Aufarbeitung, gut und schlecht

Bevor ich meine Tübingen-Galerie zwecks allgemeiner Bewunderung zur Verfügung stelle, hier eine Beobachtung, die ich in jener baden-würtembergischen Stadt gemacht habe. Man erblicke zunächst jene Gedenktafel an das Naziregime von der Tübinger Universität. Ich denke, sie ist geradezu perfekt – so stelle ich mir historische Aufarbeitung vor:

Die Taten und die Täter werden klar benannt. An vielen anderen Orten habe ich bislang die Beobachtung gemacht, dass sich die jeweilige Institution oder der jeweilige Verein als Opfer oder Widerstandskämpfer gegen die Nazis darstellt, mit nur wenigen Beteiligten in den eigenen Reihen, die natürlich von der Mehrheit schon immer kritisch beäugt wurden.

Das ist dieselbe Haltung, die man beobachten kann, wenn mal wieder ein Amokläufer wütete: Zuerst wird darauf hingewiesen, dass man sich die Tat nicht erklären könne, da er doch immer so nett und zurückhaltend war und kurze Zeit später wollte nie jemand mit dem Täter Umgang gepflegt haben, er war nur formelles Mitglied im Schützenverein, er war der große Außenseiter, den jeder stets kritisch beäugte (und da fragen sie sich, warum er Amok läuft!).

Nicht so hier: Es wird offen zugegeben, dass Professoren der Tübinger Universität zu den Vordenkern des Rassenwahns gehörten und dass die Einwohner unter den Tätern waren. So muss es sein.

Doch welche Schlussfolgerungen ziehen die jungen Generationen daraus? Die Studenten haben sich mittels Graffiti direkt neben der Gedenktafel zu Wort gemeldet:

Welche Schlussfolgerung sollte es auch sein, wenn nicht die absurdeste?

Nie wieder Faschismus, klar (auch wenn der Spruch allmählich langweilig wird, da fand ich die Gedenktafel beeindruckender), aber als Alternative die andere totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts zu benennen, die noch ein paar Millionen Todesopfer mehr forderte, das ist schon Blödheit sondergleichen.

Und natürlich gegen Krieg. Gegen welchen? Gegen den Krieg, mit dem die Alliierten die Nazis bezwungen haben? Da sie offenbar gegen Krieg allgemein sind, schaut es fast danach aus. Also doch für Faschismus?

Sind Studenten zu ewiger Blödheit verdammt? Muss sich jede Generation an den 68ern orientieren und an ihren utopistischen, totalitären Ideen? Die Beatles sangen gegen den Krieg, die Amerikaner zogen aus Vietnam ab und die Nordvietnamesen und die Roten Khmer konnten in aller Seelenruhe eine Million Menschen massakrieren. Man könnte doch meinen, dass irgendwer einmal etwas daraus lernen würde.

Es ist so, als würde man mit riesigen, roten Buchstaben an den Himmel schreiben „Wir hätten den Krieg zu Ende bringen müssen!“ und „Die pazifistische Bewegung ist für den Sieg der kommunistischen Massenmörder mitverantwortlich!“ – aber hey, auch egal! Die hatten noch Ideale, ein großes Anliegen, freie Liebe und Tod für den Rest.

Literatur

Mark Humphrys: Faktensammlung Vietnam

2 Kommentare zu “Aufarbeitung, gut und schlecht

  1. Karl sagt:

    In der kruden linken Gedankenwelt führt ja Kapitalismus bekanntlich zum Faschismus. Wobei man vergisst dass ja die Mehrzahl aller kapitalistischen Staaten niemals faschistisch waren.

    Woher diese Begeisterung für den Kommunismus stammt, weiß ich auch nicht. Möglicherweise sind das die Söhne und Töchter reicher Eltern die sich damit irgendwie abgrenzen wollen.

  2. MałyFelek sagt:

    Nicht so hier: Es wird offen zugegeben, dass Professoren der Tübinger Universität zu den Vordenkern des Rassenwahns gehörten und dass die Einwohner unter den Tätern waren. So muss es sein.

    Vollste Zustimmung. Als Gegenbeispiel möchte ich erwähnen, was man in Polen macht, aus falsch verstandener Freundlichkeit-man schreibt „nazisci“ oder „hitlerowcy“ statt „niemieccy (deutsche) nazisci“ (so,als ob das so was internat. gewesen wäre wie z.B der Rotary Club), man möchte die Deutschen nicht verletzen ect. Der Effekt ist beeindruckend (und jeder kann das mal nachgoogeln)- mittlerweise hat sogar Obama schon von den „Polish death camps“ gesprochen und in Foren lässt man sich über die nichtexistente polnische Mittäterschaft aus während in Israel 25% in einer Umfrage demletzt der Meinung waren Polen wären genauso schuldig am Holocaust wie die Nazis (Nazis,nicht Deutsche,wohlgemerkt). Die Folgen davon habe ich,leider, am eigenen Leib erfahren (wurde in einer dt. Synagoge als Antisemit beleidigt,wegen meiner Herkunft) dürfen-Ich hoffe, dass wir endlich mal (weltweit) dazu kommen geschichtliche Fakten als das zu sehen,was sie sind: Fakten und nicht aus Coutoisie/Vertuschung/Revisionismus/um nicht die zarten Gefühle irgendwelcher Nationalisten zu verletzen. In diesem Sinne-ja, das Schild ist hervorragend, habe schon einige gesehen, auf denen um die Zuweisung der Schuld herumgeeiert wurde.

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