Video: Verteidigung der Vernunft

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=ImQ7E6yPBpg[/tube]

Ein neuer Vortrag gegen die Anführung von Gefühlen als Argumente; dabei spreche ich auch die Themen „Tierrechte“, „Afghanistan-Einsatz“ und „Besuch im KZ Dachau“ an. 17 Minuten lang spontan und mit nur einer Unterbrechung vorgetragen – und ist trotzdem besser als meine geplanten Vorträge, bei denen ich Notizen verwendet hatte.

Die nervigen Wellensittiche am Anfang unterstreichen meine Ablehnung von Tierrechten sehr anschaulich oder anhörlich.

Seltsam, dass meine Webcam-Vorträge immer rund 17 Minuten lang dauern. Das ist überhaupt nicht geplant und ergibt sich immer wieder zufällig. Sehr mysteriös…

21 Kommentare zu “Video: Verteidigung der Vernunft

  1. Ken sagt:

    Gefühle an sich sind ja nicht das Problem, aber: Ist man in der Lage, das Gefühl vernünftig zu begründen? Mir scheint, die empörten Gegner, die Du schilderst, haben Schwierigkeiten, ihre diffusen Gefühle vernünftig zu untermauern.

    Gestern kam mir der Gedanke, dass die heutige Kultur von der Prämisse geprägt ist, dass der Mensch an sich schlecht bzw. böse sei. Es handelt sich um eine Art metaphysische Grundüberzeugung; Ausnahmen bestätigen dann die Regel. Diese Grundüberzeugung begegnet mir häufig, auch bei wohlmeinenden Menschen. Nach meinem Dafürhalten könnte es diese Grundüberzeugung sein, die auch bei manchen Tierfreunden reflexhafte Empörung auslöst, wenn man behauptet, dass individuelle Rechte dem Menschen vorbehalten sind.

    Das Problem an solchen Grundüberzeugungen ist, dass sie so tief verankert sind, dass sie einer rationalen Argumentation nur schwer zugänglich sind. Es hat mit dem zu tun, was Ayn Rand „the sense of life“ nannte, das persönliche Lebensgefühl; die (mehr oder weniger bewusste) Prämisse „der Mensch ist schlecht“ ist meines Erachtens Teil der jeweiligen persönlichen psychologischen Struktur. Über dieser Struktur liegen die philosophischen Überzeugungen einer Person und über diesen wiederum die politischen Überzeugungen.

    Die Grundannahme, der Mensch sei schlecht, liegt meines Erachtens vielen antiliberalen und antirationalen Ideen zu Grunde. Um gegen diese wirklich zu bestehen, müsste man meiner Meinung nach zunächst diese Prämisse bekämpfen; die Menschen von ihrer Widersinnigkeit und ihrer potenziellen moralischen Gefährlichkeit überzeugen.

    • sba sagt:

      Villeicht stimmt es im technischen Sinne sogar, dass Menschen schlecht seien. Schlecht verarbeitet, schlecht verkabelt mit dieser augenscheinlichen Neigung dazu, „Vernunft ist nichts, Gefühl ist alles!“ zu schreien. Und dann noch: Wir leben in einer Welt, in der Gefühllosigkeit als Krankheitsbilder beschrieben wird (Depression, Soziopathie, Psychopathie). Da nimmt es nicht wirklich wunder, wenn eine gefühlsfreie Debatte Befremden auslöst. Das Gegenbild der Hysterie – emotionale Überreaktion – scheint dagegen kaum als Problem gewärtig zu sein.
      Und möglicherweise kann man der Gefühlsduselei nur mit ihren eigenen Mitteln beikommen, indem man ihr z e i g t , wohin sie führt. Und dann auf spontanes Umschalten hofft.

  2. DeeTee sagt:

    Danke für die Ausführungen, ein gut verständliches Video, um Deinen Standpunkt verstehen zu können.
    Du fragst, warum scheinbar immer weniger Besucher Deines Blogs rational diskutieren. Möglicherweise hat sich Deine „Zielgruppe“ verändert, von den Atheisten und Religionskritikern sind vielleicht einige abgewandert, weil es zunehmend allgemein philosophischer und politischer wurde. Ausserdem hattest Du eine Weile keine Zeit, auf Beiträge persönlich zu antworten, was bei Deinen vielen anderen Projekten ja verständlich ist, aber den Lesespaß gemindert hat. Mir gefällt es sehr, dass Du zur Zeit wieder in die Vollen gehst, auch Deine Youtubevideos sind sehenswert.

    • Ano Nym sagt:

      Du fragst, warum scheinbar immer weniger Besucher Deines Blogs rational diskutieren.

      Möglicherweise liegt es an deinem inhaltlichen Rahmenvorgaben die du machst. Im Video kommst du jedenfalls nicht übermäßig dogmatisch rüber. Aber eigentlich wollte ich einen inhaltlichen Beitrag machen:

      „Lass uns essen gehen, ich habe Hunger.“

      Ist Hunger denn kein Gefühl, das bereitwillig als Argument akzeptiert wird?

      • derautor sagt:

        Eigentlich bezieht sich die zunehmende Irrationalität nicht auf Blogkommentare, sondern das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das ich beobachte. Ich würde kein Video machen, das nur von meinem Blog handelt.

        Hunger ist eine sensorische Empfindung, die in der Regel durch einen Nahrungsmangel erzeugt wird. Man kann die existenzielle Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme nur dann als rationales Argument dafür anführen, etwas essen zu gehen, insofern man der Meinung ist, dass der Mensch ein Recht darauf hat, seine Existenz aufrechtzuerhalten, ein Recht auf Leben. Wer hingegen meint, der Mensch sei kein Wert an sich, sondern seine Bedürfnisse habe er einem abstrakten Ideal aufzuopfern, der wird vielleicht argumentieren, dass bestimmte Menschen zum Wohl aller verhungern müssen; man erinnere sich etwa an die durch Stalin künstlich erzeugte Hungersnot in der Ukraine, die eine Million Menschen das Leben kostete.

        Harmloser könnte man an Fastenzeiten oder Diäten denken, die einen davon abhalten könnten, dem Hunger nachzugeben.

        Ja, auch die Notwendigkeit zu essen ist nur in einem bestimmten philosophischen Kontext ein Argument. Da ich gerade abnehmen möchte, werde ich von anderen häufig an die Tatsache erinnert, dass meine bewusste Bewertung meiner biologisch determinierten Hungerempfindung und somit meine Reaktion auf diese von meinen rationalen Zielen abhängig sein sollte.

        Hunger ist allerdings kein „Gefühl“ im Sinne einer „Emotion“ und um diese geht es hier.

        • Ano Nym sagt:

          OK. Dann

          „Lass uns zum Essen nicht ins X-Restaurant gehen, das find ich ekelig.“

          Ist das ein hinreichend unsensorisch fundiertes Gefühl?

          • derautor sagt:

            Ich sage nicht, dass Gefühle keine Argumente sein können, sondern dass man in der Lage sein sollte, seine Gefühle zu begründen, insofern man andere damit überzeugen möchte.

          • Wafthrudnir sagt:

            Ich hatte nicht den Eindruck, daß AM meint, man müsse begründen, warum man nicht ins X-Restaurant gehen wolle – sein Restaurant frei zu wählen ist genau jene Sphäre, in der man frei und, wenn man will, völlig willkürlich entscheiden kann.
            Der Punkt im Video scheint mir eher zu sein, daß man nicht sagen soll: „Das X-Restaurant sollte vom Gesundheitsamt geschlossen werden, denn ich finde es ekelig.“

  3. Paul C sagt:

    Ganz überspitzt formuliert, würden deine Argumente zu Tierrechten auch bedeuten, dass Menschen, die sich in dem Wirkungsraum unseres Rechtssystems befinden, aber sich ob der Rechte und Pflichten der Menschen nicht bewusst sind, ebenso rechtelos sind, wie es die Tiere sind. Würdest du dem zustimmen?

    Vice versa ist es zwar so, dass die Tiere kein Bewusstsein für die Regeln unseres Rechtssystems haben, trotzdem aber zur Verantwortung gezogen werden (Tiere, die Menschen verletzen werden eingesperrt, eingeschläfert, etc.). Tieren werden somit implizit Pflichten auferlegt, an die sie sich zu halten haben – auch wenn sie nichts davon wissen – sie werden somit in meinem Verständnis zu Objekten des Rechts. Konsequenter Weise muss man, wenn man deinen Argumenten folgt, also den Tieren auch überlassen, ob sie das Verletzen von Menschen für ethisch vertretbar halten oder nicht.

    Natürlich sind meine Ausführungen etwas überspitzt, ich hoffe aber, mein Standpunkt wird klar.

    • derautor sagt:

      Ich sehe nicht, inwiefern meine Argumentation darauf hinauslaufen sollte. Rechte sind universell gültig. Außerdem: Tiere können sich nicht über die Rechte anderer Tiere oder Menschen bewusst sein. Menschen können auch ohne Seminar über Menschenrechte mittels ihrer Vernunft einsehen, dass man andere Menschen nicht töten oder bestehlen sollte und dass Wohlstand auf Dauer nur durch Produktion und Handel, nicht durch Plündern/Opfer für Götter/Diebstahl/Umverteilung aufrechterhalten werden kann. Das ist die Natur der Dinge. Offensichtlich ist irgendwann alles, was man plündert, aufgebraucht und man muss doch wieder etwas produzieren.

      Tiere werden nicht zur Verantwortung gezogen. Wir (oder jedenfalls ich) sehe ein, dass Tiere nicht verstehen können, dass sie ein Unrecht begangen haben oder was überhaupt ein Unrecht ist, wenn etwa ein Hund ein kleines Kind beißt. Der Hund ist zwar bis zu einem gewissen Grad leidensfähig, aber nicht rational. Also kann ich ihm nichts über Recht und Unrecht erzählen, sondern ich kann ihn nur konditionieren oder die Bedrohung, die er darstellt, auf andere Weise ausräumen.

      Tiere haben auch keine Pflichten, wie sie keine Rechte haben. Tiere folgen einfach ihren Instinkten und ihrem konditionieren Verhalten (wie Hunde, die Männchen machen), aber ohne darüber nachdenken zu können. Es wäre verrückt, von ihnen eine ethische Reflektion zu erwarten. Wenn ein Tier sehr gefährlich ist, etwa ein Bär, dann ist niemand wütend auf den Bär (niemand, der bei Verstand ist), wenn er einen Menschen angreift, aber die Bedrohung muss natürlich trotzdem neutralisiert werden, so ähnlich wie wir uns vor Lawinen schützen oder vor einem Sturm.

  4. Ano Nym sagt:

    Ich sage nicht, dass Gefühle keine Argumente sein können

    Doch genau das schreibst du: „Ein neuer Vortrag gegen die Anführung von Gefühlen als Argumente“.

    • derautor sagt:

      Ja, gegen die Anführung von Gefühlen – Punkt. Man kann aber Gefühle anführen, insofern man sie begründet. Und genau so steht es in meinem letzten Kommentar. Allmählich gehen deine Kommentare in Richtung Trollerei.

      • Ano Nym sagt:

        Du verwechselst destruktive Kritik mit Trollerei.

        • derautor sagt:

          Destruktive Kritik ist Trollerei. Kritik sollte konstruktiv ausfallen, ob man zustimmt oder nicht. („Konstruktiv“ bedeutet nicht, dass man derselben Meinung ist, sondern dass man es darauf anlegt, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, der die Diskussion weiterbringt).

          • Ano Nym sagt:

            Ich betrachte es durchaus als ein „Weiterbringen der Diskussion“, wenn bestimmte Argumente (weil sie falsch oder im Widerspruch zu anerkannten Prämissen stehen) verworfen werden.

            Eine Kritik, die ein solches Verwerfen von Argumenten zum Zweck hat, nenne ich destruktiv. Trollerei hingegen verwirft nicht nur Argumente sondern interessiert sich auch nicht dafür, ob diese falsch oder widersprüchlich sind.

            Eine allgemeine anerkannte Norm, Kritik solle „konstruktiv“ sein, also den Gegenstand der Kritik intakt lassen, gibt es nicht. Im Zweifel heißt „konstruktiv“ nämlich, dass vor dem Argumentieren zunächst Bekenntnisse verschiedenster Art abgelegt werden sollen. Was bei solchen Diskussionen herauskommt, ist keine Erkenntnis und die Veranstaltung ist keine Aufklärung.

  5. Wafthrudnir sagt:

    Könnte es sein, daß wir es nicht nur mit einer Krise der Vernunft zu tun haben, sondern auch mit einer der (echten) Empathie?
    Gefühle wären doch kein so schlechter ethischer Ratgeber, wenn sie für alle Menschen exakt gleich wären – und ich habe den Eindruck, daß genau diese Illusion sich immer mehr verbreitet.
    Ein paar Beispiele: in der eher seichten Unterhaltungsliteratur (blättere ich hin und wieder in der Buchhandlung gerne durch) scheinen praktisch alle Helden, von Rittern bis Vampiren, dieselbe, politisch +/- linke, religiös indifferente Grundeinstellung zu haben wie, vermutlich, die Autoren. Glauben sie, man könne einfach nicht anders denken? Intellektuelle bestreiten geradezu fanatisch, daß Terror etc. etwas mit dem Islam zu tun hat – kann es, neben anderen Gründen, für sie einfach unvorstellbar sein, daß es Menschen gibt, in deren Leben Religion eine zentrale Rolle spielt? Die meisten Versuche, Menschen umzuerziehen, sei es von Problemschülern über Langzeitarbeitslose bis zu integrationsunwilligen Einwanderern, scheitern kläglich. Kann es sein, daß die Umerzieher einfach nicht verstehen, wie ihre Opfer tatsächlich ticken?
    Und was Deine vertragsunfähigen Tiere betrifft: ist Dir schon mal aufgefallen, wie viele populär- bis pseudowissenschaftliche Tierbücher es gibt, in denen der Löwe (Bär, Wolf, Hai) gar nicht daran denkt, aggressiv zu sein, wenn sich der Forscher ihm mit Behutsamkeit und Respekt nähert? Sogar einem Raubtier wird hier unterstellt, im Grunde so zu sein wie wir, nur ohne unseren bösen Neigungen.

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