Das musste gesagt werden

Sobald ich höre: „Der traut sich was!“ oder „Gut, dass es mal jemand ausspricht!“, muss ich mich sehr bemühen, nicht sofort einzuschlafen. Es gibt so gut wie nichts, was man nicht öffentlich sagen dürfte (abgesehen von dem, was ich sage). Erstaunlich nur, dass sich die allgemeine „Darf man nicht sagen“-Paranoia insbesondere auf solche Aussagen bezieht, die man besonders häufig zu hören bekommt und die sowieso von den meisten Deutschen ähnlich gesehen werden.

Dazu gehören kritische Äußerungen über Ausländer, Tierquälerei, Krieg, Großunternehmer, Börsenspekulaten (die großen, nicht die kleinen; denn die großen Spekulanten waren schlauer als man selbst) und Juden / Israel. Mit Ausnahme von „Krieg“ hatten die Deutschen in den 1930ern dieselben Feindbilder, was doch ein wenig peinlich ist.

Über meinen angeblichen Hang zur Verachtung von Tieren habe ich mir in den letzten Wochen viele Ermahnungen anhören dürfen. Es war einigermaßen zwecklos, auf den Unterschied zwischen einer Ablehnung des Konzepts der Tierrechte (die noch vor 20 Jahren den allermeisten Menschen absurd vorgekommen wären) und der Förderung von Tierquälerei hinzuweisen. Ebenso waren schon wieder einige empört wegen meiner Haltung zum Thema Krieg, die mir absolut harmlos vorkommt. Weil Krieg ist halt schlecht und wir brauchen stattdessen Weltfrieden. Als ob irgendjemand die Meinung vertreten würde, Krieg wäre ein anzustrebender Zustand, in dem man glücklich leben könnte!

Es ist eigentlich gar nicht wichtig, wie gut man argumentiert. Man muss lediglich die richtigen Phrasen dreschen wie der Dalai Lama, eine flauschig-weiche, wandelnde Sofagarnitur – solange man nur richtig fühlt.

Wer gegen Tierrechte ist und das Leben der eigenen Soldaten im Zweifelsfall höher wertet als das von Zivilisten im Feindesland, der fühlt nicht richtig. Und das ist der Kern der deutschen Mentalität: Du musst richtig fühlen! Ob es Sinn ergibt, was du denkst und sagst, völlig wurscht, aber es muss sich gut anfühlen. Wir haben endgültig ein sentimentales Kleinkindniveau erreicht und es macht einfach keinen Spaß mehr, mit den Leuten zu diskutieren.

Inzwischen freue ich mich immer sehr, wenn mir jemand rationale, kritische Fragen stellt oder seine Einwände erläutert. Dann atme ich auf: „Ah, da ist noch nicht alles verloren! Endlich jemand, der mitdenkt!“ Die meisten Leute, die meine Positionen ablehnen, machen das nämlich nicht, sondern schütteln einfach den Kopf, meinen, mir fehlt etwas (Gefühle) oder glauben, ich wäre der Aufrechterhalter des Status Quo, während sie die mutigen Rebellen darstellen und die haben laut Definition Recht; so ähnlich wie rebellische Kleinkinder, die ihrer Mutter die Kekse klauen. „Aber die schmecken gut, das fühlt sich gut an!“

Glaubst du noch oder fühlst du schon?

Gefühle sind unbewusste Einschätzungen dessen, was zum eigenen Glück beiträgt oder diesem schadet. Sie sind entweder das Resultat rationaler Überlegung oder von kulturellen Strömen, die man unbewusst mit der Abendtalkshow aufsaugt. Heute ist die 68er-Mentalität der Status Quo, der sich gut anfühlt. Gegen Krieg und Israel, für Tierrechte, Öko und Sozialstaat und das Ganze bitte rebellisch, auch wenn jeder sowieso diese Ansichten teilt. Es ist trotzdem rebellisch, denn es war einmal rebellisch, als sich diese Ansichten noch nicht weithin durchgesetzt hatten.

Der neue Antisemitismus ist auch ein Ergebnis der allgemeinen Gefühlsduselei. Günter Grass traut sich was, der ist rebellisch und natürlich progressiv, weil er steinalte Vorurteile neu aufkocht für die iPod-Generation. Wer mittels SMS Liebesgedichte schreibt, der erkennt es allzu gerne an, wenn jemand einen grässlich formulierten Leserbrief als Gedicht ausgibt. Super, das kann ich auch! Ein großer Literat!

Die Juden fühlen sich falsch an, weil Deutschland sechs Millionen von ihnen ermordete und nicht auch den Rest, der uns das nun vorhalten kann, aber es fühlt sich auch falsch an, das so zu sagen. Praktischerweise sind Minderheitenrechte (eine weitere Variante nutzloser Rechte, da Minderheitenrechte bereits in den Menschenrechten enthalten sind) echt cool und progressiv und so, also darf man gegen Israel sein und für die Palästinenser.

Ergibt das auch Sinn? Fühlt sich zumindest so an.

Echt Grass! 

Kritik an der Politik der israelischen Regierung oder dem Vorgehen des israelischen Militärs in den Palästinensergebieten gehört zur Normalität in den deutschen Medien. Bisweilen hat man gar den Eindruck, Israel und der Konflikt im Nahen Osten seien der einzige Krisenherd in der Welt. Im Übrigen ist in Israel selbst Kritik nicht nur in der Presse, sondern auch in der Bevölkerung an der Tagesordnung.

So sieht die Realität aus, wie ich in der Einleitung von Ist der Wald endlich tot? schrieb und wie Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung in einem Artikel für den linken „Freitag“ namens Die Täter-Opfer-Umkehr bestätigt. Statistisch betrachtet:

– Eine Umfrage von 2008 zeigt, dass mindestens 40 Prozent der Deutschen der Aussage ganz oder teilweise zustimmen, Israel mache dasselbe mit den Palästinensern wie die Nationalsozialisten einst mit den Juden, und damit einer Täter-Opfer-Umkehr das Wort reden.

– Noch höhere Werte ergeben sich bei der Aussage: „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ (2010: 57,3 Prozent).

– Die Grenzlinie zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus/Antizionismus wird auch dann überschritten, wenn das Existenzrecht des Staates infrage gestellt oder gar negiert wird und Juden anderer Länder in einer Art Stellvertreterfunktion für diese Politik verantwortlich gemacht werden. Letzteres spiegelt sich in der Aussage „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“, der 2010 etwas über 38 Prozent der Deutschen ganz oder teilweise zustimmten.

– Auch wenn diese Werte seit 2004 zurückgegangen sind, so haben sie sich doch auf einem höheren Niveau im Vergleich zu den neunziger Jahren eingependelt.

Aber was, wenn Israel wirklich einen nuklearen Erstschlag (neuerdings sind Erstschläge stets nuklear) gegen den Iran ausführt, wie Grass befürchtet? Mal angenommen, Israel hat mit allem Recht, so wäre dies doch noch immer etwas, das den Weltfriegen gefährden könnte und insofern gut, dass Grass davor warnt, oder?

Na ja, es könnte auch sein, dass Grönland bislang geheim gehaltene Atombomben auf Island wirft, um als die militärisch überlegene Insel einer kalten, nördlichen Klimazone in die Geschichte einzugehen, aber es ist halt Quatsch. Wäre es auch gut, wenn jemand davor warnen würde? Eine Bedrohung des heiklen Weltfriedens sind Israel und Grönland im Gegensatz zu Pakistan, Iran, Saudi Arabien und Nordkorea allemal.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik.

6 Kommentare zu “Das musste gesagt werden

  1. Richard sagt:

    „Es gibt so gut wie nichts, was man nicht öffentlich sagen dürfte“

    Es gibt da so einiges in unserem ach so freien Land (§130), das öffentlich auszusprechen einem verboten ist und einige Mitbürger sitzen für ihre Meinung auch im Knast.

    • derautor sagt:

      Ja, abgesehen von dem, was ich sage und dazu gehört auch Religionskritik. Andererseits formuliere ich sie so, dass sie den Leuten meistens egal ist.

  2. sba sagt:

    Warum hat eigentlich niemand mitbekommen, dass der „Weltfrieden“ seit der Abdankung Karls V hinüber ist?
    Und das ist die optimistische Schätzung.
    Etwas strenger genommen, war der „Weltfriede“ die Selbstlegitimation so ziemlicher aller antiken Großmächte. Und damit seit dem Ende Westroms vorbei.
    Warum ich das extra anmerke? In der wagen Hoffnung, dass einige Weltfriedensbewegte es lesen und sich die Frage stellen, was dieses Wort eigentlich heißen soll.

  3. Martin sagt:

    Ist sicher nur Koinzidenz, aber ich finde diesen Artikel, besonders der am Ende gezogene Schluß, paßt ganz hervorragend zu diesem Beitrag:
    http://sciencefiles.org/2012/04/24/heuchler-heuchelei-und-die-logik-dahinter/

    • Martin sagt:

      Ah… der Kernsatz ist: Heuchelei floriert in Gesellschaften, die die Emotion über die Rationalität stellen.

  4. Rüdiger sagt:

    „Sobald ich höre: “Der traut sich was!” oder “Gut, dass es mal jemand ausspricht!”, muss ich mich sehr bemühen, nicht sofort einzuschlafen.“

    Vielleicht sollte ich an mir arbeiten. Ich rege mich in solchen Fällen immer ganz furchtbar über die Heldenpose des vermeintlichen „Tabubrechers“ auf.

    *Wirkliche* Tabus gibt es sehr wohl. Das Ärgerliche ist ja nur, dass die, die sich so effektvoll als Tabubrecher gerieren, in Wirklichkeit grosse Teile der öffentlichen Meinung hinter sich haben.

    Ich glaube, Goldhagen war es, der darauf hingewiesen hat, dass es ein schon von den Nazis verbreitetes antisemitisches Klischee ist, „man dürfe nichts gegen die Juden sagen“ – in heutiger Form: „man dürfe nichts gegen Israel sagen“. Weil eine mächtige, im Hintergrund operierende Judenlobby darüber wacht, dass in den Medien nur ihnen genehme Meinungen veröffentlicht werden. Das steht in einem merkwürdigen Widerspruch dauz, dass die Medien voll sind von Kritik an Israels „Besatzungspolitik“, an seinem „Apartheidsystem“, an seinem „aggressiven Kurs“ und was dergleichen Unterstellungen mehr sind.

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