwärmt (in mehr als hundert Jahren), sind wir so viele, dass Kriege kaum abwendbar sein werden. In einem halben Jahrhundert hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt.

    1. Das sind nur Hochrechnungen und darauf gebe ich nicht viel. Im Gegenteil nimmt die Bevölkerung mit dem wirtschaftlichen Fortschritt ab und den sehen wir fast überall auf der Welt.

      1. Das hier ist viel eher prognostizierbar, wenn auch nur mit aller gebotenen Vorsicht: Wenn sich Leute früher mit 8-10 Kindern fortgepflanzt haben, damit wenigstens im Mittel zwei übrig blieben, also die Population in etwa stabil war, so kann das in Zeiten, in denen mit einfachen Mitteln aus wissenschaftlicher Einsicht die schlimmsten Krankheiten nicht mehr so viel Sterblichkeit mit sich bringen, nur zu rasantem Wachstum führen. Wenn also die Leute ihre Lebensweise nicht ändern, weil sie das ja immer schon so gemacht haben, weil das Tradition ist, weil das Gottes Wille ist, dann wird das zu Problemen führen müssen. Hier kann nach humanitären Gesichtspunkten eine bessere Medizin nur noch eine Verschärfung bringen – Geburtenkontrolle darf man nicht, aus Tradition, weil man es immer schon gemacht hat, weil es Gottes Wille ist – oder man tut es nicht, weil man einfach keine Ahnung hat, wie es geht. Hier sind nicht so viele unwägbare Faktoren im Spiel – hier wird die Explosion weiter losgehen, sofern nicht aus Einsicht oder anderen Gründen, die Explosion gebremst wird. Das ist eine Prognose, die in den letzten Jahrzehnten, seit 50 Jahren recht gut gepasst hat.
        Prognosen sind mit Unsicherheiten behaftet, sie sind nicht unausweichlich, aber sind keine eitle Albernheit, über die man bloß lachen kann.

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