Gedankenverbrechen in Norwegen

Wie in Die Realität ist geschmacklos angemerkt, sollten die Meinungen des Massenmörders Anders Breivik keine Rolle spielen für das Strafmaß. Dieses sollte fernerhin nicht auf 21 Jahre Haft beschränkt sein, wie es alle realistischen Szenarien besagen, sondern Breivik sollte, nachdem seine Schuld nach objektiven Kriterien bestätigt wurde, entweder lebenslang ins Gefängnis kommen – unter weniger luxuriösen Bedingungen als heute – oder man sollte ihn zum Tode verurteilen. Nur diese beiden Strafen wären nach meinem Dafürhalten der Ermordung von 77 Menschen angemessen. Natürlich wird nichts dergleichen geschehen.

Statt mit seiner Tat befasst sich das norwegische Gericht, das mit Breiviks Fall betraut ist, mit seinen politischen Ansichten. Es wird im Juni im Auftrag der Verteidigung eine Reihe von „Zeugen“ laden – unter Strafandrohung bei Nichterscheinen -, die sich zur Legitimität von Breiviks Islamkritik äußern sollen. Anders Breivik erstellte offenbar selbst die Liste von Expertenzeugen, um seine Schuld zu lindern. Die linke Elite des Landes hat ebenso ein Interesse daran, Islamkritiker mit Breivik zu assoziieren, was das Gericht nun quasi angeordnet hat.

Auf dieser Liste erscheint der liberale Islamkritiker Bruce Brawer. In seinem Artikel berichtet er auch über die „Zeugin“ Hanne Nabintu Herland, eine Religionshistorikerin, die sich gegen den Islam, gegen Feminismus, gegen den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat und gegen Antisemitismus ausgesprochen hat. Sie weigert sich, „ein Teil der Show dieses bösartigen Mörders zu werden“ und betont, sie sei zur Tatzeit nicht am Tatort gewesen, weshalb ihre Aussage nichts zur Klärung beitragen könne und insofern werde die Aussagepflicht missbraucht. Für ihre Zeugnisverweigerung droht Herland eine Haftstrafe.

Brawer wirft außerdem die Frage auf, warum die Norweger so infantil und sentimental auf die Morde reagierten: Mit Heeren aus Rosen, Friedensparaden, Rhetorik über die Bedeutung der Liebe und der Toleranz und Liedern gegen den Hass, womit jede Art von Islamkritik gemeint war. Am Ende sangen tausende Norweger auf einem öffentlichen Platz in Oslo das Kindergartenlied „Kinder des Regenbogens“.

Nina Witoszek, Professorin an einer Osloer Universität, die 1983 aus dem kommunistischen Polen geflüchtet war, kritisierte die norwegische Reaktion auf Breiviks Morde. Sie schreibt, dass die Norweger vom großen Bösen historisch verschont geblieben seien und darum nicht in der Lage seien, damit umzugehen. Menschen, die nie das Böse erfahren haben, glauben häufig, es wäre eine Art von technischer Fehler, den man mit der richtigen Sozialtechnologie beheben könne und dass generell die Menschen zu einem gut sein werden, wenn man gut zu ihnen ist. Witoszek weist darauf hin, dass die Richter und Anwälte am ersten Tag des Prozesses Breivik die Hand geschüttelt hätten, was sie mit einer norwegischen Sitte rechtfertigten. Ferner seien diejenigen, die auf Utoya ihr Leben riskiert hätten, um andere zu retten, überwiegend Nicht-Norweger gewesen.

Die Norweger, so Witoszek, würden von Kindesbeinen an zu Gutmenschen erzogen, die auf den allmächtigen Staat vertrauen. Sind sie mit dem Bösen konfrontiert, wüssten sie nicht, was zu tun ist. Die Leute müssten Widerstand, Selbstkontrolle und Respekt vor dem Leben lernen, um dem Teufel entgegentreten zu können.

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