David Hume und die Vernunft

Der säkulare Humanismus ist eine Kultur mit eigener Traditionslinie. In diese wurden alle möglichen säkularen und halb-säkularen Philosophen hineingesteckt; ziemlich egal, was sie sagten, hauptsache, sie waren religionskritisch. Sogar Friedrich Nietzsche, der die Ausbeutung der Schwachen durch die Starken forderte, ist mit an Bord.

Natürlich gehörte auch der harmlosere und pflegeleichte David Hume dazu und aufgrund meines Hume-Verrisses habe ich schon wieder ein paar Facebook-Freunde weniger – optimistisch betrachtet ist das natürliche Selektion und am Ende bleiben nur die Tauglichsten übrig.

Im säkular-humanistischen Magazin „diesseits“ wird Hume als „humanistisches Urgestein“ gefeiert. Es gibt natürlich eine Sonderausgabe von Aufklärung und Kritik (philosophisches Magazin mit säkular-humanistischem Einschlag) über Hume, er taucht bei den großen Denkern der Aufklärung auf, die die gbs in ihren Prospekten abbildet. Dann nenne ich ihn einen „Tierphilosophen“ und zitiere eine tote, weiße amerikanische Kapitalistin, die böse Dinge über ihn sagt. Und dann ist die Kritik so vereinfacht und „oberflächlich“…

Ich habe trotzdem Recht.

Das Erstaunliche ist nur, wie irgendjemand, der sich die Vernunft auf die Fahnen geschrieben hat, es überhaupt aushalten kann, Humes Werke (mit wenigen Ausnahmen) – die alle Aspekte eines realistischen, rationalen Weltbildes systematisch weg leugnen – im Detail zu studieren und zu feiern. Ich schätze, es liegt an einem Mangel an Alternativen und an der Freude über den rebellischen Agnostiker, der die Religion mindestens ebenso stark bezweifelte wie die Existenz des Bewusstseins, der Kausalität, Identität, der objektiven Realität – von allem, was ein rationales Weltbild ausmacht.

Mein Leser Florian Chefai war so nett, die Haltung Humes zur Vernunft im Detail auszuarbeiten. Es folgen seine akademisch sorgfältigen, ausgewogenen Ausführungen, die meinen einseitigen Wutanfällen wie eine sanfte Massage hawaiianischer Hulamädchen entgegenstehen:

Hume und die Vernunft

Ohne Zweifel: Gefühle spielen bei Hume eine enorm große – eine m.E. zu große – Rolle. („Die Vernunft ist gänzlich passiv und kann darum niemals die Quelle eines aktiven Prinzips sein, wie es das Gewissen oder Sittlichkeitsbewusstsein ist.“ – THN S. 199). Die Hume’sche Moralphilosophie aber bloß auf Empfindungen und Gefühle („Emotivismus“) zu reduzieren, ist nicht richtig. Dem Verstand kommt durchaus eine Bedeutung als konstitutives Element in seinen Überlegungen zu. Moralische Urteile sind keineswegs nur die Konsequenz eines Gefühls, das nicht hinterfragt werden kann. Von einer „gottähnlichen“ Bedeutung der Gefühle kann strenggenommen nicht die Rede sein.

Der Verstand hat laut Hume verschiedene Aufgaben und Fähigkeiten:

– Wie schon richtig angesprochen, besitzt der Verstand die Fähigkeit, Mittel zu erkennen, die für das Erreichen eines bestimmten Ziels notwendig sind. Laut Hume sind wir Mängelwesen, bedürfen also der anderen und verfügen über ein begrenztes Wohlwollen sowie über eine Vernunft, mit deren Hilfe wir Langzeitinteressen im Auge behalten können.

– Innerhalb des moralischen Diskurses legt er außerdem den Gegenstand der moralischen Wertung fest und

– kann überprüfen, inwieweit die Welt der Tatsachen im Werturteil berücksichtig wurde.

– Er kann uns darüber informieren, ob ein moralisches Urteil aus der Perspektive des moral point of view [„general point of view“; AM] gefällt wurde.

– Zudem kann uns der Verstand laut Hume „über die schädliche oder nützliche Tendenz von Eigenschaften oder Handlungen“ aufklären.

– Rechtskonformes Verhalten ist Produkt aus Erziehung, Einsicht und Gewöhnung. Gesetzestreue ist somit zwar eine künstliche, jedoch keine unnatürliche Tugend. Eine solche Verhaltensweise existiert aber nicht von Natur aus, sondern ist das Produkt ganz bestimmter Umstände. Nur eine Mischung aus Vernunft, Selbstsucht und begrenztem Altruismus macht Gesetzestreue notwendig und auch möglich. Denn besäßen wir keine – wenn auch nur passive – Vernunft, sondern nur Selbstsucht, so wäre ein solches Verhalten unmöglich, und ein durchgängiger Altruismus machte Gesetzestreue unnötig. (Vergleichbar mit Kant: Ein reines Vernunftwesen müsste nicht auf ein moralisches Gesetz verpflichtet werden, da sein wollen zugleich ein sollen wäre)

– Die Vernunft kann unser Handeln in „zweierlei Weise beeinflussen. Entweder sie ruft einen Affekt ins Dasein, indem sie uns über die Existenz eines seiner Natur entsprechenden Gegenstandes belehrt; oder sie zeigt uns die Mittel, irgendeinen Affekt zu betätigen, indem sie den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen aufdeckt.“ (THN S. 199f.)

– Moralische Urteile sind für rationale Argumentation offen, wenn sie auf falschen Annahmen über Tatsachen beruhen.

Da bei Hume die Möglichkeit besteht, eine rationale Argumentation über moralische Urteile zu führen, gehört Hume – etwa für Gerhard Streminger – zu den Kognitivisten. Was Humes normative Ethik anbelangt, lässt sie sich wohl am ehesten als Verbindung von gesellschaftsvertraglicher Überlegungen und natürlicher Tugenden einordnen. Nach Bernd Gräfrath („Moral sense und praktische Vernunft“, Metzler, 1991) sollten wir Hume eine metaethische Theorie zuschreiben, die zwischen einem objektiv-naturalistischen und einem intuitionistischen Deskriptivismus schwankt. Ferner meint er bezüglich der Rolle von „reason“ und „sentiment“ in der moralischen Urteilsbildung:

„Da der Verstand allein nicht zu Handlungen motivieren kann, moralische Urteile dies jedoch vermögen, kann das moralische Werturteil nicht allein auf dem bloßen Verstand beruhen. Das heißt wiederum nicht, daß der Verstand an der Begründung moralischer Urteile nicht beteiligt wäre oder das rationale Argumentation unsere Handlungsabsichten nicht ändern könnte.“ (S.33)

Eine scharfe und interessante Kritik an Humes Philosophie findet man z.B. bei Edmund Husserls 25. Vorlesung über das Konstitutionsproblem bei Hume. Er schreibt jedoch zusammenfassend:

„[…] Und doch ist der empiristische Sensualismus nicht wertlos und doch sind Humes Schriften eines genauen Studiums würdig. Fast in allen Ausführungen Humes liegen mitgesehen und mit in den Gesichtskreis des Lesers tretend phänomenologische Zusammenhänge; hinter allen naturalistisch mißdeuteten Problemen stecken wahre Probleme, hinter allen widersinnigen Negationen stecken Momente wertvoller Position; […]“

Letztlich würde ich mich aber Schopenhauer anschließen, wenn er meint: „Aus jeder Seite von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts und Schleiermachers sämtlichen philosophischen Werken zusammengenommen.“

Humes Haltung zur Vernunft wurde sorgfältig ausdifferenziert und Florian gebührt mein aufrichtiger Dank für diesen Versuch, meinen Betonkopf aufzumeißeln.

Hat natürlich nicht funktioniert, denn auf Grundprinzipien reduziert oder mit anderen Worten gefragt: Was ist die Essenz von David Hume?, so würde ich nach wie vor antworten: Er ist ein Tierphilosoph. Er beschreibt essenziell den Menschen so, als wäre er ein Tier. Der Verstand ist nur ein netter Bonus, der den tierischen Eigenschaften des Menschen untergeordnet sei.

Doch wie lautet eigentlich meine Alternative?

Religionskritik im Vergleich

Nehmen wir zunächst einen Bereich, wo größere Einigkeit besteht: Es gibt keinen Gott. („Vermutlich irgendwie, oder so“, würde Hume ergänzen).

Ayn Rand hob hervor, dass Religion einen gewissen historischen Wert als Vorläufer der Philosophie habe und dass Religionen auch sinnvolle Werte hervorbrachten, sie spricht sich jedoch entschieden gegen die Grundlage der religiösen Moral aus, „blinder Glaube, nicht gestützt durch oder im Widerspruch zu den Fakten der Realität und den Schlussfolgerungen der Vernunft. Der Glaube als solcher ist extrem schädlich für das menschliche Leben: Er ist die Verneinung der Vernunft.“ Und die Vernunft ist für Rand die notwendige Bedingung des menschlichen Lebens – während sie für Hume eine den Empfindungen untergeordnete Rolle spielte.

„when we analyse our thoughts or ideas, however compounded or sublime, we always find that they resolve themselves into such simple ideas as were copied from precedent feeling or sentiment.“ (Enquiry Concerning Human Understanding). Wie erhaben unsere Ideen auch sein mögen, sie sind doch von einfachen Ideen abgeleitet, die letztlich aus vorangehenden Gefühlen kopiert wurden. Glaubt Hume.

Oberflächlich betrachtet ähneln sich die religionskritischen Ausführungen von David Hume und Ayn Rand. Beide kritisieren das Konzept Gottes als unvorstellbar und aus ähnlichen Gründen: Hume, weil er nichts wie Gott jemals beobachtet hat und Rand, weil Gottes Definition „das menschliche Bewusstsein und seine Konzepte der Existenz annulliert“, wobei Humes Philosophie das voluntaristische, von rationalen Willensentscheidungen abhängige Bewusstsein des Menschen zu Gunsten von Gefühlen verschiedener Art ebenso angreift.

Der Mensch, so Rand ferner, werde durch den religiösen Glauben an Gott „zu einem demütigen Zombie, der einem Zweck dient, den er nicht kennt, aus Gründen, die er nicht zu hinterfragen hat.“ Dasselbe trifft auf Humes Idee zu, der Mensch sei Gefühlen unterworfen, die er nicht grundsätzlich zu hinterfragen habe, sondern denen er mit seinem Verstand lediglich zu dienen oder sie zu korrigieren habe, insofern sie auf etwas beruhen, was man nicht beobachten kann (etwa, wenn man sich vor Drachen fürchtet).

Ein weiteres Argument gegen Gottes Existenz ist Humes Leugnung der Kausalität, die er benutzt, um Gott als Erstursache, als Schöpfer des Universums, überflüssig zu machen. Er argumentiert also auf dieser Grundlage nicht für andere erste Ursachen als Gott und auch nicht, dass es die Welt schon immer gegeben hätte (was er anderswo tut), sondern für die Position, dass etwas ohne Grund auftauchen könnte; schließlich ist die Verbindung zwischen Ursache und Folge für Hume nur etwas, das wir aus Traditionsgründen so akzeptieren. In jedem anderen Kontext würden säkulare Humanisten jemandem, der behauptet, etwas könne grundlos aus dem Nichts auftauchen, magisches Denken vorwerfen.

„Creation, annihilation, motion, reason, volition; all these may arise from one another, or from any other object we can imagine.“ Alles kann laut Hume aus allem hervorgehen – der Glaube, dass bestimmte Ursachen bestimmte Folgen hätten, ist reine Konvention.

Fairerweise muss also erwähnt werden, dass Humes Religionskritik auch sinnvolle Elemente enthält, insbesondere seine Wunderkritik (On Miracles) und sein Kommentar zur Theodizee-Frage (wie kann ein allguter, allmächtiger Gott das Böse auf der Welt zulassen?) und seine Replik auf das Design-Argument. Überhaupt sind die Dialoge über natürliche Religion sein bestes Werk und überzeugender als der eigentliche Kern seiner Philosophie, den man darum aber nicht einfach ignorieren sollte.

Gefühlsethik versus Vernunftethik

Man kann ebenso anerkennen, dass Hume die Moral unabhängig von der Religion betrachtete und sie für ein natürliches Phänomen hielt. Wer will, mag dies als Fortschritt ansehen, man könnte aber ebenso sagen, dass Hume die Moral aus der Ebene des religiösen Glaubens, aber auch aus der des Verstandes entfernt habe und sie in den Urschlamm schleuderte, um ihr gelegentlich ein paar Leckerli zuzuwerfen, damit die Vernunft hin und wieder angekrochen kommt, um der Moral beizustehen.

Hume war der Meinung, dass wir Gut und Böse mittels bestimmter Gefühle identifizieren könnten: Ein angenehmes, ruhiges Gefühl moralischer Zustimmung im Gegensatz zu einem unangenehmen Missfallen, die empfunden werden, wenn man eine eigene Charaktereigenschaft oder die eines anderen aus einer unvoreingenommenen Perspektive nachempfindet. Er glaubte, alle Menschen würden unter diesen Umständen dasselbe empfinden, hätten also dieselbe natürliche Moral.

Das stimmt nur leider nicht, denn die einzige Grundlage für eine gemeinsame Moral der Menschen ist die Vernunft und die hat Hume an die Leine seiner Launen gelegt. Manche Leute fühlen sich ziemlich gut dabei, junge Frauen und Homosexuelle zu steinigen. Universelle Rechte sind eine junge, sehr abstrakte Idee, die man nur mittels der Vernunft verstehen kann. Man kann sich nicht fühlen zu einer Anerkennung einer Sphäre, innerhalb derer der Mensch frei handeln darf, damit er in einen fairen und friedlichen Austausch mit anderen treten kann.

Man kann sich jedoch, wie die Geschichte zeigte, fühlen zu einem Krieg aller gegen alle. Das ist im Übrigen einer der Gründe für meinen „Vernunft-Fundamentalismus“: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wie wir miteinander umgehen können: 1. Wir einigen uns im Austausch rationaler Argumente auf gemeinsame Regeln oder 2. Wir schreien uns unsere unverständlichen Gefühle entgegen und schlagen uns gegenseitig die Köpfe ein, weil wir uns auf Grundlage widerstreitender, willkürlicher Gefühle nicht einig werden.

Laut der objektivistischen Epistemologie sind Gefühle unbewusste Einschätzungen, was unserem Lebensglück zuträglich ist und was ihm schadet. Gefühle entstehen durch vier Schritte: Wahrnehmung (oder Fantasie), Identifikation, Bewertung und Reaktion. Mit der Zeit automatisiert der Mensch in vielen Fällen die Schritte „Identifikation“ und „Bewertung“. Er nimmt nur noch etwas wahr und reagiert darauf. Einem Philosophen sollte allerdings klar sein, dass Menschen sich irgendwann angewohnt haben, Entitäten auf eine bestimmte Weise zu identifizieren und zu bewerten – und, dass sie sich bewusst dazu entscheiden können, die Dinge anders zu bewerten. Für Hume sind unsere emotionalen Reaktionen Absoluta. Wir könnten sie lediglich mittels unserer Vernunft verfeinern.

Die Vernunft ist laut dem Objektivismus die geistige Fähigkeit, die von den Sinnen des Menschen bezogenen Materialien zu identifizieren und zu integrieren. Ebenso ist kein Gefühl wie der Selbsterhaltungstrieb die Grundlage meines ethischen Realismus, sondern die Dinge, die das Überleben des Menschen de facto erfordern, davon zunächst die bewusste Entscheidung zum Überleben und dann die Anerkennung der Bedingungen des Überlebens, die Akzeptanz der unveränderlichen Naturgesetze und deren Gebrauch durch Erkenntnis (Wissenschaft) und Anwendung (Technologie).

Bei einem rationalen Menschen existieren Vernunft und Gefühl in einem harmonischen Verhältnis. Was wir rational für gut erachten, fühlt sich gut an; was wir als schlecht oder böse erachten, fühlt sich schlecht an.

Und das ist der Unterschied zwischen Sensualismus und Objektivismus: Der Sensualismus legt den Menschen an die Leine seiner Gefühle, der Objektivismus befreit den Menschen, macht ihn zu seinem eigenen Herrn und gibt ihm sein Schicksal in die Hand.

Literatur

David Humes Religionskritik ist in mehreren seiner Schriften zu finden, insbesondere in seinen Dialoge über natürliche Religion, die es im Internet kostenfrei gibt.

Ayn Rands fundamentale Kritik an der katholischen Kirche als menschenfeindliche Institution findet man in ihrem Essay Requiem for Man in Capitalism: The Unknown Ideal:

Ayn Rand: Requiem for Man. In: Ayn Rand, Nathaniel Branden, Alan Greenspan, Robert Hessen: Capitalism. The Unknown Ideal. (Signet Shakespeare). Signet: 1986.

Siehe außerdem: Ayn Rand Lexicon: Religion

http://aynrandlexicon.com/lexicon/religion.html

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2 Kommentare zu “David Hume und die Vernunft

  1. sba sagt:

    nur mal so nebenbei (wo Florian schon Schopenhauer erwähnt): Hat Hume zwischen Vernunft und Verstand unterschieden? (reason und sense oder irgendwie so ähnlich?)

  2. frau tau sagt:

    angesichts deiner (des autors) unglaublich geschliffener redegewandtheit bin ich zumeist „baff“. auf diese argumentationsebenen kann man sich wohl erst erheben nach philosophie-studium.
    ich bleib bei der rohen biologie, denn das ist die wahrheit und nix als die wahrheit.:-)

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