Die Realität ist geschmacklos

Wenig überraschend fanden einige Leser die beiden Beiträge über die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Anders Breivik als zu provokativ oder als geschmacklos. Auch konnten manche Satire und Realität schwer voneinander unterscheiden. Angesichts der Irrationalität des Breivik-Diskurses ist das auch schwierig – und genau das ist der Punkt.

Mit jeder opferreichen Gewalttat durch einen Einzeltäter, seien es Amokläufe oder Attentate, werden wir Zeuge und freiwillige oder unfreiwillige Teilnehmer am selben Ritual. Jedes Mal sucht man beim Täter nach brutalen Computerspielen, schließlich haben bereits die fiktiven Degenkämpfe in Shakespeares Romeo & Julia reale Degenmetzeleien ausgelöst und insofern sollte man Shakespeare besser verbieten – was, wenn sich am Ende jemand am mörderischen Macbeth ein Beispiel nimmt?

Jedes Mal problematisieren die Medien ihre eigene Berichterstattung über den Täter, weil dieser es schließlich mit seiner Tat auf die öffentliche Aufmerksamkeit abgesehen hat – und jedes Mal berichten sie trotzdem weiter über ihn, um ihre Reportagen zu verkaufen.

Jedes Mal wird die Überraschung und das Unverständnis über die Tat ausgedrückt. Jedes Mal sagen die Bekannten des Täters, sie hätten es ihm niemals zugetraut. Jedes Mal wird der Täter am Ende, obwohl er gerade als normal und harmlos beschrieben wurde, wie ein Außerirdischer dargestellt, mit dem niemals irgendwer irgendetwas zu tun hatte und der durch keinerlei Ideen beeinflusst worden ist.

Jedes Mal wird die Tat implizit oder explizit dem politischen Gegner in die Schuhe geschoben und das sind stets Liberale und Konservative. Schon vor Columbine waren der private Waffenbesitz und die Schützenvereine im Verdacht, zur jeweiligen Tat beigetragen zu haben, als würden Soldaten, Polizisten und Jäger, die alle über Waffen verfügen, diese notwendigerweise oder auch nur mit höherer Wahrscheinlichkeit für Anschläge, Amokläufe, Attentate auf die eigene Bevölkerung missbrauchen. Als könnten jene, die eine Gewalttat planen, nicht auch ohne Schützenvereine an Waffen herankommen.

Der einzige Unterschied zwischen einem allgemeinen Waffenverbot im Vergleich zu liberalen Waffengesetzen ist jener, dass gesetzestreue Bürger sich im ersten Fall keine Waffen besorgen. Amokläufer sind immer irgendwie an Bomben und Waffen herangekommen oder haben sie selbst gebaut. In amerikanischen Bundesstaaten, wo der Waffenbesitz erlaubt ist, konnten die Täter schnell gestoppt werden, da auch gesetzestreue Menschen Waffen besitzen. Anderswo musste man zwanzig Minuten und zwanzig Leichen auf die Polizei warten.

Es ist eine absolut offensichtliche Tatsache, dass Breivik sehr schnell hätte gestoppt werden können, wären einige bewaffnete Wächter auf der Insel Utoya stationiert gewesen. Es ist nicht nur irrational, ein Zuviel an Waffen in diesem Fall für das Problem zu halten, sondern es ist geradezu verrückt. Natürlich hätten bewaffnete Leiter des Sommerlagers oder dafür beauftragtes Sicherheitspersonal Breivik mit Waffengewalt unschädlich machen können (jedenfalls mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit, als hätten sie nicht über Waffen verfügt, was wir ja nun auch beobachten durften). Ein Problem lag darin, dass keine bewaffneten Wächter zugegen waren. Von dieser Tatsache gelangt man schlicht und ergreifend nicht zu der Forderung, man solle noch mehr Waffen verbieten – also nicht nur die der Täter (seit wann ist jenen, die Amokläufe planen, der Waffenbesitz erlaubt?), sondern auch die der potenziellen Opfer.

Die professionellen Quacksalber sind auch jedes Mal mit von der Partie. Obwohl psychologische Gutachten und die Gutachten von Amateuren, also die subjektiven Einschätzungen von irgendwem, sich in ihrer Beurteilungsqualität, in ihrer Fähigkeit, die Rückfallsgefahr von Stratätern einzuschätzen, kein bisschen voneinander unterscheiden (siehe Rolf Degens Lexikon der Psychoirrtümer) werden jedes Mal die Priester in Weiß konsultiert, um dann ihre willkürlichen und nicht nur dieses Mal sich diametral widersprechenden Ergebnisse zu präsentieren. Das erste Gutachten erklärte Breivik für verrückt. Auf gesellschaftlichen Druck wurde ein zweites psychologisches Gutachten angefertigt, das zum genau gegenteiligen Ergebnis gelangte. Warum fragen wir nicht gleich einen Schamanen? Warum werfen wir nicht gleich eine Münze, um über die Zukunft von Tätern zu bestimmen?

Insofern kein eindeutiger Geistesschaden vorliegt, etwa wenn das Gehirn einer Person durch einen schweren Unfall geschädigt wurde (dafür kann man sie in der Tat nicht verantwortlich machen) und sie seit diesem Unfall nicht mehr Herr ihrer Handlungen ist – sollte man Straftäter schlicht angesichts der Schwere ihres Vergehens verurteilen. Nur Ursache und Wirkung sind transparent und rational nachzuvollziehen. Jemand ermordet einen Menschen, dann muss er eben entsprechend der Schwere der Strafe verurteilt werden. Welche Strafe der Tat entspricht ist dabei die einzig berechtigte Frage und man wird sie nur in einem gesellschaftlichen Diskurs, bei dem der Sachverstand von Juristen eine Rolle spielt, aber bei dem jeder eine rationale Meinung vertreten kann, beantworten können. Die Höchsstrafe für Mord könnte der Tod sein, aber ebenso eine lebenslange Gefängnisstrafe.

Was die Höchsstrafe für die Ermordung von 77 Menschen aber nicht sein kann, da sie in keiner Weise der Schwere der Tat entspricht, sind 21 Jahre Aufenthalt in einer geräumigen Zelle mit Zugriff auf Zeitungen, in denen man die „wohlverdiente“ Aufmerksamkeit erhält und alles, was man sich von einem Hotelaufenthalt wünschen kann. Wer meint, darüber empöre sich nur der primitive Volkszorn und Bildungsbürger schwebten erhaben über solchen „Rachegefühlen“, der versteht eigentlich überhaupt nichts – mit Gewissheit nicht, wie ein rational nachvollziehbares Strafrecht aussehen müsste.

Allerdings ist es nur konsequent für Deterministen, ob kulturell oder biologisch argumentierend, Mitleid mit Straftätern zu zeigen. Schließlich sind Mörder, ebenso wie man selbst, ja nur Opfer von mysteriösen, unentwirrbaren Ursachen und niemand ist insofern verantwortlich für irgendetwas. Wer weiß schon, ob man als kultureller oder biologischer Determinist, ob politisch links oder rechts, nicht selbst bald einen Mord begehen wird? Wer weiß schon, ob unbegreifliche Triebe oder kulturell-psychologische Faktoren wie die ökonomische Basis oder eine schlechte Kindheit nicht notwendigerweise dazu führen werden, dass man eines Tages einen Menschen ermordet?

Genau dies ist der Grund, warum sich pseudointellektuelle Schwätzer dafür einsetzen, dass Straftäter nicht gerecht (der Tat entsprechend – natürlich auch nicht zu hart), sondern möglichst gnädig bestraft werden: Sie verstehen die Gründe für ihre eigenen Handlungen nicht und können nicht einschätzen, was sie selbst eines Tages tun werden. Am besten, man vergibt ihnen jetzt bereits dafür, indem man Mördern vergibt.

Es ist eigentlich egal, warum Breivik seine Tat beging – jedenfalls sollte es das aus juristischer Sicht sein. „Eine Regierung darf bei einem Straftäter  aufgrund der Natur seiner Ideen keine besondere Gnade walten lassen“ (Ayn Rand). Breivik kann über Tempelritter und Sowjeteuropa glauben, was er will: Er hat 77 Menschen ermordet und dafür muss er bestraft werden.

Welche Rolle bestimmte Ideen für Breivik spielten, ist – vom Strafrecht unabhängig – gewiss eine sehr interessante und auch wichtige Frage. Sie zu stellen ist legitim. Sie automatisch mit „die Ideen des politischen Gegners sind schuld“ zu beantworten,  ist es nicht. Es erscheint mir durchaus der Fall zu sein, dass die paranoiden, pseudo-intellektuellen Tiraden von Fjordman einen gewissen Einfluss auf die Ideologie von Breivik hatten. Auch vor diesem Hintergrund wird man nicht automatisch zum Mörder, aber die Form der Ideologie ist doch recht typisch für Amokläufer und Attentäter.

Dazu passt die Inspiration, die sich Breivik laut eigener Aussage bei islamistischen Terrorgruppen wie al-Qaida holte und nicht zuletzt bei seinen verhassten Marxisten, deren kollektivistische Paranoia der Fjordman-Variante durchaus ähnelt – ob wir nun insgeheim von einer Verschwörung der Kulturmarxisten gesteuert werden oder von reichen, weißen Männern, die ihre Klasseninteressen bewahren – wo liegt überhaupt der relevante Unterschied?

Eigentlich werden wir überhaupt nicht gesteuert, sondern die Leute sind einfach Idioten, was sich zu einer „weltumspannenden Riesendummheit“ aufsummiert, wie Michael Schmidt-Salomon prinzipiell richtig erkannte. Die Debatte um Breivik ist einer von vielen Belegen.

7 Kommentare zu “Die Realität ist geschmacklos

  1. JMA sagt:

    ‚Es ist eigentlich egal, warum Breivik seine Tat beging – jedenfalls sollte es das aus juristischer Sicht sein. “Eine Regierung darf bei einem Straftäter aufgrund der Natur seiner Ideen keine besondere Gnade walten lassen” (Ayn Rand).‘

    Roma locuta, causa finita.

  2. Rüdiger sagt:

    Bitte weitermachen wie bisher: Mit pointierten und bissigen Blogs! Ich werde mich niemals beschweren, wenn jemand mit scharfer Zunge seine Ideen deutlich macht.

    Viele Positionen teile ich mit Dir – z.B. die Überzeugung von der menschlichen Willensfreiheit. Andere nicht, z.B. die Rechtfertigung der Abtreibung (die allerdings klar zu trennen ist von der Frage, wie und ob der Staat Abtreibungen ahnden soll). Ich nehme Deine Standpunkte trotzdem zur Kenntnis und wäge jeweils für mich ab, ob ich sie annehmen kann oder nicht.

    An „Breiviks Toupé“ gefiel mir vor allem Deine Entlarvung der Versuche, ihn seiner persönliche Verantwortung für und Schuld an seinen Mordtaten zu entheben, indem man ihn zum Beispiel zum blossen Ausführenden einer „menschenfeindlichen Ideologie“ erklärt.

    Diese Versuche sind alle sehr fadenscheinig. Wenn mir Wikipedia diese „menschenfeindliche Ideologie“ wie folgt erklärt,

    “Als wesentliche Elemente der kulturkonservativen Ideologie Breiviks sind der Monokulturalismus, die Wiedereinsetzung der Kernfamilie, die freie Marktwirtschaft, die Unterstützung Israels und der Ostkirchen sowie das Eintreten für ein kulturell verstandenes Christentum identifiziert worden,”

    dann wird nicht nur, der „Society-did-it“-Ideologie folgend, Breiviks Tat aus einer verbreiteten Haltung vieler Europäer abgeleitet, ja entschuldigt.

    Zugleich wird diese Haltung selbst diskreditiert: durch die Unterstellung eines ursächlichen Zusammenhangs mit Breiviks Tat. Diese Diskreditierung ist Dir allerdings egal, da die zitierte Haltung Dir sowieso nicht „intellektuell“ genug ist (Fjordmann zum Beispiel, der die oben zitierten Werte vertritt, ist als „Pseudointellektueller“ indiskutabel (eine „Menschenkarikatur“, würde Mely Kiyak sagen) ).

    Wohl setzt sich eine grosse Zahl von Europäern für monokulturelle Gesellschaften, in Europa also für die christlich-abendländischen Werte usw. ein – aber dass sie deshalb auch nur im entferntesten Mordtaten wie die von Breivik billigen, ist eine üble Unterstellung – mit dem einen Zweck, diese kulturkonservative Haltung zu diffamieren.

    Glücklicherweise funktioniert diese Diffamierung nur sehr begrenzt (und diesen Haken haben ihre Verfechter nicht bedacht): Sie funktioniert nur bei Leuten, die das „Society-did-it“-Dogma für wahr halten. Also nur bei den Linken, die man aber sowieso niemals davon zu überzeugen braucht, dass alles Eigene Müll ist (und somit nicht verteidigenswert).

    Für alle anderen stellt sich die Lage so dar, wie sie eben ist: Ein Mordlüsterner hat sich irgendwo ein paar Theoriebrocken zusammengeklaubt, weil es sich besser anfühlt, beim Morden gescheit daherzulabern – als einfach *nur* zu morden.

    • derautor sagt:

      Wobei sich meine eigentliche Argumentation für die Legalisierung der Abtreibung bis zur Schwangerschaft in der Neuauflage von „Ist der Wald endlich tot?“ befindet – die habe ich hier nur kurz angerissen und es wundert mich nicht, dass sie in der Form nicht so überzeugend ist.

      Übrigens: Wer sie in größerem Umfang nachvollziehen möchte, kann auch Ari Armstrongs Büchlein zum Thema lesen: http://www.seculargovernment.us/docs/a62.shtml

  3. Mauna sagt:

    „Allerdings ist es nur konsequent für Deterministen, ob kulturell oder biologisch argumentierend, Mitleid mit Straftätern zu zeigen.“

    Nun ja, ich finde es gerade für Deterministen auch konsequent vertretbar, ein dem jeweiligen Fall (und damit natürlich der schwere der Straftat) angemessenes Strafmaß zu fordern. Und zwar (1) da durch entsprechende Bestrafung ja gewissermaßen ein weiterer Faktor in die Reihe von Determinanten tritt, der dem Täter (und möglicherweise anderen, die sich mit ähnlichen Gedanken tragen wie er) die Folgen seiner Handlungen bewusst macht – etwas salopp gesagt: ein Erziehungsprozess; (2) da die Gesellschaft das Recht hat sich vor Menschen zu schützen, die gefährlich sind. Dabei spielt es zunächst meiner Ansicht nach eine zweitrangige Rolle, ob er zum (Massen-)Mörder wurde, weil er eine schlechte Kindheit hatte, zu lange gestillt wurde, Slipknot oder Heintje hörte, etc.pp. Natürlich kann sich (adher ‚zweitrangig‘) die Frage nach einer Therapie anschließen, wenn denn eindeutige Auslöser (wie von dir zB genannt: Hirnschäden, o.ä.) vorliegen. Am rechtmäßigen Anliegen der restlichen Gesellschaft, sich vor gewalttätigen Menschen zu schützen, ändert das jedoch in erster Instanz nichts.

    • derautor sagt:

      Hm, in der Tat setzen sich rechte Deterministen für ein hartes Strafrecht ein und linke Deterministen für ein gnädiges. Wohl darum, weil erstere nicht an die Veränderbarkeit von Menschen glauben (alles angeboren) und letztere glauben an die Veränderung durch Menschen mittels kruder Methoden im Sinne von „die richtigen Hebel ziehen“ (im Falle der Linksradikalen waren es Umerziehungslager, also Gehirnwäsche, bei den Kuschellinken sind es heute Resozialisierungstherapien, in denen man sich ordentlich ausweinen kann und lernt, wie man „Grüß Gott!“ sagt – sorry für den Sarkasmus, aber da bin ich nicht therapierbar).

      Ich aus meiner liberalen Perspektive würde sagen, dass sich Menschen durchaus verändern können, aber nur, wenn sie das auch wollen, wenn sie also eingesehen haben, warum es nötig ist, was sie erreichen wollen und wie das geht. Ebenso bin ich der Meinung, dass Ursache und Folge (Straftat und Strafe) untrennbar sein sollten – was obskurerweise nicht die Meinung von Deterministen ist, die Menschen statt für die Tat lieber für ihre Gene bestrafen oder für ihre Umwelt nicht bestrafen wollen.

      • Mauna sagt:

        Kein Grund sich für den Sarkasmus zu entschuldigen.
        Die festgestellten Unterschiede zwischen linken und rechten Sichtweisen auf Strafmaße treffen jedoch nicht nur auf Deterministen zu, sondern gelten – zumindest so weit solche Pauschalisierungen zutreffen können – generell für Linke und Rechte.

        Ich wollte mit meinem Kommentar auch weder grundsätzlich für softere nochfür entschieden härtere Strafen plädieren, sondern lediglich sagen, dass auch eine vernünftige Diskussion über angemessenes Strafmaß (eben im Bezug auf die verübte Tat! denn diese Täter-Opfer-Umkehr die irgendwie Trend zu sein scheint find ich auch zum schreien) auf Grundlage des Determinismus möglich ist (oder zumindest wäre, wenn dir das lieber ist).
        Ich halte ohnehin Determinismus und Willensfreiheit nicht für die entscheidenden Gegensatzpaare, wobei eine Diskussion darüber meist in Definitionsschlachten ausartet, also lassen wir das.
        Wir sind uns zumindest einig, dass ein Täter im Bezug auf die Straftat zunächst der Verursacher ist und dafür eine angemessene Strafe sinnvoll und notwendig ist. Welche Gründe den Täter zum Täter machten sind für die weitere Betrachtung interessant und in einigen Fällen womöglich sogar von sehr großer Bedeutung, ändert aber nichts am Recht einer Gesellschaft, ihre Grundsätze und Werte zu verteidigen und zu schützen.

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