Die Magie der Realität

Endlich habe ich also mein neuestes Kinderbuch fertig gelesen: The Magic of Reality. How we know what’s really true vom Zoologen und Religionskritiker Richard Dawkins. Man bildet sich eben weiter.

Das Buch gibt es noch nicht in deutscher Sprache und da es allerlei Bezüge zur angelsächsischen Kultur enthält, müsste man eine deutsche Ausgabe wohl an einigen Stellen umschreiben.

Gesegnet sind jene, für die das kein Hindernis darstellt.

Das Konzept sieht wie folgt aus: Die großen Fragen über die natürliche Welt sollen auf verständliche und anschauliche Art wissenschaftlich beantwortet werden. Zunächst präsentiert Dawkins allerlei mythologische Antworten verschiedener Religionen und Kulturen – dabei werden christliche Mythen einfach an die Seite von ägyptischen, griechischen, etc. gestellt – und daraufhin bietet er die wissenschaftlichen Erklärungen an.

Es handelt sich um Fragen wie: Warum gibt es so viele verschiedene Tierarten? Warum gibt es Nacht und Tag, Winter und Sommer? Was ist ein Regenbogen? Warum geschehen schlechte Dinge? Es geht also auch um Fragen, die nicht Dawkins Fachgebiet, die Biologie, betreffen. Er beantwortet konsequenterweise einige Fragen nicht, die zu den anderen Wissenschaften gehören und die zu sehr ins Detail gehen würden. In solchen Fällen räumt Dawkins ein, dass er schlichtweg nicht über das nötige Wissen verfügt.

Das ist auch kein Verlust, denn die Details der Quantenphysik haben in einem Buch für – ja, für wen eigentlich? – ohnehin nichts verloren. Junge Kinder werden die Erklärungen in The Magic of Reality, so klar sie auch sind, noch nicht verstehen. Ich würde das Alter ab 16 Jahren als Empfehlung angeben. Bereits kleinere Kinder werden sich allerdings an den schönen, aufwändigen Illustrationen erfreuen und zum Verständnis bleiben sie auf ihre Eltern angewiesen. Und die können ihr Wissen gleichsam auffrischen und endlich die typischen Fragen, die Kinder stellen, einer angemessenen Antwort würden.

In der Tat ist dies etwas, was ich mir bei er Lektüre häufig gedacht habe: Dies wäre das optimale Buch, um es meinen Kindern zu zeigen und ihnen viele grundlegende Aspekte der Welt damit zu erklären. Da ich keine habe, wird jemand anderes die Rolle des abendlichen Geschichtenerzählers übernehmen müssen. Und die Geschichte, die zu erzählen ist, ist eine wahre Geschichte, nämlich jene über die tatsächliche Beschaffenheit und die Herkunft unseres Planeten und von uns selbst.

Bislang war ich der Meinung, dass trockene wissenschaftliche Fakten, so interessant sie sein mögen, doch niemals an die Kraft der Mythen heranreichen werden, die vielleicht stärker zu den Menschen sprechen. Dawkins hat sein pädagogisches Ziel mit diesem Buch allerdings endlich erreicht: Obwohl er die Mythen, etwa über die Herkunft der Sonne, der Lebewesen und des Menschen, durchaus anschaulich vorstellt, wirken sie gegen die wissenschaftlichen Erklärungen geradezu fade, fantasielos, willkürlich, kindisch, geschmacklos.

Man kann sich direkt ansehen, wie die peinlichen menschlichen Pseudo-Erklärungen von Jahrtausenden gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse von wenigen hundert Jahren erblassen.

Wenn man die vorsichtigen und genauen wissenschaftlichen Erklärungen im Hinterkopf hat und dann lesen muss, dass etwa die Azteken glaubten, die Sonne wäre der Sohn einer Göttin, die von einem Haufen Federn geschwängert wurde und dieser Sohn namens Tonatiuh sei voll bewaffnet geboren worden und hätte sogleich fast alle seiner 400 Brüder getötet, um seine Position als Sonne einzunehmen, dann fühlt man sich nur noch veralbert von den Azteken.

Es ist auch beachtlich, wie willkürlich und zugleich höchst exakt an den unmöglichsten Stellen mythologische Erklärungen stets ausfallen. Woher wussten die Azteken zum Beispiel, dass die Göttin Chalchiuhtlicue genau 52 Jahre lang Blut weinte, bis sie die Erde vollständig überflutete? Und wie kamen sie darauf, dass Tonatiuh genau 400 Brüder hatte, wo doch jedes Detail dieser Mythen eine bloße Fabrikation ist und es weder Tonatiuh, noch seine Brüder, jemals gegeben hat? Dies kann man ebenso fragen über die Zahlenangaben in biblischen Mythen. Warum hat Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen und einen Tag geruht und nicht in fünf Tagen und zwei Tage geruht oder an einem Tag und drei Jahre geruht?

Zum Glück vermeidet es Dawkins diesmal, Aussagen über geisteswissenschaftliche Inhalte zu machen. Er zeigt lediglich auf, wie sich die Inhalte von Mythen im Wettstreit mit naturwissenschaftlichen Erklärungen machen und woher wir wissen, was wir wissen.

Am Ende kann ich nur sagen: Mission erfolgreich. Wenn jemand ein Buch sucht, das die großen Fragen über die natürliche Welt beantwortet, die nicht nur Kinder interessieren, dann ist The Magic of Reality genau das richtige Buch für ihn. Es gibt sogar eine interessante iPad-App zum Buch, bei der man sich Videos und interaktive Grafiken ansehen und mit diesen interagieren kann, um mehr über die faszinierende Welt, in der wir leben, zu erfahren. Leider habe ich so viele iPads wie Kinder, also wird jemand anderes diese App bewerten müssen.

Das Buch sei auf jeden Fall allen Englischkundigen wärmstens empfohlen. Übrigens: Die Illustrationen stammen von Dave McKean, der auch an den Harry-Potter-Filmen als Designer mitwirkte. Wahrlich: Hier treffen Magie und Realität versöhnend aufeinander.

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5 Kommentare zu “Die Magie der Realität

  1. Martin sagt:

    Prima, danke für die Besprechung! Dauert leider noch gute 10 Jahre, bis meine Tochter im entsprechenden Alter ist, aber vielleicht fange ich schon mal an… 🙂

  2. sba sagt:

    „Dies kann man ebenso fragen über die Zahlenangaben in biblischen Mythen. Warum hat Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen und einen Tag geruht und nicht in fünf Tagen und zwei Tage geruht oder an einem Tag und drei Jahre geruht?“
    Äthiologie. Die Israeliten, für die Gen 1 geschrieben wurde, lebten mit einer Sieben-Tage-Woche und meinten, dies entspreche der Ordnung der Welt, welche breits am Anfang so hingebastelt wurde…Mythen erzählen über diejenigen, die an sie glauben.

    • Martin sagt:

      Die (vermeintliche) Genauigkeit der Angaben hat noch einen anderen Aspekt.
      Eine Möglichkeit einer Lüge, Falschaussage oder ähnlichem auf die Spur zu kommen, besteht darin, drauf zu achten ob besonders viele Details drin vorkommen. Bei Falschaussagen wird öfter versucht, durch viele, eigentlich belanglose, Details Glaubwürdigkeit vorzutäuschen.
      Wer eine genaue, scheinbar präzise Angabe macht, der erweckt damit erstmal den Eindruck, er wisse genau Bescheid und verleiht damit auch der Aussage selbst (erstmal) einen glaubwürdigeren Status.

      Das dürfte auch der -sicher auch unterbewußte- Hintergrund der „genauen“ Angaben, bei vielen religiösen und anderen Mythen sein.

      • sba sagt:

        „Wer eine genaue, scheinbar präzise Angabe macht, der erweckt damit erstmal den Eindruck, er wisse genau Bescheid und verleiht damit auch der Aussage selbst (erstmal) einen glaubwürdigeren Status.

        Das dürfte auch der -sicher auch unterbewußte- Hintergrund der “genauen” Angaben, bei vielen religiösen und anderen Mythen sein.“
        Nur wenn die Details keine Bedeutung für das Leben und das Werk haben, in dem sie stehen. So kann man natürlich auch herangehen (in dem man von der eigentlichen Bedeutungslosigkeit der Details ausgeht). Das wurde sogar versucht unter dem Titel „Traditionskritik“ und lief darauf hinaus, mündliche Vorstufen zu den Texten zu kontruieren. Aber auf die Weise kommt man nicht dazu, einen Text zu verstehen.

        • Martin sagt:

          „Aber auf die Weise kommt man nicht dazu, einen Text zu verstehen.“

          Nja…. es fragt sich halt, ob es nicht eher ein Scheinverstehen ist, wenn die vermeintlichen Details nicht zuerst durch entsprechende Befunde belegt sind.

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