„Fuck you very much“: Modernes Theater

Ich wurde gebeten, auch dem modernen Theater einen Artikel zu widmen, aber dafür muss ich zunächst meinen Magen gegen jegliche Widrigkeiten abhärten. Falls sich jemand fragt, warum ich das sage: Werfen wir im Folgenden einen ersten kurzen Blick auf das moderne Theater. Und lassen Sie sich nicht von jenen verunsichern, die behaupten, das postmoderne und zeitgenössische Theater wären irgendwie grundsätzlich anders – diese repräsentieren lediglich unseren weiteren konsequenten Rückschritt in die Barbarei. Die moderne Kunst war der Weg zurück zur Stammeskultur und Astrologie, die postmoderne Kunst führte die Stammeskriege und Naturheilkunde wieder ein und die zeitgenössische Kunst steht für eine Gesellschaft auf der kulturellen Entwicklungsstufe von Kannibalen, die Menschen opfern und versuchen, sich mit Tieren fortzupflanzen (wie das zeitgenössische Theater anschaulich demonstriert).

Falls sich jemand dafür interessiert, aus welcher kunstheoretischen Perspektive ich diese ausgewogene Meinung äußere, siehe: Objektivistische Kunsttheorie.

Fangen wir harmlos an.

Hier sehen wir eine nackte Frau, die an verschiedenen Körperteilen mit Seilen befestigt ist, an denen sie ein wenig herumgezogen wird. Dies ist kein Sado-Maso-Porno, sondern der Gewinner des Arte Laguna Preis 2010/11 in der Kategorie der Darstellenden Künste:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=i4NYQvN3Fyg[/tube]

Kommen wir nun zu einem spanischen Modeprojekt namens „FUCKYOUVERYMUCH“. Auf ihrer Website heißt es:

FUCKYOUVERYMUCH was born to organise all the bags, dresses, etc that come out spontaneously from our hands.

The FUCKYOUVERYMUCH way of sewing is very spontaneous, pure creativity, without so much caring for rules and correcting mistakes. Every small imperfection becomes an important part of the creation process itself, just like every defect is part of everybody’s personality.

FUCKYOUVERYMUCH does not support mass production of perfect pieces, but the creation of unique pieces, conceptually strong, dense in meaning and imperfect in form, just like those who sewed them!

The concept unifying all pieces is

Breaking the Rules

Die Modeschöpfer wissen also nicht, was sie tun. Sie schneidern – laut ihren eigenenen Worten – spontan irgendwas aus irgendwelchen Fetzen zusammen und korrigieren keine Fehler, folgen keinen Regeln. Damit protestieren sie gegen alles und ihr Konzept lautet einzig: „Die Regeln brechen“. Hier sehen wir die Regelbrecher in Aktion:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=aJ4WBT115pI[/tube]

Das soll irgendwie religionskritisch sein. Ist es aber nicht. Ich habe ebenfalls in mehreren Artikeln Religionskritik aus wissenschaftlich-philosophischer Sicht geäußert und von daher bin ich der Meinung, dass man zuerst eine Vorstellung haben muss, was man sagen will und warum man es sagen will, bevor man irgenetwas sagen sollte. Die Abwesenheit von Verstand und Geschmack ist keine Qualifikation für Religionskritiker.

Barbarei in Reinkultur gab es beim „Steirischen Herbst“ 2011 zu bestaunen:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=rZbYQiX8qpg[/tube]

In diesem Werk, „Gólgota Picnic“ von Rodrigo García, sehen wir einige schmutzbeschmierte Menschen, die aufeinander liegen und mit Wasser abgespritzt werden. Dann sieht man in einem Video einen Hamburger, auf dem Würmer herumkrabbeln.

Bestaunen wir nunmehr die Darbietungen, die auf einem französischen Kunstfestival präsentiert wurden:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=nFAwdcbIE5w[/tube]

Dieses unkoordinierte Gezappel möchte Sozialkritik äußern. Ergänzung: Ich wurde darauf hingewiesen, dass es sich um ein gekonnt choreographiertes sinnloses Gezappel handelt. Dem mag so sein.

Und hier ein weiteres Beispiel für Pornografie, die ihren Zweck verfehlt und darum als „Kunst“ durchgeht: „Romeo Castellucci, Socìetas Raffaello Sanzio, from the Cycle of Tragedia Endogonidia“:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=SxPD7S8_R1c[/tube]

Zur Erholung einige obligatorische Zitate der Philosophin Ayn Rand über moderne Kunst.

Moderne Kunst aus objektivistischer Sicht

Ayn Rands Charakter, der Komponist Richard Haley (aus Atlas Shrugged), über wahre Kunst:

“Ich, der ich weiß, welche Disziplin, welchen Aufwand, welche geistige Anspannung, welche unnachgiebige Belastung für die eigene Kraft des klaren Sehens nötig sind, um ein Kunstwerk zu erschaffen – ich, der ich weiß, dass es eine Arbeit erfordert, die eine Sträflingskolonne wie Entspannung aussehen lässt und eine Härte, die einem kein Armee-trainierender Sadist aufzwingen könnte – ich bevorzuge den Leiter eines Kohlenbergwerks über jeden wandelnden Träger höherer Mysterien.”

Richard Haley über moderne Künstler:

“[…] ein schludriger Penner, der stolz umherschreitet und dir versichert, dass er beinahe die Perfektion eines Wahnsinnigen erreicht hat, weil er ein Künstler ist, der nicht die leiseste Ahnung hat, was sein Kunstwerk darstellt oder bedeutet; er lässt sich nicht aufhalten durch krude Konzepte wie “Sein” oder “Bedeutung”; er ist der Träger höherer Mysterien, er weiß nicht, wie er sein Werk erschaffen hat oder warum, es kam einfach spontan aus ihm heraus wie die Kotze aus einem Betrunkenen, er dachte nicht nach, er würde sich nicht dazu herablassen zu denken, er hat es einfach gefühlt, alles, was er tun muss, ist fühlen – er fühlt, der schludrige, geschwätzige, wild umherblickende, sabbernde, zitternde, unverholfene Mistkerl!”

Ayn Rand in The Romantic Manfesto über moderne Kunst:

„Falls eine Bande – egal, wie ihre Slogans, Motive oder Ziele lauten – durch die Straßen schlendert und den Menschen die Augen ausmeißeln würde, dann würden die Menschen dagegen rebellieren und die Worte für einen gerechtfertigten Protest finden. Aber wenn eine solche Bande durch die Kultur schlendert, mit der Absicht, den Verstand der Menschen auszulöschen, so bleiben die Menschen still.“

„Es ist sehr zweifelhaft, ob die Schöpfer und Bewunderer der modernen Kunst über die intellektuelle Kapazität verfügen, ihre philosophische Bedeutung zu verstehen.“

„Grashalme auf ein Blatt Papier zu kleben, um Gras zu repräsentieren, mag eine gute Beschäftigungstherapie für zurückgebliebene Kinder sein – obwohl ich es bezweifle – aber es ist keine Kunst.“

„Auf dieser Seite eines Irrenhauses werden die Handlungen eines Menschen durch einen bewussten Zweck motiviert; wenn sie das nicht sind, so müssen sie niemanden außerhalb des Büros eines Psychotherapeuten interessieren. Und wenn die Schöpfer der modernen Kunst erklären, dass sie nicht wissen, was sie tun oder was es sie tun lässt, dann sollten wir ihnen glauben und sie nicht weiter beachten.“

Ergänzung: Ein Kommentator hat mich auf dieses markante Exemplar zeitgenössischer Sinnlosigkeit hingewiesen, „Body Remix“:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=PbJ1WlYXEek[/tube]

Literatur

Moderne Kunst oder die Suche nach der Sinnlosigkeit

Picasso war kein Scharlatan

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B004IE9RF8&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kultur, Kunst.

14 Kommentare zu “„Fuck you very much“: Modernes Theater

  1. 789e2d sagt:

    Mich bringen derartige performances immer wieder zum Lachen.
    Kann durchaus sein, dass sich die Leute mittlerweile denken, wenn es auf Arte kommt, muss es Kunst sein.
    Eine besondere Perle der Sinnlosigkeit ist zum Beispiel „Body Remix“:

    Kam auch auf Arte.

  2. Felek sagt:

    Oh…WOW..ehm, angenommen, ich wurde Theaterwissenschaften studieren-wurde ich dann auch so etwas „lernen“, vielleicht in einem Hauptseminar? Uberhaupt, ist es eigentlich schon Dogma dass Darsteller grundsatzlich nackt sein mussen? Hmm, ausser, dass man noch offen Sex auf der Buhne hat oder jemanden tatsachlich ermordet und aufisst glaube ich kaum dass man noch mehr, eh, „bieten“ (oder die Seherschaft erleiden lassen kann)-vielleicht wird die nachste Generation ja aus Protest und um sich abzugrenzen wieder zum klassischen Theater zuruckkehren? (zumindest hoffe ich das)

  3. nCr sagt:

    Vor ein paar Jahren hab ich mal nachts aus Langeweile durchs Programm geschaltet und auf Arte hat ein etwas älterer asiatischer Herr eine junge nackte Asiatin immerwieder gefesselt und losgebunden. Ich hab das ernsthaft für einen sehr seltsamen SM Porno gehalten. Leicht gewundert hat mich das ja schon, das sowas auf Arte kommt, aber dadrauf, dass das Kunst sein soll, wär ich echt nicht gekommen. Man bin ich ein Kunstbanause.

  4. Nanomyte sagt:

    So sinnentleert das Thema und ein etwaiges Aufregen darüber auch ist. Wäre dies nicht ein Beitrag wert:

    http://hpd.de/node/12706
    http://www.humanism.org.uk/news/view/966

  5. BunteKuh sagt:

    Kunst ist stets ein Abgebot.
    Ich denke, dass auch solche Kunst ihren Platz haben muß, denn es gibt Menschen, die damit sehr viel anfangen können, und es geht auch darum, Ästhetik immer wieder neu zu definieren, Grenzen auszuloten (und sie werden ja oft erst kenntlich, wenn sie überschritten werden)…

    Es ist auch nix neues hier zu lesen: einige Künster wurden zu ihrer Zeit als Psychopathen, als Schmierer, als Barbaren bezeichnet: Monet mit seiner Impression Sonnenaufgang, van Gogh mit seinen Bildern.
    Oder Guernica von Picasso. Ist das ein schönes Bild, an dem man sich erfreuen kann? Wohl kaum. Oder seine Demoiselles d’Avignon? Die Leute waren entsetzt, als er es damals ausstellte. Aber die ästhetischen Neuerungen, die Picasso in solchen Bildern entwickelte, finden heute noch bis in die Videoclips auf MTV und VIVA ihren Niederschlag. Der Geschmack der Massen ändert sich auch. Natürlich kann ich genausowenig in die Zukunft schauen wie alle. Eventuell (oder ganz bestimmt sogar) werden viele „Kunstwerke“ und „Künstler“, die heute als Spektakel in den Medien Erwähnung finden, schon in zehn Jahren zu Recht vergessen sein. Vieles von dem hier gezeigten ist wohl so ein sensationsistisches Windei. Es ist in diesem Zusammenhang immer ganz interessant, mal die Kunstpresse oder nur die Feullitons von vor 40 Jahren zu lesen: Wer wurde da nicht schon alles als neuer Picasso, als neuer Thomas Mann, als neuer Strawinsky gehyped! Und heute sind viele dieser „Genies“ dem Vergessen anheim gefallen.

    Vielleicht hast du mit all deinen Negativbeispielen recht – das wird sich aus einem gewissen historischen Abstand heraus feststellen lassen. Mich stört nur der Tonfall, mit dem hier auf einer Art Kunstrezeption bestanden wurde, die ich für unergiebig halte. Damit meine ich besonders den Bloginhaber:) Du bist ja nicht doof und selbst in der Polemik ab und an noch witzig. Aber ich meine, dass man sich mit der von dir hier demonstrierten Haltung gegenüber der Kunst selbst einiges an Spaß und Unterhaltung vorenthält.

    • derautor sagt:

      Das ist allerdings eine Argumentation, wie sie auch Pseudowissenschaftler gebrauchen. Die Leute, die Wunderwasser verkaufen, argumentieren auch, dass tollkühne Einzelgänger in der Wissenschaft oft nur belächelt wurden. Das ändert allerdings gar nichts an der Tatsache, dass sie nur Pseudowissenschaftler sind.

      Die Impressionisten waren meiner Meinung nach ebenso in der Regel keine Künstler. Ich weiß nicht, warum zur Verteidigung der modernen Künstler so häufig auf die Impressionisten verwiesen wird. „Die hat man damals ebenso für Schmierfinken gehalten“. Ja. Und das tue ich immernoch!

      Es gab Einzelbeispiele von Impressionisten und modernen Künstlern (z.B. Salvador Dali, einige Werke von Picasso), die man trotz ihrer furchtbaren Metaphysik als Künstler anerkennen kann, aber ist eben eine Minderheit.

      Die objektivistische Kunsttheorie bietet durchaus Raum für viele verschiedene Varianten von Kunst. Aber sie bietet auch objektive Kriterien, nach denen man Kunst bewerten kann. Ich sehe nicht, wie man auf der Grundlage deiner Aussagen Möbelstücke und Fotos von Kunst unterscheiden wollte. Praktisch alles könnte Kunst sein, wenn es nur danach geht, wer was als Kunst anerkennt. Das ist das Ende aller Urteilskraft. Stattdessen halte ich nachvollziehbare Kriterien für sinnvoll, Zitat:

      Ein Kunstwerk kann nach zwei Standards beurteilt werden: Metaphysik und Ästhetik. Der erste erfordert, wie bereits erörtert, das metaphysische Lebensgefühl des Künstlers zu beurteilen, und zu bewerten, ob es korrekt ist oder unangemessen. Der zweite Standard erfordert zu beurteilen, wie gut ein Kunstwerk tatsächlich das Lebensgefühl des Künstlers konkretisiert. Ayn Rand vertrat bei der Beurteilung des ästhetischen Werts eines Kunstwerks mindestens drei nützlich Prinzipien:

      1) Selektivität in Hinsicht auf das Thema: der Künstler muss einen Gegenstand wählen, der am besten sein Lebensgefühl repräsentiert.

      2) Klarheit: der Künstler muss sein Lebensgefühl mit dem Werk eindeutig vermitteln können.

      3) Integration: jedes Element des künstlerischen Produkts muss sich auf irgendeine Weise auf das zentrale Thema dieser Arbeit beziehen und es zur Geltung bringen.

      http://www.objektivismus.de/2Studium/S12Kunst.htm

      • BunteKuh sagt:

        Das MUSS der Künstler also *lach*. Na, zum Glück nicht. Diese Kriterien sind ja Gott sei Dank so beliebig und schwammig, dass man sie getrost als gehalt- und damit gefahrenlos bezeichnen kann.
        Aber natürlich: der Sinn, der „Wert“ eines Kunstwerkes entsteht im Kopf des Rezipienten. Wo denn auch sonst?

        Was hat man davon, wenn man sich über Kunst aufregt, die man schlicht nicht kapiert? Gar nix. Da kann man dann mit Gleichgesinnten beieinanderhocken und gemeinsam ablästern, wie dämlich und unsinnig und blöd und was für eine Verarsche das doch alles sei, und dann nicken alle und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und fühlen sich irgendwie überlegen.

        Armselig erscheint mich diese Vorstellung. Ich persönlich halte mich lieber zu denen, die interessiert sind, die neugierig sind, die nicht alles, was sie nicht kennen, erstmal verurteilen. Und weißt Du, warum? Weil Kunst so wahnsinnig spannend sein kann. Ich kenne (außer wohlduftenden Frauen) nichts aufregenderes als ein Kunstwerk, dessen Sinn sich mir langsam erschließt: das Abenteuer des Denkens! Bei manchen Kunstwerken dauert es lange, bis man in sie eindringt (die Analogie zu den Frauen erspare ich mir… ), aber die Beharrlichkeit lohnt sich manchmal. Es gibt freilich auch Kunstwerke, die ich nicht verstehe, so sehr ich mich auch bemühe. Dann komme ich irgendwann zu dem Schluß, daß ich entweder dafür nicht die nötige Antenne habe, um auf der speziellen Frequenz zu empfangen, oder, was natürlich auch möglich ist: da ist gar nix und ich habe mich mit etwas Inhaltslosem beschäftigt. Diese Gefahr besteht bei Kunst freilich immer, aber sie ist das Risiko, das man eingehen muß, wenn man mit Kunstgenuß belohnt werden möchte.

        ZITAT „Die objektivistische Kunsttheorie bietet durchaus Raum für viele verschiedene Varianten von Kunst. Aber sie bietet auch objektive Kriterien, nach denen man Kunst bewerten kann. Ich sehe nicht, wie man auf der Grundlage deiner Aussagen Möbelstücke und Fotos von Kunst unterscheiden wollte.“ ENDE

        Sorry, wenn ich ausholen muss.
        Also zu den wohl dir arg seltsam anmutenden Instalationen, wie etwa zersägten Stühlen, einem vermüllten Bett – die dann zur Kunst „erhoben“ werden. Seit Duchamps „Readymades“ (von denen das berühmt-berüchtigte „Pissoir“ das bekannteste sein dürfte) ist eigentlich anerkannt, daß Kunst auch durch den Präsentations-Bezugrahmen sich definiert. Ein Pinkelbecken in der geheiligten Museumshalle ist etwas anderes als ein Pinkelbecken auf dem Herren-WC. Ich bin zu faul, das jetzt alles aufzudröseln – aber wen es interessiert, der kann sich ja mal unter den Stichworten „Duchamp“ „readymade“ usf. bei Google umschauen, vielleicht wird er da ja fündig. Wenn man solche wichtigen Pionier-Werke und Künstler nicht kennt, wird man einen Großteil der heutigen Kunst einfach nicht verstehen können, weil sich nun mal viele Künstler und Kunstwerke auf andere Künstler und Kunstwerke beziehen. Darüber mag man sich ärgern, aber es ist ein Fakt: Wenn man nicht gewisse Vorkenntnisse mitbringt, dann wird man vieles nicht checken. Unter Künstlern kursiert die Binsenweisheit: Man sieht nur das, was man weiß.

        Ein wesentliches Element in der Kunst ist – in Ermangelung eines besseren Begriffes – Ausgeglichenheit. Das harmonische Mit- und Gegeneinander von Spannung zu Entspannung, schwer zu leicht, hart zu weich, gefüllt zu leer, hell zu dunkel. Die Berücksichtigung dieses Prinzips sorgt wohl dafür, daß viele Leute die „klassische“ Kunst, auch die „klassische Moderne“ beinahe ohne Hintergrundwissen „mögen“, „konsumieren“ oder gar gefühlsmäßig verstehen können. Du bist einer von ihnen.
        In der neueren Kunst wird dieses Prinzip aber ein ums andere Mal aufgegeben. Dies mag unser Stilempfinden stören, wir werden durcheinandergebracht, weil eine Sache, auch ein Gedanke sich nicht mehr „stimmig und richtig“ anfühlt. Vielleicht ekelt er uns sogar an, erscheint uns banal, barbatisch whatever.
        Sobald dieses Grundprinzip der klassischen formalen Komposition aufgegeben wird, wird ein Kunstwerk vielen Leuten problematisch, darauf können wir uns sicherlich einigen.

        Was für die formale Komposition gilt, dürfte meiner Meinung nach auch auf die inhaltliche Gestaltung eines Kunstwerkes übertragbar sein. Die klassische, in sich geschlossene und stimmige Allegorie, Metapher, Symbolik – sie wird jedem Laien nach einer kurzen Erläuterung einleuchten. Die allegorischen „lebenden Bilder“, welche in früheren Zeiten bei Festen gezeigt wurden, waren für die meisten Anwesenden verständlich, man hatte einen Kanon, ein festes Bezugssystem, innerhalb dessen man variieren, improvisieren, Innovationen vorantreiben konnte. Das Problematische solcher festen Bezugssysteme dürfte jeder von uns in der Schule durchgenommen haben anhand des bürgerlichen Dramas, wie ihm Lessing gegenüber den festgefügten Regeln eines Gottsched zum Durchbruch verhalf. Dir als Literaturstudi muss ich das eigentlich nicht erzählen. Allzuviel Regeln sind halt auch nicht gut: zwar versteht dann jeder, der den Systemcode beherrscht, alle innerhalb dieses Systems gemachten Aussagen, aber irgendwann wird’s halt blutlos und redundant.
        Nun sind wir gut zweihundert Jahre weiter. Bis ungefähr in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es noch eine stetige Erweiterung des Kanons, inhaltlicher wie formaler Art. Wenn man sich gewisse Arbeiten des abstrakten Expressionismus anschaut, dann kann man dort noch jene Art harmonischer Komposition entdecken, wie man sie auch auf einem Gemälde von Poussin oder J.L.David findet. Doch genaugenommen schon seit den 1950ern beginnen immer mehr Künstler, auf diese Ausgewogenheit zu pfeifen – formal wie inhaltlich. Heute gibt es großartige Bilder, die nicht mehr schlüssig interpretierbar sind, die inhaltlich auseinanderbrechen und sich selbst widersprechen. Da die Anzahl der inhaltlichen Verweismöglichkeiten ins Unendliche gewachsen ist, ist es überdies gut möglich, daß ein Kunstwerk, welches der Intention des Künstlers zufolge eine ganz glasklare Botschaft hat, doch nicht vom Publikum so verstanden wird, da das Publikum eben jene Bezüge, welche für das Verständnis des Kunstwerkes notwendig wären, nicht gedanklich parat hat.

        Mit dieser Problematik im Hinterkopf verzichtet heute manch ein Künstler auf eine vollständige Dechiffrierbarkeit seiner Werke. Und ja: wie du schon sagtest: es gibt genügend Künstler, die selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich mit ihren Arbeiten aussagen wollen – beziehungsweise dies nicht verbalisieren können. Da kommt dann freilich meist der Vorwurf: Siehste, der Künstler weiß ja nicht mal selbst, was er will.
        Welcher aber am Kern der Sache vorbeigeht!
        Denn wenn der Künstler den Sinn und die Aussage seines Kunstwerkes restlos verbal formulieren könnte, wäre es ja unsinnig, noch ein sinnlich erfahrbares Kunstwerk zu schaffen.

        Ein großer Teil der Gegenwarts-Kunst ist Meta-Kunst, also Kunst über Kunst. Es gibt da eben Bezugssysteme, innerhalb derer bestimmte Werke erst Sinn machen. Wenn man beispielsweise die Variationen Picassos über „das Frühstück im Grünen“ verstehen möchte, muß man das diesen Variationen zugrunde liegende Bild von Manet kennen. Aber das reicht nicht, denn man muß auch noch im Hinterkopf haben, welch einen Skandal dieses Bild zu seiner Entstehungszeit auslöste und warum es diesen Skandal auslöste. Das ist wie bei Witzen – viele sind nur innerhalb eines bestimmten Kulturkreises, innerhalb eines bestimmten Bezugsrahmens verständlich und gut.

        Man ist schnell bei der Hand eine wage „Pseudowissenschaftlichkeit“ zu unterstellen. Klar. Die Anekdote mit der Putfrau, die eine Fettecke von Beuys zerstörte, ist übrigens bezeichnen für eine bestimmte Herangehensweise an Kunst, die ich nicht ganz nachvollziehen kann (und die in deinem anderen Beitrag auch nicht fehlen durfte *gähn*: Was bedeutet diese Anekdote eigentlich? Dass Kunst, die nicht auch von einer Putzfrau erkannt werde, keine Kunst sei? Oder wie jetzt? Definieren also Kunstfrauen heutzutage, was Kunst ist? Das hat man zu van Goghs Zeiten noch anderen Leuten überlassen, und selbst die haben sich so manches Mal (wie man im nachhinein immer erst feststellen kann) geirrt.

        Eine Lehrstunde noch zu dem Herrn Beuys. Beuys – dieser Künstler welcher keine Probleme damit hatte, vollkommen realistisch zu zeichnen! – war im zweiten Weltkrieg bei der Luftwaffe und wurde über Rußland abgeschossen. Er wurde, halb verbrannt und halb erfroren, von Ureinwohnern Sibiriens gefunden. Diese hüllten ihn ein in Fett und Kaninchenfelle, damit er nicht noch mehr Körperwärme verlöre. Ihre Schamanen retteten ihm das Leben.

        Seither kommen Fett und Felle immer wieder in seinen Installationen vor. Über die rein praktische Funktion des Warmhaltens erfüllten diese Materialien aber bei den Schamanen noch eine höhere, sozusagen religiöse Funktion. Ich kenne mich nicht genug aus in dieser Welt der Schamanen, man kann Genaueres dazu sicherlich recherchieren. Für Beuys hatte die Art, wie er damals eingewickelt wurde, etwas mit dem System der Batterien zu tun, wo ja einst auch organische Schichten wie Leder oder Froschhaut zwischen metallische Schichten gepackt wurden, woraus dann ein Fließen von Energien – Strom – resultierte. Der Schamane lud gleichsam die Lebensbatterie von Beuys auf.
        Dieser Zusammenhang, den er auf der Grenze zum Tod in einer ihm völlig fremdartigen Welt erfuhr, faszinierte ihn, und jene Erkenntnisse, die er so fernab unserer westlichen Kultur da hatte, die versuchte er später seinem Publikum näher zu bringen. Immer wieder treffen in seinen Werken Pelz, Fett und Metall aufeinander, manchmal verbunden, manchmal offensichtlich getrennt, mitunter kommen Musikinstrumente hinzu, die an jene Instrumente erinnern mögen, mit welchen die Schamanen die Genesungs-Rituale begleiteten. Der Gedanke, daß die Robben (von denen das Fett stammte) und die Kaninchen (Pelz) sterben mußten, damit er, Beuys, gerettet werden könne, das Motiv der Vergänglichkeit allen Lebens, wird von ihm auch immer und immer wieder thematisiert. Wobei das Sterben des einen die Lebensenergie des anderen bedingt.
        Gleichzeitig vergaß Beuys aber nicht, was er als westlicher Künstler gelernt hatte, sondern verband diese neue Art, die Welt zu sehen und zu begreifen, mit den abendländischen Kunst-Traditionen. Statt mit Sepia-Tusche zeichnete er beispielsweise mit Blut, statt der schamanischen heiligen Zeichen verwendete er unsere heiligen Zeichen wie das Kreuz oder den Blitz oder die Lilie… Das alles ist noch viel, viel komplexer, der Mann war ein echtes Jahrhundertgenie, und ich werde sein Werk sicherlich nicht in einer halben Stunde hier schriftlich erklären können.

        Die „versaute Badewanne“ jedenfalls mag in irgendeinem dieser Zusammenhänge zu verstehen sein. Der Kunst- und Beuys-Kenner weiß um diese Zusammenhänge, er versteht die Fettecke zu deuten und in einen Kontext einzordnen, so wie du, wenn Du Linien von scheinbarem Fliegendreck auf Papier siehst, deren Sinn entziffern kannst und dann ein Argument von der Ayn erkennst.

        Die eingesaute Badewanne ist nicht einfach nur die eingesaute Badewanne.

        • derautor sagt:

          Diese Kriterien sind nicht beliebig, sondern Teil eines komplexen philosophischen Systems (wie eigentlich schnell bei einem kurzen Blick auf diese Website klar werden sollte). Wie du selbst anmerkst, kann man etwas, das man nicht versteht, auch nicht beurteilen, also warum hältst du dich nicht an deine eigenen Beurteilungskriterien?

          „Ein Pinkelbecken in der geheiligten Museumshalle ist etwas anderes als ein Pinkelbecken auf dem Herren-WC“

          Ja, es ist eine Beleidigung der ästhetischen Urteilsfähigkeit der Museumsbesucher.

          „Denn wenn der Künstler den Sinn und die Aussage seines Kunstwerkes restlos verbal formulieren könnte, wäre es ja unsinnig, noch ein sinnlich erfahrbares Kunstwerk zu schaffen.“

          Das ist so, als würde man sagen: Wenn Goethe selbst genau gewusst hätte, wie und wozu er die Wahlverwandtschaften schrieb, so hätte er sie ja nicht mehr schreiben müssen.

          Danke für den historischen und kunsttheoretischen Beleg, dass Joseph Beuys sich an Schamanen orientierte. Ich will nicht sagen, dass es überraschend kommt, aber es ist doch schön, seine eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen.

          Die Geschichte erinnert mich an eine Biografie von einem Splatterfilm-Regisseur. Er kämpfte im Vietnamkrieg mit und die zerteilten Körper, die er dort sah, inspirierten seine spätere Kunst der filmischen Darstellung zerteilter Körper in billigen Horrorfilmen. Dass sich die Qualität der billigen Horrorfilme durch eine biografische Erklärung der Motive ihres Produzenten nicht verbessert, diese Weisheit ist wohl nur wenigen von uns vorbehalten.

          Danke also für diese Informationen, aber leider konntest du mich nicht überzeugen, dass moderne Künstler irgendetwas anderes möchten oder können, als ihre Anhängerschaft und das breite Publikum für dumm zu verkaufen. Einen anderen Eindruck konnte ich bislang auch nicht durch Lektüre von kunsttheoretischen Schriften über moderne Kunst gewinnen. Vielleicht hattest du bei anderen Lesern deines Kommentars mehr Glück.

        • Robson Bottle sagt:

          Danke, BunteKuh, Sie schreiben mir aus dem Herzen. Ich glaube aber, das ist hier für die Katz. Einfache Gemüter verfahren nach dem Motto: Was ich nicht verstehe, darf nicht sein, weil es meine Beschränktheit offenbart.
          Noch ein Nachtrag zu Duchamps Pissoir und Beuys‘ Badewanne: Schon Magritte hat ja mit seinem „Ceci n’est pas une pipe“ auf verblüffend einfache Weise gezeigt, wie leicht die menschliche Wahrnehmung sich überlisten lässt. Es wird ja – nach der Wahrnehmung des Verbrauchers – bei McDonalds auch nicht das unappetitliche Ding gekauft und gegessen, was in der Hamburger-Schachtel tatsächlich liegt, sondern das idealisierte Bild des Hamburgers, das neben dem Preis abgeBILDet ist.

          • derautor sagt:

            Damit schließen Sie die Möglichkeit aus, dass ein Mensch moderne Kunst verstehen und sie trotzdem ablehnen kann. Hier hätten wir eines Ihrer „schlichten Gemüter“ (ein Philosophieprofessor), welches das offenkundig tut: http://www.stephenhicks.org/wp-content/uploads/2009/04/whyartbecameugly-german.pdf

            Ebenso halten Sie es offenbar nicht für nötig, mit Hilfe rationaler Argumente die Philosophie der modernen Kunst zu verteidigen. Ich kann nur vermuten, dass Sie sich bei der Polemik bedienen – „Entartete Kunst“, „Einfache Gemüter“ – weil Sie nicht in der Lage sind, die moderne Kunst rational zu verteidigen.

  6. LV sagt:

    Im Zusammenhang mit moderner „Kunst“ fällt mir immer ein Witz ein:
    Zwei Juden stehen im Museum of Modern Art und betrachten ein abstraktes Gemälde. Sie sind sich uneins darüber was es denn darstellen soll. Der eine meint es sei ein Porträt der andere hält es für ein Landschaftsbild.
    Schließlich zieht der eine seine Lesebrille hervor und betrachtet den Titel des „Werkes“. Triumphierend ruft er aus: „Ich hab doch gesagt, dass es ein Porträt ist, hier steht’s: Mandelbaum an der Riviera!“

    • Robson Bottle sagt:

      Lieber LV, ich dachte die Rechten wollen neuerdings, um den Image-Makel des Holocaust und des Antisemitismus loszuwerden nichts mehr gegen Juden sagen, viele verbünden sich doch jetzt sogar mit Israel gegen die Moslems. Hast du das noch nicht mitgekriegt oder ist dir dieser Judenwitz aus Versehen herausgerutscht?

  7. Robson Bottle sagt:

    @autor … weil „rational“ der falsche Ansatz ist! Rational ist die Wissenschaft, nicht die Kunst.
    „In der Kunst ist absolut nichts zu verstehen, einfach nichts. (…) Wenn Kunst irgendetwas enthielte, was verstanden werden sollte, dann wäre sie überflüssig. Denn diese Aufgabe wird schon von der Wissenschaft wahrgenommen. Im Gebiet der Kunst sollen nur geheimnisvolle Bilder geschaffen werden …“ (Joseph Beuys)

  8. Robson Bottle sagt:

    oder auch schon Hokusai:
    „Seit ich sechs Jahre alt bin, habe ich die Manie zu zeichnen gehabt. Mit fünfzig Jahren hatte ich eine unendliche Menge von Zeichnungen veröffentlicht, aber alles, was ich vor dem dreiundsiebzigsten Lebensjahr geschaffen hatte, war nicht der Rede wert. Gegen das Alter von dreiundsiebzig Jahren ungefähr habe ich etwas von der wahren Natur der Tiere, der Kräuter, der Fische und Insekten begriffen. Folglich werde ich mit achtzig Jahren nochmals Fortschritte gemacht haben. Mit neunzig Jahren werde ich das Geheimnis der Dinge durchschauen, und wenn ich hundertzehn Jahre zähle, wird alles von mir, sei es auch nur ein Strich oder ein Punkt, lebendig sein.“ (HOKUSAI (1760 – 1849)
    Man beachte seine tatsächliche, Lebensspanne!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.