Ein nutzloser Zeitvertreib?

Philosophie sei ein nutzloser Zeitvertreib, etwa auf einer Ebene mit dem Besuch moderner Kunstgalerien. Das scheint die Meinung der meisten Menschen im Westen zu sein. Trotzdem genießt sie eine gewisse Achtung unter Mitgliedern gehobener Bildungsschichten, weil Philosophie ihnen eine Möglichkeit bietet, kostengünstig anzugeben und an die Mädels heranzukommen. Zugleich wundern sich die Menschen über mangelnde Orientierung in ihrem Leben und über die allgemeine Irrationalität und Oberflächlichkeit ihrer Gesellschaft. Nun hängt die Verachtung der Philosophie, nicht zuletzt seitens vieler ihrer angeblichen Anhänger, durchaus mit den genannten Problemen zusammen.

Zugegeben ist es wahrscheinlich, dass die ersten Schritte in die Labyrinthe der Weisheitsliebe die meisten Suchenden irreführen werden, insbesondere in unserer verworrenen Zeit, wo die Philosophie häufig missbraucht wird, um zu verschleiern, statt aufzuklären. Und wo die Philosophie selbst verwirrt ist – für einen Einblick in den Abgrund empfehle ich Roger Scrutons Modern Philosophy. An Introduction and Survey.

Ich habe mich ebenso irreführen lassen. Mein früheres Weltbild trug den Namen „reduktionistischer Materialismus“. Ich glaubte, der Mensch sei ein Stück Materie, es gäbe keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen der belebten und der unbelebten Natur und letzten Endes könnten wir alles, was existiert, auf subatomare Partikel reduzieren. Zudem glaubte ich an ein universelles Kausalgesetz, laut dem alles, was geschieht, seit dem Urknall vorherbestimmt sei; darunter menschliche Gedanken, die mit Gehirnvorgängen identisch seien. Willensfreiheit war etwas für verängstigte Hausfrauen und abergläubische Christen. Einige radikale Aufklärungsphilosophen, darunter Offray de la Mettrie, sind einer ganz ähnlichen Meinung gewesen.

Sogar meine naturalistischen Kollegen hielten diese Weltanschauung für „extrem“, aber ich war (und bin) der Meinung, sie sei lediglich konsequent. Wenn schon, denn schon! Wenn der Mensch ein Produkt von deterministischen Naturgesetzen ist, dann muss man alles akzeptieren, was aus dieser Annahme notwendig folgt und wenn es noch so furchtbar ist. „Extrem“ ist kein rationales Gegenargument. Man könnte ebenso kritisch anmerken, die Sonne sei „extrem“ heiß, was an der Temperatur der Sonne nichts ändern würde.

Und man sehe sich nur die Alternativvorschläge an: Die Natur habe, auf welche Weise auch immer, verschiedene Ebenen (jeweils untersucht durch Physik, Chemie, Biologie, Soziologie, Psychologie) erzeugt, die alle ihren eigenen deterministischen Naturgesetzen folgen. Aber da alles letztlich aus subatomaren Partikeln besteht, waren diese „Ebenen“ meiner Ansicht nach nur unterschiedliche Darstellungen von physikalischen Vorgängen. Außerdem kann uns das recht egal sein, denn Kausalität – Ursache und Folge – ist Kausalität, Ebenen hin oder her. Es gibt ernsthafte Philosophen, die sehr weit damit kommen, Menschen so zu beschreiben, als wären sie eine Ansammlung winziger, geistloser Dinge. Das erschien mir damals recht plausibel. Oftmals erscheint es mir noch immer recht plausibel.

Zugleich zählte ich stets die individuelle Selbstbestimmung zu meinen höchsten Werten, wenn nicht zu dem höchsten Wert. „Aufklärung“ bedeutete für mich in erster Linie den Versuch, Menschen mit Hilfe rationaler Argumente und wissenschaftlicher Belege von der Wahrheit zu überzeugen und davon, ihren finsteren Aberglauben zu den Akten zu legen. Aufklärung ist also etwas, das man im freien, friedlichen Austausch betreibt. Aus dieser Perspektive erschien es mir zunehmend verdächtig, wie häufig scheinbar aufklärerisch gesinnte Deterministen, ob linker oder rechter Ausprägung, dem Staat eine besonders wichtige Rolle zuschreiben. Der Staat ist in ihren Augen die zentrale Kontrollinstanz, die in der Lage sei, die Rädchen der Gesellschaft so zu drehen, dass alle Menschen glücklich wären. Mit Hilfe des Staates – nicht etwa mit Hilfe der Aufklärung – könne man die Welt zu einem besseren Ort machen. Sie nannten es „Humanismus“.

Auch die Vertreter eines wissenschaftlichen Rassismus – die rechte Variante des Determinismus – versuchen inzwischen, diesen Begriff für sich zu erobern. Von welchen Faktoren die Menschen determiniert sind, ist in der Tat nur eine Frage von Details. Jemand, der glaubt, Menschen wären kulturell determiniert, kann für sich kein moralisches Recht beanspruchen, jene zum Schweigen zu bringen, die angeborene Faktoren für entscheidend halten. Es besteht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen einem rassistischen und einem marxistischen Determinismus.

Stellt man sich etwa die Frage: Warum möchte ich dieses Jahr in den Urlaub nach Ägypten fliegen? So würden linke Deterministen von der Art und Weise sprechen, wie die Basis den Überbau bestimmt, wie Ihre ökonomische oder soziokulturelle Lage sie dazu brachte, dieses Jahr nach Ägypten fliegen zu wollen. Sie können es sich mit ihrem Mittelstandseinkommen leisten, es gibt eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, dass man im Urlaub in ferne Länder fliegen sollte und so weiter. Das rechte Spiegelbild würde vielleicht argumentieren, dass Ihre biologische Ausstattung, darunter womöglich Ihre ethnische Zugehörigkeit, Sie eine gewisse natürliche Sehnsucht nach Afrika verspüren lässt, wo der Mensch einst in alle Welt auswanderte oder sie würden von Ihrem natürlichen kolonialen Eroberungsdrang schwärmen, der für Sie als Mitglied der weißen Rasse typisch sei. Von all diesen Einflussfaktoren geht lediglich einer verloren: Sie selbst.

Sie sind für rechte und linke Deterministen nur eine Billiardkugel, die von Faktoren, die Sie nicht beeinflussen können, umhergestoßen werden. Sozialisten und Faschisten – das politische Äquivalent des Determinismus – sind diejenigen, die gerne an den Schaltzentralen sitzen würden, wo sie die Faktoren steuern können. Sie gehen von ihrem eigenen freien Willen aus und streben nach Macht über jene Menschen, die bestenfalls ohne freien Willena auskommen.

Mir war die Verbindung zwischen wissenschaftlichem und politischen Determinismus lange Zeit nicht klar gewesen. Ich interessierte mich überwiegend für die Beschaffenheit der objektiven Realität. Die Naturwissenschaften bieten einen nachprüfbar soliden Zugang zur Realität – ansonsten würde unsere Technologie, die auf naturwissenschaftlichen Theorien beruht, nicht funktionieren – und wenn die Wissenschaft so gut mit der Beschreibung der materiellen Welt zurechtkommt (und das tut sie), warum dann nicht auch mit der Beschreibung des Menschen? Der Grund ist mir erst später klargeworden: Während Tiere im Gegensatz zur unbelebten Natur (einst „Mineralien“ genannt) nur die Fähigkeit besitzen, eigene Handlungen zu initiieren, um zu überleben, so besitzt der Mensch die Fähigkeit, seinen Geist durch eine freie Willensentscheidung zu initiieren – und das ist seine Überlebensmethode.

Mit Hilfe der Geisteswissenschaften bin ich also zu der erstaunlichen Erkenntnis gelangt, dass die Grundannahme der Geisteswissenschaften, nämlich, dass der menschliche Geist nicht auf Materie reduziert werden kann und dass dessen Erforschung eine eigene Wissenschaft erfordert, durchaus zutrifft. Im letzten Drittel meines geisteswissenschaftlichen Studiums habe ich endlich eingesehen, dass meine eigenen Fachgebiete eine Daseinsberechtigung haben.

Vom Nutzen der Philosophie 

Diejenigen, die sich ernsthaft und beständig für grundlegende Fragen interessieren, für Philosophie, scheint man in Deutschland an einer Hand abzählen zu können. Der Herausgeber einer Sammlung von Essays über die Willensfreiheit, an der alle maßgeblichen Experten Deutschlands beteiligt waren, sagte mir, dass sie so gut wie niemand gekauft habe. Man kann aber nicht alles auf die Dummheit und Oberflächlichkeit der Durchschnittsbevölkerung schieben und dann meinen, man sei gekommen, um die Menschheit von ihrer Dummheit eigenhändig zu erlösen. Vielmehr sind Philosophen selbst schuld an der Misere, weil sie relativistische und anderweitig absurde Ideen aufgesogen, die Philosophie, die Liebe der Weisheit und die Erkenntnis der Wahrheit, geleugnet haben.

Dabei beantwortet die Philosophie grundlegende Fragen, die das eigene Leben von jedem Menschen unmittelbar betreffen: Werde ich von unsichtbaren Kräften gesteuert oder bin ich Herr über mein eignes Schicksal? Bin ich von Natur aus böse oder habe ich das Potenzial, stets gut zu handeln? Und was bedeutet „gut“ überhaupt? Gibt es eine objektive Realität oder ist alles, was ich sehe, von meinem Wunschdenken abhängig? Muss ich aktiv handeln oder überlebe ich, indem ich mich in die Sonne lege?

Stattdessen stellt sich Richard David Precht vor ein Regal mit Tütensuppen und fragt, ob wir denn wirklich so viele Optionen bräuchten?

Philosophie ist also einerseits die Begrenzung des Angebots an Tütensuppen und andererseits das Engagement für die Rechte von Affen, sowie die Reduktion des Menschen zu einem „nackten Affen“ (dabei dachte ich immer, die Tatsache, dass wir bekleidet sind, wäre erwähnenswerter als die Abwesenheit eines menschlichen Fells) womit die Chefaufklärer Deutschlands von der Giordano Bruno Stiftung inzwischen ihre Zeit vertreiben, während es einen parallelen Trend in der modernen Philosophie gibt, die Rechte des Menschen zu leugnen. Diese seien nämlich nur willkürliche soziale Konstruktionen – im Gegensatz zu Tierrechten, die man kaum ernsthaft leugnen könne.

Früher hatten die Menschen eine klare Orientierung, aber diese konnte die kritische Hinterfragung nicht überstehen (nicht einmal Shaftesburys „Test of Ridicule“). Die glorreiche Herrschaftszeit des Christentums nennt man das „finstere Mittelalter“, denn es war eine Zeit der Verwirrung, der Furcht, der Unwissenheit und Gewalt. Es gab praktisch keinen Fortschritt, weder technisch, noch künstlerisch, noch politisch, noch intellektuell, bis Thomas Aquinas den Vernunftphilosophen Aristoteles wieder in die Diskussion brachte. Es folgte die „Renaissance“, die Wiedergeburt der Vernunft. Sie dauerte bis zur Spätaufklärung an, als Philosophen wie David Hume und Immanuel Kant die Vernunft wieder begruben, indem sie den Menschen zu einem Tier erklärten und Grenzen der Vernunft erfanden, welche die „echte“ Welt niemals wirklich verstehen könne. Danach ging es intellektuell bergab, Freud und Nietzsche erhoben unseren Tierstatus zum Ideal; der ökonomisch-technische Fortschritt wurde lediglich durch die Nachwehen der Renaissance und der Industrialisierung aufrechterhalten.

Und jetzt, 200 Jahre nach der Aufklärung, wissen wir überhaupt nichts mehr und die meisten Menschen teilen die Meinung von David Hume, die Philosophie – welche uns im Gegensatz zu ihrem Urahnen, der Religion, vernünftige Antworten liefern könnte – sei lediglich ein nutzloser Zeitvertreib. Säkulare Religionen wie der nationale und der internationale Sozialismus wurden zwar besiegt, aber nur wenige Menschen haben verstanden, wie und warum diese Systeme nicht funktionieren konnten. Auch im persönlichen Bereich herrscht Ratlosigkeit. Soll man noch, wie zu den Zeiten der kulturellen Vorherrschaft des Christentums, heiraten und Kinder bekommen? Das scheint die erdrückende Sinnleere nicht zu füllen. Wie wäre es mit Zen-Buddhismus, mit Drogen oder mit der Mystik des Meister Eckhart, wie sie einige meiner atheistischen Kollegen beschwören, weil sie meinen, dass ihnen etwas fehlt (was es auch tut).

Wie wäre es mit einem neuen Zeitalter der Vernunft, anstelle von immer neuen Versuchen, der Verantwortung zur Erklärung und Bewältigung der realen Welt zu entgehen?

Realität, Vernunft, Eigeninteresse, Kapitalismus – so lautet das Fundament des Westens. Wunschdenken, Sentimentalität, Beliebigkeit, Entmündigung – seine Grabinschrift.

Literatur 

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19 Kommentare zu “Ein nutzloser Zeitvertreib?

  1. sba sagt:

    Klingt, als wärst Du mit dem neuen Buch schon recht weit…als hobbymäßig architekturinteressierter möchte ich aber nachfragen, was Du vom Mittelalter hältst (bin nicht in der Lage, das eindeutig aus dem entsprechenden Absatz herauszulesen…das „man“ suggeriert, dass Du da bloß anderer Leute Ansicht wiedergibst, das „glorreich“ erscheint ironisch. ) und wie die zeitlichen und räumlichen Grenzen des Mittelalters veranschlagt sind.

    PS: Die „Extremfälle“ von neulich, gegen deren Diskussion Du Dich abgegrenzt hast, können auch ein Testfall für ein philosophisches/ ethisches Modell sein: Wenn man diese Fälle mit Hilfe des Modells lösen kann, stärkt das m.E. Plausibilität und Relevanz des Modells.

    • derautor sagt:

      Der Essay stammt sogar aus dem neuen Buch; ich habe ihn jedoch herausgenommen, weil er zu persönlich ist. Das Mittelalter würde ich zwischen 500 n. Chr. und dem 12. Jahrhundert ansiedeln.

      • sba sagt:

        ah, danke. und was sind die Grenzkriterien?
        (ich persönlich bevorzuge das Ende des weströmischen Reiches für ganz Europa und das Ende des 30-jährigen Krieges für Mittel- und Nordeuropa, während ich mir über den Rest nicht sicher bin)

  2. Karl sagt:

    Gibt es nicht auch eine materalistische Willensfreiheit wie sie z. B. von Daniel Dennett vertreten wird, also eine Verbindung von Naturalismus und Willensfreiheit?

    Mein Problem mit Philosophie bezieht sich mehr auf eine bestimmte Klasse von Philosophen wie Heidegger, Adorno oder Foucault. Oft triviale linke Aussagen werden mit Hilfe sprachlicher Kunststücke zu metaphysischen Wahrheiten aufgeblasen.

    • derautor sagt:

      Es gibt die Kompatibilisten, aber ich denke inzwischen, dass sie sich durchaus im Irrtum befinden. Sie betonen im Grunde lediglich die Tatsache, dass der Mensch ein kausaler Faktor ist, aber er ist trotzdem in eine Kausalkette eingebunden. Zudem gönnen sie ihm aus pragmatischen Gründen Handlungsfreiheit, eine doch eher schwache Position.

      Die Idealisten, Marxisten, Postmodernisten sind nur die Spitze eines irrationalen Eisbergs. Man kann sich die berechtigte Frage stellen, ob die Menschen von moderner Philosophie überhaupt noch Orientierung erwarten können. Auf jeden Fall wird es an der Qualität einer Alternative zur Religion liegen, wie unsere Zukunft aussehen wird.

  3. frau tau sagt:

    ich trug mich mit dem gedanken, dir als sozusagen profi-philosoph u. denker eine (meine) grundlegende frage zu stellen u. lese da jetzt eben diesen zutreffenden text, welcher schon mal in eine solche richtung andeutungen beinhaltet.
    wieso paßt „der (gute) mensch“ so absolut rein gar nicht in das gesamtgefüge dieses planeten? (mal davon abgesehen, daß er das einzig selbstreflektierend denkende wesen ist. aber nur vielleicht. wale denken darüber evtl. anders).
    in der weltweiten biologie herrscht grundsätzlich u. unumstößlich das recht des stärkeren. das gilt unter tieren, pflanzen und auch im mikroskopisch kleinen bereich der bakterien od. viren. fressen u. gefressen werden ist die grundlegende matrix. leider. denn es widerstrebt unserer menschlichen „ethik & moral“. in anführungszeichen deshalb, weil es mir eine maskerade zu sein scheint.

    wer od. was sieht sich in der lage, „wahrheit“ zu verkünden u. was überhaupt ist vernunft? „aufklärung“ klingt irgendwie arg altertümlich im zeitalter des i-net u. sowieso allumfassenden informationsflusses. was ist ein mensch u. was ist er wert? da werden kinder in namen „berechtigt“ geführter kriege abgeschlachtet….wohingegen z.b. hier im olga-hospital schon wenige hundert gramm menschlichen gewebes ohne jedwede hoffnung auf jemals-menschwerdung millionenschwer mit allen mitteln am leben erhalten werden.

    • derautor sagt:

      Eigentlich geht es bei der natürlichen Selektion um das Überleben des an die Umwelt Bestangepassten (darum gibt es auch Symbiose) und Fitness bedeutet die Produktion fortpflanzungsfähiger Nachkommen. Mit dem Stärkeren hat das nichts zu tun. Der Mensch ist auch auf diese Art entstanden, aber er ist nicht mehr vollständig an automatische natürliche Prozesse gebunden. Warum sich das so entwickelt hat, weiß niemand. Ein faszinierendes Thema eigentlich und umso bedauerlicher, wenn es durch schlechte Philosophie in den Dreck gezogen wird.

      Immerhin bemerkt man an deinen Kommentaren, was eine bösartige Philosophie anrichten kann. Beim Durchschnittsmenschen bleibt immer nur die Karikatur oder die Essenz von Ideen hängen und so nihilistisch sieht die öffentliche Rezeption der Darwinitis wahrscheinlich meistens aus. Ich würde an deiner Stelle nicht so viel auf das pseudointellektuelle Geschwätz geben, das unsere Zeit beherrscht.

      Aufklärung ist nicht identisch mit vielen willkürlichen Informationen. Ich denke, du weißt intuitiv bereits sehr genau, was „Wahrheit“ bedeutet und warum sie keine Illusion ist und warum Ethik keine Maskerade ist, auch wenn sich Menschen durchaus darüber im Irrtum befinden können.

      Kinder werden nicht absichtlich von westlichen Truppen getötet, sondern nur von Terroristen und Diktatoren. Einen Embryo ohne Aussicht auf Entwicklung würde ich nicht am Leben erhalten, dies liegt in einer widersprüchlichen Moral begründet, an die sich die Belegschaft deines Krankenhauses offenbar halten muss.

  4. Karl sagt:

    @der Autor

    Warum denkst du wählen die Menschen die „falsche“ Philosophie oder andere „falsche“ Überzeugungen und wie könnte man die Menschen dazu bringen die „richtige“ Anschauung zu wählen.

    • derautor sagt:

      Wegen Kapitulation vor der Herausforderung, die Welt zu verstehen und zu akzeptieren, was man nicht ändern kann. Aufklärung heißt rationale Überzeugung.

  5. JMA sagt:

    “ … Mit Hilfe der Geisteswissenschaften bin ich also zu der erstaunlichen Erkenntnis gelangt, dass die Grundannahme der Geisteswissenschaften, nämlich, dass der menschliche Geist nicht auf Materie reduziert werden kann und dass dessen Erforschung eine eigene Wissenschaft erfordert, durchaus zutrifft. …“
    Ist das nicht eine offenkundige Petitio principii?

    “ … Im letzten Drittel meines geisteswissenschaftlichen Studiums habe ich endlich eingesehen, dass meine eigenen Fachgebiete eine Daseinsberechtigung haben. …“
    Natürlich haben die Geisteswissenschaften eine Berechtigung, und das ist auch einem klugen Deterministen oder Quanten-Physiker klar: Menschen sind so komplex, dass man sie nicht mit einer „ab initio“-Rechnung eines Physikers beschreiben kann. Die Ebenen haben ihre Berechtigung, nicht metaphysisch, aber pragmatisch – sonst könnte man Wissenschaft nur im Bezug auf Atome machen.

    „… während es einen parallelen Trend in der modernen Philosophie gibt, die Rechte des Menschen zu leugnen.“
    Rational begründete Rechte sind Setzungen, aber auf der Basis von Faktischem, mit dem Ziel, (vorrangig menschliches) Leid zu mindern und Lebensmöglichkeiten zu schützen und zu mehren. Dazu ist „The Moral Landscape“ von Sam Harris ein guter Tipp. Philosophen, weil sie oft aus dem geisteswissenschaftlichen Lager kommen, kommen über die Setzungen nicht hinaus, weil doch schließlich das Faktische (Naturwissenschaftliche) keine Rolle spielen darf – das wäre ja ein naturalistischer Fehlschluss. Das ist leider oft ein Totschlag-Argument.

    “ … bis Thomas Aquinas den Vernunftphilosophen Aristoteles wieder in die Diskussion brachte.“
    Thomas hat Aristoteles nicht zur Sprache gebracht, sondern den potenziellen (von anderen wieder entdeckten) Störfaktor für den Glauben, versucht in die Katholische Leere einzubinden, und damit zu neutralisieren. Dass wir Aristoteles heute noch lesen können, ist einer der wenigen kulturellen Verdienste der Muslime.

    „… Und jetzt, 200 Jahre nach der Aufklärung, wissen wir überhaupt nichts mehr und die meisten Menschen teilen die Meinung von David Hume, die Philosophie – welche uns im Gegensatz zu ihrem Urahnen, der Religion, vernünftige Antworten liefern könnte – sei lediglich ein nutzloser Zeitvertreib. …“
    Wir wissen heute viel mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten. Und Hume hat sicher nicht die Philosophie zum nutzlosen Zeitvertreib erklärt – schon man gelesen? Humes Bücher? Die Inquiry on Human Understanding? On Suicide? Letzteres ist schön kurz für den Anfang.

    „Realität, Vernunft, Eigeninteresse, Kapitalismus – so lautet das Fundament des Westens. Wunschdenken, Sentimentalität, Beliebigkeit, Entmündigung – seine Grabinschrift.“
    Ja, das ist nicht sehr verbreitet, aber, wie schon Schiller sagte: Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. Wir werden nie mehr als einige wenige für die Philosophie begeistern – wir müssen, wie die Frommen, eine Verkündigungskultur schaffen, wie z.B. Dawkins es begonnen hat. Eine Homiletik, eine ansprechende Art, unsere Ideen zu verbreiten. Das ist derzeit das Schwimmen gegen den Strom, aber war das je anders?
    Es gibt einen Sinn auch für zweibeinige Tiere ohne Fell und Federn. Hume sah im Menschen nicht allein einen rationalen Egoisten, sondern auch ein Wesen, das auch emotional auf seine Mitmenschen bezogen und angewiesen ist. Das Arbeiten an einem Projekt, das über das eigene kleine Lüstchen hinausgeht, kann Sinn nicht offenbaren, aber STIFTEN, erzeugen – daher kommt der Wunsch nach einem, und die Chance für einen guten Menschen. Auch bei einem evolutionär entstandenen Tier mit einzigartiger Spezialisierung.

    Sinn ist ein sehr spätes Produkt der Evolution. Die Sehnsucht danach beweist nichts weiter als diese Sehnsucht.

    • derautor sagt:

      Ich habe das alles mal wieder sehr zugespitzt und auf Grundprinzipien reduziert.

      „Ist das nicht eine offenkundige Petitio principii?“
      > Es wäre vielleicht akkurater gewesen zu sagen, dass ich durch Philosophie, die sowohl den Geistes- als auch den Naturwissenschaften zugrundeliegt (was ist eine Naturwissenschaft ohne Epistemologie, ohne Methode, Wissen über die Realität zu erwerben?) auf die Berechtigung der Geisteswissenschaften gestoßen bin, die über eine bloße Darstellungsebene weit hinausgeht (wie reduktionistische Naturalisten das sehen).

      Dazu ist “The Moral Landscape” von Sam Harris ein guter Tipp.
      > Allerdings argumentiert Sam Harris utilitaristisch und macht somit die Menschenrechte angreifbar. Wenn es nötig ist, zum geringsten Leid aller in die Menschenrechte mancher einzugreifen, dürfte man dies tun. Allerdings hat er das ohnehin nicht so gut durchdacht.

      Philosophen, weil sie oft aus dem geisteswissenschaftlichen Lager kommen, kommen über die Setzungen nicht hinaus, weil doch schließlich das Faktische (Naturwissenschaftliche) keine Rolle spielen darf
      >Die Idee, dass sich die Geisteswissenschaften nicht mit dem Faktischen befassen würden, ist ein Irrtum (der auf einige schlechte Philosophien zurückgeht). Der menschliche Geist und dessen kulturelle Erzeugnisse sind real.

      Dass wir Aristoteles heute noch lesen können, ist einer der wenigen kulturellen Verdienste der Muslime.
      > Siehe allerdings auch:
      Thomas war allerdings ein äußerst einflussreicher Rezipient von Aristoteles.
      „Thomas von Aquin und Albertus Magnus waren nicht die ersten katholischen Aristoteliker. Schon der Kirchenvater Johann Damaszenus begründete seine Dogmatik ausdrücklich mit Aristoteles und seiner Methode (er übersetzte große Teile seines Werks); dies geschah 100 Jahre vor der ersten arabischen Aristotelesübersetzung.“
      http://de.wikipedia.org/wiki/Aquin

      Und Hume hat sicher nicht die Philosophie zum nutzlosen Zeitvertreib erklärt – schon man gelesen? Humes Bücher? Die Inquiry on Human Understanding? On Suicide? Letzteres ist schön kurz für den Anfang.
      > „To illustrate all this by a similar instance, I shall observe, that there cannot be two passions more nearly resembling each other, than those of hunting and philosophy, whatever disproportion may at first sight appear betwixt them.“
      http://ebooks.adelaide.edu.au/h/hume/david/h92t/B2.3.10.html
      And philosophy — pursuit of knowledge, of whatever kind — is in Hume’s view exactly like hunting and gambling.
      http://branemrys.blogspot.de/2006/09/hume-on-curiosity-and-value-of-truth.html

      Ich habe Inquiry of Human Understanding und anderes von Hume gelesen und ich sehe nicht, wie es irgendwen beeindrucken kann. Hume war ein schreibendes Tier: Die Vernunft sollen wir unseren Leidenschaften unterordnen, „Reason Is and Ought Only to Be the Slave of the Passions“ (und sie nicht einmal kritisch hinterfragen) – demnach ist Vernunft nur instrumentell und also wäre es ganz legitim, sie zum Bau von KZs zu verwenden, wenn unsere willkürlichen Leidenschaften dies so vorsehen; wir haben keinen Grund, von der Existenz der Realität auszugehen, Ursache und Wirkung sind eine Illusion, schließlich beobachten wir nur, dass das eine auf das andere folgt, aber nicht, dass das eine das andere ausgelöst hat.

      Ferner war Hume der (für ihn passenden) Meinung, ästhetische Bewertung sei durch die empirische „Erfahrung“ eines Richters zu verbessern, ohne jedoch irgendwelche Kriterien zu nennen, anhand derer sich Kunst bewerten lässt. Auch ein Tiger könnte regelmäßig Kunstwerke anglotzen und würde damit für Hume zu einem guten Richter werden. Zu allen Überfluss ist Hume der Meinung, dass auch moralische Werturteile auf Gefühl und Stimmung beruhten und ausdrücklich nicht auf Vernunft (!).

      Die negative Meinung, die Christen über Atheisten traditionell hatten – jemand, der keinen Grund hat, gut zu sein, der nur seinen Gelüsten folgt, der keinen Kunstgeschmack hat – alles dies trifft auf David Hume einwandfrei zu. Hume war der Chefidiot der Aufklärung.

      Wir werden nie mehr als einige wenige für die Philosophie begeistern
      > Die Ideen aus der Philosophie haben immer schon indirekt die Gesamtgesellschaft massiv beeinflusst. Wie das konkret funktioniert, erfährt man etwa in Theodore Dalrymples Bücher, in denen er das Verhalten und die Ansichten seiner Mitmenschen auf ihre ideenhistorische Ursprünge zurückführt, oder in den Büchern von Ayn Rand. Es ist so erstaunlich wie zum Teil erschütternd, welchen Einfluss Philosophen tatsächlich haben. Mal abgesehen davon, dass unser politisches System natürlich von Philosophen (John Locke, Montesquieu, etc.) erfunden wurde. Nur wer gar keine Ahnung hat, kann die Bedeutung der Philosophie – im Guten wie im Bösen – leugnen.

  6. foundnoreligion sagt:

    Andi, du scheinst mir zusehr auf das Prinzip der Vernunft festgefahren zu sein. Nicht, dass ich was gegen die Vernunft hätte. Meiner Meinung nach sollten alle unsere Entscheidungen auf der Grundlage der Vernunft getroffen werden, aber die Vernunft kann nicht alleine alle Fragen beantworten. „Über die Vernunft hinaus, aber nicht hinter sie zurück“ lautet die Devise, mit der ich am ehesten übereinstimmen würde. Das größte Problem ist, das eine vernünftige Sichtweise frei von unseren Interessen sein sollte, viele aber ihre Interessen hineinspiegeln. Das wäre erstens. Zweitens: Dass es eine objektive Realität gibt, wage ich nicht zu bezweifeln. Dies ist eine Tatsache, die jedem Skeptizismus standhält. Aber ob wir sie mit unserem Erkenntnisvermögen erkennen können, das wage ich zu bezweifeln. Drittens: Unser Selbsterhaltungstrieb oder wie ihr Objektivisten sagen würdet, das rationale Eigeninteresse sollte stets zusammen mit unserer Eigenverantwortung gehen. Deswegen finde ich auch eine egoistische Sichtweise, wie sie von Rand gefordert wurde, etwas kurzsichtig. Zuguterletzt die Tatsache dass der Kapitalismus die Grundrechte verteidigt mag zwar für ihn sprechen, aber letzten Endes haben sozial Schwache überhaupt nichts davon. Man kann zumindest zugeben, dass man den Armen nicht ständig helfen könne, aber stattdessen sollte man ihnen nicht helfen.
    PS: Jetzt habe ich mich wohl zu einer Persona non grata bei dir gemacht. Aber das interessiert mich wenig.

  7. foundnoreligion sagt:

    Nach meinem Kommentar welcher Philosophie würdest du mich zuordnen.

  8. foundnoreligion sagt:

    Ich sehe mich als Pragmatiker. Ursprünglich war ich Pyrrhoniker, aber ich merkte schnell, dass man im praktischen Leben damit nicht weiter kommt. Wenn ich die Existenz dieser Welt bezweifle, dann würde es mich am Ende umbringen. Meine Philosophie geht von der Situation aus, sowohl in meiner theoretischen als auch von der Ethik. Ausserdem schreibe ich ein Buch mit dem Titel „Meine Gedanken zur Philosophie“. Ich habe gerade erst angefangen. Hoffentlich wünscht du mir viel Glück.

  9. foundnoreligion sagt:

    Ich bin ein umgangssprachlicher Pragmatiker. Meine Philosophie ist eher situationsgebunden und richtet sich danach, was für mein eigenes Leben relevant ist. Andererseits bin ich auch kein Überfan von Rand.

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