Böse Unternehmer

 Unternehmer sind böse, das wollen viele hören. So auch die Times, die am 12. Mai einen Artikel von William Deresiewicz namens Capitalists and Other Psychopaths veröffentlichte…

Ursprünglich behauptete der Autor darin, dass, wie eine psychologische Studie von 2010 zeige, 10% derjenigen, die in der Wall Street arbeiten, Psychopathen seien (im Vergleich zu 1% in der Normalbevölkerung). Dann stellte sich heraus, dass laut der Studie vielmehr 4% von 203 Management-Trainees die Grenze zur klinischen Psychopathie überschritten, wobei die Autoren der Studie betonten, dass ihre Stichprobe nicht repräsentativ sei.

Laut einem Paper, das Ergebnisse von sieben psychologischen Studien der Autoren präsentiert, die Deresiewicz ebenso zitiert, sind Menschen aus der „Oberschicht“ mit höherer Wahrscheinlichkeit Lügner, Betrüger und sie brechen eher Verkehrsregeln als andere. Der Psychologe Gregory Francis findet diese Ergebnisse zweifelhaft, denn die Wahrscheinlichkeit, dass alle sieben Studien zum selben Ergebnis gelangten, betrage nur 2%. Ferner sind die Unterschiede zwischen Menschen aus der Oberschicht und anderen laut den Studien nur gerade so statistisch relevant und erlaubten keine großen, verallgemeinernden Schlussfolgerungen.

Doch nicht nur aus wissenschaftlicher, sondern auch aus philosophischer Sicht haben wir es bei dem Artikel Capitalists and Other Psychopaths mit einem Beispiel von grobem Unsinn zu tun. So schreibt der Autor darin beispielsweise:

„Wall Street ist Kapitalismus in seiner reinsten Form und Kapitalismus beruht auf schlechtem Verhalten.“

Als Illustration nennt Deresiewicz das Gedicht (ein Klassiker der englischen Dichtung) The Fable of the Bees von Bernard Mandeville. Jener argumentiert in seinem Gedicht, dass eine wohlhabende, kapitalistische Gesellschaft notwendig mit Lastern auskommen muss und dass diese untrennbar dazugehören, sogar Positives beitragen, insbesondere Gier und Stolz. Aus dieser facettenreichen Betrachtung des Kapitalismus, den Mandeville insgesamt positiv darstellt (während christliche Werte nicht so gut wegkommen) macht Deresiewicz eine grobe Verurteilung der Marktwirtschaft.

„Ich fand die Idee einer Betriebsschule immer amüsant. Welche Art von Kursen bieten die an? Witwen und Waisen ausrauben? Die Gesichter der Armen schleifen?“

Eigentlich gibt es dort Kurse wie „Unternehmensethik“ (Business Ethics), ein sehr interessanter Teilbereich der Philosophie. Es wäre sicher auch interessant, die Gesicher der Armen zu schleifen oder zumindest herauszufinden, was das eigentlich bedeuten soll.

„Moral im Markt zu erwarten bedeutet, einen Kategorienfehler zu begehen. Kapitalistische Werte sind antithetisch zu christlichen Werten.“

Für Deresiewicz sind Moral, christliche Werte und Altruismus (Selbstaufopferung für andere) scheinbar identisch. Nun, dann sind kapitalistische Werte tatsächlich antithetisch zu christlichen Werten – und gut so. Wir sind kein Kanonenfutter, keine Sklaven, keine Asketen; der Sinn unseres Lebens ist es nicht, anderen zu gefallen, sondern unser eigenes Glück anzustreben, durchaus in friedlicher, freier und fairer Kooperation mit anderen – der individuelle Mensch ist ein Wert an sich. Das nenne ich „Moral“.

„Kapitalistische Werte sind auch antithetisch zu demokratischen. Wie die christliche Ethik fordert die republikanische Regierung von uns ein, die Interessen anderer einzubeziehen. Der Kapitalismus, der unbeirrbar Profit anstrebt, möchte uns glauben machen, dass jeder Mann für sich alleine kämpft.“

Der Kapitalismus ist die radikalste Form der Demokratie, da jeder mit seiner Stimme, mit seinem Geld, entscheiden kann, was produziert wird. Gestützt wird der Kapitalismus durch eine gewählte Regierung, die individuelle Rechte schützt. Wenn eine Regierung von uns fordert, „die Interessen anderer einzubeziehen“, so bedeutet das in der Regel, dass sie in die Rechte von Individuen eingreift und ihr Eigentum auf andere verteilt, ihnen den Mund verbietet, weil „andere“ keine Kritik hören wollen, die Löhne und Preise diktiert, den Menschen die Freiheit raubt und somit auch die Verantwortung und jede Möglichkeit, moralisch zu handeln.

„Zunächst einmal: Falls Unternehmer Arbeitsplätze erschaffen, so erschaffen Arbeitnehmer Wohlstand. Unternehmer nutzen den Wohlstand, um Arbeitsplätze für die Arbeitnehmer zu erschaffen. Arbeitnehmer erschaffen Wohlstand für die Unternehmer.“

Stimmt; allerdings gibt es immer Arbeiter, nicht immer Unternehmer. Unternehmer müssen sehr intelligent sein, um verschiedene Arbeitsprozesse aufeinander abzustimmen, auf Marktschwankungen zu reagieren, Innovationen rechtzeitig zu erkennen und zu nutzen. Unternehmer sind ökonomisch von viel größeren Nutzen als einfache Arbeiter, die man leichter ersetzen kann. Man könnte sich leicht einen Arbeiter- und Bauernstaat vorstellen, aber hat es jemals in der Geschichte das „Atlantis“ aus Ayn Rands berühmten Roman Atlas Shrugged gegeben, in dem nur die fähigsten Erfinder, Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer leben? Es wäre ein sehr kleiner Staat. Bis sie dorthin fliehen, sind wir alle von den Besten der Besten abhängig. Der einfache Mann profitiert mehr von ihnen als sie vom einfachen Mann.

„Eine Person, die eine Hypothek aufnimmt – oder ein Studentendarlehen, oder die ein Kind gebährt – und sich dabei auf einen Job verlässt, von dem sie weiß, dass sie ihn jeden Augenblick verlieren kann (dank, vielleicht, einem dieser Job-Erzeuger) geht ebenso große Risiken ein, wie jemand, der ein Unternehmen gründet.“

Ironischerweise profitiert davon aber nur besagte Person, während die Unternehmensgründung Jobs erzeugt, von denen Deresiewiczs heldenhafte Person wiederum abhängig ist. Zudem ist jemand, der ein Kind auf die Welt bringt, ohne es sich leisten zu können, obwohl die Option zur Abtreibung besteht, selber schuld. Dito jemand, der eine Hypothek aufnimmt, um etwas Unspezifisches damit zu tun, es offenbar also nicht nötig hat.

„Mandeville glaubte, das individuelle Streben nach Eigeninteresse könnte der Allgemeinheit zum Vorteil gereichen, doch im Gegensatz zu Adam Smith glaubte er nicht, dies würde es von alleine tun. Smith „Hand“ war „unsichtbar“ – die automatische Funktion des Marktes. Mandeville involvierte „die fähige Verwaltung durch einen talentierten Politiker“ – modern ausgedrückt: Gesetzgebung, Regulation und Besteuerung.“

Wir haben es verstanden, Deresiewicz ist Sozialist.

Danke an Rolf Degen für die Studien und deren Korrekturen. Bitte kauft seine Bücher, alleine schon aus rationalem Eigeninteresse.

4 Kommentare zu “Böse Unternehmer

  1. Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

    „Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren.“

    Arthur C. Clarke (1917 – 2008)

    Was Zivilisation ist, beschrieb der Sozialphilosoph Silvio Gesell (1862 – 1930) in seinem makroökonomischen Grundlagenwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ im Jahr 1916. Alle „Gegenargumente“ sind Vorurteile und Denkfehler.

    Dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt (und in „God´s own country“ schon wieder einstellen musste), sich noch immer im zivilisatorischen Mittelalter befindet und darum – was von den „Verantwortlichen“ noch gar nicht gesehen wird – heute vor der größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) steht, erklärt der Umstand, dass sich das Paradies (die Marktwirtschaft) nicht von der Erbsünde (dem Privatkapitalismus) befreien lässt, um erst hinterher festzustellen, dass man sich schon im „Himmel auf Erden“ befindet:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  2. foundnoreligion sagt:

    Marktwirtschaft ist Kapitalismus. Der Kapitalismus hat so seine Schwächen. Er schafft es zum Beispiel nicht, dass alle Bürger es halbwegs gut haben. Aber er klappt in Dekaden besser als es jeder Kommunismus tun würde. Der Kapitalismus garantiert die Grundrechte und nicht einmal dies zu 100%.

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