Theodore Dalrymple versus Ayn Rand

Atlas Shrugged (Filmplakat)Auslöser eines Streits von Anfang 2010, der ein größeres Thema in liberalen und konservativen Publikationen in den USA und in England gewesen ist, war Theodore Dalrymples kritischer Artikel über Ayn Rand:

Ayn Rand: Engineer of Souls 

Ayn Rand ist bereits tot, aber ihre Anhängerschaft hat Dalrymples Kritik an Rand und ihrem Werk kritisch auseinandergenommen, siehe:

Edward Cline, Schriftsteller: Defending Ayn Rand (Capitalism Magazine)

Diana Hsieh, Philosophin: A Critical Account of Anthony Daniels on Ayn Rand

Alan Germani, Mitherausgeber von The Objective Standard: Why Anthony Daniels Smears Ayn Rand

Mich selbst verwundert oder verärgert Dalrymples Kritik an Rand nicht sonderlich. Seine Leser wissen, dass Dalrymple kein systematischer Philosoph ist, sondern ein konservativer Humanist. Dalrymples Werke sind keine philosophischen Traktate, sondern reflektierte Lebenserfahrung – und er hat eine sehr bemerkenswerte Lebenserfahrung als ein Arzt, der so ziemlich überall, etwa mitten in Bürgerkriegen, in Afrika während der Apartheid, sogar in Nordkorea, gewesen ist, und der später 14 Jahre lang als Psychologe und Gefängnisarzt die britische Unterschicht umsorgte. Dass man als jemand, der überproportional viel mit wirklich üblen Gestalten zu tun hatte, irgendwann glaubt, der Mensch neige von Natur aus zum Bösen, das kann ich sicher gut verstehen.

Theodore Dalrymple ist der Meinung, dass die meisten Menschen mit einer Philosophie wie jener von Ayn Rand, oder mit irgendeinem philosophischen System, schlichtweg überfordert wären. „Niemand ist so schlau, dass er alles für sich selbst herausfinden kann“, schrieb er einmal. Darum betont er die Bedeutung von sogenannten „Vorurteilen“, Tradition und Autorität, allerdings auf eine sehr elaborierte und differenzierte Art. Er legt vor allem Wert auf eine moderate und humane Haltung. Polemik ist ihm suspekt.

Der Stil von Ayn Rand ist klar, direkt, aber auch etwas schrill und plakativ. Schließlich sprach sie in bestimmten Kontexten von „Barbaren“, „Parasiten“ und „sozialer Ballast“ (womit sie in diesem Kontext übrigens nicht die „Armen“ meinte, sondern reiche Playboys). Zweifellos wird ihre Rhetorik von großer Wut auf jene bestimmt, die ihrer Familie alles genommen haben und vor denen sie in jungen Jahren aus ihrem Heimatland fliehen musste, auf die Bolschewiken. Man muss sich als Leser also zusammenreißen und bei der Lektüre ihrer Bücher stets einen kühlen Kopf bewahren, um zu verstehen, was sie aussagen will. Ebenso tut sie sich selbst keinen Gefallen damit, auch an den unpassendsten Stellen in ihren sehr umfangreichen Romanen direkt ihre eigene Philosophie seitenlang zu predigen, obwohl ihre Charaktere dies in der jeweiligen Situation niemals so gesagt hätten.

Man muss sich also darauf einlassen. Ich verstehe, warum Dalrymple darauf irgendwann keine Lust mehr hatte, denn ihr Stil weicht zu stark ab von seinem Ideal. Letzten Endes war Ayn Rand allerdings eine Philosophin und als eine solche muss man sie beurteilen. Meiner Ansicht nach gehörte sie sogar zu den besten Philosophen. Wer meint, sie wäre einfach „die Kapitalistin“ gewesen und hätte über „Politik“ geschrieben, wie es so viele tun, hat sich nie mit ihren Schriften befasst. Wer meint, sie hätte Arme gehasst und sie als „Parasiten“ abgetan (wie man es glauben könnte, wenn man Bioshock gespielt hat), der versteht ihre Philosophie nicht. Dasselbe gilt für jene, die ihr bei oberflächlicher Betrachtung „Dogmatismus“ vorwerfen oder „Moralismus“.

Ayn Rand und Kunst

Karl Friedrich Lessing: Kloster im Schnee (Romantischer Realismus)

Ayn Rands Objektivismus ist eine philosophisches System. Selbst jene, die meinen, dass ihre Philosophie nicht wahr ist, müssten zumindest ihre intellektuelle Leistung anerkennen. Ich selbst sehe nicht, was es an den Grundlagen ihrer Philosophie überhaupt auszusetzen geben sollte. Das Problem sehe ich anderswo: Die Entwicklung und Verteidigung ihrer Philosophie hat die gesamte Energie von Ayn Rand verschlungen. Das bedeutet, dass ihre Anwendung ihrer eigenen Philosophie auf konkrete Fälle nicht immer überzeugend war. Zum Beispiel finde ich ihre Philosophie der Kunst, die sie in The Romantic Manifesto darlegt, genial. Sie bietet eine objektive Definition, was Kunst überhaupt ist.

Bei ihrer konkreten Einschätzung von Kunstwerken wird es hingegen etwas schräg. Zum Beispiel hielt sie nicht viel von Rembrandt und Mozart, derweil war Victor Hugo ihr Lieblingsschriftsteller, den sie gegenüber Shakespeare bevorzugte. Ich habe den Eindruck, dass sie sich schlichtweg nicht hinreichend mit Kunst befasst hat, um sie anhand konkreter Fälle beurteilen zu können. Ihr Hauptaugenmerk galt eben der Philosophie.

Dalrymple wirft ihr vor, ihre bevorzugte Kunst, der romantische Realismus, sei vom sozialistischen Realismus praktisch nicht zu unterscheiden. Adorno war der Meinung, der romantische Realismus sei die Kunstform der Nazis gewesen. Das ergibt alles wenig Sinn, wenn man Rands Kunsttheorie einbezieht.

„Kunst ein selektive Neuerschaffung der Realität entsprechend den metaphysischen Werturteilen eines Künstlers.“ Ein Kunstwerk reflektiert daher das Lebensgefühl des Künstlers, einschließlich seiner Empfindung des Universums als wohlwollend oder böswillig.

Kommunisten gebrauchten ihre Kunst, den sozialistischen Realismus, um Arbeiter, Bauern und vor allem Parteiführer zu Helden zu stilisieren. Der Mensch wurde zum Rad im sozialistischen Getriebe erklärt. Natürlich ist es möglich, ein solches Lebensgefühl in Form von Kunst darzustellen.

Um Kunst objektiv zu beurteilen, bietet Rand folgende Kriterien an:

1) Selektivität in Hinsicht auf das Thema: der Künstler muss einen Gegenstand wählen, der am besten sein Lebensgefühl repräsentiert.

2) Klarheit: der Künstler muss sein Lebensgefühl mit dem Werk eindeutig vermitteln können.

3) Integration: jedes Element des künstlerischen Produkts muss sich auf irgendeine Weise auf das zentrale Thema dieser Arbeit beziehen und es zur Geltung bringen.

Demnach kann auch ein Werk objektiv Kunst sein, das eine schreckliche Metaphysik reflektiert. Gemälde von Dämonen, Tod und Höllenwesen können Kunst sein (z.B. Bruegel).

Laut Ayn Rand sollte Kunst die Welt und den Menschen so darstellen, wie sie sein könnten und sein sollten. Der romantische Realismus auf Grundlage von Rands persönlichen Werten stellt den Menschen darum oft als Philosophen dar oder als erfolgreicher Unternehmer. Der romantische Realismus könnte ebenso fröhliche Familien darstellen, Wanderer, Entdecker. Es geht vor allem darum, die „Essenz“ einer metaphysischen Idee zu erfassen und alles Überflüssige wegzulassen. Die Darstellung einer schönen Frau würde also ohne zerissene Kleidung oder Pickel auskommen müssen. Wenn natürlich die Metaphysik des Künstlers Frauen als hässlich empfindet, dass müsste er die Essenz der reinen Hässlichkeit der Frau darstellen, um objektiv gute Kunst zu gestalten (auch wenn diese Rand persönlich nicht zugesagt hätte).

Also kann Kunst auch im Dienste einer Horror-Metaphysik wie jener der Nazis und Kommunisten stehen. Man müsste sie objektiv – wenn sie laut obenstehenden Kriterien gelungen ist – als Kunst anerkennen, aber darum muss sie einem persönlich gewiss nicht zusagen.

Fazit

So verschieden sind die beiden Denker gar nicht. Dass die meisten Menschen keine Philosophen sind, war Ayn Rand durchaus bewusst. Sie war der Meinung, dass es nötig sei, das Lebensgefühl – quasi eine aus der Kultur unbewusst aufgesogene Vor-Metaphysik, eine Grundhaltung gegenüber dem Leben, die jeder Mensch hat – positiv zu beeinflussen. Dies ist die Aufgabe von Intellektuellen. Theodore Dalrymple ist ebenfalls der Meinung, dass die Ideen aus dem akademischen Elfenbeinturm über Umwege den „Mann auf der Straße“ erreichen und angesichts des Zustands der Philosophie hält er dies überwiegend für eine katastrophale Tatsache.

Ayn Rand ging es darum, die Qualität der Ideen aus dem Elfenbeinturm zu verändern – auf eine Art und Weise, dass Philosophie und somit Kultur und somit Lebensgefühl wieder dem Menschen dienen würden. Auf diese Art lassen sich Tradition, Vorurteil und Autorität (die automatisch und unbewusst das Lebensgefühl erzeugen) vielleicht ein wenig vereinbaren mit der Idee der intellektuellen Freiheit, des bewussten Denkens und des Individualismus. Es geht also darum, die Grundhaltung der Menschen gegenüber dem Leben positiv zu verändern. Das ist eine der Aufgaben der intellektuellen Elite. Nimmt sie diese Aufgabe nicht wahr, dann geschieht, was aktuell geschieht, und die Menschen werden nihilistischer, verwirrter und irrationaler.

Weiterführend siehe die Bücher von Ayn Rand und die oben verlinkte Kritik an Dalrymples Artikel.

Literatur

Von Ayn Rand inspirierte Kunst: Quent Cordair

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