Leipzig: Nachlese

Erfreulich viele Besucher sind zu meinem Vortrag in Leipzig gekommen. Es hat also Vorteile, solche Veranstaltungen für Studenten verpflichtend zu machen. Zudem waren auch interessierte Bürger anwesend, was, wie man mir sagte, normalerweise nicht so ist. Ein gefüllter Hörsaal und nur wenige Zuhörer konnten mir vorzeitig entkommen; mehr kann man sich ja nicht wünschen.

Intuitiv hatte ich Schlimmes befürchtet, was die Konfrontation meines Hauptes mit Steinen angeht. Praktisch das gesamte Viertel inklusive Universität war zugepflastert mit linksradikalen Parolen auf Plakaten, Aufklebern, Autos, Menschen. Die Überwindung des Kapitalismus scheint die Hauptbeschäftigung der Leipziger zu sein. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, bedenkt man, dass dort überall noch immer – 20 Jahre nach dem Mauerfall – Kräne herumstehen, die die Verwüstungen des Sozialismus mühevoll beseitigen. Zugegeben trägt der Kapitalismus nur einen Teil der Kosten der Aufbauarbeiten. Der größere Teil wird von einem weiteren Staat übernommen, von Westdeutschland. Insofern sollte man sich nicht wundern, wenn das antikapitalistische Abhängigkeitsverhältnis zum Staat in den Köpfen der Ostdeutschen fortbesteht.

Ob meiner einschüchternden Erscheinung wagte es kaum jemand, mir während des Vortrages zu widersprechen, aber zum Glück sind danach ein paar Besucher mit kritischen Kommentaren zu mir gekommen. Diese waren recht interessant und ich möchte kurz hier noch einmal darauf antworten, weil es wohl noch mehr Hörer und Leser geben dürfte, die sich dafür interessieren könnten.

1. Die Anmerkung über Singer

Ich hatte ursprünglich vor, Peter Singers Philosophie, den Präferenzutilitarismus, kurz meiner eigenen, dem Objektivismus (in diesem Teilbereich: Vertragstheorie) entgegenzustellen. Dafür wollte ich erklären, dass Utilitaristen am größten Glück für die größte Zahl interessiert sind und darum Rechte nur als zulässig erklären, insofern sie ihren Glücks-Kalkulus bereichern.

Peter Singer versuchte, das Konzept der Menschenrechte zu hinterfragen – um Tierrechte befürworten zu können -, indem er aufzeigte, dass nicht nur Tiere, sondern auch einige Menschen nicht die Kriterien erfüllen, die von meinem Lager für Menschenrechte angeführt werden.

Manche Menschen sind demnach keine moralischen Akteure, sie können keine moralischen Entscheidungen treffen, also hätten sie keine Rechte (oder Tiere haben auch Rechte, bzw. müssten wir die Interessen von Tieren ebenso einbeziehen). Darauf wollte ich antworten und darauf habe ich auch ansatzweise geantwortet, dass man bei einer Begründung von universellen Rechten und Gesetzen nicht von abweichenden Sonderfällen ausgehen kann und dass es zu riskant für alle wäre, einigen Menschen die elementaren Grundrechte abzusprechen.

Um den Unterschied zwischen den Positionen möglichst plakativ aufzuzeigen, habe ich etwas in der Richtung gesagt, dass es laut Singer schwerbehinderte Menschen gebe, die sich auf dem intellektuellen Niveau einer Kartoffel befänden, also warum sollten sie Rechte haben? An dieser Stelle wurde mir von einem Zuhörer widersprochen, also habe ich Singers Behauptung zunächst mit Einschränkungen bestätigt, indem ich darauf hinwies, dass Menschen, die unter einem schweren Fall der Anenzephalie leiden, die also kein Gehirn (!) haben, sich ja tatsächlich auf dem intellektuellen Niveau einer Kartoffel befänden. Ich hatte gefragt, ob jemand ein Problem damit hätte, aber da waren die Zuhörer wohl zu eingeschüchtert.

Nach dem Vortrag konfrontierte mich eine Zuhörerin mit der Bemerkung über die Schwerbehinderten und glaubte, ich würde Singers Position teilen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Menschenrechte gelten universell und auch für die von Singer angeführten Sonderfälle. Dass es de facto sehr wenige Menschen gibt, deren Behinderung ihnen alle geistigen Funktionen bis auf die bloße Erhaltung der Körperfunktionen raubt, dürfte keine Neuigkeit sein. Es wäre unsensibel gewesen, ihnen nun zu unterstellen, sie befänden sich auf dem intellektuellen Niveau einer Kartoffel (wobei es mir andererseits egal wäre, was man mir unterstellt, wenn ich kein Gehirn hätte), allerdings war dies als überspitzte Darstellung der Position eines anderen Philosophen, mit dem ich nicht einer Meinung bin, gedacht.

Um diese womöglich mangelhafte Fairness gegenüber Singer auszugleichen, habe ich daraufhin empfohlen, seine Bücher zu lesen, was man leider auch anders verstehen konnte. In der Tat wurde dadurch der Eindruck erweckt, Philosophen würden ganz beliebig und ohne guten Grund eine der vielen Positionen auswählen und diese vertreten, während sie die anderen Philosophien auch großartig finden und Studenten empfehlen, auch die Bücher anderer Philosophen zu lesen.

Zwar sollte man Singer nicht diabolisieren, aber seine Philosophie ist trotzdem utopistisch und sie hätte katastrophale Auswirkungen. Ihm zufolge sollen wir jene, mit denen wir zusammenleben, nicht eher unterstützen als einen bedürftigeren Menschen in einem anderen Land. Wenn wir sehen, wie in einem See ein Kind ertrinkt, so sollten wir diesem ebenso helfen, wie wir einem verhungernden Kind in Afrika helfen würden. Wir dürften unser eigenes Kind nicht mehr lieben und umsorgen als irgendein Kind auf der anderen Seite des Erdballs. Er glaubt ferner, die Armut auf der Welt würde durch Einkommensungleichheit ausgelöst werden, nicht etwa durch die Abwesenheit freier Märkte und somit Chancen für die Armen, ihren Wohlstand zu erhöhen.

Mit der Frage konfrontiert, ob man lieber einen Menschen oder eine Maus aus einem brennenden Gebäude retten sollte, antwortete Singer, dies hänge vom Zustand des Menschen ab. Normalerweise würde er den Menschen retten, aber wenn dieser einen so starken Gehirnschaden erlitten habe, dass er in einem Zustand der unaufhebbaren Bewusstlosigkeit leben würde, so würde Singer lieber die Maus retten.

Da stellt sich unter anderem die Frage, woher man wissen sollte, dass jemand niemals aus einem Koma erwachen wird oder dass sein Gehirnschaden für seine Lebenszeit nicht reparierbar bleiben wird. Offenbar sind diese Fragen nicht gut genug für Singer, wenn das Leben einer Maus auf dem Spiel steht.

Quelle, z.B.: http://www.princeton.edu/~psinger/faq.html

2. Fragen zu Aufbau und Inhalt

Es gab einige Unklarheiten über den Zusammenhang zwischen dem Titel des Vortrags, „Aufklärung 2.0“, und seinem Inhalt. Der Vortrag befasste sich im ersten Teil mit Definition und Geschichte der Aufklärung und im zweiten Teil attackierte er aus der Perspektive des Objektivismus, also dem, was ich für die aktuell überzeugendste Form der Aufklärungsphilosophie halte, die moderne Gegenaufklärung. Darum „Aufklärung 2.0“.

Da ich als ehemaliger Mitarbeiter der Giordano Bruno Stiftung vorgestellt wurde, habe ich an passender Stelle erklärt, dass ich nicht mehr vollständig deren Philosophie vertrete, noch für sie spreche. Im Nachhinein stellten mir einige die Frage, inwiefern dies so sei. Ich habe drei Punkte angeführt:

1. Die GBS vertritt überwiegend einen reduktionistischen Naturalismus, darunter einen reduktionistischen Monismus, laut der der menschliche Geist entweder auf Gehirnprozesse reduziert werden könne, beziehungsweise laut der er eine „Emergenz“ von Gehirnvorgängen darstelle, also wie die Chemie übergeordnete und auch neue Phänomene der Physik untersucht, die Biologie die nächste Abstraktionsstufe nach der Chemie darstellt, so sind die Geisteswissenschaften eine weitere Abstraktionsstufe nach der Biologie. Alle davon beruhen allerdings auf deterministischen Naturgesetzen.

Derweil vertrete ich einen nicht-reduktionistischen Monismus, laut dem der Geist nicht auf eine niedrigere Stufe reduziert werden kann und er auch nicht nur eine weitere Abstraktionsstufe darstellt mit ein paar neuen Eigenschaften. Geist und Körper bilden zwar eine Einheit, sind aber unterschiedliche Phänomene und der Geist geht nicht einfach aus dem Körper hervor. Der Geist ist außerdem nicht determiniert, sondern wir verfügen über ein „voluntaristisches Bewusstsein“, das sich selbst seine Ursachen aus einer gegebenen Menge ausaussuchen kann.

Warum ist das wichtig? Weil diese Unterschiede seitens der GBS zu einer Leugnung der Willensfreiheit führen. Wir wären nur Spielbälle unentwirrbarer, unsichtbarer Kräfte, die unser Leben bestimmen. Diese Haltung ähnelt jener der Calvinisten, laut der unser Schicksal vom mysteriösen Willen Gottes vorherbestimmt sei.

2. Ich widerspreche den m.E. nihilistischen Aussagen und Werbesprüchen von Michael Schmidt-Salomon (wir wären der „Neandertaler von morgen“ und ein „nackter Affe“). Eine humanistische Philosophie sollte lebensbejahend sein. MSS glaubt, er müsse zur menschlichen „Demut“ beitragen, aber in diesem Punkt bin ich eher auf der Seite von Nietzsche, der die Demut als christliche Sklavenmoral ablehnte. Mir müssen davon überzeugt sein, dass wir in dieser Welt bestehen können oder wir sterben. Die Behauptung, wir würden sowieso aussterben ist ebenso katastrophal wie die Implikation, wie wären nur eine Affenart, müssten also gar nichts tun und würden automatisch durch Instinkte überleben.

3. Ich widerspreche den politischen Ansichten von Michael Schmidt-Salomon, die ihn dazu verleiten, Menschen wie den Philosophen Edgar Dahl und mich nicht in seiner Stiftung haben zu wollen, weil wir wirtschaftsliberal sind. Bedenkt man, dass der Kapitalismus zu den größten Errungenschaften der Aufklärung gehört, ist es schon bemerkenswert, dass sich der öffentlich sichtbarste Aufklärer unseres Landes gegen die „Finanzwirtschaft“ und „Kasinokapitalismus“ aussprechen sollte, wie es MSS in seiner aktuellen Streitschrift Keine Macht den Doofen tut. Sieht man sich die diversen Ansichten von MSS näher an, etwa über freie Liebe und die Gutmütigkeit von der Zivilisation unbeeinflusster Kinder, so fühlt man sich eher an Rousseau erinnert als an Voltaire.

Die Unterscheidung des Guten und des Bösen, die, wie im Vortrag belegt, für Christoph Martin Wieland und Friedrich Schiller ein zentraler Faktor der Aufklärung war, lehnt MSS fernerhin ab, wie er in Jenseits von Gut und Böse schreibt. Menschen seien nicht wirklich für ihre Handlungen verantwortlich, da diese deterministischen Kräften unterlägen. Wir sollten also tendenziell lieber vergeben, als bestrafen.

3. Wo sind die Belege?

Ein naturwissenschaftlich ausgerichteter Student kritisierte den Mangel an empirischen Belegen für meine Philosophie, beziehungsweise, dass ich diese nicht genannt hätte. Nun muss man zunächst wissen, wie sich Philosophie und die Naturwissenschaften voneinander unterscheiden.

Die Philosophie bietet eine Rahmenerklärung für alle Einzelfakten und Einzeltheorien. Sie identifiziert und integriert nicht nur Sinneseindrücke, sondern auch die Ergebnisse der Naturwissenschaften. Die Philosophie ist selbst keine Naturwissenschaft, auch wenn sie ebenfalls systematisches Denken erfordert. Sie ist eine Geisteswissenschaft.

Ich habe keine naturwissenschaftliche Theorie vorgestellt, wofür es nötig gewesen wäre, Alternativtheorien zu hinterfragen und Studien vorzustellen, sondern eine Philosophie, und darum habe ich andere Ansätze aus der Philosophie vorgestellt und diese hinterfragt, wie es eben üblich ist.

Ich hätte in Teilbereichen, das ist wahr, wissenschaftliche Studien integrieren können. Hätte ich eine Stunde lang nur über Alternativmedizin gesprochen, so hätte ich definitiv Studien vorgestellt und erklärt, woher wir eigentlich wissen, dass Alternativmedizin nichts anderes ist als Schamanismus (der übrigens auch wie ein Placebo wirkt). Wenn ich in einer Stunde aber noch viele weitere Themen angesprochen habe, so war dafür keine Zeit und ich verwies Interessierte an die Website der GWUP:

http://www.gwup.org/

Nun gibt es aber auch solche, welche Geisteswissenschaften mit den Methoden und Grundannahmen der Naturwissenschaften betreiben. Sie teilen mit den Naturwissenschaften die philosophische Grundannahme des „methodischen Naturalismus“, der davon ausgeht, dass alle Phänomene Naturgesetzen unterliegen, was Determinismus und Zufall einschließt, die besondere Eigenschaft des menschlichen Geistes allerdings, sein voluntaristisches Bewusstsein, seinen freien Willen, von Anfang an ausschließt. Ergebnis sind deterministische Erklärungen des menschlichen Verhaltens, wie wir sie beispielsweise in der Soziologie und in der Evolutionären Psychologie vorfinden.

Da ich nicht glaube, dass menschliche Handlungen wie kausale Ketten rein deterministisch erklärt werden können, so halte ich logischerweise die naturwissenschaftliche Erforschung des Menschen für nur eingeschränkt möglich und die Existenz der Geisteswissenschaften für berechtigt.

Wer nun einen philosophischen Vortrag für unprofessionell hält, weil er kein naturwissenschaftlicher Vortrag ist, dem kann ich nur empfehlen, sich mit den Unterschieden zwischen den Ansatzweisen zu befassen. Und wer meint, ich hätte näher auf die einzelnen Themen eingehen und sie umfassender belegen sollen, der möge mir erklären, woher ich die Zeit dafür hätte nehmen sollen?

Sinn des Vortrags war es – und das ist eigentlich naheliegend, wo er doch am Anfang einer Vorlesungsreihe über die Aufklärung stand -, Interesse an der Aufklärung und zugehörigen Themen zu erwecken. In diesem Kontext wollte ich auch zum Nachdenken anregen, indem ich meine Aufklärungsphilosophie gegen diverse Ideologien der Gegenaufklärung und gegen andere Philosophien verteidigte. Ich denke, dies ist auch weitgehend gelungen, denn die allermeisten Zuhörer sind immerhin bis zum Ende geblieben und haben mich mit Applaus gesegnet, anstatt mich zu lynchen, wie zunächst meinerseits befürchtet.

4. Relativismus

Dr. Martin Schubert nannte einige Einwände gegen meine Ablehnung des Relativismus. Vielleicht, so führte er an, teilen andere Kulturen die Vernunft einfach nicht als einen bedeutsamen Wert und dort zählten andere Dinge. Man könnte sich Tradition und Autorität vorstellen. Und vielleicht leben sie auf diese Art auch ganz zufrieden.

Ich antwortete darauf, dass irgendein Idiot, der zum Denken zu faul ist, einfach anführen könnte, er teile den Wert der Vernunft nicht und wer habe schon das Recht, ihn dafür zu verurteilen? (Die Schärfe dieser Formulierung tut mir Leid – ich bin sehr empfindlich, wenn prinzipiell der Wert der Vernunft bezweifelt wird. Siehe meine Einwände gegen den „radikalen Skeptizismus“ im Vortrag).

Ebenso könnte man fragen, was ein Professor eigentlich mit einem Studenten aus einer anderen Kultur anfangen sollte, der immer nur kryptischen Unsinn redet und unverständliche Antworten in Tests anführt. Wenn dieser Student  sagt: „In meiner Kultur haben wir die Vernunft nur Verachtung übrig“, würde der relativistische Professor ihm dann nicht eine Eins geben müssen?

Schließlich bin ich zuversichtlich, dass die Menschen in der islamischen Welt durchaus nicht so glücklich sind. Wer einmal die Berichte von den und über die Opfer von versuchten oder durchgeführten Zwangsheiraten, Ehrenmorden, Steinigungen gelesen hat, der wird kaum glauben, dass menschliche Grundbedürfnisse etwas anderes wären als universell. Mädchen, die an einen unbekannten Verwandten zwangsverheiratet werden, sind durchaus nicht glücklich damit. Rechte schützen die Möglichkeit, die menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Darum sind Rechte Existenzbedingungen des Menschen als Mensch, als rationales Wesen.

5. Homo faber: Vernunft und Gefühl

In Gymnasialzeiten nannten mich meine Mitschüler eine Weile lang „Homo faber“ nach einem Roman von Max Frisch, der von einem Vernunftmenschen handelt, der schließlich an der Vernunft verzweifelt, weil er eine Affäre mit seiner Tochter hatte, ohne zu wissen, dass es seine Tochter war. Diese Meinung über mich, laut der ich keine Gefühle hätte und eine Art reines Geistwesen wäre oder ein Android wie Data aus Star Trek (wie Michael Schmidt-Salomon schrieb), kommt einer Entmenschlichung meiner Person gleich, was die großen Mitfühler offenbar nicht weiter schert (und zugegeben ist es mir auch recht egal, schließlich habe ich keine Gefühle oder viel Wertschätzung für Ad Hominems). Nach dem Vortrag wurde von mehreren Zuhörern die altbekannte Frage gestellt, ob für mich nur die Vernunft zähle und nichts anderes.

Diese Frage können nur zwei Arten von Menschen stellen: 1. Jemand, der glaubt, es gäbe einen Widerspruch zwischen Vernunft und Gefühlen und 2. Jemand, der eifersüchtig ist auf meine analytischen Fähigkeiten und mir unterstellt, ich hätte einen anderen Defekt, wenn die Vernunft schon nicht mein Defekt ist.

Die zweite Person verdient keine Antwort und auf den ersten Einwand antworte ich: Laut dem Objektivismus besteht ein harmonisches Verhältnis zwischen Vernunft und Gefühl.

Emotionen sind automatische Ergebnisse der menschlichen Werturteile, die unbewusst integriert werden; Emotionen sind Einschätzungen dessen, was die Werte eines Menschen befördert und was sie bedroht, das, was für ihn ist oder gegen ihn. Gefühle sind also unbewusste Beurteilungen der Dinge um einen Menschen herum, die entweder durch die Vernunft programmiert werden oder durch Zufall, wenn man Ideen akzeptiert, die man zufällig irgendwo hört. Vgl. hierzu Ayn Rands Ausführungen.

Wer also fragt: „Gibt es noch etwas anderes als Vernunft?“ und meint damit Gefühle, der sagt eigentlich aus: Ich möchte meinen Verstand nicht gebrauchen, um einzuschätzen, was meine Werte befördert und was ihnen schadet. Ich möchte mittels Zufall irgendwo Ideen aus meiner Kultur aufsaugen, die für mich entscheiden sollen, was ich zu fühlen habe. Es ist die Frage einer Person, die zu faul ist, selbstbestimmt zu denken und somit die Frage einer unaufgeklärten Person (siehe Kant).

Fazit

Ich freue mich, dass so viele Zuhörer zu der Vorlesung gefunden haben und für die anderen werde ich sie erneut für YouTube aufzeichnen. Ich hoffe, ich konnte das Interesse für die Aufklärung wecken und ich bedanke mich noch einmal bei Prof. Martin Schubert und bei Prof. Klaus Bastian für die Einladung und Unterstützung.

Ergänzung: Es gab eine Frage, deren Beantwortung mir schwerfiel, die Aufklärern allerdings häufig gestellt wird: Wenn meine Ideen so toll sind, warum sind dann nicht alle Menschen bereits aufgeklärt, bzw. warum ist die Aufklärung kein so großer Erfolg, wie sie sein sollte? Ich führte einerseits das Wunschdenken an, was eine effektive Konkurrenz zum klaren Denken darstellt und andererseits die Nachwirkungen von Ideologien wie Marxismus und Nationalsozialismus.

Wichtiger sind vielleicht die beiden Faktoren: Bequemlichkeit und ein Mangel an Aufklärern. Systematisches Denken erfordert eine (lohnende, was vielen aber nicht klar ist) Investition von Energie und außerdem gibt es gerade im Bereich der Ökonomie nur sehr wenige Aufklärer. Wie am Beispiel von Schmidt-Salomon aufgezeigt, gilt in Deutschland eine Reinkarnation von Jean-Jacques Rousseau als führender Aufklärer, was eigentlich alle weiteren Fragen zum Thema beantwortet.

5 Kommentare zu “Leipzig: Nachlese

  1. arprin sagt:

    Was hat MSS über freie Liebe und die Gutmütigkeit von der Zivilisation unbeeinflusster Kinder gesagt?
    Ich muss sagen das ich ihn vor seinem neuesten Buch (bzw. der Rezension hier) noch ganz anders eingeschätzt habe.

    Zu der Frage nach Gut und Böse sollte man meiner Meinung nach nicht diskutieren, ob es ein metaphysisches Böse gibt noch ob es eine allgemein akzeptierte Bedeutung des Wortes, sondern warum manchmal das, was Menschen als „gut“ oder „gerecht“ empfinden, in Wirklichkeit das genaue Gegenteil davon ist.

    Wenn man es genau nimmt, handelte jeder Massenmörder im Namen der „Gerechtigkeit“, im Namen des „Guten“ gegen einen vermeintliches Monster wie das Weltjudentum oder die Kaffir. Jeder kann Beweggründe haben, um etwas „Gutes“ zu tun. Die Nazis genauso wie Mutter Teresa. Ich glaube, dass MSS das mit seiner Kritik an den Konzepten von „Gut“ und „Böse“ gemeint hat. Dass es kein metaphysisches Böse gibt, ist natürlich klar.

    Das aktuellste Beispiel ist ja das Gerede von „sozialer Gerechtigkeit“ (wobei MSS wohl zu denen gehört, die sie fordern). Mein Erklärungsansatz ist ja der, das „je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative, das übrig bleibt“, wie Odo Marquard sagte. Deswegen sind die Menschen in freien und reichen Gesellschaften oft unzufriedener als in unfreien und armen Staaten.

    • sba sagt:

      Nun, was hat die Sokratische These (die ich teile), dass jeder Mensch stets das tut, was er für das gute hält, mit der Frage nach einem metaphysischen Gut zu tun?Streng genommen würde ich das für einen ad-hominem-Einwand halten.
      Grund: Die Bewertungen von Dingen, Eingenschaften, Handlungen und Ereignissen, die ein Mensch vornimmt werden doch wohl hoffentlich davon abhängen, wie dieser Mensch das Verhältnis der Dingen, Eigentschaften, Handlungen und Ereignisse zu seinen primären Werten einschätzt? Diese primären Werte, nach denen andere Werte bestimmt werden, würde ich dem metaphysischen Gut zuordnen, da sie nicht von Gegenständen (physika) abhängen. Man darf das metaphys. Gut bloß nicht im falschen Sinne für „objektiv“ halten. Da es sich um geistige Inhalte handelt, sind diese an denkende Subjekte gebunden. Dadurch sind sie diskutabel und damit zum Objekt (der Debatte) machbar und argumentierbar.
      Und schließlich: Wie ein Amokläufer seine Tat für gut hält, so vermeint ein schizophrener Paranoiker, rational zu denken. Ist das für uns ein Grund, an der Universalität von Vernunft zu zweifeln?

  2. Karl sagt:

    Vielen Dank für die Zusammenfassung des Vortrags und zu den Unterscheidungspunkten zur GBS.

    Mir ist schon oft aufgefallen bei Diskussionen z. B. mit evangelischen Pastoren die ich mitverfolgt habe, dass diese gerne ihre individuellen politischen Ansichten (soziale Gerechtigkeit) gerne ins metaphysiche oder göttliche ziehen um sie vor Kritik zu immunisieren. Ich denke Michael Schmidt-Salamon macht es ähnlich wenn er zwischen seinen eigenen Ansichten und dem Atheismus hier eine Verbindung sucht.

  3. JMA sagt:

    „… Ich führte einerseits das Wunschdenken an, was eine effektive Konkurrenz zum klaren Denken darstellt und andererseits die Nachwirkungen von Ideologien wie Marxismus und Nationalsozialismus.“
    Richtig, aber der wichtigste, weil dauerhaft verderbliche Einfluss aufs logische und erfahrungsbezogene Denken fehlt – das Christentum.

    • derautor sagt:

      Das Christentum hatte schon genügend abbekommen in dem Vortrag. Andererseits summiert man ungeheuer viel unter „Christentum“, das müsste man erst einschränkend definieren.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.