Lehnstuhlstratege und stolz darauf

Sehr viele Leute sind offenbar der Meinung, das Lehnstuhlsoldaten/-strategen-„Argument“ wäre ein echtes Argument. Das geht so: Wie kannst du den Afghanistan-Einsatz befürworten, wenn du selbst kein Soldat bist? Wie kannst du andere in den Tod schicken, während du es dir zu Hause gemütlich machst? Von diesem Argument gibt es Varianten zu allen möglichen Themen. „Wie kannst du Abtreibung befürworten, wenn du kein Fötus bist?“, „Wie kannst du die Rente mit 67 befürworten, wenn du nicht kurz vor der Rente stehst?“, „Wie kannst du gegen die Fütterung von Tauben sein, wenn du keine Taube bist?“ Und so weiter.

Nun, das kann ich, weil ich kein Halbaffe, kein Missing Link bin, der ausschließlich das beurteilen kann, was er unmittelbar persönlich gerade erlebt oder gestern erlebt hat. Ein Mensch, der keine Konzepte oder Abstraktionen bilden kann, der nur seinen spontanen Launen folgt, vielleicht gestern und morgen kennt, aber schon nicht mehr letzte Woche oder nächste Woche, der sich vielleicht vorstellen kann, was Horst von der örtlichen Kneipe für Probleme mit der Finanzierung seines vierten Kindes haben wird, aber der sich „Heilige Krieger“ aus Pakistan und was die mit uns zu tun haben sollen, überhaupt nicht vorstellen kann. Darum!

Das Argument ist eigentlich eine Unverschämtheit, weil dessen deontische Komponente mir dankenswerterweise nahelegt, die Klappe zu halten. Und, weil niemand dessen Logik konsistent befolgt.

Beispielsweise sind die meisten Leute keine Chefköche in Restaurants und doch bilden sich viele von ihnen eine Meinung über das Essen, das Chefköche in Restaurants zubereiten. Die meisten Leute sind keine Polizisten und doch stellen sie die Forderung, dass Polizisten für uns ihr Leben riskieren sollen – etwas, das sie von unseren Soldaten ja niemals verlangen würden. Die meisten Leute sind keine Feuerwehrmänner, aber wenn sie in einem brennenden Haus gefangen sind, so würden sie doch die Feuerwehrmänner, die draußen sitzen und Bier trinken, verurteilen.

Aber wenn ich „unsere Soldaten in den Krieg schicken“ will, dann darf ich das auf einmal nicht, weil ich kein Soldat bin.

Woran liegt das? Weil es nicht meine Aufgabe ist, Terroristen in Afghanistan zu töten. Ich werde nicht dafür bezahlt, mein Leben zu riskieren – unsere Soldaten schon und das nicht einmal schlecht. Ich erfülle eine andere Aufgabe, indem ich sie verteidige und ihre Aufgabe definiere, wie sie meiner begründeten Ansicht nach aussehen sollte (wer sonst traut sich zu sagen, dass wir in Afghanistan unsere Feinde töten sollten? Das ganze Land redet nur von Krankhäusern, Schulen und Carepaketen). Ich gehöre zu einer Minderheit von exzentrischen Intellektuellen, die keine antiwestlichen oder kindlich-naiven Plattitüden über Militär und Krieg von sich geben. Diese Aufgabe erfülle ich sicher besser, als ich die Aufgabe erfüllen könnte, selbst unsere Feinde zu bekämpfen.

Wenn man nur etwas beurteilen kann, was man selbst erlebt hat, woher kommt dann die allgemeine Verurteilung des Holocaust? Vielleicht war der Holocaust ja ein spannendes Abenteuer für die ganze Familie? Vielleicht hat er gar nicht stattgefunden, vielleicht war er doppelt so schlimm wie Historiker vermuten? Keine Ahnung, man steckt ja nicht drin. Es ist einfach unmöglich für einen Außenstehenden zu beurteilen, ob es angenehm oder weniger angenehm war, vergast zu werden.

Dasselbe Phänomen kann man in Talkshows beobachten, wo Philosophen regelmäßig aufgefordert werden, persönliche Geschichten zu erzählen. Wenn es um die Frage geht, ob Gott existiert, so wird das von den Moderatoren mit der Frage gleichgesetzt, welches persönliche Kindheitserlebnis dem Herrn Philosophen einst seinen Glauben an Gott nahm. Demnach gäbe es keine universell nachvollziehbaren Gründe, die gegen Gottes Existenz sprechen, oder wir wären unfähig, irgendein abstraktes Konzept oder Argument zu verstehen, das nichts mit unseren unmittelbaren Erlebnissen zu tun hat – wobei man sich dann allerdings fragt, warum dieselben Leute behaupten, an ein abstraktes Konzept wie „Gott“ zu glauben.

Das Lehnstuhlsoldaten-Argument ist ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung und es ist ein Angriff auf den menschlichen Verstand.

Aber hey, ich will nicht intolerant klingen wie religiöse Fundamentalisten. Vielleicht ist Logik gar nicht eindeutig, sondern butterweich. Vielleicht kann man ein unlogisches Pseudo-Argument in einem Kontext anführen und im anderen nicht.

Was nicht heißen soll, dass ich unfehlbar wäre. Aber wenn ich einen Fehler mache, müsste man dies aufzeigen – anstatt einfach zu sagen, ich dürfte mich gar nicht zu einem Thema äußern. Das geht eigentlich gar nicht – oder jedenfalls ging es irgendwann einmal gar nicht und inzwischen ist es selbstverständlich, „Kriegsbefürwortern“ den Mund zu verbieten.

9 Kommentare zu “Lehnstuhlstratege und stolz darauf

  1. DeeTee sagt:

    Nun setzen Chefköche seltener ihr Leben aufs Spiel (kommt vielleicht darauf an, für wen er kocht), aber ist es denn nicht so, dass, wenn wir uns um alle Diktaturen auf der Welt kümmern wollten, dies eine Schlacht wäre, in der unsere unterversorgte Bundeswehr durch massiven Einzug von Zivilisten verstärkt werden müsste? Und wärest Du dann dabei? Es ist richtig, wir haben ja jetzt eine Berufsarmee, die Soldaten bekommen Geld dafür und haben es so gewollt. Ich bin dafür, dass unsere Soldaten wesentlich mehr Geld für die allerbeste Ausrüstung erhalten, die es gibt, damit ihr Risiko so klein wie möglich ist. Aber was ist mit den Kosten, und was ist mit den Erfolgsaussichten? Da scheint es so, dass zumindest in einigen Ausseinandersetzungen der letzten Jahre nach Rückzug der Besatzer die Lage eher schlechter geworden ist.
    Insofern wäre es zwar logisch konsequent und auch wünschenswert, Unrechtregime überall zu entmachten, aber eben nicht möglich, da die Kosten alle alliierten Volkswirtschaften überfordern würde.
    Ich kritisiere auch die Verflechtungen der Regierungen in denjenigen Staaten, wo es Bodenschätze (Saudi-Arabien, Kuwait etc.), Absatzmärkte oder stragetische Gründe gibt, hier werden Regime unterstützt, Waffen geliefert, und dann soll man da irgendwann mal angreifen? Das ist mir zu bigott. Ebenso verhält es sich schon im Kleinen: Global Player des Westens beuten die Bevölkerung armer Länder aus (Kinderarbeit, Hungerlöhne, Umweltverschmutzung), also wenn wir schon die Menschenrechte gewaltsam in Diktaturen einführen wollen, sollten wir zunächst mal diese Ausbeuter, die in unserem eigenen Land ihren Sitz haben, zur Strecke bringen. Aber hey, das wäre ja dann wieder gegen die freie Marktwirtschaft…

    • arprin sagt:

      „Nun setzen Chefköche seltener ihr Leben aufs Spiel“

      Vielleicht hättest du den Artikel lesen sollen:

      „Die meisten Leute sind keine Polizisten und doch stellen sie die Forderung, dass Polizisten für uns ihr Leben riskieren sollen – etwas, das sie von unseren Soldaten ja niemals verlangen würden. Die meisten Leute sind keine Feuerwehrmänner, aber wenn sie in einem brennenden Haus sitzen, so würden sie doch die Feuerwehrmänner, die draußen sitzen und Bier trinken, verurteilen.“

      • DeeTee sagt:

        Danke für den Tipp. Der Vergleich hinkt. Vielleicht hättest Du es bemerkt, wenn Du darüber nachgedacht hättest.

  2. Stefan sagt:

    Leute die solche Dinge wie das Lehnstuhlstrategen – Argument sind doch selber Lehnstuhlstrategen. Das sind nämlich meistens doch die Leute, die wollen dass „unsere“ Soldaten zuhause bleiben. Woher nehmen die das Recht „Nie wieder Krieg!“ etc. zu brüllen wenn sie selber nie im Krieg waren bzw. von Terroristen in die Luft gesprengt worden sind?

    • DeeTee sagt:

      Es geht hier doch darum, dass Menschen andere Menschen in den potentiellen Tod schicken-und wie Tod, Leid und Siechtum aussieht haben wohl die meisten Menschen schon erfahren müssen, z.B. jene die nahe Verwandte haben sterben sehen, Zeugen eines Unfalls wurden etc. Also, das nicht-gerne-einen-schmerzhaften-Tod-erleiden-müssen-Argument ist sicher kein Lehnstuhlstrategen-Argument.

      • sba sagt:

        ähm…selbst als wir noch Wehrpflich hatten, wurden nur Berufssoldaten und freiwillig verlängerte in Auslandseinsätze geschickt, die vorher wussten oder hätten wissen könne, worauf sie sich einließen. Außerdem wird man nicht zum sterben ausgebildet, sondern dazu, zu überleben.

      • DeeTee sagt:

        Ja, da ist mir auch klar! Mir geht es doch darum, für was gekämpft wird. Mir fielen auf Anhieb 20 und mehr Staaten ein, in denen die Menschenrechte verletzt werden, und wenn wir dort überall hingingen würde unsere Berufsarmee eben nicht reichen.

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