“Warum darf man Kinder und Behinderte nicht töten?”

(Update: Potenziell missverständliche Passagen korrigiert)

Diese Frage wurde mir oft gestellt. Viele Leser sind der Meinung, dass es aus der Perspektive der Vertragstheorie keinen Grund gäbe, Schwache, Behinderte und Kinder am Leben zu lassen. Wenn nämlich Menschenrechte nur für moralische Akteure gelten, da sie ihrem Überlebensinteresse dienen, und nicht für Tiere, dann dürften sie auch nicht für Menschen gelten, die keine moralischen Akteure sind. Verantwortlich für die Sichtweise, dass man darum Rechte auch auf Tiere ausweiten müsste, ist praktisch ausschließlich der Utilitarist Peter Singer, dessen Ethik auf Sonderfällen  (“aber was ist mit einem Kind, das kein Gehirn hat?”, etc.) begründet ist.

Der Kritik an der Vertragstheorie zufolge würde es in unserem rationalen Eigeninteresse liegen, Kinder und Kranke einfach zu töten. Bedenkt man, dass wir selber mal Kinder waren und jederzeit krank und behindert werden können, erscheint mir das sehr weit hergeholt. Schließlich könnten wir dann in bestimmten Lebensabschnitten selbst getötet werden (und das soll in unserem rationalen Eigeninteresse liegen?). Zudem beruht diese Meinung auf der Annahme, wir hätten kein rationales Eigeninteresse am Wohl von unseren eigenen Kindern und unseren behinderten Verwandten und Freunden, sodass deren Rechte staatlich nicht geschützt werden müssten. Selbst mit der Idee, fremden Kindern und Kranken das Lebensrecht abzusprechen, erscheint mir ein nicht geringes Risiko verbunden zu sein.

In der Tat haben laut dem Objektivismus behinderte Erwachsene keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung, da diese erfordert, dass Menschen zum Wohle von Behinderten, die am anderen Ende des Landes leben, die sie nie getroffen haben, noch jemals treffen werden, unfreiwillig Sklavenarbeit verrichten – Arbeit, für die man sie nicht bezahlt (genauer: der Anteil der Arbeit, dessen Lohn sie unfreiwillig abgeben müssen, ist in den meisten Fällen nicht mit einer Gegenleistung verbunden). Dies ist, im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung, ethisch nicht zu rechtfertigen. Jedenfalls wüsste ich gerne, wie das funktionieren sollte – eine private, also freiwillige Versicherung ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen.

Wer nun daraus aber schließt, dass diejenigen, nicht gerade zahlreichen Schwerbehinderten ohne Angehörige, die sich um sie kümmern (wozu sie verpflichtet wären) darum einfach verhungern müssten, der hat eine derart negative Meinung vom Menschen an sich – er traut ihm nicht einmal zu, den unzähligen privaten Wohlfahrtsorganisationen genügend Geld zu spenden, um sich um diese wenigen Personen in unserem eigenen Land zu kümmern, wo sie sich doch heute schon um viele, viele mehr kümmern! – dass es mir schlichtweg den Atem raubt. Wenn die Menschen bereit sind, sich vom Staat ohne Gegenleistung bestehlen zu lassen, so werden sie erst recht bereit sein, freiwillig für wirklich sinnvolle Projekte ein wenig Geld zur Verfügung zu stellen!

Und dies wird mir angeboten als klare Widerlegung des Objektivismus und der zugehörigen Vertragstheorie, auf der, nebenbei erwähnt, unser liberaler Rechtsstaat aufbaut. Der Utilitarismus und nicht “das Gerede von Rechten” ist Unsinn auf Stelzen, um Jeremy Bentham zu paraphrasieren.

Mehr zum Thema bietet der Philosoph Edgar Dahl:

http://www.scilogs.de/wblogs/blog/libertarian/allgemein/2011-07-06/das-recht-des-st-rkeren

Was tue ich gerade?

Aktuell blogge ich wieder etwas weniger, weil ich mit Hochdruck an meinem nächsten Buch, Der Westen Ein Nachruf arbeite. Dieses ist eine Sammlung von meinen besten Essays (überarbeitet und erweitert), um die mich viele Leser gebeten haben und der Nachfolger zu meiner Satiresammlung Ist der Wald endlich tot?.

Gastbeiträge und neue Beiträge von mir sind wieder mit von der Partie. Es wird mein umfangreichstes Buch werden; über doppelt so lang wie der Vorgänger, also über 200 Seiten. Und im Verhältnis wird es natürlich auch ein bisschen mehr kosten, aber bei den geringen Kindle-Buch-Preisen wird das fast allen Lesern ziemlich egal sein, denke ich. Wenn alles glatt läuft, könnte es schon im April/Mai fertig sein.

Veranstaltungshinweis

Colin Goldner und Thomas Junker von der Giordano Bruno Stiftung werden neben anderen Dozenten an der  Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig in der Ringvorlesung Wo steht der Mensch? über Tierrechte und evolutionäre Psychologie sprechen. Ich bin ebenfalls als Dozent vertreten.

Termine

Mittwochs, 17:15 – 18:45

21. März 2012 – 20. Juni 2012

(Feuerbringer alias Andreas Müller: 28. März)

Ort

HTWK Leipzig, Karl-Liebknecht-Straße 132, 04277 Leipzig

Raum G119

Den ersten Vortrag der Reihe am 28. März – nach der Einführungsvorlesung von Dr. rer. nat. Martin Schubert am 21. März, versteht sich – werde ich halten. In meinem Vortrag wird es um die Fragen gehen, was die Aufklärung historisch gewesen ist und ob wir heute aufgeklärt sind, was “Aufklärung 2.0” bedeutet und warum wir sie brauchen. Die Vorträge sind alle allgemeinverständlich (Studium generale) und meiner natürlich ebenso.

http://www.htwk-leipzig.de/de/studierende/studium-generale/wo-steht-der-mensch/

Ich werde mich also vornehmlich darum bemühen, den “Geist der Aufklärung” audiovisuell erfahrbar zu machen. Ebenso gehe ich im zweiten Teil darauf ein, was ich heutzutage zur Gegenaufklärung zähle und begründe dies aus der Perspektive des Objektivismus, also meiner Aufklärungsphilosophie. Da wird es dann einige Überraschungen geben und ich freue mich schon auf die Steinigung (war nur Spaß, ich bin ja supernett, außerdem sind die Pflastersteine hoffentlich fest im Boden vor dem Gebäude verankert…).

13 Kommentare zu ““Warum darf man Kinder und Behinderte nicht töten?”

  1. anti3anti sagt:

    Warum “darf” man …
    Was bedeutet “darf”?, Wie wird es verwendet?
    Natürlich darf man, denn man tut!
    Das schlecht übersetzte Gebot lautet:
    Du “sollst” nicht töten!

  2. Lukas sagt:

    Ich bin schockiert, das es Menschen gibt, die ernsthaft darüber nachdenken Behinderte zu töten, da diese Kosten verursachen und keine Gegenleistung bieten. Wie kann man nur so kalt und herzlos denken? Ich frage mich wie sich diese egoistischen Menschen eigentlich die perfekte Welt vorstellen. Immer rational handeln und bitte keine Nächstenliebe. Das ergibt ja gar keinen Sinn und bringt nicht mal einen finanziellen Vorteil. Weg damit!
    Ihre Leser widern mich an.
    Ich überlasse zum Abschluss Arthur Schopenhauer das Wort:
    >>Die Philosophie muß, so gut wie Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde. Philosophie ist kein Algebra-Exempel. Vielmehr hat Vauvenargues recht, indem er sagt: les grandes pensées viennent du cœur [die großen Gedanken kommen aus dem Herzen].<<

    • derautor sagt:

      Es ist ein bisschen komplizierter. Einige Leser glaubten, mit diesem Einwand meine Philosophie des rationalen Eigeninteresses widerlegen zu können und ich habe aufgezeicht, dass sie das durchaus nicht können und dass es obendrein fragwürdig ist, dass sie selbst glauben sollten – fälschlicherweise – die Tötung von Kindern oder Behinderten könnte im rationalen Eigentinteresse von irgendjemandem liegen.

      • Stefan sagt:

        Gewiss nicht in meinem Eigeninteresse. Aber um bei meinem Beispiel zu bleiben; Ich bin mir sicher es gibt (tut mir (nicht) leid)Schlampen die ihre Kinder schon allein deshalb töten/verhungern lassen würden weil sie kein weiteres Jahr Windeln wechseln wollen. Ich bin natürlich nicht der Meinung man sollte dass tun. Und als Vegetarier der sich um das Leid von Tieren kümmert liegt es mir noch 100 mal ferner Behinderten ein Leid anzutun etc. Abgesehen davon hatte ich niemals vor dein rationales Eigeninteresse zu wiederlegen. Ich halte das für eine schlüssige Forderung und das Vertragsrecht kommt nur so zustande. Ich behaupte lediglich, dass wenn du aufgrund des Vertragsrechtes Tiere zu Fleischlieferanten verpflichtest, du gleichzeitig Probleme haben wirst z. B. Kleinkinder vor gewissen Müttern zu schützen bzw. sie konsequent zu kritisieren.

        Bis jetzt habe ich keinen Einwand gehört der in irgendeiner Weise auf Grund des Vertragsrecht Kindsmörder etc. verurteilen würde.
        Ja, wir kümmern uns um diese Menschen. Und ja natürlich würden wir das auch in einer freien Marktwirtschaft tun. Allerdings konnte ich noch nicht herausfinden ob (falls das möglich ist) und wenn ja wie man solche Handlungen als kriminell bezeichnen könnte.

  3. Sophian Philon sagt:

    Du sagst, dass du in Leipzig deine Philosophie vorstellst. Der “Text” unter “Philosophie” auf dieser Homepage ist aber ganz schön reduziert und besteht zur Zeit nur aus Stichpunkten. Überarbeitest du das gerade?

    Mich würde insebsondere interessieren, welchen Grundsätzen du im Bereich Ethik folgst. Du beziehst dich, wenn ich mich recht entsinne, in verschiedenen Artikeln auf Kontraktualismus, Ethischen Realismus, Ojektivismus und Naturrecht. Was haben diese Richtungen deiner Meinung nach gemein, wo gibt es Unterschiede. Oder hast du dazu schon einmal was geschrieben?

    • derautor sagt:

      Man muss eigentlich nur unter “Philosophie” auf den Link klicken und dort stellt jemand anderes systematisch die objektivistische Philosophie vor:
      http://www.objektivismus.de/

      Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen, aber ich werde mich darum bemühen, die Philosophie ausführlicher und allgemeinverständlich darzustellen.

      Außerdem: Ich sage nicht, dass ich in Leipzig meine Philosophie vorstelle. Dort geht es um die Aufklärung und im zweiten Teil um die Gegenaufklärung. Die Gegenaufklärung kontere ich mit objektivistischen Argumenten. Aber diese Vorlesung dient insgesamt nicht der Vorstellung meiner Philosophie.

  4. Nanomyte sagt:

    In dem Artikel werden individuelle Entscheidungsgewalt (Recht des Einzelnen auf X und Y) und staatlicher Justiz bzw. Judikative Gewalt des Kollektivs (Rechtlicher Rahmen für Entscheidungen der einzelnen Bürger auf X und Y) ein wenig vermengt.
    Das liegt wohl ein wenig am Mangel einer juristischen Ausbildung begründet.

    Ein Mehr an Schutz bzw. ein Mehr an Verantwortung ist nicht gleichbedeutend mit Einschränkung des Einzelnen, während ein Weniger an Schutz übrigens auch nicht gleich bedeutend ist mit einem Weniger an Verantwortung des Einzelnen. Sei es gegenüber den konkreten Angehörigen, seinem Haustier oder sonstwem.

    Obgleich ich viele deiner Beiträge schätze mangelt es dir an mindestens 4 Ecken an Wissen und Erfahrung, das du mal ausbügeln solltest.

    1.) Dein konkretes neurowissenschaftliches Wissen ist sehr bescheiden.
    D.h. die Zusammenhänge sind dir bestenfalls aus der populärwissenschaftlichen Journalen bekannt, nicht aus den Fachpublikationen.

    2.) Dir mangelt es an praktischem Umgang mit Menschen mit geistigen Behinderungen. Damit meine ich keine Kommentatoren hier, sondern z.Bsp. einem Praktika in einer Psychiatrie oder bei konkreten Pflegefällen.

    3.) Dir mangelt es an praktischen Umgang mit diversen Tieren, besonders bei unseren nächstverwandten Primaten (was ich dir mal wärmstens empfehlen kann) aber das lässt sich generell auf andere höhere Tierarten erweitern und damit sind übrigens keine Fliegen die hin und wieder im Haus rumschwirren gemeint.

    4.) Du hast einen sehr starken Hang zur extrem groben eigentlich totalitären Vereinfachung. Das ist bei denen die alles in den “rechten Topf” werfen genau gleich wie bei dir, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Das sollte einem Libertarian auch mal zu denken geben.

    • derautor sagt:

      1. Eigentlich lese ich vornehmlich aktuelle Studien ohne Vermittlung durch Dritte. Diese Vermittlung durch Dritte besteht allzu oft aus absurden Überinterpretationen.
      2. Wohl kaum, wenn man bedenkt, dass mein Bruder, den ich jeden Tag sehe, an einem schweren Fall von Autismus leidet.
      3. Leider hilft das nicht gegen Anthropomorphisierung, ganz im Gegenteil. Da hilft nur eine klare Philosophie.
      4. Mein Denken ist an klaren Prinzipien ausgerichtet, was eindeutige Bewertungen ermöglicht und erfordert. Das stößt in unserem “anti-ideologischen” Zeitalter auf Unverständnis, wobei “anti-ideologisch” leider in diesem Fall bedeutet, dass die Leute keine klaren Beurteilungskriterien besitzen, keine eigene Philosophie und nicht nur keine irrationalen Dogmen. Eindeutige Beurteilungsmaßstäbe bedeuten aber nicht, dass ich die Komplexität der Welt unterschätzen würde.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.