Sie sind gekommen, um uns aufzuklären

Säkulare Humanisten drehen am Rad, weil mit Joachim Gauck ein Pfarrer Bundespräsident werden soll, der nicht einmal ein großes Problem mit der „Finanzwirtschaft“ (vormals bekannt als „Finanzjudentum“) zu haben scheint! Kann doch nicht angehen! Und bislang hat Gauck keinen einzigen verdammten Wal gerettet!

Am besten für eine Replik eignet sich Michael Schmidt-Salomons neueste Polemik Gauckler an der Macht, weil darin die zentralen Probleme der organisierten Säkularhumanisten mit Gauck versammelt sind. Wo ich schon dabei bin: MSS hat ein neues Buch geschrieben, das endgültig beweist, dass er der einzig aufgeklärte Mensch auf dem Planeten ist.

Keine Macht den „Aufklärern“

Schade nur, dass MSS in seiner neuen Streitschrift unsere Spezies in „Homo demens, der irre, der wahnsinnige Mensch“ umbenennt und einen nicht enden wollenden Strom an Nihilismus über den Leser ergießt, wobei er über unsere „sinnlose(…) Aneinanderreihung von Mord und Totschlag, von Ausbeutung und Gewalt, die sich Geschichte nennt“ klagt – und so weiter. Immerhin erfahren wir darin auch die frohe Botschaft des evolutionären Humanismus: Der Mensch sei eine „kosmische Eintagsfliege“.

Insgesamt fällt mein Urteil über seine neue Streitschrift zwiespältig aus. Der Großteil der Religionskritik darin geht in Ordnung, die Islamkritik ist sogar sehr mutig ausgefallen, ohne vulgär zu werden, wie das bei unsern volkstümlichen Islamhassern von P.I. oftmals der Fall ist. Die Beurteilung des Nahostkonflikts hätte schlimmer sein können – immerhin geht MSS auf die Verbindung der damaligen Palästinenser mit den Nazis ein – allerdings ist die gutmenschliche Denkschablone noch immer zu stark präsent: Warum können sich die Streithähne nicht einig werden, würde nur mal jemand die Gewaltspiralte unterbrechen, es gibt eigentlich kein jüdisches Volk – noch nie war eine kulturelle Konstruktion so überlebenswichtig, wenn ich das mal anmerken dürfte -, etc.

Positiv seien außerdem die Darstellung des Streits um Präimplantationsdiagnostik und Abtreibung erwähnt, sowie Schmidt-Salomons späte Bekehrung zum Verteidiger der Gentechnik (es hat ihn vielleicht zur Nachforschung motiviert, als er die Grünen lobte und ich sie daraufhin einen Haufen verble – ähm, als ich auf ihre irrationale Ablehnung der Gentechnik hinwies).

Dass die meisten unserer Politiker auf bizarre Art unfähig sind zu kritischem Denken, erstaunt mich wenig und ich bezweifle, dass irgendjemand einen anderen Eindruck gewonnen hat. Dies wäre ein neutrales Element der Streitschrift. Irgendwo zwischen neutral und negativ orte ich Schmidt-Salomons Hohelied auf Cradle-to-Cradle ein. Das ist eine Art Universal-Recycling, gegen welches ich, insofern es ökonomisch sinnvoll durchführbar ist, nichts einzuwenden habe, wobei MSS nirgendwo erwähnt, dass wir übrigens bereits sehr viele Materialien recyclen.

Die totale Katastrophe hingegen sind die MSS’schen Ausführungen über ökonomische Themen. Er glaubt, wir sollten die Einkommen „fairer“ umverteilen, beantwortet aber nicht die offensichtlichen Fragen, woher diese Einkommen eigentlich kommen, warum die Menschen sich diese erarbeiten, wer entscheiden soll, was an wen umverteilt wird, warum das jemand entscheiden darf, dem das Geld nicht gehört und seine radikale Ablehnung der „Zinswirtschaft“ geht auf keine Kuhhaut mehr. Das Komische ist eigentlich nur, dass der Osten bereits zusammengebrochen ist, sonst hätte ich MSS für einen russischen Agenten gehalten, der unsere Wirtschaft zum Einsturz bringen will.

Ich werde in einem gesonderten Artikel näher auf die ökonomischen Aspekte der Streitschrift eingehen.

Gauck, die Pfeife – ähm, der Pfaffe

Zur MSS’schen Polemik:

Die Wahl Gaucks zeigt (trotz der derzeit noch hohen Zustimmungsquoten für den Pastor), wie weit sich die politische Klasse mittlerweile von der Bevölkerung entfernt hat. Denn während in der Gesellschaft religiöse Argumente immer mehr an Bedeutung verlieren, rüstet die Politik in dieser Hinsicht immer weiter auf.

Das Problem ist nur: Gauck ist kaum für seine theologischen Ansichten bekannt, sondern für seinen Hintergrund als DDR-Bürgerrechtler und als jemand, der den Wert der individuellen Freiheit zu schätzen weiß. In der DDR gab es für Abweichler kaum eine andere Option, als Pfarrer zu werden. Ich behaupte, dass den meisten Bürgern Gaucks Interpretation der Dreifaltigkeit ganz oder beinahe so gleichgültig ist wie mir. Man sollte es vermeiden, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber religiös begründeten Behauptungen betriebsblind zu werden. Net jeder Pfarrer is a schlechter Mensch – oder ein schlechter Bundespräsident!

Und natürlich geben sie sich allergrößte Mühe, in ihren Reden die sogenannten christlichen Werte zu beschwören. Allerdings darf man stark anzweifeln, ob die Damen und Herren der Politik auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung haben, worüber sie da eigentlich sprechen.

Das mag sein, aber ich habe den leisesten Hauch einer Ahnung. Und darum weiß ich, dass die Schmidt-Salomon’sche-Version der abendländischen Geschichte mit ihrer kompletten Leugnung eines philosophisch-ethisch positiven Einflusses des Christentums genauso verzerrt und einseitig ist wie die Geschichtsinterpretation christlicher Theologen.

Wer hats erfunden? 

Im nächsten Absatz kritisiert Schmidt-Salomon die deutsche Sozialministerin Ursula von der Leyen für ihre Aussage, dass „die ersten 19 Artikel unseres Grundgesetzes im Prinzip die Zehn Gebote zusammenfassen“ würden. In der Tat tun sie das natürlich nicht, allerdings vermeidet Schmidt-Salomon – wahrscheinlich aus Nicht-Wissen, denn diese Frage wird in der akademischen Literatur sehr unterschiedlich dargestellt und ist nur mit größeren Aufwand zu beantworten – darauf hinzuweisen, wer die Prinzipien erfunden hat, die er wiederum gegen die Bibel und die zehn Gebote und gegen die Geschichte des Christentums an sich anführt: Die Menschenrechte.

Die Bundeszentrale für politische Bildung behauptet, dass der christliche Philosoph Samuel von Pufendorf (1632-94) die Menschenwürde erfunden habe, welche die Menschenrechte inspiriert haben soll. Ich wies darauf hin, dass die Menschenrechte vor der Menschenwürde erfunden wurden und dass diese Naturrechte bereits 100 Jahre zuvor im Gespräch waren. So argumentierte zum Beispiel der Renaissance-Humanist, Neuscholastiker und Dominikanermönch Francisco di Vitoria (1483-1546), die allgemeinen Menschenrechte würden auch für die Ureinwohner Amerikas gelten.

Es ist mir allerdings merkwürdig vorgekommen, dass Vitoria mit einer solchen Selbstverständlichkeit über die Menschenrechte schrieb – als wären seine Kollegen schon lange mit diesem Konzept vertraut. Ein Konzept, nebenbei erwähnt, dass viele Akademiker, darunter offenbar Schmidt-Salomon, für ein Produkt der Aufklärung halten, also von einer Epoche, die 100 Jahre nach Pufendorf ihren Höhepunkt erreichte. Das ist eindeutig falsch: Die Menschenrechte wurden „lediglich“ während der Aufklärung im 18. Jahrhundert, genauer in den amerikanischen Kolonien, erstmals politisch durchgesetzt. Erfunden (oder entdeckt) wurden sie schon viel früher!

Es waren keine griechischen Philosophen, keine römischen Staatsrechtler, keine Renaissance-Humanisten und auch keine protestantischen Reformer, die erstmals universelle Rechte proklamierten. Nein: Römisch-katholische Scholastiker des Mittelalters – keine rebellischen Köpfe aus der frühen Neuzeit – haben die Menschenrechte erfunden! Siehe meine Quelle am Ende des Artikels.

Die Kriterien, an denen Schmidt-Salomon die katholische Kirche misst, wurden also von der katholischen Kirche selbst – was sie übrigens wieder vergaß und darum während der Aufklärung und lange Zeit danach die Menschenrechte bekämpfte – erfunden! Und dies während der absoluten Hochphase der Macht der Kirche, wo das Christentum von jedem selbstverständlich und von den katholischen Scholastikern am selbstverständlichsten als Wahrheit akzeptiert wurde! Ob dies nun historischer Zufall ist oder eine große Leistung mittelalterlicher Gelehrter; so oder so wird man nicht umhin kommen, dem Christentum seinen Platz neben Griechenland und Rom in der westlichen Ideengeschichte fairerweise einräumen zu müssen. Es wäre übertrieben, von einem „christlichen Abendland“ zu sprechen, aber ein griechisch-römisch-christliches Abendland kommt doch gut hin (Renaissance und Aufklärung führten diese Denktraditionen lediglich fort).

Die Scholastik war natürlich keine rein christliche Angelegenheit, sondern sie basierte auf den Prinzipien „des Philosophen“, wie man ihn damals schlicht nannte: Aristoteles. Praktisch alle historischen Vernunftepochen gehen auf sein Werk zurück, darunter sogar die islamische Aufklärung im 9. Jahrhundert. Es ist inzwischen bekannt, dass er sich mit konkreten Behauptungen über die Beschaffenheit des Sonnensystems und mit vielen anderen Theorien irrte. Aristoteles war aber vor allem wichtig als Erfinder der deduktiven Methode und eben der Logik selbst. Keine üble Leistung, die Erfindung der Vernunft.

Gegen die Unterscheidung 

Gemischt ist meine Meinung zu Schmidt-Salomons folgender Stellungnahme

So heißt es beispielsweise in Artikel 4 des Grundgesetzes, dass kein Mensch aufgrund seines religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses diskriminiert werden darf, doch das hindert die Politik keineswegs daran, die kirchliche Praxis der Diskriminierung mit milliardenschwerem Aufwand zu fördern.

Denken Sie nur an die christlichen Stelleninserate, die tagtäglich in unseren Zeitungen erscheinen. Die implizite Aussage dieser Jobangebote für Ärzte, Psychologen, Krankenpfleger etc. lautet: Juden unerwünscht, Atheisten unerwünscht, Muslime unerwünscht! Und dies in Betrieben, die 100-prozentig öffentlich finanziert werden, wie Krankenhäuser oder Altenheime, für deren Erhalt die Kirchen keinen einzigen müden Cent aufbringen!

Die öffentliche Finanzierung ist gewiss falsch. Wenn es nach mir ginge, würden die Kirchen überhaupt keine öffentlichen Gelder erhalten – noch irgendeine andere weltanschauliche Gruppierung. Ich sehe aber nicht das Problem mit der Diskriminierung seitens der Kirchen an sich – im Gegensatz zu Schmidt-Salomon:

Besonders hart trifft es dabei Angestellte in katholischen Betrieben (Krankenhäuser, Kindergärten, Altenheime etc.), die ihre Arbeitsstelle bereits verlieren können, wenn sie einen geschiedenen Partner heiraten oder sich dazu bekennen, in einer homosexuellen Beziehung zu leben. Fragen Sie sich selbst: Gehört eine solche Diskriminierung ins 21. Jahrhundert? Kann es legitim sein, einen derartigen Grundrechtsverstoß auch noch öffentlich zu finanzieren? Natürlich nicht!

Die Frage, ob eine solche Diskriminierung ins 21. Jahrhundert gehört, ist nicht von Schmidt-Salomon zu entscheiden. Wenn ein Arbeitgeber, insofern er sein Unternehmen selbst finanziert, gerne nur Christen beschäftigen möchte, dann sollte er das Recht haben, dies zu tun. Man sollte nicht vergessen, dass die Giordano Bruno Stiftung selbst nur säkulare Humanisten einer bestimmten Ausrichtung bei sich toleriert, also diskriminiert sie offenkundig ebenfalls. Sollte diese Selektion dazu führen, dass der jeweiligen Organisation viele qualifizierte Arbeitnehmer entgehen (was natürlich der Fall wäre) – umso besser für die Konkurrenz.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung längst für eine Liberalisierung der Sterbehilfe eintritt, kommt die Politik auf diesem Gebiet kaum einen Schritt voran. Schuld daran ist nicht zuletzt die religiotische Vorstellung, wir seien bloß „Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens, das Gott uns anvertraut hat“, und dürften „darüber nicht verfügen“ (Katechismus der Katholischen Kirche).

Sicher. Der Witz an der Sache ist nur: Die Idee, dass wir Eigentümer unseres Lebens und somit unseres Körpers, unseres Geistes und aller Produkte von beiden wären, ist ebenfalls eine Idee, die von der katholischen Kirche stammt (und die z.B. Francisco Vitorio ganz explizit vertreten hat, lange vor Thomas Jefferson)! In diesem Fall ist also ein Teil der mittelalterlichen Kirche erheblich fortschrittlicher als die moderne Kirche gewesen. Und Deutschlands Chef-Atheist verteidigt die Kirche des Mittelalters gegen die Kirche unserer Zeit! Wobei er natürlich an anderer Stelle bezweifelt, dass der Mensch der Eigentümer seines Geistes und seines Körpers sei, andernfalls würde er keine Steuer für die Unterstützung der Dritten Welt fordern (siehe sein Butterkeks-Buch) und die Umverteilungsorgien aus seiner jüngsten Streitschrift.

Bundes(kirchen)präsident Gauck, einer der prominenten Unterstützer von “Pro Reli” in Berlin, wird an diesen Zuständen mit Sicherheit nichts ändern wollen – ebenso wenig wie er die Absurditäten des internationalen Finanzsystems in gebotener Deutlichkeit kritisieren wird. Seine vornehmste Aufgabe wird darin bestehen, wohlklingende Predigten über die „Liebe zu Deutschland“ und die „Liebe zur Freiheit“ zu halten.

Die Pro-Reli-Angelegenheit werden säkulare Humanisten Gauck noch ewig nachtragen, aber ist sie wirklich so wichtig im großen Kosmos der Existenz, oder handelt es sich mehr um eine regionale Angelegenheit Berlins? Ich glaube nun ebenso, dass es „Absurditäten des internationalen Finanzsystems“ gibt – nämlich jegliche Art von staatlicher Kontrolle des Finanzsystems, die im Gegensatz zur allgemeinen Meinung für die größten Börsencrashs der Geschichte verantwortlich war (siehe die Ausführungen von Alan Greenspan, Ludwig von Mises und Ayn Rand unter „Literatur“). Aber mit der Kritik am Finanzsystem spielt Schmidt-Salomon auf eine ganz andere Haltung an, die er zu der Angelegenheit vertritt. Dies erfahren wir in einem anderen Blogbeitrag von ihm namens Ohne Schulden kein Vermögen, der auch so ähnlich in seinem Buch vorkommt.

Ökonomie: Sparen ist Diebstahl…

Nein, diesmal bin nicht ich es, der etwas zu Diebstahl erklärt, was kein normaler Mensch für Diebstahl halten würde.

Die Grundaussage des MSS’schen Beitrags lautet:

Für jeden Euro, den Sie ansparen, muss irgendjemand einen Euro ausgeben, der ihm nicht gehört. Steigen also Ihre Ersparnisse, so müssen auf der anderen Seite auch die Schulden steigen.

Wenn ich auf einen neuen PC spare, dann muss  jemand den Betrag, den ich spare, ausgeben. Warum? – Black out -!

„Wer auch sonst sollte schuld sein, wenn nicht der Schuldner?“, glaubt der Gläubiger mit naiver Entrüstung. Also zwingt er jene, die nicht mehr zahlen können, siehe Griechenland (bald wird es auch andere Staaten ereilen), Buße zu tun, „den Gürtel enger zu schnallen“ und – auf Finanzteufel komm raus – zu sparen (was die angeschlagene Wirtschaft noch tiefer in den Keller stürzt und fatale soziale Konsequenzen hat ). Doch so bequem es für die Gläubiger auch sein mag, die Schuld beim Schuldner abzuladen, tatsächlich sind sie an der Misere gleichermaßen beteiligt.

Es erscheint mir in der Tat naheliegend, dass der Schuldner in der Regel daran schuld sein wird, wenn er seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Schmidt-Salomon hingegen scheint das Problem, das unsere Wirtschaften gerade befällt, darin zu sehen, dass wir „auf Teufel komm raus sparen“. Der Ökonom Ludwig von Mises stellte derweil fest, dass das Sparen – zwecks Investition – das absolut zentrale Element für die Entwicklung jeder Volkswirtschaft sei.

Nur durch Sparen sind Unternehmen – oder waren sie – dazu in der Lage, in neue Technologien und Märkte zu investieren. Dank Keynes und den anderen Vertretern der Voodoo-Ökonomie wurde das Sparen durch das Ausgeben ersetzt. Nun gibt man also Geld aus, das seit Abschaffung des Goldstandards – welcher einst auf sehr reale Art die Kredite deckte, welche Banken verteilten – im Grunde nicht existiert. Selbstredend waren es die Staaten, welche die Banken zur Aufgabe des Goldstandards zwangen. Dank Keynes und co. sind die Staaten nun der Meinung, sie könnten unbegrenzt viel Geld ausgeben und Staatsanleihen verteilen, weil Staaten ja nicht Pleite gehen könnten. Zudem drucken die Staaten einfach Papiergeld, wenn ihnen das Geld mal ausgeht. Das ist der Grund für den Wertverlust des Geldes, der Grund für die Inflation, der Grund für das Sinken der Reallöhne.

Denn derjenige, der unter seinen Verhältnissen lebt, ist volkswirtschaftlich nicht weniger schädlich. Der notorische Sparer, der nichts anderes im Sinn hat, als sein Kapital zu mehren, ist vielmehr ein doppeltes Übel: Er treibt nicht nur andere in die Schuldenfalle, sondern schwächt auch ganz unmittelbar den Wirtschaftskreislauf, auf dem sein Geldvermögen letztlich gründet. Warum? Weil Sparen nichts anderes bedeutet als Konsumverzicht, Konsumverzicht aber führt zu geringerem Absatz von Gütern und Dienstleistungen und somit zu fallenden realen Profiten, woraus wiederum höhere Arbeitslosenzahlen, geringere Steuereinahmen und vermehrte private Insolvenzen resultieren, am Ende sogar Staatsbankrotte und – über die Verquickung von Schulden und Vermögen – last, but not least der Verlust der privaten Ersparnisse.

Wir sind also quasi laut Gesetz oder laut moralischem Gebot dazu gezwungen, unser Geld sofort auszugeben und nichts anzusparen. Die Leute sparen allerdings nicht ohne Grund, insbesondere nicht Unternehmer. Sie sparen, um investieren zu können. Privatleute sparen vielleicht auf ein Auto oder auf ein Haus, oder, um ihren Kindern etwas zu vererben. Unternehmer sparen, um weitere Läden und Fabriken aufzumachen, neue Technologien zu erforschen, neue Märkte zu erschließen. Würden Unternehmer ihr Geld sofort verplempern wie irgendein besoffener Penner, dann gäbe es keinerlei Wirtschaftswachstum! Aber vielleicht ist das „Nullwachstum“ ja auch der Sinn des Ganzen.

Wäre der Staat nicht mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen, Subventionen, einem ausuferndem Sozialsystem sowie kolossalen Banken- und Staatenrettungsschirmen in die Bresche gesprungen, wären die Finanzmärkte aufgrund ihrer realwirtschaftlichen Absurdität längst schon kollabiert.

Die Wette nehme ich an! Wir führen den Goldstandard wieder ein, etablieren einen Laissez-faire-Kapitalismus und dann sehen wir mal, ob die realwirtschaftlich absurden Finanzmärkte wirklich zusammenbrechen würden. Vielmehr wird es eher so sein, dass sich die Finanzmärkte selbst kontrollieren würden, nämlich folgendermaßen: Banken könnten nur kalkulierbare Risiken eingehen, indem sie mehr Geld investieren (Kredite vergeben), als durch ihre Goldreserven abgedeckt ist. Verspekulieren sie sich, müssen sie weniger Kredite vergeben, weil ihre Kredite sonst an Wert einbüßen würden und die Bank irgendwann pleite geht – im Gegensatz zur Konkurrenz, deren Kredite ihren Wert erhalten. Kredite sind nicht generell ein Problem. Zeitweise mehr Geld zu investieren, als man sich angespart hat, ist auch nicht zwangsweise ein Problem – aber nur unter marktwirtschaftlichen Bedingungen, also wenn man für schlechte Investitionen bestraft wird!

Radikal-liberale und linke Ökonomen sind also gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man meinen könnte. Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass die einen die Irrationalität des Staates kritisieren, der den Markt sabotiert, und die anderen die Irrationalität der Märkte, die den Staat ausbluten lassen. Faktisch jedoch sind beide Irrationalismen systemisch miteinander verbunden: Ohne die Irrationalität der Märkte würde sich der Staat nicht so irrational verhalten – und umgekehrt! Wer zwanghaft an alten ideologischen Denkschablonen festhält („links“ versus „liberal“), wird diesen systemischen Zusammenhang niemals begreifen können.

Ökonomie ist nicht einfach eine „ideologische Denkschablone“, sondern eine Wissenschaft. Schmidt-Salomon sieht alles aus einer dezidiert marxistischen Denkschablone, lediglich mit individuellen Variationen, und darum bemerkt er das nicht.

Was mich am meisten nervt und ärgert über Schmidt-Salomons Schriften ist seine Tendenz, Andersdenkenden schlicht eine „ideologische Denkschablone“ zu unterstellen. Er ist, wie es scheint, der einzig aufgeklärte Mensch auf dem gesamten Planeten! So lautet auch das Thema seines neuen Buches Keine Macht den Doofen! Wer sind „die Doofen“? Alle Menschen außer Michael Schmidt-Salomon! Er selbst behauptet zwar in der Einleitung, er würde sich auch nicht für so schlau halten – aber aus der Perspektive eines bescheidenen, nachdenklichen Menschen schreibt man kein Buch, das fast nur aus Beleidigungen von Andersdenkenden besteht!

Leider gehen die negativen Rezensionen auf Amazon beinahe völlig am Thema vorbei; wieder verteidigen gläubige Menschen an dieser Stelle das, was rational nicht verteidigt werden kann, und assoziieren den „Neoatheisten“ mit allerlei Schrecklichkeiten (Peter Singers frühere Ansichten, die Huxleys Schöne Neue Welt – man kennt es zur Genüge). Dabei hätte man hier die Gelegenheit, einmal auf die anderen Aspekte seines Denkens zu reagieren, die man viel einfacher kritisieren könnte. Wären die christlichen Rezensenten nur nicht ebenfalls links!

Als Reaktion darauf glaubt die MSS’sche Anhängerschaft, es gäbe keine rationalen Einwände gegen die Perspektive des Autors. Dabei wird er wahrscheinlich nur ignoriert von jenen, die problemlos eine fundiertere Kritik schreiben könnten. Weitgehend.

Literatur

Über den Ursprung der Menschenrechte:

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B002EZZ4FA&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

Liberale Ökonomie: Über Sparen und den Goldstandard:

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B002OSXD6E&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=terrrott-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B0022NHOL6&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

22 Kommentare zu “Sie sind gekommen, um uns aufzuklären

  1. Dennis sagt:

    Ob Andreas M. wohl noch immer für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintritt?

    • derautor sagt:

      Das hatte ich mir mal als staatliche Investitionshilfe vorgestellt, als Antrieb für Höheres. Aber es soll ja Leute geben, die sich irgendwann mal weiterentwickeln. Wobei ich nicht wirklich viel über das Grundeinkommen geschrieben hatte.

  2. freeman sagt:

    Brr.
    Seine Ansichten zur Ökonomie sind sowas von absurd, daß ich mich frage, wie so jemand dazu kommt, den Rest der Menschheit kurzerhand als „doof“ zu bezeichnen.

    Sparen ist böse, Konsum ist gut.
    Aha.
    Der Sparer treibt also jemanden anderen in die Verschuldung, indem er ihm Konsum im Jetzt ermöglicht, den er sonst auf später verschieben müsste.
    Wenn nun der Sparer ein „guter Mensch“ sein will und lieber selbst konsumiert, hat der Andere zwar keine Schulden bei ihm, allerdings konnte er das Gut, für das er sie eigentlich aufgenommen hatte auch nicht konsumieren, obwohl ihm dieses so wichtig war, daß er dafür sogar Schulden aufgenommen hätte.

    Wir haben also 2 Menschen die unglücklicher sind als sie eigentlich sein müssten: Der Sparer, der sein Geld in kurzfristigem Konsum verpulvern musste anstatt sein höheres, langfristiges Ziel zu verfolgen, und der Schuldner, der seinen Konsumwunsch nicht zeitgerecht erfüllen konnte.
    Ein sehr erfolgreiches Wirtschaftsmodell.

    Gibt es wirklich Menschen die derartigen Stuss glauben?

  3. Martin sagt:

    Tja, das ist wirklich traurig. Hmmmm. Da drängt sich wirklich stark der Vergleich mit Religion auf. Auch hier scheint bei Leuten, die sonst zu wirklich klarem, rationalen und kritischem Denken fähig sind, bei bestimmten Bereichen all das außer Kraft gesetzt zu werden. Bei manchen Religiösen setzt der Verstand aus, wenn’s um ihren Glauben geht, bei anderen wenn es an’s in Frage stellen Ihrer Ideologie geht. Das scheint mir in diesem Fall bei MSS der Fall zu sein.

  4. Dennis Leicher sagt:

    Denke für den ausführlichen Artikel!

    Ich könnte jetzt sagen, ich hab’s ja gewusst (und vor einiger Zeit auch hier im Kommentarbereich geschrieben), aber lassen wir das mal…

    Was MSS an ökonimischen Theorien verbreitet sind die dollsten Absurditäten und genau das Problem unserer Wirtschaften. Dass er auch noch meint, „die doofen Politiker“ wären Sparer und würden somit unsere Öknonomie zerstören, setzt dem ganzen die Krone auf.

    Zum Thema empfehle ich MSS und natürlich auch sonst das sehr gute Buch von Rahin Taghizadegan „Wirtschaft wirklich verstehen“, das sehr anschaulich in die Österreichische Schule der Önonomie (Mises, Hayek, Rothbard) einführt und unter anderem mit solchen „Sparen-ist-böse“-Mythen aufräumt.

    Wer es feuriger haben möchte, sollte das letzte Buch des kürzlich verstorbenen Roland Baader („Geldsozialistmus“) lesen. Baader war übrigens ein bekennender Christ, er wird es also wohl kaum ins Bücherregal von MSS schaffen…

    • derautor sagt:

      Die Frage ist jetzt nur, ob er das aus Unwissenheit macht oder mit Absicht.

      Von Rothbard halte ich allerdings nichts, der ist Anarchist und seine Ansichten stehen somit in grobem Widerspruch zu Mises, Hayek und Ayn Rand. Was er fordert (Privatisierung auch der elementaren Staatsaufgaben, Sicherheit und Recht, also Privatisierung des Gewaltmonopols), würde genau zu dem Zustand führen, gegen den Mises und Rand Zeit ihres Lebens angeschrieben haben: Zu einem gewalttätigen Machtkampf verschiedener Gangs um das Recht, die Bürger eines Staates zu versklaven. Was klassisch Liberalen oft fälschlich vorgeworfen wird, trifft auf Rothbard tatsächlich zu.

      Danke für die Buchtipps!

      • Dennis Leicher sagt:

        Rothbard repräsentiert die eine Richtung der sogenannten „Libertären“ (also der klassisch Liberalen), die andere Richtung sind die Minimalstaatler, zu denen ich mich auch zählen würde. Insofern gebe ich dir Recht. Seine Gedanken sind aber dennoch sehr inspirierend, denn er versucht die liberalen Thesen konsequent zu Ende zu denken. Dass er dabei über das Ziel hinausschießt und selbst den Minimalstaat (der das Individuum doch von dem Krieg aller gegen alle befreien soll) als ein Übel ansieht, steht auf einem anderen Blatt. Roland Baader hat einmal gesagt, die staatsfreie Gesellschaft sei sein Leitstern, seine Utopie, die sich niemals verwirklichen lässt, auf die man sich aber ausrichten sollte, um dem Etatismus entgegenzuwirken.

        Was im Übrigen Rothbards ökonomischen Analysen angeht, so hat er einiges zur Weiterentwicklung der Österreichischen Schule beigetragen.

    • arprin sagt:

      Baaders Buch Geldsozialismus kann man wirklich empfehlen. Es erklärt dem einfachen Bürger das Grundübel unseres Systems. Ein bisschen zu reißerisch geschrieben, aber dennoch herausragend.

      Seine Thesen zusammengefasst:

      -Das Fiat Money, also „krankes Geld“, führt zu ewigen künstlichen Booms und darauffolgenden Busts, bis schließlich die Zivilisation zusammenbricht (das folgt also noch).
      -Inflation ist immer monetär bedingt.
      -Regierungen und Zentralbanken sind die beiden „Totengräber der Zivilisation“.
      -Die FED ist eine kriminelle Organisation, Greenspan und Bush sind die beiden größten Personen der Weltgeschichte, weil sie das reichste Land aller Zeiten bankrott gemacht haben.

      Auch seine Ausführungen zur Weltwirtschaftskrise in den 1930ern sind sehr interessant. Er zitiert Robert Murphy, wonach es Rossevelt war, der mit seinem Interventionismus die Krise erst zur Depression gemacht hat. Es gab eine viel schlimmere Krise 1920, die nach einem Jahr vorbei war. Viele liberale Autoren werden in dem Buch, teilweise über mehrere Seiten, zitiert, dazu gibts noch ein Exkurs über die Geschichte der Austrians und der Keynesianer, die er als „Geld-Spinner“ bezeichnet.

      Schade, dass Baader kaum beachtet wurde. Die Achse hat ihm ja zu seinem Tod ein Nachruf gewidmet. Ich kann auch über seine Ron Paul-Schwärmerei und sein christliches Gesülze hinwegsehen. So behauptet er allen ernstens, dass die USA deshalb so freiheitsliebend sind, weil sie christlicher wären als die Europäer. Ist aber nicht so schlimm, Gauck ist ja auch Pastor.

      Rothbard gehört sicher nicht in eine Reihe mit Mises, Hayek, Rand usw. Die „Libertären“, Rothbard, Paul usw., sind meiner Meinung nach Anarchisten und Isolationisten. Wobei: Ayn Rand war auch gegen den amerikanischen Kriegseintritt in den 1. und 2.Weltkrieg…

      Der bekannteste deutschsprachige Vertreter der Libertären ist Hans-Hermann Hoppe. Die Achse hat seine Thesen auseindergenommen:

      http://www.achgut.de/dadgd/view_article.php?aid=1361

      „Drei Tage mit Hans-Hermann Hoppe sollten uns einen tieferen Einblick in seine Sicht der Welt geben, so erhofften wir uns. Und in der Tat, wir haben einen Einblick in Hoppes Welt bekommen, auch wenn er vielleicht anders als erwartet ausfiel. Am Ende dieser drei Tage waren wir der Meinung, dass Hoppes Libertarismus genau das Gegenteil des Liberalismus ist und eine Gefahr für die Freiheit darstellt.“

      Hoppes Fans haben darauf geantwortet:

      http://www.freitum.de/2011/01/httpwwwbloggercomimgblankgif.html

      Selbst wenn Hoppe radikal-homophob sein sollte, so ist die von ihm propagierte, anarchokapitalistische Gesellschaft, in der das Selbsteigentum geschützt wird, ein freiheitliches Paradies auf Erden:
      Hier könnte tatsächlich jeder so leben, wie es ihm gefällt. Rassisten könnten sich ihre arisch-befreite Zone auf ihrem Eigentum errichten und morgens mit Hitlergruß das Hissen der Reichskriegsflagge begleiten. Schwulenfeinde könnten ein großes Schild an ihre Tür hängen: „Kein Zutritt für Schwuchteln!“ Und die Juden und die Homosexuellen und all die anderen könnten das gleiche mit Nazis oder sonst wem machen, solange keiner Leben, Freiheit und Eigentum des anderen verletzt.

  5. Für jeden Euro, den Sie ansparen, muss irgendjemand einen Euro ausgeben, der ihm nicht gehört. Steigen also Ihre Ersparnisse, so müssen auf der anderen Seite auch die Schulden steigen.

    Solche Aussagen hört man in diversen Variationen sehr, sehr oft. Das ist keine Spezialität von MSS. Krugman, Stiglitz, Münchau und Co erzählen das den ganzen Tag. Seit Jahren schon. Münchau hat diese Schallplatte zum Beispiel mal wieder in seiner aktuellen SpOn-Kolumne vom 22. Februar aufgelegt. Keynes war in den 20ern/30ern mit der Erste, der diese Theorien verbreitet hat.

    Im ersten Moment hören sich diese Theorien total absurd an, im zweiten Moment wird man Keynes glauben, im dritten Moment kann man die Theorie getrost wieder verwerfen, im vierten Moment muss man dann wieder feststellen, dass es nicht ganz gelogen ist. Die linken Ökonomen sagen nur nicht alles. Auf diesem Stand bin ich gerade.

    Das heutige Schuldgeldsystem ist relativ komplex. Das sollte man erst einmal verstehen. Und dann kann man vielleicht diese Halbwahrheiten der linken Ökonomen kritisieren. Ich bin sicher Hayek, Mises und Co haben auch genug zum Thema geschrieben. Das muss man aber erst einmal finden. Ich arbeite schon lange an mehreren Artikeln zum Thema. Wer einen guten Link zum Thema hat, kann ihn gerne posten, wenn der Autor nichts dagegen hat.

    Mein aktueller Stand ist: Unsere momentane Art der Geldschöpfung ist ein Schuldgeldsystem. Neutraler sagt man auch Giralgeld. Jedem Guthaben auf einer Bank, steht eine Verbindlichkeit in exakt gleicher Höhe gegenüber. Wenn man einige Dinge weglässt, dann kommt man also durchaus zu den Aussagen der linken Ökonomen.

    Es gibt auch zwei Alternativen zum jetzigen System. Alternativen, die sich im Gegensatz zu vielen anderen Hippie-„Alternativen“ auch noch nach fünf Minuten interessant anhören: Vollgeld und Free Banking. Beides kann man auch kombinieren.

    Auch unsere Linken arbeiten schon längst an einer „Alternative“. Sie lautet New Money Theory. Defizite sind immer gut, Überschüsse immer schlecht. Der Traum jedes Politikers. Dazu schreibe ich gerade auch etwas.

    Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die ganze westliche Wirtschaft seit WWII im Keynes-Modus fährt. Und das nicht einmal schlecht. Man muss „nur“ ein paar Grundregeln beachten. Regel #1: Keine Macht für MSS, keine Macht den Doofen. 😉

  6. Martin sagt:

    Würde ebenfalls „Geldsozialismus“ empfehlen, habe ich grade durch. Ziemlich polemisch, aber auch sehr klar und gut zusammengefaßt. Wird nicht das letzte sein, das ich von Baader, der mir bis dahin unbekannt war, gelesen habe.

    Auch recht gut zum Thema paßt „The Spirit Level Delusion“, eine kritische Betrachtung des Buchs „The Spirit Level“ von Wilkinson/Pickett.Erschien im Deutschen als „Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“…
    Der Author verwendet zum größten Teil dieselbe Datenbasis wie Wilkinson/Pickett, nimmt aber ein paar Staaten mit auf, die W/P absichtlich ausgelassen haben….warum wird sehr schnell klar.

    Bin zwar noch ganz am Anfang (ca. 10% der Kindle Ausgabe), aber es wird schon sehr deutlich, wie manipulativ Wilkinson/Pickett ihre Daten gewählt haben, ihre Graphen Kurven erzeugt und diese gedeutet haben.

    Scheint ein Muster zu sein. Was nicht in die Ideologie paßt, wird halt passend gedacht und gemacht, egal ob Studie oder Staat. Egal über wieviele Lügen und Leichen man dabei gehen muß.

  7. Dennis L. sagt:

    Sicher, diese Art der ökonomischen Betrachtungsweise ist keine Spezialität von MSS, sie ist, wie der American Viewer schreibt, so alt wie Keynes. Das ärgerlich ist, dass diese Irrtümer bereits kurz nach Keynes aufgedeckt wurden; nur wird dieser Strang der Wirtschaftswissenschaften geflissentlich ignoriert – mit fatalen Folgen.

    Die Aussage aber:

    „Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die ganze westliche Wirtschaft seit WWII im Keynes-Modus fährt. Und das nicht einmal schlecht.“

    möchte ich relativieren. Denn was wir zur Zeit erleben, ist der Anfang vom Ende dieser Wirtschaftsweise. Ich möchte wirklich keine Panik machen, aber da wird noch einiges auf uns zukommen. In Frankreich denkt man ja mittlerweile über einen Spitzensteuersatz von 75 % nach. Soetwas sind Anzeichen eines neuen Despotismus!

    Was die Literatur zum Thema betrifft, so ist es in der Tat so, dass vieles nur antiquarisch erhältlich ist und vieles nur auf Englisch.

    Bei Rahin Taghizadegan (den ich nochmals als Einführung empfehlen möchte) finden sich weitere Literaturhinweise.

    Die Klassiker sind auf jeden Fall:

    – Ludwig von Mises: Nationalökonomie (bzw. Human Action, die erweiterte englische Version)
    – F. A. von Hayek: Entnationalisierung des Geldes
    – Murray N. Rothbard: Man, Economy, and State
    – Murray N. Rothbard: Das Scheingeld-System

    An neueren Publikationen sind zu erwähnen:
    – die Schriften von Roland Baader: sie sind sehr polemisch, man spürt den Frust des ewig Ignorierten. Wer ihn kennen lernen möchte kann sich auch folgendes Interview anhören:

    – Polleit/von Prollius: Geldreform: Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld
    – Gregor Hochreiter: Krankes Geld, kranke Welt

    Warum diese Art des Wirtschaftens nicht nur fahrlässig ist, sondern auch moralisch zweifelhaft, zeigt:
    – J. G. Hülsmann, Ethik der Geldproduktion

    @ Amerikan Viewe: Kann man deine Artikel zum Thema irgendwo lesen?

    • freeman sagt:

      Taghizadegan wurde ja schon genannt – in aller Kürze finden sich einige Gedanken unter:
      http://www.wertewirtschaft.org/analysen/

    • Martin sagt:

      @Dennis L. : Auf seinem Blog mit der Kategorie „Kapitalismus“ bzw. „Finanzkrise“, würde ich vermuten:
      http://americanviewer.wordpress.com/

    • @Dennis L.
      Vielen Dank für den Link zum Video. Ich kannte her Baader schon, aber meine Zeit zum Bücher lesen ist begrenzt. Dieses Radio-Interview hat ihn mir endlich näher gebracht. Da ist wirklich alles dran und alles drin. Genial.

      Denn was wir zur Zeit erleben, ist der Anfang vom Ende dieser Wirtschaftsweise. Ich möchte wirklich keine Panik machen, aber da wird noch einiges auf uns zukommen. In Frankreich denkt man ja mittlerweile über einen Spitzensteuersatz von 75 % nach. So etwas sind Anzeichen eines neuen Despotismus!

      Das ist der einzige Punkt, an dem ich wie schon angedeutet widerspreche. Dieses heutige System kann (leider) sehr, sehr lange überleben.

      Mit Untergangsprophezeihungen bin ich vorsichtig. Keynes kannte genau die Tücken seines Systems, aber seine Philosophie ist nun einmal „in the long run we’re all dead“. Damit hat er ja auch nicht unrecht. Es ist geradezu göttlich komisch, dass eine Linke, die ja ansonsten gerne „Nachhaltigkeit“ über alles stellt und die Atommüll-Entsorgung für Millionen Jahre im Voraus plant, der Philosophie von Keynes gefolgt ist. Darüber muss man ja erst einmal lachen.

      Punkt zwei: Das was Sie als „Despotismus“ bezeichnen, das ist leider die Regelmäßigkeit. Die Menschen vergessen nur leider sehr schnell. Schauen Sie sich nur einmal unsere Einkommenssteuern um die Weltkriege an. FDR ging hoch bis 94%! Da gibt es kein Entrinnen. Auch Gold half einem nicht. Der Besitz von Gold wurde einfach verboten.

      Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass das System untergeht. Das System ist relativ zäh und flexibel. Mir geht es eher darum, dass endlich mehr Menschen klar wird, dass dieses System allen Menschen schadet, weil es eben nicht marktwirtschaftlich und nicht rational vorgeht.

      P.S. Die Artikel schreibe ich momentan wiegesagt noch. Das kann noch ein bisschen dauern.

      • Dennis L. sagt:

        Sie haben natürlich Recht, Untergangsprophezeiungen kritisch gegenüber zu sein. Aber trotzdem haben wir mittlerweile einen Punkt erreicht, wo die Finanzierunge des allumfassenden Sozialstaats über Schulden nicht mehr lange möglich ist. Der Schuldendienst verschlingt selbst in so „stabilen“ AAA-Staaten wie Deutschland bereits einen enormen Anteil am BIP; und irgendwann ist halt nichts mehr über und dann wird geschröpft. Griechenland steht jetzt schon am Abgrund, dabei machen sie noch nicht einmal eine Radikalkur; die griechische Wirtschaft ist auch so nicht leistungsfähig, der Teifpunkt also noch lange nicht erreicht. Und wer wird am Ende Deutschland etc. retten, wenn es so weit ist? Das wird zwangläufig gesellschaftliche Verwerfungen nach sich ziehen.

        Gewiss ist dieser „Despotismus“ bereits Regelmäßigkeit. Wenn man vom Naturrecht argumentiert, kann man es aber nicht anders bezeichnen. Das Recht auf Eigentum wird massiv eingeschränkt – und das ist Despostismus!

        • Aber trotzdem haben wir mittlerweile einen Punkt erreicht, wo die Finanzierunge des allumfassenden Sozialstaats über Schulden nicht mehr lange möglich ist.

          Da habe ich ja leider meine Zweifel. Die FED macht das schon seit mindestens dem ersten Weltkrieg. Andere Staaten auch. Das funktioniert fast ewig, wenn man es richtig macht. An bestimmen Punkten, kann man auch einfach die Bürger abschöpfen. Direkt abschöpfen ist natürlich unschön, das machen Politiker wie FDR nur zu Kriegszeiten. Im Normalfall geht man immer über Inflation. Vor „Inflation“ haben die Deutschen panische Angst, ich weiß, aber rein nüchtern betrachtet, führt mittlerweile kein Weg mehr daran vorbei.

          Eine moderate Inflation frisst die Schulden relativ gut auf. Man muss sich nur mal die Entwicklung nach WWII angucken, da wurde es ähnlich gemacht. Wir Amerikaner können nur schwer an unseren Schulden kaputt gehen, wir haben die Notenpresse in der Hand. Die EZB darf ihre Notenpresse momentan nicht so direkt benutzen wegen den Deutschen, aber rein praktisch macht Draghi natürlich nichts anderes.

          Dass die Deutschen sich gegen die EZB wehren ist verständlich, denn Europa ist keine Bundesrepublik. Die Deutschen verlieren durch den EZB-Kurs massiv Vermögen. So oder so. Deutschland hätte spätestens 2010 aus dem Euro aussteigen müssen, aber das wollte Merkel nie und jetzt ist es langsam zu spät. Jetzt werden sich die Niveaus in Europa angleichen müssen, so wie die Gleichheitsfanatiker das wollen. Für Klassenprimus Deutschland heißt das wohl oder übel Abstieg.

          Inflation hat sicherlich auch Vorteile. Menschen als Masse gesehen sind einfach nicht die Hellsten. Kaum jemand akzeptiert eine Lohnkürzung von 2%. Da fühlt man sich verarscht. Psychologisch erträgt der Mensch keine Verluste. Der Unternehmer kann daherkommen und sagen diese Lohnkürzung ist wichtig, weil unser Produkt nicht gut genug ist. China produziert das auch nur viel im Moment eben viel billiger. Viele sehen das nicht ein. Sie treten dann in Gewerkschaften, kämpfen um eine Lohnerhöhung von 3% und sind mächtig happy, auch wenn die Inflation bei 5% liegt. 3% sind 3%! Yeah.

  8. pinetop sagt:

    Lieber Feuerbringer-Autor, es ist immer wieder anregend, Ihre Ausführungen zu lesen. Besonders wenn es um Ökonomie geht. Ich möchte an dieser Stelle an Ralf Dahrendorf erinnern, der kurz vor seinem Tod einen bedeutenden Artikel im Merkur veröffentlichte. Er erklärte die Finanzkrise mit einem Mentalitätswandel und suchte nicht die Schuld im marktwirtschaftlichen System.

  9. Martin sagt:

    Etwas OT und kennt wahrscheinlich auch eh jeder:
    Eine reichhaltige Literatursammlung zum Thema Ökonomie (und Umfeld) in elektronischer Form, zum kostenlosen Download, findet man auf der Seite des Ludwig von Mises Institute:
    http://mises.org/Literature

    Sehr empfehlenswert.

  10. Logine sagt:

    Zur „christlichen Errungenschaft“ der Menschlichkeit und ethischen Gebotes: http://de.wikipedia.org/wiki/De_officiis

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