Philosophie gegen Fußball

„Ich gebe zu, dass ich im tiefsten Inneren meines Wesens ein furchtsamer Snob bin. Zum Beispiel empfinde ich nichts als Verachtung für Menschen, denen Sport wichtig ist.

Natürlich sind wir alle über das ein oder andere snobbisch; wichtig ist es nur, sich zu kontrollieren und unsere Snobberei nicht offen auszudrücken, damit wir niemanden damit beleidigen. Ich bin darum stets bemüht, meine Verachtung für den Fußballenthusiasmus vor Enthusiasten zu verbergen. Außerdem, würde ich ihn zeigen, dann hauen sie mich vielleicht.“

Theodore Dalrymple (Of Snobbery and Soccer)

Das sehe ich ähnlich; ein Überlebensnachteil besteht für mich nur darin, dass ich ohne die Furchtsamkeit auskommen muss.

Zunächst einmal ist es natürlich wahr, dass auch anderweitig intelligente Menschen große Fußballfans sein können. Einer meiner einstigen Literaturprofessoren trug gar zu einer kulturwissenschaftlichen Anthologie bei, die sich um allerlei Rechtfertigungen bemühte, warum Fußball doch mehr sei, als es tatsächlich ist: Moderne Gladiatorenspiele. Ein Professor der englischen Sprachwissenschaften erzählte stets am Anfang seiner Vorlesungen vom neuesten Fußballspiel, wofür er bei den Studenten auch recht beliebt war (außer bei mir).

Mein Kommentator arprin ist ein sehr schlauer Mensch, der meinem snobbistischen Selbst zu erklären suchte, warum Fußball ein so faszinierendes Phänomen sei. Er verwies auf einen Artikel von ihm und auf einen von Israelverteidiger „Zettel“. Auf arprins Artikel werde ich hier nicht eingehen, da Fußball darin nicht philosophisch verteidigt wird, sondern es geht um die Bedeutung, der er für die Menschen international hat und hatte (was ich als Faktum nicht bestreite). Aus Zettels Artikel:

Sport als solcher ist archaisch – das spielerische Realisieren von Situationen, die in der zivilisierten Welt rar geworden sind. Oder die, würden sie nicht in der geregelten Form des Sports stattfinden, sogar tabuisiert oder kriminalisiert wären; etwa das Bemühen, einen Mitmenschen zu Boden zu schlagen.

„I rest my case“, hätte Christopher Hitchens gesagt. Es ist lediglich beunruhigend, dass „Fußball ist archaisch“ eine Verteidigung des Fußballs darstellen sollte. Es ist auch archaisch, mit einem Breitschwert durch die Innenstadt zu laufen und Passanten zu köpfen.

Fußball, anders gesagt, fördert die Ideomotorik – das Sich-Mitbewegen, während man lebhafte Bewegung sieht, sie mit den Augen verfolgt.

Das tun Nintendo-Wii-Spiele auch. Und die besten davon sind viel abwechslungsreicher, komplexer und machen mehr Spaß als Fußball; zudem ist der Grad der Beteiligung viel höher. Ich sage ja nicht, dass man die ganze Zeit über denken muss, man kann sich auch mal erholen. Aber beim immer selben Spiel, das auf die immer selbe Art von den essenziell immer selben Leuten auf dem mehr oder weniger selben Rasen gespielt wird? Selbst vom extrem süchtig machenden „Angry Birds“ hatte ich genug, nachdem ich zwei Varianten durchgespielt hatte – und innerhalb von diesen Spielen gibt es bereits mehr Abwechslung als beim Fußball.

Das Bedürfnis nach dem Erlebnis der Gemeinschaft, nach diesem wunderbaren Gefühl, gemeinsam mit Zehntausenden zu bangen und zu jubilieren, zu schreien und zu pfeifen, wird vom Fußball perfekt befriedigt. Inniger haben vermutlich nur die griechischen Helden vor Troja und die Kreuzfahrer beim Marsch auf Jerusalem im Gleichklang ihre Affekte moduliert.

Fußball erweckt also dieselben Empfindungen wie die (übrigens fiktive) sinnlose Massenabschlachterei vor Troja – der Krieg wurde durch die Entführung einer einzigen Frau von einem einzigen Trojaner ausgelöst und sie ist auch noch freiwillig mitgegangen! – und der Plünder- und Mordzug der Kreuzfahrer auf Jerusalem. Das überzeugt mich jetzt komplett. Ein gutes Argument für den Fußball. Blutrausch ist eine wünschenswerte, geradezu notwendige Empfindung für die Massen in einem zivilisierten Land.

Beim Fußball baut sich Spannung auf, oft über einen langen Zeitraum, und entlädt sich dann im Torschrei.

[…]

Eine Vergleich mit den „Erregungskurven“, wie man sie in gewissen aufklärenden Schriften finden kann, bietet sich an, soll aber hier nicht vertieft werden. Es mag der Hinweis darauf genügen, daß einer der Ausdrücke im Englischen für das Ausstoßen eines Schreis oder Rufs „to ejaculate“ ist.

Das Wesen der beteiligten Gefühle verstehe ich (übrigens gerne auch ohne pseudowissenschaftliche Referenzen) – was ich nicht verstehe, oder nicht befürworte, ist, dass diese Gefühle bei manchen Menschen im Kontext eines Fußballspiels aktiviert werden. Beim Sex mit einer Person, die man liebt, einen Orgasmus zu bekommen, ist logisch (ja, logisch), aber ein Fußballspiel ist bedeutungslos. Es geht um nichts von irgendeiner Relevanz für das menschliche Leben. Da sind nur zwei Teams, die einen Ball in das Tor des Gegners treten möchten. Fußballenthusiasmus ist ein grundloses Ausbrechen in einen Begeisterungsanfall. Die Motivation für den Fußballenthusiasmus entspricht etwa der Motivation für die Begeisterung der Massen beim Ausbruch des ersten Weltkriegs.

Wer grundlos oder wegen Nichtigkeiten in Begeisterung ausbricht, bewirft damit alle guten Gründe, in Begeisterung auszubrechen, mit Schmutz. Wenn die Begeisterung der Massen so einfach zu haben ist, warum sollte sie jemandem, der eine echte Leistung vollbringt, beispielsweise jemandem, der Krebs heilt oder der ein effizientes Fusionskraftwerk entwickelt, überhaupt noch etwas bedeuten? „Gut, sie jubeln mir zu, weil ich Krebs geheilt habe, aber die jubeln auch Leuten zu, die Bälle treten, also ist mir das auch egal.“

Andererseits sind die Massen wahrscheinlich inzwischen zu dumm oder nicht mehr fähig, die nötigen rationalen Beurteilungen und Unterscheidungen zu treffen, die nötig sind, um die Heilung von Krebs als etwas wahrzunehmen, das überhaupt große Begeisterung verdient. Wahrscheinlich würden sie nur mit der Schulter zucken, wie meine inzwischen verstorbene Oma einst mit der Schulter zuckte, als wir ihr erzählten, dass die Menschen zum ersten Mal mit einem Roboter auf dem Mars gelandet waren. Grundlose Begeisterung bedeutet eine Herabwertung wahrer Leistungen.

„Torhüter“ trifft es wieder besser. Da hütet einer sein Haus, versucht seine Gehäuse rein zu halten. Er wehrt ab, faustet, wirft sich den Angreifern entgegen, wenn es sein muß.

Kurzum, es ist das uralte Drama der Belagerung einer Siedlung, einer Stadt, das sich da abspielt.

Wieder kann ich nur den Kopf schütteln. Ist es nicht gut, dass die Zeiten vorbei sind, als unsere Städte belagert wurden? Auch die virtuellen Tower-Defense-Spiele werden schnell langweilig. Wenn man kurz in einem Videospiel etwas verteidigen muss, ist das in Ordnung, eine nette Abwechslung – aber ein Spiel, bei dem es jahrzehntelang nur darum geht, dass der essenziell derselbe Ball nicht in dasselbe Tor gelangen darf – vielleicht bin ich zu verwöhnt?

 Aber man kämpft doch nicht mit den Füßen!

Ja eben.

Es ist eine Beschränkung, eine Zügelung, fast so etwas wie eine funktionelle Verkrüppelung, die dem Fußball-Feldspieler auferlegt wird. Und genau darin liegt der Reiz: Erst in der Beschränkung zeigt sich der Meister!

Die Römer wußten, welche Showeffekte das hervorbringen kann. Es gab bei den Gladiatorenspielen Kämpfer, die einen Arm festgebunden hatten.

Sage ich ja: Fußball entspricht modernen Gladiatorenkämpfen. Was schlecht ist und nicht gut, sollte ich ergänzen. Ich habe stets Völkerball bevorzugt. Da durfte ich Bälle gegen Leute schleudern, denen Sport etwas bedeutet – wunderbar. Ansonsten erfüllt Manschaftssport überhaupt keinen Zweck. Ich habe sicher kein Problem mit Teamarbeit, aber nur, solange es darum geht, ein rationales Ziel zu erreichen, von dem jedes Teammitglied im Verhältnis zu seinem Anteil profitieren wird.

Würde man sich in der Wirtschaft freiwillig ein Handicap auferlegen, um damit erst recht zu beweisen, wie toll man ist, wenn man trotzdem Gewinne einfährt? Würde man sich bei der Partnersuche extra in einem Bereich dumm anstellen, um umso zufriedener mit sich zu sein, wenn man trotzdem den Partner bekommt? Viel Spaß damit. Wer aufgrund eines Unfalls oder einer angeborenen Behinderung unter einem Handicap leidet, der ist für andere ein Vorbild, wenn er sein Leben trotzdem gut bewältigen kann. Wer nur so tut, als hätte er ein Handicap, verspottet jene, die wirklich eines haben.

Die fehlende Präzision, die dieser Befußlung eigen ist; mit der Folge, daß die Vorgänge im Spiel einem starken Zufallseinfluß unterliegen.

Der zivilisierte Mensch zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er den Zufall bekämpft, indem er die Natur unter seine Kontrolle bringt, indem er Katastrophen vermeidet, ihre Konsequenzen lindert, sie vorherzusagen lernt. Und nicht, indem er absichtlich Zufälle herbeiführt.

Der Besitzlose sucht dem Besitzer seinen Besitz zu nehmen.

Auch das ist ein archaisches Element. Hunde streiten sich so um einen Knochen. Bei allen Rudel- und Hordentieren gibt es dergleichen; es dürfte uns Primaten im Blut liegen, wie das Rennen und Boxen.

Wer glaubt, dass er ein Primat ist, der wird dem sicher zustimmen können. In einer zivilisierten Gesellschaft versuchen wir  nicht, jemandem seinen Besitz zu rauben, sondern wir arbeiten, um uns unseren eigenen Besitz zu verdienen.

Auch das ist ein zentrales Moment von Kultur: die Ritualisierung. Gerade die Grundbedürfnisse der Liebe und der Aggression – Sex and Crime – sind im Lauf unserer kulturellen Evolution durch Regeln, Tabus, Sitten, Zeremonien unter Kontrolle gebracht worden.

Es soll inzwischen sogar Menschen geben, die ihre „Triebe“ nicht mit Stammesritualen in geregelte Bahnen lenken, sondern die sie mittels Denken in ein harmonisches Verhältnis zu ihrer Vernunft einordnen. Irgendetwas sagt mir, dass uns die Evolutionäre Psychologie oder die Art ihrer Popularisierung einen Bärendienst erwiesen hat.

Und da ist dann noch eins, das Soziobiologen gern hervorheben: Elf Freunde sind’s auf jeder Seite, gerade elf. So viele ungefähr, wie ein Aufsichtsrat Mitglieder hat. So viele ungefähr, wie Jesus Jünger hatte. Und, sagen die Soziobiologen, so viele, wie ungefähr in der Horde des jagenden Homo Sapiens in seiner Frühzeit ein Jagdtrupp hatte.

Fußballteams als Horden jagender Homo sapiens? Am Ende sind wir uns doch einig.

Schließlich möchte ich noch eine Bemerkung von arprin im hießigen Kommentarbereich kommentieren:

Und doch erinnern mich diese ganzen “Fußballkritiker”, die Fußball nur mit betrunkenen, gewalttätigen Hooligans in Verbindung bringen, irgendwie an linke Kulturkritiker, die den Untergang des Abendlandes herbeireden, wenn im Fernsehen DSDS oder das Dschungelcamp läuft. Es ist doch ganz einfach: Wenns einem nicht gefällt, schaut man es einfach nicht an und lässt die anderen in Ruhe.

Ich finde es offensichtlich, dass jene, die mit Fußball nichts anfangen können, regelmäßig von eben diesen betrunkenen, nicht unbedingt gewalttätigen, aber nervtötenden Fußballfans belästigt werden. Ich bin meiner Erfahrung nach der absolut einzige Nicht-Fußballfan, der auch mal Fußballern auf die Nerven geht – immerhin als pure Gegenreaktion auf die Belästigung.

Wir Nicht-Fußballer belästigen die Fußballfans in der Regel überhaupt nicht. Wir sitzen nur da und machen unser Zeug. Immerhin GIBT es Fußballhooligans, was es nicht gibt sind Anti-Fußballhooligans oder Philosophen-Hooligans. Das Abendland geht nicht unter wegen Fußball, aber meine Konzentration beim Schreiben und Lesen wurde mehr als nur einmal durch Fußball und dessen betrunkene Anhänger gestört, ohne dass ich es darauf angelegt oder provoziert hätte. Wenn hier also jemand den anderen einfach in Ruhe lassen sollte, so müsste es für jeden unmittelbar einsichtig sein, wer das in der Regel nicht tut und insofern etwas verändern müsste.

Im Sinne der universellen Gerechtigkeit müsste ich eigentlich einen Anti-Fußballclub gründen, der Fußballfans regelmäßig anschreit, wann immer sie es nicht haben wollen und der Hooligans im Austausch die Fresse poliert.

Meine Anti-Fußballshirts

Anti-Fußball-Comedy

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=VF_uOgyBK1c[/tube]

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=xN1WN0YMWZU[/tube]

Literatur

Theodore Dalrymple: Of Snobbery and Soccer

Theodore Dalrymple: Should Women’s High School Soccer Be Banned To Reduce Knee Injuries?

In diesem Artikel spricht sich Dalrymple für die Abschaffung „von praktisch jedem Schulsport“ aus. Großartig. Als ehemaliges Mitglied der Jogger Armee Fraktion, deren Aufgabe es war, Sport zu vermeiden und stattdessen Kuchen zu essen, gibt es hier meine vollste Zustimmung.

(Falls es jemanden interessiert: Ich bin inzwischen überhaupt nicht mehr unsportlich, sondern gestählt durch Fitnesstraining aller Art. Das ist also kein Plädoyer für Faulheit).

18 Kommentare zu “Philosophie gegen Fußball

  1. Karl sagt:

    1. Fussball ist ja nicht das einzige Beispiel dafür, dass sich Menschen lieber mit, zumindestens aus deiner Sicht, subjektiven Dingen beschäftigen. Ähnliches gilt ja auch für die Bewunderung von Schauspielern, Sängern oder Comedians.

    2. Du sagst es gäbe keine „Philosophie-Hooligans“. Da muss ich dir leider widersprechen. Es gab durchaus in der Geschichte genug Beispiel wo Menschen aufgrund einer falschen Philosophie z. B. Marxismus, Nietzsche zu Hooligans wurden. Auch diese höheren Ideen können negativ wirken.

    3. Mir ist es letztlich egal mit was sich die Menschen dann letztlich beschäftigen, solange es auf mich keine negativen Auswirkungen hat. Fussball hat das definitiv nicht. Von Ideologien kann ich das leider nicht sagen.

    4. Intelligente Menschen hätte es oft gerne wenn alle Menschen so leben wie sie, d. h. Bücher lesen, sich mit Philosophie beschäftigen. Dem ist leider nicht so.

    • derautor sagt:

      1. Ich habe sicher nichts gegen die Bewunderung von Leistungen. Aber wir sollten die Art der Leistungen, die wir bewundern, neu justieren. Ich könnte auch erklären, warum ich zudem mehr Wert in der Bedeutung von Schauspielerei, Gesang, Comedy sehe, aber ich habe jetzt keine Energie mehr dafür.

      2. Der Vorgang des Philosophierens oder des Philosophie-Bewunderns ist hier aber nicht das Problem, sondern die Auswirkungen, die schlechte Ideen haben. Ja, Philosophen hatten einen katastrophalen Einfluss auf die Geschichte, aber das einzige Gegengift gegen eine schlechte Philosophie ist eine gute Philosophie und nicht keine Philosophie. So etwas gibt es nicht. Jeder hat, ob er es akzeptiert oder nicht, eine Philosophie, und wenn sie nur aus dem besteht, was er willkürlich aus der Kultur aufsaugt (und man sehe sich nur an, was dabei herauskommt, wenn jemand die Dummheiten unserer Kultur blind aufsaugt – oder die Dummheiten unserer Kultur in den 1930ern).

      3. Ach, beides hat auf mich negative Auswirkungen, die Ideologen sicher mehr. Darum verbringe ich viel mehr Zeit mit der Kritik bedeutsamerer schlechter Ideen als mit Fußballschelte.

      4. Offensichtlich. Aber das muss ich nicht einfach hinnehmen.

      • Karl sagt:

        zu 1. Mein Punkt hier war utilitaristisch. Alles was Freude macht und keine negativen Auswirkungen auf andere hat ist erlaubt.

        zu 2. Ja ich stimme dir zu. Wir handeln letztlich alle auf Basis einer oft impliziten Ideologie/ Philosophie. Der Versuch die Entstehung, Auswirkung und Korrektheit dieser Philosophie zu beschreiben ist zentral.

        zu 3. Warum hat den Fussball auf dich so eine negative Auswirkungen wohnst du direkt am Stadium 🙂

        zu 4. War eher eine Erfahrung aus meiner Jugend. Das Thema Philosophie war sicher kein Thema mit dem sich beliebt gemacht hat.

  2. arprin sagt:

    „Im Sinne der universellen Gerechtigkeit müsste ich eigentlich einen Anti-Fußballclub gründen, der Fußballfans regelmäßig anschreit, wann immer sie es nicht haben wollen und der Hooligans im Austausch die Fresse poliert.“

    Das wäre nur dann gerecht, wenn Fußballhooligans gezielt Jagd auf Fußballgegner machen würden, um sie zum Fußball zu bekehren.

    Zettels Artikel ist kein Lob auf die Stammes- oder Kriegskultur, sondern geht, ob nun zutreffenderweise oder nicht, davon aus, dass der Mensch dieses archaische und kriegerische Denken in seinem Inneren hat und diese im Fußball auf friedliche Weise ausgelebt werden. Das mit dem Zufall ist auch nicht als Lob gemeint, im Sport sorgen Zufälle aber für Spannung beim Zuschauer.

    Und ich nehme diese Bemerkung „sehr schlauer Mensch“ jetzt einfach mal als Lob an.

  3. Tom sagt:

    Der Dalrymple-Artikel hat mich auch zum Schmunzeln gebracht. Ich war als Kind und Jugendlicher nie ernsthaft verletzt und bin als körperlich recht ungeschickter Mensch fast sicher, dass dies anders gelaufen wäre, wenn ich einen Sport betrieben hätte, der auf harten Böden ausgetragen wird. Heute gehe ich Schwimmen, mache Krafttraining und gehe (langsam) joggen. Alles Sportarten mit geringem Verletzungsrisiko, insbesondere weil man nicht über Bälle stolpern, getackelt werden kann oder aus Versehen mit anderen zusammen stößt. Schul-Mannschaftssport war immer eine schreckliche Tortur für mich und ich würde freilich jeden Gesetzesentwurf für dessen Abschaffung unterstützen. Schwimmunterricht hingegen kann man hingegen ruhig machen, der ist einerseits nützlich, relativ ungefährlich und eignet sich zudem hervorragend dazu, integrationsunwillige Fundamentalisten zu provozieren.

    • derautor sagt:

      Gut, ich würde sowieso alle Schulen privatisieren, dann können die Eltern jeweils entscheiden, wie der Sport gestaltet sein soll.

  4. sba sagt:

    Was ist eigentlich das Problem? Dass einige Leute gerne Sport machen und andere ihnen dabei gerne zuschauen? Oder, dass einige Leute ihren Lebensunterhalt (auf ziemlich hohem Niveau) damit bestreiten, Sport zu machen, während ihnen dabei andere Leute zuschauen (unabhängig davon, ob und wie viele Leute ihnen zuschauen)?
    Ich persönlich habe am liebsten Volleyball und Tischtennis gepielt. Da kann man Punkte machen UND gleichzeitig Kuchen essen 😉

  5. „Das Bedürfnis nach dem Erlebnis der Gemeinschaft, nach diesem wunderbaren Gefühl, gemeinsam mit Zehntausenden zu bangen und zu jubilieren, zu schreien und zu pfeifen, wird vom Fußball perfekt befriedigt. Inniger haben vermutlich nur die griechischen Helden vor Troja und die Kreuzfahrer beim Marsch auf Jerusalem im Gleichklang ihre Affekte moduliert.“

    Wow, dieses Zitat von Zettel und das angeblich Archaische am Fussball zu betonen, ich hätte es kaum für möglich gehalten. Wie weit ist der Kommunitarismus eigentlich schon gekommen, wenn man nicht mal mehr ein Fussballspiel anschauen kann, ohne gleich zum nationalen Gemeinschaftsfetischisten stilisiert zu werden, der sich im Stadion einen runterholt.

    Dass wir nicht im Zeitalter des Individualismus leben, sondern in einem Zeitalter des neuromantischen Gemeinschaftsgefasels, der im Staatsfeminismus seinen besten Ausdruck gefunden hat, ist mir zwar irgendwie klar gewesen, dass aber auch nichts mehr dabei gefunden zu werden scheint, wenn man hinter alle Errungenschaften der Aufklärung zurückfällt und jede einfache Verrichtung zu ich weiß nicht welchem emotionalen Knallbonbon stilisiert, ist eine neue Qualität.

    Ich warte jetzt darauf, bis mir Herr Zettel etwas vom Empfinden eines Gemeinschaftserlebnisses auf der Herrentoilette, beim gemeinsamen in einer Reihe pinkeln vorschwärmt. Wie das erst die Volksgemeinschaft zusammenschweist…

    • arprin sagt:

      Zettel hat versucht zu erklären, warum Fußball so faszinierend sein kann. Dazu gehört das gemeinsame Mitfiebern. Gemeinschaften müssen doch nicht grundsätzlich was Schlechtes sein, sondern nur, wenn z.B. alle in eine künstliche Familie oder Klostergemeinschaft hineingezwungen werden. Das wäre der schlimmste Totalitarismus, den man sich vorstellen kann, obwohl Familien oder Klöster an sich wunderbare Institutionen sein können (auch wenn es natürlich viele Ausnahmen gibt).

      Es ist normal und hat nichts mit Gemeinschaftsfetischismus zu tun, wenn man sich zu seiner Familie anders verhält als zu einem unbekannten Konkurrenten. Wer würde schon auf die Idee kommen, Märkte auf Familien oder Kloster auszudehnen oder Freundschaften und Beziehungen nach Marktregeln zu führen? In der Familie borgt oder teilt man sich Güter, man hat mehr Vertrauen und man hilft ihnen wenn sie in Not sind. Das tut man freiwllig. Bei fremden Menschen würde das dagegen niemand frewillig tun.

      Friedrich August von Hayek formulierte dazu auch das Zwei-Welten-Theorem:
      http://www.wirtschaft48.info/a/Sie_haben_das_,Zwei-Welten-Theorem%60_von_Hayeks_erw%E4hnt._Was_ist_darunter_zu_verstehen%3F-772596.html

      Und übrigens ist Zettel einer der liberalsten Blogger die ich kenne. Ich weiß nicht, ob du ihn regelmäßig verfolgst, aber er ist das Gegenteil eines Gemeinschaftsfetischisten oder Staatsfeministen.

      • Ich zweifle nicht daran, dass Zettel das versucht hat, ich habe nur auf die Prämissen hingewiesen, auf denen sein Versuch basiert. Wenn er liberal ist, wird er entsprechend erschrecken… Als Tottenham Fan, der White Hart Lane häufig besucht, kann ich es langsam nicht mehr ertragen, dass die Grabenromantik eines Ernst Jünger von Vertretern der Mittelschicht auf Fussballfans, die sie in der Regel vom Sessel aus kennen, übertragen wird. Ich kann Ihnen versichern, dass die Unterstützung eines Fussballvereins eine sehr individuelle Sache ist und dass die Gesänge im Stadion einen gemeinsamen Chor, aber keine Gemeinschaft stiften. Es gibt die Gemeinschaft der Tottenham Fans nicht, es gibt nur individuelle Fans.

        Wer würde auf die Idee kommen, Märkte auf Familien auszudehnen. Ich! Gary S. Becker, Haushaltsökonomen im Allgemeinen… Schon einmal etwas vom Heiratsmarkt gehört, ein unter Soziologen, die sich dem Rational Choice Ansatz verpflichtet fühlen, häufig beforschtes Gebiet? Einen kleinen Eindruck davon gibt es hier:

        http://sciencefiles.org/2011/08/30/partnerschaft-macht-dick/

        Im übrigen bestätigen Sie, was ich geschrieben habe, denn wenn Sie die Gemeinschaft nicht überhöhen wollten, warum wäre es dann wichtig, eine qualitative Unterscheidung zwischen Interaktionen in einer Familie und solchen ausserhalb einer Familie zu machen? Ich schätze meine Frau auf Basis von Kriterien, die ich allgemein anlege. Und Sie?

  6. pufaxx sagt:

    Mir wurscht. Ich guck gerne Fußball. Ist x-Mal spannender als jeder TV-Film/Krimi, bei dem man sowieso schon nach einem Drittel der Laufzeit ahnt, wie es ausgeht.

    Außerdem kann man herrlich mitfiebern – Wo sonst beim normalen Fernsehen wackelt man unruhig auf dem Sofa hin und her und sagt „den kriegst Du noch, den kriegst Du noch!“ – beim Krimi ist es albern.

    Und noch ein Grund: Meine jüngere Kadse guckt gerne Fußball. Beziehungsweise guckt sie mir gerne beim Fußballgucken zu. Das ist nämlich so eine von der Sorte, die IMMER antwortet. Wenn der „Papa“ watt sacht, sacht die Kadse auch watt. Die findet, das gehört sich so.

    Und dann läuft das in etwa folgendermaßen:

    Ich: „Ja, ja, jjaaaAA …!“
    Zoe: „MäääÄh?“
    Ich: „… schöööönes Ding …!“
    Zoe: „MrrRr-Mu-äääÄh?“
    (Pfosten!)
    Ich: „Hmpf-OCH!!“
    Zoe: „GurrRrr!“

    Es macht mir eben Spaß. Anspruch hin oder her.

    Als „Fan“ würde ich mich nicht bezeichnen, ich gucke eigentlich nur zu WMs und EMs. Dabei bin ich immer zuerst für Deutschland, danach für das Gastgeberland (tut mir einfach leid, wenn die zu früh rausfliegen) – und (aus Solidarität) für die Mannschaft mit dem Torwart, der mir am besten gefällt.

    Ich war nämlich auch mal Torwart. Zwar beim Handball, aber egal: Wir haben meistens ein-paar-und-zwanzig gegen etwas-über-zehn gewonnen. Bis zu einem Kapsel-Riss an zwei Fingern. Den rechten Zeigefinger kann ich nur noch halb krumm machen.

    (Danach bin ich auf Volleyball umgestiegen)

    🙂

  7. Ano Nym sagt:

    „Ansonsten erfüllt Manschaftssport überhaupt keinen Zweck.“

    Das hängt doch davon ab, wozu eine Mannschaft eingerichtet worden ist. Im Profi-Sport ist regelmäßig Gewinnerzielungsabsicht vorhanden. Das ist der (auch) Zweck solcher Veranstaltungen.

    „Ich habe sicher kein Problem mit Teamarbeit, aber nur, solange es darum geht, ein rationales Ziel zu erreichen, von dem jedes Teammitglied im Verhältnis zu seinem Anteil profitieren wird.“

    Du hast definitiv ein Problem mit Teamarbeit wie sie in der Wirtschaft herrscht. Da gibt es weder zwingend rationale Ziele noch sind da irgendwelche zuordenbaren Anteile (an was eigentlich? Wodurch ist „sein“ Anteil bestimmt?) der Grund dafür, wer wieviel bekommt.

  8. „Du hast definitiv ein Problem mit Teamarbeit wie sie in der Wirtschaft herrscht. Da gibt es weder zwingend rationale Ziele noch sind da irgendwelche zuordenbaren Anteile (an was eigentlich? Wodurch ist “sein” Anteil bestimmt?) der Grund dafür, wer wieviel bekommt.“

    Diese Beschreibung von Teamarbeit macht deutlich, warum Teamarbeit in der Regel nicht klappt. Legionen gescheiterter Change Management Projekte und Myriaden unsinniger Brainstorming Sessions sprechen eine eindeutige Sprache… Ist auch leicht nachvollziehbar, ich würde meine guten Ideen auch nicht mit einem Team teilen, wenn ich nichts davon habe.

    • derautor sagt:

      Achso, er meint die real existierende Wirtschaft, nicht eine optimale, funktionierende Wirtschaft. Nun, wenn Teamwork kein rationales Ziel hat und die Mitglieder des Teams keinen Anteil erhalten, der ihrer Leistung entspricht, dann, wie Michael Klein bemerkte, funktioniert Teamwork natürlich nicht. Und in der Tat gibt es eine ganze Reihe an Studien, die zeigen, was für ein unökonomischer Unsinn diese irrationale Form von „Teamwork“ ist.

      Wenn man übrigens bei einem Vorstellungsgespräch gefragt wird, ob man Sport macht, so wird die Antwort, man mache einen Mannschaftssport, so ausgelegt, als würde dadurch seine „Teamfähigkeit“ belegen und wenn man keinen Mannschaftssport macht, ist das ein Indiz dafür, dass man ein soziopathischer Einzelgänger ist.

      Ich mache Fitnesstraining, weil es der effizienteste Sport ist, bei dem man am schnellsten Ergebnisse sieht. Wenn ein Chef jemanden nicht braucht, der effizient arbeitet, weil er Ergebnisse sehen will, viel Spaß damit.

      Ein rationaler Mensch ist in der Lage, zu seinem eigenen Vorteil mit anderen zu kooperieren. Ein rationaler Mensch kooperiert nicht mit anderen, wenn er dafür seine eigenen Interessen aufopfern muss. Das wäre Ausbeutung – und würde nicht das erhoffte Ergebnis für das Unternehmen erzielen.

      • Ano Nym sagt:

        Ja sicher meine ich die „reale Wirtschaft“! Sich selbst eine Teamfähigkeit in einer nur gedachten Welt mit einer gedachten Wirtschaft zu attestieren, in der alle nach meiner Pfeife tanzen hat ja wohl selbst in einem Blog keinen Mitteilungswert.

        Aber was soll denn das eigentlich sein, der „Anteil der ihrer Leistung entspricht“? Was genau bestimmt „ihre Leistung“ im Verhältnis zu den Leistungen der anderen? Wie werden Regieleistungen dabei bewertet? Wie Kapitaleinsatz? Fragen aber bislang keine Antwort.

        Ein rationaler Mensch kooperiert nicht mit anderen, wenn er dafür seine eigenen Interessen aufopfern muss.

        Natürlich kooperieren in dieser Wirtschaft vernünftige Menschen auch mit anderen selbst dann, wenn sie dafür (zunmindest einen Teil) ihrer eigenen Interessen zurückstellen müssen. Das liegt einfach daran, dass ihnen bei Verweigerung der Mitwirkung Existenzvernichtung droht. Nicht weil ohne die Kooperation nicht genügend zum Essen oder zum Wohnen da wäre, das kann man in Zeiten von Überproduktionskrisen und Wohnungsrückbau (vulgo: Wohnraumvernichtung) kaum behaupten.

        Jedenfalls handeln Menschen nicht schon deshalb unvernünftig, weil sie nicht so handeln, wie sie bei umfassender Kenntnis und Würdigung aller Umstände handeln würden.

        Das wäre Ausbeutung – und würde nicht das erhoffte Ergebnis für das Unternehmen erzielen.

        Das erhoffte Ergebnis von Unternehmen ist es, mehr Einnnahmen als Ausgaben zu erzielen. Ob das in Teams oder mit Ausbeutung geschieht ist völlig irrelevant.

        @Michael Klein: Du schreibst „ich würde meine guten Ideen auch nicht mit einem Team teilen, wenn ich nichts davon habe.“ Ich weiß nicht, welche bildlichen Vorstellungen bei dir durchs Hirnkasterl wabern, wenn du sowas schreibst. Du kannst jedenfalls davon ausgehen, dass in der echten Welt deine „guten Ideen“ einfach gar nicht gefragt sind – die Leute werden fürs Abarbeiten von Fällen bezahlt und nicht fürs Ersinnen von „Ideen“.

        • derautor sagt:

          Meine gedachte Welt heißt „Realität“. Die Wirtschaft erkennt die Realität zu dem Grade nicht an, wie sie sich selbst schadet.

          „Ob das in Teams oder mit Ausbeutung geschieht ist völlig irrelevant.“
          Das haben die zentralen Planer der DDR auch gedacht. Aber man kann die Realität nicht verfälschen oder hereinlegen, man erkennt sie entweder an oder scheitert.

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