Die Weisheit des Rasselas

Es kommt recht selten vor, dass ich ein Buch lese und es mir so vorkommt, als würde mir die Wahrheit unmittelbar offenbart werden. Bislang war das zum Beispiel bei Ludwig von Mises und Ayn Rand der Fall. Nun gesellt sich zu den beiden liberalen Denkern auch ein konservativer Schriftsteller, Samuel Johnson, der nach William Shakespeare (übrigens auch ein Fall des literarischen Prophetentums) meist zitierte englische Autor, der in Deutschland allerdings weniger bekannt ist. Er war beispielsweise Autor des Dictionary of the English Language (1755), das erste wissenschaftliche Wörterbuch, ist aber bekannter für seine Sprüche und Anekdoten.

Was mich nun so beeindruckte, ist Johnsons The History of Rasselas, Prince of Abyssinia, eine philosophische Novelle (angeblich ein Apolog, aber das kann wohl kaum sein angesichts der Schlussfolgerung dieser Erzählung).

Es geht um den Prinzen Rasselas, der im Glücklichen Tal lebt, wo er in großem Reichtum von unzähligen Bediensteten und Unterhaltern umsorgt wird. Er wird allerdings, im Gegensatz zu den simpleren Menschen in Abyssinia, nicht glücklich im Glücklichen Tal. Er glaubt, das Leben müsse mehr zu bieten haben. Der Gelehrte Imlac erzählt Rasselas von seinen Abenteuern in der Außenwelt und Rasselas beschließt, das Glückliche Tal zu verlassen. Auch die Prinzessin Nekayah und deren liebstes Kammermädchen Pekuha schließen sich den Reisenden an.

Ihr Ziel ist es, sich die Welt anzusehen und schließlich ein Leben zu wählen, das sie glücklich machen wird. Sie sprechen mit allen möglichen Leuten aus allen möglichen Schichten der Gesellschaft in verschiedenen Ländern. Sie reflektieren über Jugend, Alter und Tod, über den Wert der Bildung, den Wert animalischer Vergnügungen, über das Leben als Einsiedler, als Gelehrter, als Herrscher. Johnson beweist dabei tiefste Einsichten in die Natur des Menschen, sein ewiges Streben nach Glück und die Nachteile aller möglichen Versuche, dieses zu erreichen – seiner Meinung nach sogar die Hoffnungslosigkeit.

Hier einige Passagen, die ich besonders aufschlussreich fand. Die Prinzessin Nekayah besucht viele Familien und berichtet über ihre Erfahrungen mit diesen. (Jeweils meine Übersetzung:)

Die Töchter vieler Haushalte waren locker und fröhlich; aber Nekayah hatte sich zu lange an die Unterhaltungen zwischen Imlac und ihrem Bruder gewöhnt, als mit der kindischen Leichtigkeit und mit dem bedeutungslosen Geplapper sonderlich zufrieden gewesen zu sein. Sie empfand ihre Gedanken als eng, ihre Wünsche als niedrig und ihre Fröhlichkeit war oftmals künstlich. Ihre Vergnügungen, so arm sie auch waren, konnten nicht rein gehalten werden, sondern wurden durch kleinliche Wettbewerbe und wertlose Nacheiferung verbittert. Sie waren stets eifersüchtig auf die Schönheit der jeweils anderen, einer Eigenschaft, der Beflissenheit nichts hinzufügen und der Herabsetzung nichts wegnehmen kann.

Viele waren verliebt in Müßiggänger wie sie selbst und viele bildeten sich ein, sie wären verliebt, obwohl sie nur müßig waren. Ihre Zuneigung hing nicht von Verstand oder Werten ab und darum endete sie kaum je anders als in Verdruss. Ihre Trauer war allerdings, wie ihre Freude, vorrübergehend; alles floss in ihrem Geist unverbunden mit der Vergangenheit oder Zukunft, sodass ein Gefühl widerstandslos einem anderen den Weg freimachte, wie ein zweiter Stein, den man ins Wasser wirft, die Wellen des ersten auslöscht und verwirrt.

Mit diesen Mädchen spielte sie wie mit harmlosen Tieren und entdeckte, dass sie stolz waren auf ihre Anteilnahme und ihrer Gesellschaft überdrüssig.

Das werde ich jetzt nicht näher kommentieren. Eine weitere Passage befasst sich mit der islamischen Welt und dem Verhältnis der Geschlechter in einer patriarchalen Gesellschaft. Über das Verhältnis der versklavten, ungebildeten Gespielinnen zu ihrem Mann heißt es:

Da sie nichts wussten, konnten ihre Worte nichts von der Öde des Lebens nehmen; da sie keine Wahl hatten, konnte ihre Zuneigung, oder der Anschein von Zuneigung, in ihm weder Stolz noch Dankbarkeit hervorrufen. Sein Selbstwertgefühl wurde nicht gestärkt durch das Lächeln einer Frau, die keinen anderen Mann sah […]. Was er als Liebe gab und sie als Liebe empfingen, war nur die beiläufige Verteilung von überflüssiger Zeit; eine solche Liebe, wie sie ein Mann dem, was er verabscheut, geben kann; solche, die weder Hoffnung, noch Furcht, weder Glück noch Leid kennt.

Eine zwangsverheiratete Frau ist kein echter Wert für einen Mann. Liebe ist eine positive Spiegelung des Selbst in den Augen des anderen, die Anerkennung des Selbst und der eigenen Werte, ausgedrückt in der starken Zuneigung eines anderen, der Spiegel der Seele. Wenn eine Frau gezwungen ist, mit einem Mann zu leben und ihre Liebe ist nicht echt, so hat sie keinen Wert für den Mann, da er sich in der Frau nicht anerkannt sieht. Darum liegt die Erbeutung einer schönen Frau durch Gewalt nicht im rationalen Eigeninteresse des Mannes.

Schließlich berichtet Rasselas von einer gefährlichen Idee, von der er sich Glück verspricht:

„Ich räume ein“, sagte der Prinz, „dass ich in einer fantastischen Vorstellung schwelgte, die gefährlicher ist als deine. Ich habe mich wiederholt bemüht, mir die Möglichkeit einer perfekten Regierung vorzustellen, die alle mäßigen würde, alle Laster bessern würde und in der alle Untertanen in Zufriedenheit und Unschuld erhalten werden. Dieser Gedanke rief unzählige Reformpläne hervor und diktierte zahlreiche nützliche Regulationen und heilsame Auswirkungen.“

Und mein liebstes Zitat aus dem Buch:

„Von den Ungewissheiten unserer aktuellen Lage ist die schrecklichste und alarmierendste der unsichere Fortbestand der Vernunft.“

Am Ende geben die Reisenden ihre Suche nach dem glücklichen Leben auf und kehren nach Abyssinia zurück. Alles Streben sei vergeblich, so die christliche Botschaft von Johnson. Zwar stimme ich damit nicht überein, aber dennoch bietet die Erzählung eine Weisheit nach der anderen und ich kann wärmstens empfehlen, sie zu lesen, wie auch den Artikel von Theodore Dalrymple über Samuel Johnson allgemein sowie Rasselas im Vergleich zu Voltaires Candide:

Literatur

Theodore Dalrymple: What makes Dr. Johnson great?

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