Amazing Atheist, Libertarian

Ja, eine Ikone der Aufklärung wie David Hume deutlich kritisiert zu sehen, hat die Leute mal wieder schön aufgeregt. Dabei glaubt doch praktisch jeder säkulare Humanist, wie großartig der Mann gewesen ist. Tut mir unglaublich leid, aber wenn jemand den Großteil seines philosophischen Werkes dazu gebraucht, den Menschen so zu beschreiben, als wäre er ein Tier (oder ein Tier wie jedes andere) und dies auch noch zum Ideal erhebt, dann hat das für mich nichts mehr zu tun mit „The Age of Reason“; es ist doch eher „The Age of Grunz“. Vielleicht ist die Glorifizierung von Hume nur ein Zeichen purer Verzweiflung ob der Fülle an Trotteln, die die Geschichte der modernen Philosophie, leider inklusive der Aufklärung, hervorbrachte.

Und nun etwas Erbauliches, The Amazing Atheist:

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=wlwFj6pk8gQ[/tube]

Ron Paul ist ja der große Vertreter der österreichischen Schule in den USA, aber warum muss ausgerechnet er das sein? Ein pazifistischer Utopist mit unzähligen wirren Ideen (er ist Abtreibungsgegner, er will den Bundesstaaten überlassen, Homoehe zu verbieten oder zu erlauben, er macht die amerikanische Außenpolitik für den 11. September verantwortlich), es ist unerträglich. Schon besser die Aussage vom Amazing Atheist:

„Ich bin der Amazing Atheist und ich glaube nicht an die Rechte von Staaten. Ich glaube an individuelle Rechte. Ich glaube, dass du der Eigentümer von dir selbst bist und du hast das Recht auf Selbstbestimmung. Du hast nicht das Recht, anderen etwas gegen ihr Einverständnis anzutun.“

Die Konflikte zwischen Libertarianism und Objektivismus (Objektivisten kritisieren die anarchistischen, anti-amerikanischen, anti-intellektuellen Tendenzen der Libertarians) seien hier einmal ausgespart, aber wer sich dafür interessiert:

Ari Armstrong: Libertarians Against Liberty

Ayn Rand: Über die Libertarians

27 Kommentare zu “Amazing Atheist, Libertarian

  1. Karl sagt:

    Arprin hat ja vor kurzem auf seinem Blog den Libertarismus schon mal kritisiert:
    http://arprin.wordpress.com/2012/05/01/libertarismus-eine-totalitare-ideologie/

    • derautor sagt:

      Das ist ja noch viel verrückter, als ich dachte. Ich wusste nicht, dass eigentümlich frei in diese Richtung geht, da schreiben ja auch vernünftige Leute wie Dalrymple.

      • derautor sagt:

        Minimalstaat muss sein und dass ausgerechnet die einst höchst rationalen Austrians zu dieser antiwestlichen Spinnerfraktion mutieren sollten, regt mich besonders auf. Man darf aber nicht übersehen, dass sich auch vernünftige Liberale manchmal in diesen Nihilistenclub verirren.

        • Karl sagt:

          Bei eigentümlich frei gibt es diese antiwestlichen Stimmen schon länger.

          Eine Schlüsselfigur beim antiwestlichen Libertarismus ist hier Murray Rothbard der bereits sehr antiwestlich und antiisraelisch eingestellt war.

          Ein Problem das die Libertären haben ist, dass sie per se jeden Staat als das absolut Schlechte ansehen, so dass sie dann z. B. den eine Diktatur und eine Demokratie gleichsetzen.

          Ich weiß nicht ob es in der österreichischen Schule noch andere Stimmen gibt. So weit ich weiß muss man sicher auch zwischen dem Libertarismus und der austrian school of economics einen Unterschied machen. Die meisten Österreicher (z.B. Hayek)befürworten einen Minimalstaat und lassen sich eher einem klassisch liberalen Lager zurechnen.

          • derautor sagt:

            Offenbar ist der Anarchokapitalismus das, was passiert, wenn eine geniale Idee namens Objektivismus auf hohle Köpfe trifft.

        • Wafthrudnir sagt:

          Arprin stellt die libertäre Demokratiekritik m.E. etwas vereinfacht dar, obwohl auch ich mich schon öfter über die Verharmlosung von Diktatoren durch dieses Lager geärgert habe.
          Hinter dieser Kritik steht zu einem beträchtlichen Teil die Idee oder Erkenntnis, dass Demokratie meist so gesehen wird, dass die Mehrheit Beliebiges beschließen könne, auch wenn dies einen Eingriff in die Rechte einzelner bedeutet (siehe auch http://www.ortneronline.at/?p=17466). Die gesamte Praxis des Sozialstaats spricht für die Wahrheit dieser These, denn er beruht auf demokratisch legitimierter Verletzung von Eigentumsrechten.
          Als möglicher Ausweg wird vorgeschlagen, dass man sein wesentliches Augenmerk nicht auf die Demokratisierung richten möge, sondern darauf, dass es kleine Einheiten gäbe, zwischen denen man ohne allzu großen Aufwand hin und her wechseln könnte. Auf diese Weise würde weniger mit dem Stimmzettel als mit den Füßen über die Qualität von Regierungen abgestimmt, weil schlechte Regierungen mit ihren Bürgern auch Macht, Geld und Einfluß verlören. Ron Paul führt dies in seinem Hörbuch „Liberty Defined“ aus, und dies ist auch der Grund, warum er so gut wie jede Kompetenz an die Einzelstaaten übertragen möchte.
          PS: woher das Vertrauen, dass die amerikanische Bundesregierung bessere Entscheidungen in Bezug auf die Homoehe treffen würde, als die Einzelstaaten?

          • derautor sagt:

            Das wäre in der Praxis die Förderung von Tribalisierung, die Leute würden sich wieder zu ethnischen und religiösen Gruppen zusammenschließen. Der Supreme Court würde über die Grundrechte aller US-Bürger entscheiden, wozu verschiedenste Menschen gehören, dann könnten nicht konservative und linke Staaten ihr abweichendes Ding machen. Das war ja überhaupt erst einer der Gründe für die Etablierung der Vereinigten Staaten und für den Bürgerkrieg, der zur Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten führte. Die Menschen würden nicht nur auf der Grundlage entscheiden, wo die Steuern höher oder niedriger sind oder wo der Staat die Rechte besser schützt. Sie würden unter Pauls Umständen die Möglichkeit haben, Einzelstaaten für sich zu erobern und dort z.B. christliche Theokratien zu etablieren, was in den Staaten mit einer Mehrzahl christlicher Fundis durchaus geschehen könnte, wenn man den Staaten zu viele Möglichkeiten einräumen würde. Das ist einfach Utopismus, der davon ausgeht, die Menschen wären alle radikale Liberale.

          • sba sagt:

            aber muß man als liberaler nicht alle Menschen behandeln, als wären sie liberal? (bzw.: wenn man die objektivistischen Tugenden stark macht und lebt, wird man doch nach ebendiesen Tugenden bei anderen suchen und primär mit Menschen Umgang suchen, die diese auch leben, und sich alle anderen egal sein lassen? Und wen dabei passiert, dass Menschen in einer „Theokratie“ leben w o l l e n – deren Problem, oder nicht?)

          • arprin sagt:

            Meine Kritik an der Demokratiekritik habe ich noch ausführlicher erklärt:
            http://arprin.wordpress.com/2012/05/30/kritik-der-demokratiekritik/#more-9576

            „Auch in einer anarchokapitalistischen Gesellschaft müssten Mehrheitsentscheidungen getroffen werden, die von der Minderheit akzeptiert werden müssen, nur dass sie sich auf kleinere Kreise beschränken. Ich weiß aber nicht, ob es ein Fortschritt ist, wenn sich eine kleine Dorfgemeinschaft auf die Scharia einigt, anstatt dass sie zum Grundgesetz “gezwungen” wird.“

            Auch das Thema staatliche Indoktrination, das ja ein Hauptkritikpunkt der Demokratiekritiker ist:

            „Grundsätzlich bin ich für die Aufhebung der Schulpflicht zugunsten einer Bildungspflicht, die man dann, wenn man möchte, in Privatschulen oder auch von seinen eigenen Eltern in Anspruch nehmen darf. Aber nicht wegen der Indoktrination, sondern wegen der Kosten des Bildungssystems, die dem Steuerzahler aufgebrummt werden. Die Indoktrination ist ein Problem, aber ein Problem, dass man nicht lösen kann. In jeder Schule gibt es, soweit man sich mit politischer Meinung beschäftigt, Indoktrination. In Privatschulen wird das nicht anders sein. In Großbritannien wurde muslimischen Schülern in von Saudi-Arabien finanzierten Schulen beigebracht, wie man Hände abhackt und steinigt.

            Wenn Eltern frei entscheiden dürfen, wohin sie ihre Schüler zum Lernen schicken, bedeutet das nicht, dass die Schüler keine Indoktrination mehr erleben, sondern dass sie die erleben, die die Eltern für richtig halten. Eine von Indoktrination völlig freie Erziehung kann es praktisch nicht geben. Auch die Erziehung zu Toleranz ist ja schon eine Form von Indoktrination.“

          • derautor sagt:

            In dem Beitrag machst du es dir aber auch einfach. Wie wäre es mit einer Ergänzung des Grundgesetzes um ein unveräußerliches Grundrecht auf Privateigentum? Das Problem mit den Interessensgruppen ist ja, dass sie das Geld anderer Leute auf sich verteilen und man kann sich lediglich aussuchen, auf wen es verteilt wird, aber nicht, ob es überhaupt verteilt werden darf. Man könnte vielleicht sagen, dass dies eigentlich zu den Grundprinzipien einer Demokratie gehört.

  2. Karl sagt:

    @sba

    Wie wäre denn so einer liberaler, theokratischer Staat zu bewerkstelligen.
    Da in einem theokratischen Staat ja alle Bürger nach den Regeln leben müssen, müssten ja die anderen den Staat zu verlassen, was wiederum ein Widerspruch zu freiheitlichen Regeln wäre.

    Nehmen wir den Iran als Gottesstaat. Sicher gibt es dort einige die gerne in einem Gottesstaat leben. Muss also der Rest jetzt seine Heimat verlassen?

    Die einzige sinnvolle Lösung wäre das alle Theokraten dann einen eigenen Staat in einer unbevölkerten Gegend der Welt – also vielleicht in der Antarktis – gründen.

  3. Sophian Philon sagt:

    Hm. Wenn alle sich einig sind, ist es irgendwie nicht recht produktiv. Beim hiesigen Anarchisten-Bashing eine Gegenstimme ins Spiel zu bringen, übernehme ich jetzt.

    Ich habe mich gerade intensiv mit Murray Rothbard beschäftigt und bin – ehrlich gesagt – begeistert von der Überzeugungskraft seiner Ideen. Seine Schrift „The Ethics of Liberty“ (hier als pdf-Dokument erhältlich: http://www.mises.org/rothbard/ethics/ethics.asp) ist ein geniales Werk, dass streng naturrechtlich argumentiert (ich fühlte mich mehr als einmal an Ayn Rand erinnert) und dies konsequent bis zum Schluss. Damit es fruchtbar wird, sollten wir nicht auf die Freaks vom Kopp-Verlag, die Verschwörungstheoretiker aus der „Partei der Vernunft“ etc. schauen, sondern konkret auf die Argumente, die etwa Rothbard für den Anarchismus vorgebracht hat. Ich habe zur Zeit wenig Zeit, weshalb ich hier leider nicht länger schreiben kann; aber beim Überfliegen des Artikels von „arpin“ könnte man die meisten Einwände gerade mit Rothbard abwehren (ich nenne nur die kruden Vorstellungen einiger Libertarians zur Homosexualität).

    Rothbard macht deutlich, dass der Staat nicht für Recht sorgen kann, weil er ein permanenter institutionalisierter Rechtsbruch ist. Wie bitte rechtfertigt ein Minimalstaatler den Staat, ohne vom Naturrecht und der Entscheidung des Individuums abzuweichen?

    (Im Übrigen: Der Anarchismus mag utopisch sein, aber der Minimalstaat ist es auch; die USA ist der beste Beweis dafür. Als Minimalstaat gegründet, mischt der amerikanische Staat sich heute dermaßen in die Belange seiner Bürger ein, dass Kritik mehr als angebracht ist. Mit Anti-Amerikanismus hat das nichts zu tun. Ich erinnere nur daran, dass auch Objektivisten wie Peikoff, unter der Regie von Rand, die USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Nazideutschland verglichen hat…)

    • derautor sagt:

      „For most law, but especially the most libertarian parts of the law, emerged not from the State, but out of non-State institutions: tribal custom, common-law judges and courts, the law merchant in mercantile courts, or admiralty law in tribunals set up by shippers themselves.“
      http://mises.org/rothbard/ethics/twentythree.asp

      Der eine hat Scharia, der andere wird von den Azteken verurteilt, einem Gott als Menschenopfer dargebracht zu werden. Und dieses Chaos, von dem Rothbard völlig grundlos glaubt, es würde sich irgendwie auf Menschenrechte einigen (seit wann haben sich Stammeskulturen auf Menschenrechte geeinigt?) ist sein Ideal. Das Recht muss objektiven Kriterien folgen, die für alle Bürger des Landes (oder, im Optimalfall, der ganzen Welt) gültig sind. Rothbard erwähnt keine Möglichkeit, dies zu garantieren. In unserer Demokratie gibt es dafür die Checks & Balances, Wahlen, Transparenz, eine kritische Öffentlichkeit.

      „Wie bitte rechtfertigt ein Minimalstaatler den Staat, ohne vom Naturrecht und der Entscheidung des Individuums abzuweichen?“
      Der Minimalstaat ist derjenige, der die Naturrechte garantiert und somit dem Individuum eine Sphäre, in der er frei handeln kann, überhaupt erst ermöglicht. Die Alternative sind verfeindete Gangs, wie ich sie in der Nähe meines Wohnortes vor einigen Jahren in mannigfaltiger Ausprägung genießen durfte (die nannten sich ebenso „Anarchisten“, aus gutem Grund).

      Ich kann es verstehen, dass man vom Naturrecht beeindruckt ist. Der wichtigste Essay in „Der Westen. Ein Nachruf“ („Was sind Menschenrechte?!) wird viel umfassender als Rothbard auf die Geschichte der Menschenrechte/Naturrechte eingehen. Es ist in der Tat sehr faszinierend und aufschlussreich.

      • Sophian Philon sagt:

        „Das Recht muss objektiven Kriterien folgen, die für alle Bürger des Landes (oder, im Optimalfall, der ganzen Welt) gültig sind. Rothbard erwähnt keine Möglichkeit, dies zu garantieren. In unserer Demokratie gibt es dafür die Checks & Balances, Wahlen, Transparenz, eine kritische Öffentlichkeit.“

        Diese objektiven Kriterien hat Rothbard in „The Ethics of Liberty“ dargelegt, sie folgen aus der Natur des Menschen (wie bei Ayn Rand), und was dagegen verstößt, ist illegitim, wie z.B. die Scharia. „Unsere Demokratie“ gewährleistet mitnichten die Menschenrechte: 2/3 des Einkommens wird geraubt (das zum Thema Eigentumsrechte!), die selbstverteidigung wird kriminalisiert (das zum Thema Recht auf körperliche Unversehrtheit!), für Recht und Ordnung sorgt der Staat auch nicht (in Bremen werden Einbrüche zum größten teil nur telefonisch aufgenommen) und nicht zu vergessen: welcher Bereich der Wirtschaft ist heute wirklich noch Eingriff des Staates? Eine Granzleistung von „Checks & Balances, Wahlen, Transparenz und kritischer Öffentlichkeit“!

        „Der Minimalstaat ist derjenige, der die Naturrechte garantiert und somit dem Individuum eine Sphäre, in der er frei handeln kann, überhaupt erst ermöglicht.“

        Jeder Staat beruht auf der Missachtung von rechte, da er Zwangsabgaben erhebt und ein Sicherheitsmonopol erhebt. Das ist doch kaum zu leugnen. Zumindest müsste man ihn also ein „notwendiges Übel“ nennen. Der Minimalstaat wäre trotzdem eine große Errungenschaft, aber ich wiederhole es noch einmal: Ist er mehr als eine Utopie? Wo hat es ihn jemals gegeben? Die USA sind als ein solcher gestartet, aber die Demokratie, d.h. die Überzeugung, dass alles geht, wenn es nur durch ein Mehrheit gedeckt wird, hat ihn ruiniert!

        • derautor sagt:

          Klar ist die Scharia illegitim laut Naturrecht, aber wen interessiert das in der Kultur verfeindeter Stämme, die aus Rothbards Ideen folgen würde? Wer würde dafür sorgen, dass niemand die Scharia etabliert? Sicherlich nicht private Versicherungen oder private Gerichte – wie etwa Schariagerichte.

          Deine Kritik an unserer Kultur ist außerdem grob überzogen. Du solltest sie schon im Kontext betrachten; im Kontext dessen, was war und was möglich ist. Zudem wird das Eigentum zwar gegen die eigene Zustimmung vom Staat weggenommen, aber man muss natürlich schon erwähnen, dass es teilweise in legitime Staatsaufgaben investiert wird. Ferner stellt sich die Frage, welche realistische Alternative es zur Demokratie geben sollte, die besser darin ist, Grundrechte zu garantieren? Nur sehr wenige Monarchien haben ansatzweise die Grundrechte garantiert (wobei dies vergleichsweise gut funktionierte im viktorianischen England, eine parlamentarische Monarchie, wo der Monarch allerdings wenig zu sagen hatte und noch weniger sagte). Deine Beispiele sind außerdem selektiv. Insgesamt neigst du dazu, die Realität einer unrealistischen Utopie gegenüberzustellen.

          „Jeder Staat beruht auf der Missachtung von rechte, da er Zwangsabgaben erhebt und ein Sicherheitsmonopol erhebt.“

          Die Alternative zum staatlichen Gewaltmonopol ist ein Krieg aller gegen alle oder Volksgerichte, wie sie Linksradikale fordern, die nicht aufgrund objektiver Prinzipien urteilen. Das Gewaltmonopol des Staates ist prinzipiell, bei aller berechtigten Kritik an der konkreten Ausformung in unserem Land zu unserer Zeit, legitim.

          „Ist er mehr als eine Utopie? Wo hat es ihn jemals gegeben? Die USA sind als ein solcher gestartet, aber die Demokratie, d.h. die Überzeugung, dass alles geht, wenn es nur durch ein Mehrheit gedeckt wird, hat ihn ruiniert!“

          Der Minimalstaat existierte ansatzweise zum Beispiel in den USA und England des 19. Jahrhunderts, in Hongkong vor der Übernahme durch die Chinesen, im heutigen Australien und in einigen US-Bundesstaaten. Ein Minimalstaat könnte funktionieren, aber da seine Durchsetzung von der Zustimmung der Bevölkerung abhängt, ist es unwahrscheinlich, dass es dergleichen jemals in Reinform geben wird.

          Ich finde es schon beunruhigend, dass Liberale so von der Idee einer Diktatur beeindruckt sein sollten. Ist dir denn nicht sofort klar, was das bedeutet und wohin es führt, wenn man einer Person oder Gruppe die Macht gibt, das Schicksal von Millionen zu bestimmen?

          • Sophian Philon sagt:

            Zur Klarstellung: Ich trage hier gar nicht meine Ansichten (meine „unrealistische Utopie“) vor, sondern die der sog. „Anarchokapitalisten“, da eure Diskussion recht einseitig war und aus gegenseitigem Zuklatschen bestand.

            Ich habe nichts über für antiwestliche Gesellen, mögen sie sich auch „libertär“ nennen; ich bin kein Monarchist, und erst recht nicht von der Idee der Diktatur beieindruckt, wie du mir unterstellst.

            Ich habe mich zu Wort gemeldet, weil ich vieles von Rothbard überzeugend finde, und die gänzliche Ablehnung und Beleidigung nicht konstruktiv finde. Ich habe Hoppe gelesen, und kann der Kritik auf der Achse des Guten nur beipflichten. Ein Zitat aus seiner neuesten Streitschrift sag eigentlich alles:

            „Schließlich hat ein System konkurrierende Sicherheitsproduzenten eine zweifache Auswirkung auf die Entwicklung des Rechts, als er unter monopolistischen Bedingungen der Fall ist. Die Sicherheitsproduzenten können nicht nur hinsichtlich des Preises, sondern auch mittels Produktdifferenzierung konkurrieren. Katholische Produzenten bieten kanonisches Recht an, jüdische Produzenten mosaisches Recht, moslemische Produzenten islamisches recht und nicht-religiöse Produzenten säkulares Recht. Niemand muss unter einem ‚fremden‘ Recht leben.“

            Das ist pervers und hat rein gar nichts mehr mit Liberalismus zu tun! Aber es ist auch konträr zu dem, was Rothbard sagt: Für ihn gibt es nur ein Recht, ein Recht für alle Menschen, und jedes positive Recht, was diesem Naturrecht nicht entspricht, ist illegitim! Aber der Herr Hoppe hat sich wohl vom Naturrecht verabschiedet…

            Auch dem anti-westlichen Ansichten, die etwa bei ef zu finden sind, kann ich nichts abgewinnen. Für mich ist der Westen bei aller Kritik die einzige Zivilisation, und ich würde ihn niemals mit Diktaturen auf eine Stufe stellen. Trotzdem kann ich deine Argumentation nicht nachvollziehen:

            „Deine Kritik an unserer Kultur ist außerdem grob überzogen. Du solltest sie schon im Kontext betrachten; im Kontext dessen, was war und was möglich ist. Zudem wird das Eigentum zwar gegen die eigene Zustimmung vom Staat weggenommen, aber man muss natürlich schon erwähnen, dass es teilweise in legitime Staatsaufgaben investiert wird.“

            Was hat der Kontext damit zu tun? Das klingt mir sehr relativistisch: Eine Verletzung von Rechten bleibt eine Verletzung von Rechten, egal in welchem Kontext!

            Und: Natürlich fließt es in legitime Staatsaufgaben, aber welcher Teil denn, bitte? Das meiste dient der Bereicherung und Umverteilung, ist folglich eindeutig eine Verletzung von Eigentumsrechten. Und das sage ich als Minimalstaatler… Ich weiß nicht, was daran „grob überzogen“ ist!?

          • derautor sagt:

            „Eine Verletzung von Rechten bleibt eine Verletzung von Rechten, egal in welchem Kontext!“

            Trotzdem sind einige Rechtsverletzungen gravierender als andere. Es ist etwas anderes, wenn wir bestohlen werden und wenn wir gefoltert oder getötet werden. Zudem muss man eben realistisch sein und sich klarmachen, dass man die deutsche Sentimentalität nicht von heute auf morgen verändern wird und dass man sie nur mit Argumenten innerhalb einer Demokratie verändern kann, wie denn sonst?

            Bereicherung und Umverteilung werden anhand bestimmter ökonomischer und ethischer Theorien (z.B. Keynesianismus, Altruismus) begründet. Man muss gegen diese Theorien argumentieren, wenn man etwas verändern will.

            Es ist unnötig, dass du dich persönlich angegriffen fühlst. Ich habe einfach die Ideen kommentiert, die du angeführt hast.

          • Sophian Philon sagt:

            Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, sondern wollte nur in Erinnerung rufen, was ich in meinem ersten Kommentar geschrieben hatte, und damit klarstellen, dass es nicht meine Überzeugungen sind.

            „Zudem muss man eben realistisch sein und sich klarmachen, dass man die deutsche Sentimentalität nicht von heute auf morgen verändern wird und dass man sie nur mit Argumenten innerhalb einer Demokratie verändern kann, wie denn sonst?“

            Ja, das sehe ich auch so. Nichts anderes meinte ich mit meinen Beiträgen zu tun. Und ich denke, dass selbst kopflose Denker wie Hoppe keinen anderen Weg wählen würden.

            Letztlich wollte ich nur darauf hinweisen, dass einige anarchistische Denker durchaus gute Argumente vorbringen. Insbesondere Rothbard wird man nicht gerecht, wenn man es einfach als Spinnereien abtut. Seine Beiträge zur Österreichischen Ökonomie sind beachtlich und auch sein idealitischer Anarchismus ist nicht kopflos.

            Aber natürlich ist es müßig über solche Idealvorstellungen zu theoretisieren. Sie helfen in der Praxis nicht unbedingt weiter. Ziel aller Liberaler sollte es sein, dafür zu kämpfen, dass sich der Staat immer mehr zurückzieht, und nicht, sich ein Gemälde von Utopia zu malen. Insofern pflichte ich dir bei: Wir sollten realistisch bleiben!

    • arprin sagt:

      Ein interessanter Auszug aus The Ethics of Liberty zum Thema Kinderrechte:
      http://mises.org/daily/2568

      Rothbard plädiert für das Recht der Kinder, von zuhause wegzulaufen, für einen freien Babymarkt (den es ja schon gibt), aber gleichzeitig auch für das Recht der Eltern auf „passive Euthanasie“- also das Recht der Eltern, ihr Kind verhungern zu lassen.

      „Applying our theory to parents and children, this means that a parent does not have the right to aggress against his children, but also that the parent should not have a legal obligation to feed, clothe, or educate his children, since such obligations would entail positive acts coerced upon the parent and depriving the parent of his rights. The parent therefore may not murder or mutilate his child, and the law properly outlaws a parent from doing so. But the parent should have the legal right not to feed the child, i.e., to allow it to die.“

      Ein Kind hat also nach Rothbard ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, aber kein Recht auf Ernährung durch seine Eltern. Und eine Mutter, die ihr Kind verhungern lässt, ist für Rothbard keine Kriminelle.

      • derautor sagt:

        Ich sags ja, Anarchokapitalismus ist das, was passiert, wenn der Objektivismus auf hohle Köpfe trifft.

      • Sophian Philon sagt:

        Ja, diese Passage hat in mir auch ein ungutes Gefühl hervorgerufen!

        Aber ein Gegenargument habt ihr auch nicht geliefert. Wie rechtfertigt ihr die Pflicht der Eltern?

        • derautor sagt:

          Mit den individuellen Rechten der Kinder. Kinder sind noch nicht zur Selbsterhaltung fähig und haben nicht darum gebeten, in die Welt gesetzt zu werden und jener, der sie in die Welt setzt, muss daher für sie sorgen.

          Under Objectivism, Parents are obligated to take care of their children for essentially two reasons:
          If it were not for the action of the parents, the child (a human being) would not exist.
          The young child cannot exist independently.

          Leaving out the point that the parents have much to gain from such a relationship, the parents „owe“ it to the child to raise him, because after all, he didn’t ask to be born. In the words of Nathaniel Branden, „The fact that the parents might not have desired the child, in a given case, is irrelevant in this context; he is nevertheless the consequence of their chosen actions–a consequence that, as a possibility, was foreseeable.“

          What exactly are these obligations? The obvious ones are the material needs (food, clothing, shelter, etc.), and then there is the essential responsibility. The parent is to prepare the child for independent survival (independence is one of the essential attributes of man qua man).
          http://obsequiosity.home.mchsi.com/philosophy/children.html

  4. arprin sagt:

    „Wie wäre es mit einer Ergänzung des Grundgesetzes um ein unveräußerliches Grundrecht auf Privateigentum?“

    Ich weiß nicht, was du meinst. Natürlich bin ich dafür, wo habe ich mich denn dagegen ausgesprochen?

    Zu den Interessengruppen:
    Da wollte ich nur darauf hinaus, das die Kritik an den Parteien unsinnig ist, da Interessenspolitik ja an sich nichts Schlechtes, sondern was völlig normales ist. Man muss ja seine Politik auf potenzielle Wählergruppen, die, weil sie keine Entität sind, verschiedene Interessen haben, ausrichten.

    Es gibt in Deutschland keine Wahlpflicht, jeder hat das Recht, sich einer Partei oder Organisation anzuschließen. Es mag Ausnahmen geben, aber in den meisten Fällen wird doch niemand gezwungen, sein Geld auf irgendeine Interessensgruppe zu verteilen.

    Die Probleme, die es in Deutschland heute gibt, basieren nicht auf das politische System, sondern auf andere Entwicklungen wie den Marsch durch die Institutionen und die Politische Korrektheit.

    • derautor sagt:

      Kommt darauf an, wen man als Interessensgruppe ansieht. Ich sehe jeden Empfänger von staatlichen Subventionen als Interessensgruppe an. Privatunternehmen, Kirchen, Lehrergewerkschaft, Bibliotheken, Museen, Bauämter, Schwimmbäder, u.s.w.

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