Die Utopie

So, da wir Atomenergie aufgrund von Paranoia und Ignoranz aufgegeben haben, müssen wir nun wieder auf Kohle und Gas setzen, wodurch wiederum der CO2-Ausstoß ansteigt, was die Erderwärmung anheizt.

Es muss frustrierend sein, den Menschen zu hassen, ohne offen seine völlige Zerstörung begrüßen zu können. Um zu existieren, konsumieren die Menschen unverbesserlich Energie und wollen einfach nicht in trauter Eintracht und auf einer Ebene mit Holz und Gewürm leben und die Erde mit ihren bloßen Händen aufgraben.

Die sentimentale Haltung, die gerade so populär ist, passt wunderbar zur ökologischen. Im Paradies der Schamanen und Attilas könnten wir uns endlich unsere Gefühle entgegenschreien und entgegengrunzen, statt Argumente auszutauschen, wir könnten einfach Farbe an die Bäume schleudern und es „Kunst“ nennen, ohne dass noch irgendjemand widersprechen dürfte, denn die Meinungsfreiheit wäre dem allgemeinen Faustrecht geopfert worden.

Während wir auf allen Vieren die Wiesen entlang hoppeln, auf der Suche nach frischer, veganer Ernährung, aber bitte ohne Schädlinge und ohne Schädlingsbekämpfungsmittel mit ihrer unnatürlichen „Chemie“ darin, könnten wir alles besteigen, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist, ohne primitive Eifersucht, ohne veraltete Vorstellungen von Liebe und Treue.

Pelze würden wir schon lange nicht mehr anziehen und es würde uns trotzdem nicht kalt werden, denn die Evolution sorgt dafür, dass uns wieder ein Fell wachsen wird, wie es das in früheren Entwicklungsstufen tat.

Die Einkommensschere würde endlich nicht mehr so weit auseinanderklaffen. Jeder hätte gleich viel: Gar nichts. Es gäbe auch keine schlauen, talentierten Menschen mehr, die sich für etwas Besseres halten, denn jeder wäre gleich: Doof. Wir müssten uns keine Gedanken mehr über die Zukunft machen, wir könnten endlich den Tag nutzen, im Hier und Jetzt leben. Wir essen einfach, was wir zufällig irgendwo finden. Schlafen können wir in irgendwelchen Höhlen oder in den Ruinen der Zivilisation.

Dann könnten wir endlich unsere Illusion des Selbst zurücklassen. Wenn man alle Ursachen wegstreicht, die auf mysteriöse Weise unsere Handlungen und Meinungen bestimmen, bleibt nichts mehr übrig als ein Einzeller, der einfach lebt, ohne zu denken. Wir würden den verhängnisvollen Glauben an die Willensfreiheit aufgeben und endlich anerkennen, dass wir weder auf uns stolz sein, noch uns verachten müssen. Denn wir sind und bedeuten: Nichts. Die Wissenschaft hat es bewiesen. Wir werden keine „Ichs“ mehr sein, wir sind dann nur noch „wir“.

Endlich wären wir zurück zur Natur. Wenn ein Blitz in einen Baum einschlägt und Feuer entfacht, so könnten wir das nur staunend akzeptieren, vielleicht panisch davonrennen. Denn Kausalität ist eine Illusion. Wir glauben nur aus reiner Gewohnheit, dass Blitzeinschläge Feuer auslösen. Tatsächlich schlägt ein Blitz ein und aus völlig unbegreiflichen Gründen, vielleicht zufällig, entsteht zur selben Zeit Feuer, das eine muss mit dem anderen nichts zu tun haben. Glaubten Steinzeitmenschen, glaubte einer der wichtigsten Vordenker der modernen Wissenschaft, David Hume.

Im natürlichen Zustand würden wir auch wieder zur natürlichen Moral zurückfinden, zum Altruismus, der Moral des Selbstopfers. Die Schafe unter den Menschen würden endlich einsehen, dass sie nicht für sich selbst leben, sondern dass die Moral darin besteht, für andere zu leben. Sie würden das rein Materielle hinter sich lassen, den Geiz und weltliche Gelüste. Sie würden die transzendente Dimension der tieferen Bedeutung und der wahren Wirklichkeit erfahren, die Welt, in der es Götter gibt. Passend nur neuen, alten Moral fordern die Götter wieder Menschenopfer.

Andere werden Löwen sein, die ihre Mitmenschen ihren spontanten Gelüsten aufopfern, die in einen archaischen Blutrausch verfallen, die Weibchen und Ländereien anhäufen. Die Löwen und die Schafe stehen aber nicht im Widerstreit, sie ergänzen sich harmonisch. Die einen wollen opfern, die anderen wollen geopfert werden. Die Interessen von Individuen, so wird man endlich einsehen, sind nicht friedlich zu vereinbaren, aber sie sind vereinbar in einem ewigen Schlachtfest, das getragen wird vom finstersten Aberglauben.

Mit der Identität wird das Bewusstsein ausgelöscht. Wir bewegen uns nur noch aus Gründen, die uns unbekannt sind und wir werden nicht mehr wissen, wie wir sie uns verdeutlichen können. Den Glauben, dass wir unsere Handlungen und Gedanken durch eine bewusste Entscheidung verändern könnten, den haben wir ohnehin lange aufgegeben. Wir tun, was wir eben tun. Die Götter alleine wissen, warum.

Und mit dem Bewusstsein verlöscht endlich auch die Existenz.

Das ist der Werdegang der Utopie, umgekehrte Evolution: Es ist der Weg vom Menschen zum Raub- und Opfertier, vom Tier zum Einzeller und endlich zum lange ersehnten: Nichts.