Leben, um zu sterben?

Ich habe gerade einige philosophische Meinungen über die Bedeutung des Todes gelesen und es erscheint mir hier ein Muster zu geben. Unter den atheistischen Auffassungen zum Thema sind mir diese aktuellen Varianten besonders aufgefallen:

1. Wir brauchen den Tod, weil es uns sonst langweilig werden würde auf Erden.

2. Wir brauchen den Tod, weil wir sonst nicht für das Leben planen würden.

3. Wir brauchen den Tod, weil wir sonst keinen Grund hätten, moralisch zu handeln. Wir könnten unser Leben nicht verschwenden, weil es so lange dauert, dass wir ruhig ein paar Jahre ins Gefängnis gehen könnten, ohne allzu viel zu vermissen.

Diese Positionen haben eine nihilistische Auffassung gemein. Sie stammen von Leuten, die ihr Leben nicht als den höchsten Wert schätzen, die nicht wissen, warum sie moralisch handeln sollten, die keinen Grund haben zu leben. Mir ist so gut wie nie langweilig und ich habe genug zu lernen und zu erleben für mehrere Lebenszeiten (und wenn ich doch irgendwann genug habe, könnte ich meinem Leben selbst ein Ende setzen). Ich plane für mein Leben, weil mir mein Leben etwas bedeutet und nicht, weil ich den Tod fürchte – der spielt gar keine Rolle. Ich bin moralisch, weil es in meinem rationalen Eigentinteresse liegt. Ich möchte nicht unmoralisch leben, auch wenn man mir einen Persilschein dafür ausstellen würde (vergleiche Plato: Jemand gibt dir einen Ring, der dich unsichtbar macht. Würdest du ihn gebrauchen?).

Weitaus sinnvoller erscheint mir die Haltung von Mark Twain und Epikur: Der Tod ist wie die Zeit vor der Geburt, er ist die Nicht-Existenz und geht mich insofern in der Regel nichts an. Meine Planung für den Tod in meinen letzten Lebensjahren (z.B. die Regelung des Erbes) gehört zum Leben, nicht zum Tod. Wir sind uns dessen also bewusst, aber die Aussicht auf den Tod ist nur selten von Bedeutung für uns.

Ich kann entsprechend auch nichts mit der Ablehnung des Transhumanismus aus „philosophischen“ Gründen anfangen. Es mag wohl sein, dass wir nicht dazu in der Lage sein werden, uns mittels Technologie unsterblich zu machen, aber zu sagen, dies wäre etwas Schlechtes, da gehört schon ein Hass auf das Leben dazu, der seinesgleichen sucht. Natürlich wäre Unsterblichkeit nichts Schlechtes – jedenfalls, insofern man noch die Option hätte, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen, sobald und insofern man das möchte. Die typischen Argumente (Überbevölkerung, Resourcenknappheit) gegen das menschliche Leben werden auch gegen den Transhumanismus angeführt, was sehr verdächtig ist. Gäbe es eine realistische Aussicht auf Unsterblichkeit (was ich nicht glaube), ich würde ewig leben wollen.

Die Mythen um den Jungbrunnen, der ewige Jugend und ewiges Leben verspricht, entstammen interessanterweise den beiden Epochen, die den Menschen ins Zentrum rückten: Der griechischen Antike und der Renaissance. Der spanische Konquistador Juan Ponce de León suchte etwa im Jahr 1513 in Florida nach dem Jungbrunnen, erwähnt wurde er erstmals im Alexanderroman (356-23 v. Chr.).

Die Zeiten sind vorbei, heute verehren die Heiden wieder den Tod.

35 Kommentare zu “Leben, um zu sterben?

  1. Karl sagt:

    Toller Post.

    So unrealistisch muss die Aussicht auf ein ewiges Leben nicht sein. Es kann durchaus möglich sein, dass man in Zukunft in der Lage ist den biologischen Alterungsprozess auszuschalten. Alternativ könnte es möglich sein, dass mein sein Bewusstsein in eine Art mechanisches Speichermedium überführt (Upload). Das ist sicher noch alles Science-Fiction, aber dass waren ja viele heutige Erfindungen früher auch.

  2. DeeTee sagt:

    Ich würde auch gerne etwas länger leben, vielleicht ein paar Jahrhunderte, aber dann fangen die Probleme an: Jede Situation wiederholt sich auf irgendeine Art und Weise, immer wieder. Auch wenn es für mich schwer vorstellbar ist, so glaube ich dennoch dass nach 1000 Beziehnungen sogar der Sex langweilig werden könnte…ganz abgesehen davon dass unser Gehirn nur begrenzte Kapazitäten hat. Aber gut, lassen wir es 1000, oder gar 100.000 Jahre sein, das ist immer noch ein unendlich kurzer Wimpernschlag im Vergleich zur Ewigkeit. Nö, ist mir zu lang.

  3. sba sagt:

    betr. der begrenzten Hirnkapazität kann ja immernoch das Vergessen gegen Überfüllung abhilfe schaffen (und was man nicht vergessen will, legt man we heute und seit paar hunder Jahren schon, einfach extern ab.)
    Ansonsten wäre die Frage intreessant, warum man das Leben (an sich und das eigene) schätzt. Andreas, Du hast selber gesagt, dass es sich um eine Entscheidung handelt. Aber wie kommt die positiv zustande?

    • derautor sagt:

      Na ja, wenn man ein glückliches Leben führen will, muss man sich dazu entscheiden. Wenn man das nicht will, entscheidet man sich anders. Ich gehe schon davon aus, dass die Menschen ein glückliches Leben führen wollen.

  4. Interessanter Artikel, mich würde mal interessieren welche Art von Atheisten sowas vertreten?

    • derautor sagt:

      In „Modern Philosophy. An Introduction and Survey“ Kapitel 21, 5: The Fear of Death findet man einige dieser Argumente. Z.B. Bernard Williams, Julian Barnes. Außerdem ist die Langweiligkeit der Unsterblichkeit einer der Gründe, warum sich Michael Schmidt-Salomon gegen den Transhumanismus ausspricht. Er bezieht sich u.a. auf „Die Schrecken des Paradieses. Wie lebenswert wäre das ewige Leben?“ von Esther Vilar. Siehe außerdem die Kontroverse um den Transhumanismus: http://en.wikipedia.org/wiki/Transhumanism. Außerdem sind das Beobachtungen von meinen Gesprächen mit anderen Atheisten.

      • Karl sagt:

        Wenn Michael Schmidt-Salamon Angst vor der Langeweile hat dann braucht er ja die entsprechenden Technologien für die Unsterblichkeit nicht zu nutzen.

        Ich habe wirklich große Probleme mit solchen Autoren wie MSS die anderen dann ihre psychologischen Vorstellungen aufzwingen wollen.

        • derautor sagt:

          Er ist natürlich nicht der einzige. Es ist eine weit verbreitete Meinung unter modernen Philosophen, dass man den Tod irgendwie brauchen würde fürs Leben. In der Regel werden dann Argumente gegen ein ewiges Leben im Himmel angeführt, die überhaupt keine Relevanz haben für das ewige Leben auf Erden. Hier bekommen wir eben nicht automatisch jeden Wunsch erfüllt, auch nicht, wenn wir 100 Jahre älter werden (und in der Tat werden wir bereits gut 50 Jahre älter als in früheren Jahrhunderten).

  5. doublemoth sagt:

    Warum die Philosophie bemühen, wenn die Naturwissenschaft darauf schon eine Antwort hat. Durch Sterblichkeit setzen sich positive Mutationen schneller bei Populationen durch. Bei potentiell unsterblichen Organismen wie z.B. einige Bakterien, wird im Laufe der Zeit nach anfänglichen Vorteilen ihre durchschnittliche Fitness geschwächt, wenn sie ihre ökologische Nische mit anderen sterblichen Organismen teilen müssen. Dies wurde mit Hilfe von Computersimulationen nachgeprüft (Martins, Public Library of Science one 6, S. e24328, 2011)bzw. (Fischer, Die Vorteile der Sterblichkeit,S.14, Spektrum der Wissenschaft, März, 2012).

    Und nein! Ich bin nicht froh, dass ich sterblich bin. Es gibt noch so viel was ich machen möchte und ich habe dafür viel zu wenig Zeit.

    • derautor sagt:

      Na super, dann ist unsere Beschäftigung mit dem Tod ja redundant.

    • sba sagt:

      Wobei die Evolution aber auf Populationen ausgerichtet ist, also quasi kollektivistisch ist und das Individuum nur zufällig was davon hat.

    • Karl sagt:

      Ich weiß nicht ob beim Menschen, der sich ja durch seine Fähigkeit zur Willensfreiheit und die Möglichkeit sich technologisch und im Rahmen der sozialen Evolution zu verbessern auszeichnet, diese Betrachtung noch gilt.

      • DeeTee sagt:

        Auch wenn hier noch so viel darüber geschrieben wurde, der Wille des Menschen ist nicht frei.

          • DeeTee sagt:

            Nein. Jenseits Deines Blogs existieren noch andere Meinungen, die m.E. wissenschaftlich fundiert sind. Vom Sollen kann man nicht das Sein herleiten.

          • derautor sagt:

            Ich weiß, dass es noch andere Meinungen gibt und ich weiß auch, warum ich sie für falsch halte. Wissenschaftlich fundiert ist hier gar nichts, die Naturwissenschaften können nur über die messbare Welt Aussagen machen, sie können feststellen, dass wir so handeln, wie wir handeln, aber nicht warum. Da können sie nur etwas behaupten und viele behaupten einfach mal so, dass der Geist auf das Gehirn reduzierbar sei und wir wären Marionetten mysteriöser deterministischer Kräfte, die obendrein eine viel rationalere Theorie darstellten als unsere kindische Illusion, wir hätten eine Wahl. Einfach mal alle zu einem Einführungskurs in Bewusstseinsphilosophie verpflichten, dann würden sie erkennen, wie unsinnig und bloß auf ihren eigenen metaphysischen Spekulationen basierend ihre Interpretationen von Daten sind.

            Dass man Sollen nicht vom Sein ableiten könne wurde ausgebrütet von jemandem, der weder an die objektive Realität noch an die Kausalität noch an die Identität noch an die individuelle Persönlichkeit glaubte, weil er nur das für real hielt, was er unmittelbar im aktuellen Moment wahrnahm. Ein sehr guter Beobachter des Menschen in seinem natürlichen Zustand als Volltrottel.

          • DeeTee sagt:

            „Naturwissenschaften können nur über die messbare Welt Aussagen machen, sie können feststellen, dass wir so handeln, wie wir handeln, aber nicht warum“

            Also existieren Triebe und Motive nicht? Oder die Erkenntnisse der Verhaltenforschung?

            „Geist auf das Gehirn reduzierbar sei und wir wären Marionetten mysteriöser deterministischer Kräfte,“

            Was ist daran mysteriös? Diese „Kräfte“ sind nur zu komplex und chaotisch, außerdem permanent veränderlich.

            „metaphysischen Spekulationen basierend“

            Ich weiss nicht, auf was genau Du Dich hier beziehst, aber mir erscheint es genau umgekehrt.

            „der weder an die objektive Realität noch an die Kausalität noch an die Identität noch an die individuelle Persönlichkeit glaubte“

            Daran glaube ich nicht nur, sondern weiss um deren makroskopische Bewiesenheit.

            „Ein sehr guter Beobachter des Menschen in seinem natürlichen Zustand als Volltrottel.“

            …und hier verlässt uns der freie Wille zur Argumentation und die Emotionen bekommen die Überhand.

          • derautor sagt:

            „Also existieren Triebe und Motive nicht?“

            Instinkte hat der Mensch nicht. Motive sollte er haben. Was wir haben, sind bestimmte Verhaltenstendenzen, die man besonders während des pupertären Hormonumschwungs beobachten kann.

            „Diese “Kräfte” sind nur zu komplex und chaotisch, außerdem permanent veränderlich.“

            Eben. Demnach weiß man nicht, warum man so handelt, wie man handelt. Es ist ein ewiges Mysterium. Habe ich meine Ehefrau aus Eifersucht erschlagen? Wir werden es niemals erfahren. Verantwortlich sind auf jeden Fall diese komplexen, chaotischen Dinger, die mein Leben bestimmen.

            „Daran glaube ich nicht nur, sondern weiss um deren makroskopische Bewiesenheit.“

            David Hume ist gemeint.

            „…und hier verlässt uns der freie Wille zur Argumentation und die Emotionen bekommen die Überhand.“

            Emotionen sind unbewusste Einschätzungen dessen, was uns schadet oder nützt. In diesem Fall ist Verachtung eine bewusste Einschätzung einer Philosophie, die meinem Bewusstsein schadet.

          • DeeTee sagt:

            „Was wir haben, sind bestimmte Verhaltenstendenzen, die man besonders während des pupertären Hormonumschwungs beobachten kann.“

            Naja, das ist doch nun zu einfach: Als würden nur bestimmte Hormone zu bestimmten Zeiten unseren Körper beeinflussen! Jederzeit steuern Hormone unsere Stimmungen, aber vor allem wirkt doch das Erlernte, das Erfahrene unserer Erinnerungen permanent auf unsere Entscheidungen und Ideen. Wärst Du Analphabet, hättest Du nicht die Idee zu bloggen.

            „Eben. Demnach weiß man nicht, warum man so handelt, wie man handelt. Es ist ein ewiges Mysterium. Habe ich meine Ehefrau aus Eifersucht erschlagen? Wir werden es niemals erfahren. Verantwortlich sind auf jeden Fall diese komplexen, chaotischen Dinger, die mein Leben bestimmen.“

            Sagst Du jetzt nicht gerade, dass diese Dinger Deinen freien Willen (mein Leben)nicht nur beeinflussen, sondern bestimmen?

            „ist Verachtung…“

            Tja, der Hochmut, manchmal steht man sich selbst im Wege.

          • DeeTee sagt:

            „Verantwortlich sind auf jeden Fall diese komplexen, chaotischen Dinger, die mein Leben bestimmen.“

            Ups, da habe ich Deinen Sarkasmus nicht sofort erkannt! Sorry, habe ich überlesen, weil die Aussage bis aus „verantwortlich“ eigendlich stimmt. Natürlich ist jeder für sein Tun verantwortlich und haftbar/strafbar. Die Gründe für den Mord der armen Ehefrau liegen aber doch in vom Täter interpretierten Ursachen und Lebenserfahrungen und führten letztlich zu Emotionen, die sich der Kontrolle entzogen haben. Niemand kommt auf die Welt, um irgendwann jemanden zu ermorden. Dinge sind in der Zwischenzeit passiert und haben den Täter (falsch) geprägt. Offenbar hat ihn eine hohe Strafe nicht vor der Tat zurückschrecken lassen, also handelte er möglicherweise erst Recht irrational oder im Affekt. Das Unterbewusstsein spielt jedenfalls eine sehr große Rolle, und die ist uns eben nicht bewusst. Es ist ja gerade das Erstaunliche, dass solche Täter eigendlich so normal wirken, bis diese hochkomplexen, chaotischen Dinger das Fass überlaufen lassen, die Sicherung durchknallt, und er ist nicht mehr Herr seiner Sinne.
            Mir erscheint die Auffassung, dass, wenn man z.B. seine Ehefrau mit jemand anderem im Bett erwischt, und einer erschlägt sie und ein anderer trennt sich und ein weiterer sucht die Eheberatung auf, würde nicht mit der Prägung und der Erziehung/Erfahrung durch Kultur oder frühere Beziehungen zusammenhängen, naiv. Wovon denn sonst?

  6. DeeTee sagt:

    Ich muss wieder mal MSS Recht geben, weil ich exakt diese Auffassung vertreten habe, bevor er sie besser als ich in Worte fassen konnte. Jeder, der hier meint dass sowas eine tolle Sache sei, hat schlichtweg keinerlei Vorstellung vom Begriff der Ewigkeit bzw. Unendlichkeit. Sorry, aber bereits da fängt es bei vielen mit der begrenzten Gehirnkapazität an.
    Desweiteren möchte ich den Aspekt, dass „Vergessen“ helfen würde mit dieser begrenzten Kapazität klarzukommen, aufgreifen: wenn ich nicht reflektieren kann, nicht erinnern kann (egal, ob es sich um Stunden (Alzheimer) oder 100 Jahre handelt), welchen Wert hat es dann für mich noch länger zu leben, um es wieder zu vergessen?

    • derautor sagt:

      Wir wissen eigentlich nicht, ob die Inhalte unseres Geistes überhaupt im Gehirn gespeichert sind. Wir wissen immerhin, dass das Gehirn viel langsamer arbeitet als ein iPod und doch viel leistungsfähiger ist, ohne dies auch nur ansatzweise erklären zu können. Wir wissen verdammt wenig über Gehirn und Geist.

      Wenn sich jemand mit meiner begrenzten „Gehirnkapazität“ anlegen will, kann er es gerne versuchen. Im Übrigen habe ich klargestellt, dass die Option bestehen muss, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen und wer trotzdem noch gegen ein verlängertes Leben ist, der nimmt sich das Recht heraus, über das Leben anderer Menschen zu bestimmen und ihnen vorzuschreiben, wie lange es zu sein hat, welche Lebenszeit es nicht überschreiten darf. Selbst unsere Sozialingenieure mit Gottkomplex werden diese Aufgabe nicht bewältigen können, auch wenn sie ihre eigene Gehirnkapazität für unbegrenzt halten.

      • DeeTee sagt:

        „Wir wissen eigentlich nicht, ob die Inhalte unseres Geistes überhaupt im Gehirn gespeichert sind“

        Wo sonst? Es sei dahingestellt, ob elektrisch, chemisch, elektochemisch oder als Matrix in multidimensionalen Zustandszusammenhängen. Das klingt mir zu esoterisch?

        „Wir wissen verdammt wenig über Gehirn und Geist.“

        Aber genug, um seine Kapazität zu schätzen, individuell unterschiedlich, im Alter sogar abnehmend.

        „Wenn sich jemand mit meiner begrenzten “Gehirnkapazität” anlegen will, kann er es gerne versuchen“

        Ist das jetzt ein Scherz, oder was soll das Gehabe?

        „er nimmt sich das Recht heraus, über das Leben anderer Menschen zu bestimmen und ihnen vorzuschreiben, wie lange es zu sein hat“

        Leider wird umgekehrt ein Schuh draus, das Leiden in Pflegeheimen und auf Intensivstationen wird unnötig verlängert, und den Menschen wird ein würdiges Ende, oft trotz Patientenverfügung, verwehrt.

        Ich habe die letzten Bücher von MSS gelesen und Deine berechtigte Kritik daran, aber er könnte auch hier und da mal Recht haben.

        • derautor sagt:

          Hab keine Ahnung, wo sonst. Das Gehirn ist grundverschieden von unserem subjektiven Erleben. Das Gehirn ist ein Bündel an Nervenzellen, in denen sich elektrochemische Vorgänge abspielen. Es ist weitgehend unklar, wie das mit unseren bewussten Wahrnehmungen und Vorstellungen verbunden ist. Ich bin ein „nicht-reduktionistischer Monist“, demnach gibt es zwar nur die natürliche Welt, aber die verschiedenen Ebenen lassen sich nicht auf nur eine (z.B. physikalische) Ebene reduzieren. Der Geist lässt sich auch nicht auf das Gehirn reduzieren. Das ergibt einfach keinen Sinn. Man könnte sagen, dass Gehirn und Geist untrennbar miteinander verbunden sind, dass das Gehirn die notwendige Bedingung des Geistes ist, aber keine hinreichende.

          „Ist das jetzt ein Scherz, oder was soll das Gehabe?“

          War die Anmerkung über die begrenzte Gehirnkapazität jener, die nicht mit dir übereinstimmen, deinerseits ein Scherz?

          „das Leiden in Pflegeheimen und auf Intensivstationen wird unnötig verlängert, und den Menschen wird ein würdiges Ende, oft trotz Patientenverfügung, verwehrt.“

          Wieso? Sicher nicht wegen mir oder wegen der Willensfreiheit. Ich bin für ein Recht auf Selbstbestimmung, das den eigenen Tod einschließt.

          „aber er könnte auch hier und da mal Recht haben.“

          Hat er auch. Aber MSS hat leider keine konsistente Philosophie, sondern verschiedene widersprüchliche Ansichten, verbunden mit dem Willen, irgendwie die Welt und den Menschen zu verbessern, was teilweise die utopistischen Züge linker Ideologien annimmt. Er ist zugleich für individuelle Selbstbestimmung und für massive staatliche Eingriffe in das Privateigentum – fast so, als würde er glauben, dass Körper und Seele getrennt wären, dass die Seele frei sein müsse, während der Körper den Sozialingenieuren zur Verfügung steht. Und mir wirft er dann vor, ich wäre zu radikal. Der Begriff heißt „konsistent“ und jeder systematische Philosoph muss das sein oder seine Philosophie taugt nichts. Man kann die Vernunft nicht selektiv gebrauchen, wie etwa manche großartige Physiker zugleich Evangelikale sind. Entweder unser Körper und unser Geist und deren Produkte gehören uns selbst oder sie tun das nicht.

        • DeeTee sagt:

          Das Gehirn ist mehr als seine Teile, volle Zustimmung, aber jede Entscheidung ist kausal mit Gehirnprozessen (die wir nur teilweise verstehen) korreliert. Ich würde sagen, das Gehirn bildet den Geist ab. Es ist wie Hardware, die man von außen betrachtet, ohne zu wissen welche Software gerade läuft.

          „War die Anmerkung über die begrenzte Gehirnkapazität jener, die nicht mit dir übereinstimmen, deinerseits ein Scherz?“

          Es ist doch ein Unterschied, ob ich sage: wir Menschen haben eine begrenzte Gehirnkapazität, daher haben wir keine Vorstellung von Unendlichkeit (ich auch nicht, aber ich habe so etwas wie Ehrfurcht davor), ebenso wie unsere Überlebensmaschine Gehirn sich keine Quantenphänomene oder Zusatzdimensionen vorstellen kann, oder Du sagst, jemand kann sich ja mit Dir und Deiner begrenzten Gehinrkapazität anlegen.

          „Ich bin für ein Recht auf Selbstbestimmung, das den eigenen Tod einschließt.“ Ich auch, und wenn ich mir das Elend manchmal so ansehe, sogar unbedingt.

          zu MSS: Ich bin ein Rosinenpicker, der die Philosophie nur am Rande streift. Wenn mir etwas von MSS plausibel erscheint, wird es in mein Weltbild aufgenommen, wenn nicht vergesse ich es wieder. Ob die einzelnen Teile mit Philosophierichtungen zusammenpassen, weiss ich nicht einmal. Ich will nur die Welt verstehen, und mich nicht einer bestimmten Richtung zuordnen lassen.

          • Karl sagt:

            Sollte das dann nicht jedem einzelnen überlassen werden ob er dann gegebenfalls diese Unsterblichkeits- oder Lebensverlängerungstechnologie annimmt.

            Man darf auch nicht vergessen, dass es dann vermutlich unzählig mehr Möglichkeiten gibt sein Leben zu geniessen. Wie es ja heute schon im Vergleich zu hundert Jahren mehr Möglichkeiten gibt.

            Ich verstehe generell nicht, und das bezieht sich nicht auf deinen Kommentar, warum Menschen für andere Optionen ausschliessen wollen, nur weil das nicht ihrer philosophischen oder religiösen Überzeugung entspringt. Ähnliche Argumente gibt es ja auch bei der PDI-Debatte oder der aktiven Sterbehilfe.

          • DeeTee sagt:

            Das sehe ich genau so, ebenso Deine Position zu PID! Aktive Sterbehilfe sehe ich ähnlich, ist aber schwieriger, denn dort gilt es Interessen dritter auszuschliessen, z.B. Einflussnahme durch Erben.
            Ich habe ja nicht gesagt, dass es so nicht sein sollte, sondern dass ewiges Leben (in Bezug auf das Thema, nämlich warum Atheisten den Tod „brauchen“ würden) eine verdammt lange Zeit wäre, m.E. ist dies ein Argument gegen das ewige Leben der Religionen. Ich kritisiere die Forschung gar nicht und würde es begrüßen. Wenn man allerdings diese Dinge jedem freistellt, sollte man zumindest nach dem gesellschaftlichen Preis fragen, denn nicht jeder könnte sich diese Behandlung leisten. Schon jetzt bricht unser Rentensystem langsam zusammen und die Erde ist überbevölkert. Eher pragmatisch gedacht.

          • sba sagt:

            kinners, ji hefft ei heeß g’redt…wenn „physische Unsterblichkeit“ auch zugleich „in einem nicht bzw, vor-gebrechlichen Status“ impliziert, wo ist dann das Rentenproblem?
            Das mit der begrenzten Hirnkapazität ist bezgl. Unsterblkichkeit ein berechtigter Einwand, weil man irgendwann keine neuen Informationen mehr in das Gedächtnis aufnehmen kann. Die (meine) Antwort lautet, dass bei Overflow alte Speicherareale überschrieben werden und daher alles, was man nicht vergessen will, extern abgelegt werden müsste. Punkt.
            Quantenphänomene, Mehrdimensionalitäten, Uendlichkeit und Nichts sind im Übrigen Sache der Vorstellungskraft (a.k.a. „Phantasie“) und haben eher weniger mit der Rechenleistung oder Speichergröße zu tun.
            kallisti

        • DeeTee sagt:

          „in einem nicht bzw, vor-gebrechlichen Status” impliziert, wo ist dann das Rentenproblem“

          Ja, das stimmt natürlich! Und wenn wir uns dann noch vorstellen, dass die Eltern zur Geburt einem einen Cent auf ein Sparkonto legen, ist man ja auch irgendwann Multimilliardär. Soweit, sogut, aber was wäre wenn das viele oder alle täten?
          Nunja, ist ja alles fiktiv, und ein paar Jährchen mehr wären schon ganz nett…

  7. frau tau sagt:

    tja, mit unsterblichen samt deren dann zahlreichen kind-u. kindeskindern (selbstredend ebenfalls unsterblich) wäre die bude aber schnell rappelvoll… und ein vollumfängliches aussterben mangels nahrung u. anderer ressourcen wäre ein rascher schlußpunkt. (einfache milchmädchenrechnung.)

    zudem sei mir die plattitüde erlaubt (weil sie wahr ist): altes muß vergehen, damit neues entstehen kann. wie deetee schon sagte: sonst gibt es nämlich keinerlei biologische weiterentwicklung, vererbte verbesserungen.

    und wer vermag schon mit sicherheit zu behaupten, daß ein entkarnierter, verstorbener geist „verloren“ sei, oder evtl. doch sich hier oder von mir aus in entfernten galaxien eine neue hardware zum bewohnen sucht?
    —-
    übrigens, das plakative beispiel pubertärer hormone stammt ja von mir, um zu belegen, daß der menschliche geist halt eben doch durch z.b. solcherlei profane biochemische manipulation NICHT FREI ist. und nicht nur in der pubi, sondern das ganze leben hindurch tut die körpereigene ChemieAG ihr emsiges Werk.
    der mensch sei nicht instinkt-gesteuert?? allein so ein hübscher adrenalinschub ist eines der „überbleibsel“ tierischer verwandtschaft. einzig dazu da, sofort eine rasante flucht zu ermöglichen.

  8. frau tau sagt:

    @sba: ich werde alt u. das mit der externen ablage (notizzettel) findet bei mir zunehmend anwendung.

  9. frau tau sagt:

    wer hat dem autor die mär verkauft, daß ein i-pod schneller als ein menschliches gehirn sei? es ärgert mitunter schon ein bissel, daß der autor sich zu totalitären aussagen hinreißen läßt.
    der i-pod verarbeitet seine vergleichsweisen mini-datenbanken,- im vergleich zum menschlichen gehirn, welches in – noch immer unnachahmlicher ! – geschwindigkeit zeitgleich ein vielfaches an informationen durchzappt. was oft intuition genannt wird, ist der zugriff auf unvorstellbar umfangreiche, unbewußte datenbanken. beispiel: gestern traf man h.müller u. man kann das gespräch im kern wiedergeben, sowie einige markante auffälligkeiten (z.b. fleck auf dem hemd). allerdings kann man unter hypnose stundenlange einzelheiten darüber berichten, welche im bewußtsein nicht (als unwichtig) hängengeblieben waren, z.b. den genauen wortlaut des gesprächs od. welches kennzeichen ein zufällig vorbeigefahrenes auto hatte, od. wieviele tauben sich im umfeld aufhielten.

  10. frau tau sagt:

    noch ein wichtiger aspekt zur unsterblichkeit: mit zunehmendem alter kommt immer mehr verbitterung auf, weil das leben halt grundsätzlich die eine od. andere ohrfeige erteilt.

    dieser tage hat mich erneut der von mir absolut meistgehaßte spruch aus dem tv angeblökt: gott gebe den seinen nicht mehr als prüfung auf, als diese zu ertragen fähig wären. ich kenne alte menschen, die unfaßbares eben nicht ertragen haben. und es gibt unzählige tote od. insassen von irrenhäusern, die ihren gottgegebenen packen ebenfalls nicht haben tragen können.

    ich habe beruflich mit alten menschen zu tun u. ich kenne eigentlich niemanden von den über 90-jährigen, die nicht aufgrund ihrer lebenserfahrung müde u. verbittert sind.

    um also in freude noch älter werden zu wollen, sollen: bedürfte es einer anderen welt.

    • DeeTee sagt:

      Das mit der Datenablage (Erinnerungsfestplatte als Zeitkapsel) verwende ich, teilweise weil es mein Hobby ist, teilweise weil ich mir vorstelle dass ich irgendwann mal nicht mehr so kann wie jetzt, und dann habe ich einige hunderttausend Fotos und Filme meiner Familie, meiner Kinder etc. und hoffentlich viel Zeit, mir den ganzen Kram noch mal anzusehen. Wer weiss, welche Möglichkeiten sich bis dahin bieten…

  11. Positron sagt:

    Ich frage mich, was Ayn Rand zum Thema Transhumanismus und Unsterblichkeit zu sagen hätte.

    MfG Positron

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