Beschnittene Achse

Die Achse des Guten leidet in Punkto Beschneidungsdebatte unter ihrem Mangel an einem philosophischen Fundament: Die Position des wichtigsten liberalen Blogs des Landes zum Thema Beschneidung ist anti-liberal. Die Achse verteidigt irrationalen Glauben und richtet sich gegen individuelle Rechte. Und obendrein ist sie paranoid und hysterisch.

Vom liberalen Spektrum werden allenfalls Anarchokapitalisten zustimmen, dass der Staat nicht einmal das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit schützen sollte. Während Anarchokapitalisten privaten Schutzorganisationen (Mafia) die Aufgabe des Rechtsschutzes anvertrauen möchten, überlassen die Achse-Autoren den Rechtsschutz ihrer eigenen Willkür. Juden dürften in Individualrechte eingreifen, weil sie eben Juden und somit besonders schützenswürdige Opfer mit exklusiven Vorrechten seien.

Ob man einer Gruppe von Menschen bestimmte Vorrechte zuspricht oder ihnen Rechte abspricht, entspringt allerdings derselben Denkweise. Menschengruppen zu staatlicherseits zu schützenden Opfern zu erklären ist eigentlich die Hauptbeschäftigung der Linken – in Hinblick auf Frauen, Behinderte und Ausländer. Die Achse übernimmt dieselbe Aufgabe nun im Namen der religiösen, konservativen Juden. Die Vorrechte einer Menschengruppe sind allerdings stets die beschnittenen Rechte einer anderen Menschengruppe. In diesem Sinne wörtlich. Liberale stehen hingegen für gleiche Rechte für alle.

Die meisten Liberalen im klassischen Sinne werden sich daher an den Kopf fassen bei der Antisemitismus-witternden Hysterie, die achsigerseits gepflegt wird, wenn es um die Verteidigung einer archaischen Sitte geht, die an Absurdität kaum noch zu überbieten ist (der Bund zu einem nicht existierenden Gott soll durch die Verletzung von Neugeborenen symbolisiert werden) und die den Eingriff in die körperliche Integrität anderer Menschen erfordert.

Männliche Beschneidung ist in der Regel weniger gravierend als die Genitalbeschneidung bei Mädchen, aber konzeptuelles Denken macht schnell deutlich, dass beides ein Eingriff in die Rechte anderer ohne deren Zustimmung ist, also ein Rechtsbruch. Der Rechtsbruch ist jeweils unterschiedlich dramatisch ausgeprägt, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es sich um einen Rechtsbruch handelt.

Man sollte zumindest bei grundsätzlichen Fragen wissen, was man denkt und auf welcher Grundlage man dies denkt, wenn man einen meinungsstarken und einflussreichen Blog betreibt. Einfach nur willkürlich gegen den links-grünen Mainstream anzuschreiben, kann man sich ersparen, wenn es nicht sogar mehr Schaden anrichtet als nützt, da man sich vom Gegner Prinzipienlosigkeit vorwerfen lassen muss. Auch Neonazis schreiben gegen den links-grünen Mainstream an, um hier einmal achsig zu werden und alles und jeden, was einem nicht passt, mit den Nazis zu vergleichen.

Was immer Liberale noch so glauben, aber sie sollten sich einig sein, wenn es um die grundlegenden individuellen Rechte geht. Sie sind sich nicht ganz einig, wie weit man in Eigentumsrechte eingreifen darf, aber unter ihnen sollte doch wenigstens das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit unbestritten sein.

Aber nein. Während den Achse-Autoren andere Religionen bestenfalls egal sind und sie dem Islam ablehnend begegnen, so muss doch das Judentum vor jeglicher Kritik mit schärfster Munition geschützt werden. Nicht nur Juden als Menschen, die sie auch gerne mit schärfster Munition schützen können, sondern auch das Judentum als Ideologie mit sämtlichen irrationalen, kollektivistischen Facetten, die einem liberalen Rechtsstaat in wenigstens diesem Fall entgegenstehen und die einer aufgeklärten Geisteshaltung in vielen Fällen entgegenstehen – der Liberalismus war ja einmal ein Produkt der Aufklärung.

Offenbar kann man auf der Achse Israel und die Religion des Judentums nicht voneinander unterscheiden – wer das eine verteidigt, muss auch das andere verteidigen.

Ich bin, wie die Achse-Autoren, ein militanter Israelverteidiger – sogar einer, den auch die wütendsten jüdischen Hardliner zu einem Beruhigungstee einladen würden. Doch bin ich dies aus dem Grunde, da Israel einerseits der einzige liberale Rechtsstaat in der Region ist und andererseits historisch und ethisch vollkommen im Recht ist im Konflikt mit den „Palästinensern“. Man könnte Israel allenfalls vorwerfen, nicht genügend Kriege gegen die umliegenden Terrorgruppen und Terrorstaaten geführt zu haben und viel zu großzügig, geduldig und kompromissbereit gewesen zu sein. Bei der beständigen gewalttätigen Feindschaftlichkeit, welche die umliegenden Länder mehrmals bewiesen haben, hätte Israel schon lange den Nahen Osten kolonisieren dürfen – diese Ansammlung von kriegerischen Barbarenstämmen, wo nirgends Menschenrechte geachtet werden. Diktaturen und Horden von Wilden haben keine Rechte, da sie Gewalt initiieren und Menschenrechte nicht achten.

Mit Israel muss man aber nicht alles, was irgendwie jüdisch ist, verteidigen. Nicht diejenigen Elemente, die genau dem Grund entgegenstehen, warum Israel es wert ist, verteidigt zu werden. Israel geht beispielhaft voran, wenn es um die Achtung individueller Rechte geht, doch die jüdische Tradition der männlichen Beschneidung stammt aus einer Zeit, als es noch keine Vorstellung von Menschenrechten oder Menschenwürde gab. Sie geht auf einen Text zurück, in dem neben der Beschneidung die Steinigung ungehorsamer Kinder gefordert wird. Selbst in den zehn Geboten wird die Frau neben Vieh und Sklaven zum Eigentum des Mannes gezählt. Während es mir als Atheist in Punkto Handlungsanweisung egal ist, was in diesen Büchern des Alten Testaments oder der Thora steht, so muss man von den Religionen, die diese Bücher ernstnehmen, verlangen, dass sie ihre Deutungskünste anwenden, um sie mit den Menschenrechten kompatibel zu machen, wenn sie denn schon nicht einsehen wollen, welch ein Unsinn heilige Schriften eigentlich sind – mit Verlaub.

Man sollte das heute praktizierte Judentum dabei keinesfalls mit dem verwechseln, was in der Thora steht. Durch fantasievolle Auslegungskünste der Rabbis ist das Judentum zu einem mit dem Christentum vergleichbaren Kuschel-Monotheismus geworden. Die Beschneidung ist allerdings ein Relikt aus der weniger zivilisierten, fernen Vergangenheit des Judentums. Und als solche sollte man sie endlich anerkennen. Zumal als Liberaler, der sich die individuelle Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat, die ohne den Schutz individueller Rechte vollkommen wert- und sinnlos wäre.

Das Volk hat gesprochen

Unterhaltung, Abweichung vom Mainstream, Kritik am Zeitgeist bei Toleranz verschiedener Auffassungen außerhalb desselben, frecher Witz – all dies sind echte Qualitäten der Achse des Guten. Doch wann immer sich die Aufmerksamkeit Akademikern zuwendet, insbesondere Geisteswissenschaftlern oder gar Philosophen, ist dort nichts als Hohn zu vernehmen. Man erfährt von Akademikern, die sich im Wirtschaftsleben nicht mehr zurechtfinden, weil sie zu lange in ihrem Elfenbeinturm verweilten; die Achse spottet über die faulen Soziologen und Germanisten mit der einzigen Begründung, dass sie nicht so viel Geld verdienen wie Naturwissenschaftler, als wäre Geld verdienen der einzige Lebenssinn und frei von jeglichen Werten und jeglichem Kontext. Die große Verteidigerin des Kapitalismus, Ayn Rand, müsste demnach zu jenen nutzlosen Denkern gehören, weil sie keine große Sockenfabrikantin gewesen ist, sondern Buchautorin.

All dieser Spott geht von der Auffassung aus, dass Ideen bedeutungslos wären, weil sie irgendwie „unpraktisch“ seien. Was zählt sei einzig Produktivität von „praktischen“ Gütern, losgelöst von jeglichem Sinn und Verstand. Auch das ist eine Philosophie und sie ist wohl die beliebteste unter philosophisch desinteressierten „Rationalisten“: Pragmatismus. Pragmatisch sein bedeutet, das zu tun, was „am besten funktioniert“. Für wen es warum funktionieren sollte, um welchen Zweck aus welchen Gründen zu erfüllen – das sind Details, mit denen diese nutzlosen Elfenbeintürmer ihrer Zeit verschwenden können. Der Pragmatismus ist die Anti-Philosophie. Zugleich ist die Achse natürlich ein Medium, das sich der Kritik von Ideen verschrieben hat und ihre Autoren sind selber keine Großunternehmer, sondern Autoren. Aber egal!

Man gewinnt auf der Achse den Eindruck, dass fast jeder Akademiker ein linker Sektierer wäre, der sich tagein, tagaus nur mit Gender Studies, Women Studies und dergleichen post-marxistischen Ideologien befasst. Dabei ist die einzige Waffe gegen schlechte Philosophie gute Philosophie – und nicht überhaupt keine Philosophie und ein willkürliches Vertrauen auf „gesunden Menschenverstand“, Lebenserfahrung und Intuition. Mit einer derart schwachen Ausrüstung gewinnt man nicht gegen schlechte Ideen, sondern man stärkt sie, indem man zeigt, dass man keine echte Substanz zu bieten hat, dass die Alternative zum Zeitgeist antiintellektuell ist – und nicht besseres Denken. Immer wieder werden auf der Achse religiöse Irrationalitäten verteidigt, nur weil die Grünen und die Linkspartei manchmal dagegen sind, als würde der Unsinn weniger unsinnig, nur weil ihm eine andere Art von Unsinn entgegensteht.

Das ist keine Aufklärung, wenn es denn Aufklärung sein soll. Es ist Anbiederung an das akademisch desinteressierte „Volk“, das bei anderen Gelegenheiten auf der Achse gerne mit dem deutschen Volk zur Nazizeit verglichen wird.

Ein Stein vorm Kopf

Zu den führenden Unsinn-Fabrikanten der Achse gehört der Kollektivist Hannes Stein, für den alles, was jüdisch ist, von jeglicher Kritik verschont zu bleiben hat.

In seinem Beitrag „Juden raus!“ schreibt Stein folgendes:

Aber diese unsägliche Beschneidungsdebatte verblüfft mich nun doch. Da stellen sich also Leute hin und behaupten, ohne die Miene zu verziehen und “Spaß, Spaß!” zu rufen, Kinder hätten ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Nein, das haben sie nicht. Kinder haben ein Recht auf ein Dach über dem Kopf; auf Essen; auf Zuwendung; sie haben ein Recht, nicht geschlagen oder anders misshandelt zu werden. Sie haben kein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Körperliche Unversehrtheit von Kindern muss schon eine ungeheuerlich absurde Idee sein, wobei man anmerken könnte, das Kinder nicht geschlagen oder „anders misshandelt“ werden dürfen, gerade weil sie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben.

Operationen (auch schwere) und Impfungen (auch schmerzhafte) werden an Kindern vorgenommen, ohne dass man sie um Einwilligung fragen müsste; die Einwilligung geben vielmehr die Eltern.

Richtig, weil die Eltern, mehr als der Staat, die Bewahrer der Rechte ihrer Kinder sind, solange diese noch nicht selbst ihre Rechte schützen können.

Ihr sagt, hier handle es sich aber immer um medizinisch notwendige Operationen. Von wegen! Kindern, deren Eltern es sich leisten können, werden in Amerika routinemäßig “die Zähne gerichtet”, damit ihre Beißer weiß strahlen und in Reih´und Glied ausgerichtet sind – dies vergrößert später ihre Chancen bei der Jobsuche. Außerdem sieht es gut aus. Ich habe eine Frau mit besonders schönen Zähnen danach gefragt: Jawohl, es tut aasig weh. Ihr wurde praktisch der Kiefer gebrochen.

Diese Jobsuche-Verbesserungen durch vergrößerte Brüste bei Frauen oder strahlend weiße Zähne können nur bei geistlosen Attilas in irgendwelchen kleinen, nicht mehr lange existenten Unternehmen vorkommen. Ein rationaler Unternehmer weiß genau, dass es die Produktivität seines Unternehmens nicht erhöhen wird, wenn seine Buchhalterin große Titten und sein Manager einen praktisch gebrochenen Kiefer hat. Rechtlich handelt es sich hier um einen Grenzfall und man könnte sehr wohl argumentieren, dass ein solcher Eingriff bei Kindern verboten werden sollte. Sollen sie sich lieber regelmäßig die Zähne putzen. Meine eigenen Zähne sind auch sehr weiß, ganz ohne Operation.

Dann ist da die Sache mit dem Sport. Bekanntlich gibt es in Europa ein archaisches und blutiges Ritual, das “Fußball” heißt. Ich wurde als Kind im Sportunterricht zum Fußballspielen gezwungen: Tritte vors Schienbein, Bälle, die mir mit Karacho mitten ins Gesicht flogen. DAS war ein Trauma. An meine Beschneidung erinnere ich mich naturgemäß überhaupt nicht. Und nein, ich bin nicht verstümmelt. Lächerlich.

Ich bin für die Abschaffung des verpflichtenden Mannschaftssports für Kinder und für die Privatisierung des gesamten Schulsystems. Die Kinder sollten entscheiden dürfen, welche Art von Sport sie bevorzugen – wobei die Eltern entscheiden könnten, dass sie sich irgendwie sportlich zu betätigen haben.

Ich bin für die Trennung von Staat und Religion (eine Trennung, die es bei Euch in Deutschland bekanntlich nicht gibt). Dies bedeutet, dass der Staat die Religionsgemeinschaften erstmal in Ruhe lässt.

Es gibt zwei Hauptströmungen unter denjenigen, die sich „liberal“ nennen. Die eine nenne ich die „Tier-Liberalen“. Das sind diejenigen, die glauben, Moral sei subjektiv und jeder hätte das Recht, uneingeschränkt seinen spontanen Launen zu folgen. Anarchokapitalisten fallen in diese Kategorie. Wenn jemand Lust hat, in einem faschistischen Regime zu leben, so sollte er eines errichten dürfen. Wenn jemand Lust hat, mit 300 km/h herumzurasen, so sollte er Autobahnen bauen dürfen, wo jeder verpflichtend mindestens 300 km/h fahren muss. Diese Strömung schließt an David Hume an, der den Menschen so beschrieb, wie er die meiste Zeit über war, aber nicht so, wie er wäre, wenn er sein Potenzial nutzen würde, darunter seinen Verstand. Wobei sich diese Philosophie kaum von jener unterscheidet, die europäische Könige teilten: Might is Right.

Die andere Strömung ist ein Produkt der Aufklärung. Sie geht vom rationalen Eigeninteresse aus. Demnach sollten wir die objektive Realität anerkennen und die Natur für uns nutzen, um ein glückliches Leben führen zu können. Wir handeln miteinander friedlich und fair zum gegenseitigen Vorteil. Wir begegnen dem anderen mit gutem Willen und nicht mit der Annahme, er würde uns betrügen wollen. Wir achten die Rechte unserer Mitmenschen und wir akzeptieren, dass jeder ein Wert für sich ist.

Während die Tier-Liberalen sich ein Leben lang Drogen einwerfen könnten, würden die Objektivisten dies für irrational halten. Während die Tier-Liberalen auch durch Drogenhandel oder durch den Verkauf von Andenken ans Dritte Reich Geld machen könnten, so glauben Objektivisten, man müsste sich Geld verdienen, indem man Werte anbietet, die der Gegenleistung objektiv entsprechen.

Der Glaube, dass die Trennung von Staat und Kirche vornehmlich bedeute, der Staat habe die Religionen in Ruhe zu lassen, entspricht eher der Auffassung, jeder dürfe seinen subjektiven Launen folgen. Ein herkömmlicher Liberaler würde sagen, dass deine Freiheit bei meiner Freiheit endet, dass die Religionen nur soweit frei sind, wie sie die Rechte ihrer individuellen Mitglieder achten (es sei denn, die mündigen Mitglieder verzichten freiwillig auf bestimmte Rechte). Ein Objektivist würde hinzufügen, dass blinder Glaube keine gute Grundlage für die Moral oder für irgendetwas ist.

Quizfrage: Wo und unter welchen Herrschern war die religiöse Beschneidung von Männern verboten?

Irrelevant. Wo gab es vor Etablierung der Demokratie Religionsfreiheit in Deutschland? Im Preußen von Friedrich II. Darum bin ich kein Befürworter Preußens.

Ich empfinde übrigens das Verbot des “home schooling” in Deutschland als ziemlich sowjetisch.

Ich bin ebenso gegen das Verbot des Heimunterrichts. Aber im Heimunterricht wird auch niemandem ein Körperteil abgeschnitten.

Sollten Sie ohne Googeln nicht wissen, wer Janusz Korczak war, bitte ich Sie an dieser Stelle, sich still zu verabschieden, in die nächste Bibliothek zu gehen und ein paar Bücher zu lesen.

Gleichfalls. Von Philosophie versteht Hannes Stein offensichtlich überhaupt nichts. Und die ist wichtiger als Janusz Korczak.

Die Beschneidungsdebatte entbrennt ferner in einem Land, in dem mir ins Gesicht gespuckt wurde (ich verwende keine poetische Metapher, sondern referiere einen Vorfall), als ich in den Neunzigerjahren forderte, Nato-Bombenflugzeuge einzusetzen, um das Leben muslimischer Kinder in Bosnien vor den faschistischen serbischen Milizen zu schützen. […]

Radioaktiv verseuchte Fische waren den allermeisten Deutschen wichtiger als der Mord an 8500 muslimischen Jungen und Männern. Tut mir leid, Eure Meinung gibt mir kein Maß vor. Sie ist im tiefsten Sinne dieses Wortes: unmaßgeblich.

Subjektive Meinungen sind generell unmaßgeblich. Die objektive Realität entscheidet. Objektiv benötigen wir zum Leben als Mensch zugehörige Menschenrechte. Unser Leben gehört uns selbst und darf von niemandem geopfert werden. Also ist der einzige Grund für einen Staat, in andere Länder einzufallen, die Selbstverteidigung und nicht die Verteidigung von bosnischen Muslimen oder von irgendjemandem sonst.

Wir müssen unser Leben nicht aufopfern, um Menschen zu helfen, die wir nicht kennen, die unser Leben nicht bereichern. Wir dürfen ihnen nicht schaden, aber wir müssen ihnen auch nicht helfen. Wir können ihnen helfen, wenn wir uns individuell dazu entscheiden. Die Idee, dass der individuelle Mensch das Eigentum des Staates wäre und dass der Staat seine Bürger irgendwo in einem Konflikt in Bosnien oder sonstwo erschießen lassen dürfte, ist nur eine von vielen anti-liberalen Ideen, die man auf der Achse lesen darf. Ich sage das als entschlossener Verteidiger der Interventionen im Irak und in Afghanistan, die beide der Selbstverteidigung dienten.

Und wir alle pflegen unsere archaischen Riten, dass es nur so kracht. Wir sind eben furchtbar unaufgeklärt.

Herzlichen Glückwunsch. Stellt sich nur die Frage, warum ich Sie dann ernstnehmen soll?

Und jetzt will ich von diesem ganzen Blödsinn wirklich nichts mehr hören.

Gleichfalls.

„Reichsverband der Kinderärzte“

Natürlich musste Henryk Broder wieder eines draufsetzen. Er vergleicht in seinem Beitrag Volk im Wahn über 400 Mediziner und Juristen, die sich in einem offenen Brief an die Regierung für die Achtung der Kinderrechte beim Gesetzesentwurf über die Beschneidung aussprechen, mit einem fiktiven „Reichsverband der Kinderärzte“:

Kennen Sie eines der bewegendsten Dokumente aus der Zeit des Dritten Reichs? Es ist ein Schreiben des “Reichsverbandes der Kinderärzte im Altreich, der Ostmark und dem Generalgouvernement” an den Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Heinrich Himmler, er möge bitte “jüdische Kinder” von der “Durchführung der judenpolitischen Maßnahmen” verschonen, bis sie so alt sind, dass sie über ihre “Zugehörigkeit zum Judentum entscheiden können”.

Was mag dies nun bedeuten? Ist es eine heuchlerische, pseudo-humanitäre Nettigkeit des Staates, individuelle Rechte von Kindern zu schützen; eine Idee, die nur Quasi-Nazis einfallen könnte? Achso. Und ich dachte, der Schutz unserer Rechte wäre die Hauptfunktion, wenn nicht die einzige Funktion des Staates.

Es gibt bestimmt gute Gründe, die gegen eine Beschneidung im nicht einwilligungsfähigen Alter sprechen, so wie es gute Gründe gegen das “Waterboarding” gibt, dem christliche Kinder schon bald nach der Geburt unterzogen werden. Aber darum geht es in dieser Debatte nicht, die ohne Beispiel ist.

Was bedeutet „geht es in dieser Debatte“? Geht wem? Warum? Mir geht es um individuelle Rechte. Ich argumentiere seit Jahren absolut konsistent gegen Beschneidung aus eben diesem Grund – was nicht heißt, dass ich diesem Thema allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte, denn so wichtig ist es nicht.

Und wie schon beim Palästina-Konflikt jüdischen Zeugen gegen Israel eine wichtige Rolle zukommt, weil sie zwar beschnitten aber unverdächtig sind, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten, wird auch diesmal ein jüdischer Kronzeuge vorgeführt: Jonathan Enosch, der zum Kreis der “engagierte(n) Gegner der Ritualbeschneidung” in Israel gehört.

Es ist egal, ob sich auch ein Jude findet, der gegen Beschneidung ist oder nicht. Entweder es gibt objektiv gute Gründe gegen Beschneidung oder es gibt sie nicht. Tatsache ist allerdings auch, dass alle Parteien einhellig die Straffreiheit für Beschneidung fordern. Wo ist da jetzt die antisemitische Verschwörung?

Derweil werden sich immer mehr Deutsche gegen “Ritualbeschneidungen”, “Verstümmelungen” und “Amputationen” der Genitalien bei kleinen Jungs engagieren. Natürlich aus reiner Menschenliebe und weil “wir Deutsche” aus unserer Geschichte gelernt haben.

Ist doch egal, warum irgendwer gegen Beschneidung ist. Entweder es gibt hinreichend gute Gründe für ein Beschneidungsverbot oder nicht! Und wenn das ganze Land wirklich aus Nazis bestehen sollte, die man „vor 80 Jahren lobotomiert hat“, wie Broder schreibt, so ändert das rein gar nichts an der Tatsache, dass Beschneidungen ein Rechtsbruch sind.

„Ein Volk, ein Reich, eine Forrrhaut!“

So der Titel eines weiteren spöttischen Beitrags über diese Nazi-Stalinisten, die gegen Beschneidung argumentieren. Dort werden verschiedene Kommentare und Artikel zum Thema mit einem zusammenfassenden Ausschnitt ironisch verlinkt. Allerdings werden die Argumente in diesen mit keinem Wort gekontert. Auch in anderen Beiträgen auf der Achse gibt es so gut wie keine Argumente für die Pro-Beschneidungsposition des Blogs. Offenbar kann man intuitiv einsehen, dass Vorhaut-Verteidiger verrückt sind. Da braucht man keine Argumente, keine rationale Debatte. Man kann diese Pseudo-Aufklärer einfach als Antisemiten abstempeln und gut ist. Die Achse gewinnt bereits durch die Anzahl ihrer Leser.

„Noch mehr Dreck“

So nennt Henryk Broder die folgende Karikatur von Jacques Tilly, die jener für die Giordano Bruno Stiftung anfertigte:

Es gab auf Facebook bereits eine Debatte darüber, ob die Karikatur antisemitisch sei und ich argumentierte, dass sie vielmehr eines der Themen der gbs aufgreift, nämlich die grenzenlose Anbiederung unserer Politiker an religiöse Funktionäre. Jeder Wunsch wird ihnen erfüllt, obwohl weder die Prinzipien des liberalen Rechtsstaates noch der Mehrheitswille der Bevölkerung dergleichen vorsehen würden (wobei erste bei weitem schwerer wiegen als letzterer). Es gibt Sonderrechte auf koscheres Schächten und Halal (die muslimische Version) und es gibt ein Sonderrecht auf Beschneidung für Juden und Muslime. In einem liberalen Staat gibt es für niemanden Sonderrechte. Warum bezweifelt die angeblich liberale Achse des Guten systematisch dieses liberale Grundprinzip?

Aber hey, wer braucht schon logische Konsistenz? Überlassen wir die den elfenbeintürmigen Akademikern mit ihren „Argumenten“ und ihrer „Vernunft“, die in der freien Wirtschaft so wenig Geld machen, dass sie laut Definition gar nicht Recht haben können.

34 Kommentare zu “Beschnittene Achse

  1. Guido sagt:

    Hallo lieber Terry 😉

    Normalerweise lese ich Dich eher, um die Argumentationsreflexe nicht ganz einrosten zu lassen, da Du mir in vielen Ansichten zu radikal bist (und zuwenig links *lach*).

    Hier aber Hut ab, da zeigst Du Dich äusserst konsequent und logisch dem Grundsatz des liberalen Geistes folgend. Und treffend. Und herrlich spöttisch.

    Dank dafür

    • derautor sagt:

      Danke. Ja, das mit der terryrotter.de-URL war eigentlich nicht so geplant; bezieht sich auf den Titel meiner Terry-Rotter-Bücher. Sobald ich das meinen Lesern zumuten kann, werde ich vielleicht mal wieder umziehen und wirklich die feuerbringer-magazin.de-URL verwenden.

  2. Andreas D. sagt:

    Brights, GBS, hpd … und nun auch die Achse des Guten. Lob! Hier beweist sich wieder jemand als eigenständiger Denker, der sich nicht blind irgendeinem Rudel anschließt. Bin gespannt, ob man deine Schelte dort zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren wird.

  3. Karl sagt:

    Ich lese die Achse jetzt mittlerweile seit vier Jahren. Sie war der erste Internetblog den ich gelesen habe. Die Beschneidungsdebatte ist der erste Punkt wo ich den Autoren nicht zustimme.

    Freilich muss man, und das ist keine Rechtfertigung für die Position der Achse, das Leute wie Henryk Broder zu Recht auf das Thema Antisemitismus fixiert sind. Der starke Antizionismus und auch Antisemitismus in Deutschland ist leider Fakt. Broder war einer der ersten der auf diese Tatsache hingewiesen hat und besonders die unselige „Israelkritik“ richtig in diesen Kontext eingeordnet hat. Ich glaube dieses Verständnis und diese Anerkennung sollte man ihm zollen.

    Zum Thema Kritik der Achse an Geisteswissenschaften und Soziologie. Ich glaube das du auch weißt dass vieles was in diesen Fächern publiziert wird marxistische oder postmoderne Allgemeinplätze sind. Hier verstecken sich Ideologen oder linke Stammtischbrüder hinter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Ich glaube das sollte man auch dann so ansprechen. Diese Methode hat übrigens schon Karl Popper gegen die kritische Theorie angewendet.

    • Andreas D. sagt:

      Ich lese die Achse erst seit gut einem Jahr. Vieles, was dort publiziert wird, findet in wirklich vielen Fällen meine Zustimmung. Ich liebe die Kolumnen von Maxeiner und Miersch, auch Broders Polemik.

      Allerdings ist die Beschneidungsdebatte nicht das erste Thema, bei dem ich die Autoren nicht so richtig ernst nehmen kann. Dieses war nämlich der Klimawandel. Nun kann man aus liberaler Sicht – und muss das auch – die Politik der hysterischen Klimaretter kritisieren. Die klimatischen Veränderungen aber zu leugnen und entsprechend die Klimaskeptiker zu hofieren, deren Thesen einer genaueren Betrachtung (die natürlich erfolgen muss!) nicht standhalten, ist aber unwissenschaftlich. Politiker mögen politische Motive für ihr Handeln haben. Medien mögen – manchmal maßlos – übertreiben und Ängste schüren. Klimaforscher, also Naturwissenschaftler, sind deswegen aber keine unlauteren Verschwörer.

      Wenn der Autor kritisiert, dass es der Achse des Guten an Fundierung mangelt, stimme ich ihm zu. Nur mit dem Bauchgefühl lässt sich nicht seriös bemessen, was gut und was schlecht ist.

  4. Bjoern sagt:

    Das hier ist der mit Abstand beste Beitrag den ich zu diesem Thema im Allgemeinen und im Speziellen von dir gelesen habe. Danke, dafür kaufe ich mir dein nächstes eBook 🙂

  5. Arthur sagt:

    Respekt!
    Einer der stärksten und argumentativ stringentesten Artikel die ich zum Thema gelesen habe. Ein echter Höhepunkt auf diesem Blog. Schopenhauer hätte Sie einen Selbstdenker genannt.
    Trotzdem eine Frage : Hannes Stein hatte vor kurzem einen Artikel über den latenten Antisemitismus der Aufklärung auf der Achse. Was meint ein Aufklärungsexperte dazu?

    • derautor sagt:

      „Mit dem Naturrechts- und dem säkularisierten Staatsdenken der Aufklärung verlor die Außenseiterposition der Juden […] ihre Legitimation, und es erhob sich im 18. Jahrhundert in allen europäischen Staaten früher oder später die Forderung nach der Neubestimmung ihrer gesellschaftlichen Stellung.“ (Werner Bergmann: Geschichte des Antisemitismus, S. 17). Selbst das Revolutionstribunal der Jakobiner erklärte schließlich gleiche Rechte für Juden. Die Aufklärung läutete die Emanzipation der Juden ein. Wer das in einem Artikel zum Thema nicht erwähnt, der hat einen bestimmten Grund dafür.

      Sicher waren einige Aufklärer Antisemiten, aber viele waren keine Antisemiten und auch selber Juden wie Moses Mendelssohn. Und es gab Verteidiger der Juden wie Lessing, der immerhin „Nathan der Weise“ erschuf. Dann gab es Aufklärer wie Voltaire, die einfach gegen Religion waren, mit Ausnahme des Deismus, und dazu gehörten Verdammungen von Christentum, Judentum und Islam gleichermaßen. Ich denke aber nicht, das Voltaire ein Antisemit war. Er hielt das Judentum einfach für eine primitive Ideologie, aber er trat auch für die Bürgerrechte der Juden ein.

      Wie Hannes Stein dazu kommt, H.G. Wells (19. Jahrhundert) zur Aufklärung (18. Jahrhundert) zu zählen, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wären ihm sonst zu wenige Beispiele eingefallen. Wells war ein Sozialist, das hat nichts mit der Aufklärungsphilosophie zu tun.

      Sam Harris ist kein Antisemit, sondern genereller Religionskritiker wie Voltaire. Er verteidigt nicht den Antisemitismus, indem er einen Faktor nennt, der antisemitische Vorurteile gefestigt haben mag, also das Leben der Juden in einer isolierten Gemeinschaft (was natürlich ihr Recht ist, aber irrationale Vorurteile verstärkt haben mag). Sicher ist das nicht der Hauptgrund für den Antisemitismus.

      „In seinem Buch „Der Herr ist kein Hirte“, in dem die These durchexerziert wird, an allem Unheil in der Welt sei — immer und ausschließlich! — die Religion schuld“, schreibt Hannes Stein. Das stimmt natürlich überhaupt nicht und ist eine der dämlichsten Reaktionen auf den Neuen Atheismus. „Immer und ausschließlich“ – da fragt man sich schon, ob Hannes Stein eigentlich in der Lage ist, seine Wutausbrüche zu kontrollieren oder ob er wirklich alles spontan aufschreiben und publizieren muss, was ihm gerade einfällt. Gewiss sieht Hitchens Religion als negativen, irrationalen Faktor an, der zu Konflikten beigetragen oder sie verstärkt hat oder sie auslöste. Aber Religion ist doch nicht „immer und ausschließlich“ an allem schuld. Hitchens ist tot, da kann man es ja machen.

      Und dabei stimme ich Stein sogar zu, dass Hitchens tatsächlich ein Antisemit war. Aber selbst, wo er mal recht hat, ist Stein nicht dazu in der Lage, seine Behauptung anständig zu begründen. Peinlich.

      „Der Kommunismus empfahl sich als fortschrittlich, aufgeklärt und religionsfeindlich“

      Da gehört schon eine gute Portion Böswilligkeit dazu, um den Kommunismus mit der Aufklärung zu assoziieren. Die Aufklärung war die Epoche, als sich das Individuum von Staat und Kirche emanzipierte, nicht die Epoche der Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv. Das bestreitet kein vernünftiger Mensch, aber Stein ist vielleicht auch kein vernünftiger Mensch mit seinen ununterbrochenen hysterischen Anfällen und seiner selektiven, lächerlichen Beweisführung. Es ist wohl zwecklos, darauf hinzuweisen, dass der Kommunismus ein Phänomen des späten 19. und des 20. Jahrhunderts war und nicht des 18. Jahrhunderts. Aber wenn man Wells zu den Aufklärern zählt, kann man ebenso gleich alle, die einem nicht passen, zu den Aufklärern zählen.

      Warum drischt Stein überhaupt auf die Aufklärer im Speziellen ein? Doch wohl nur, weil er ein religiöser Kollektivist ist, dem es nicht passt, dass es jemanden geben sollte, der seinen Glauben für Blödsinn hält und trotzdem die Frechheit besitzt, mitzureden. Pech gehabt.

      „In den Siebzigerjahren verbreiteten sich in der Sowjetunion antisemitische Hetzschriften, neben denen die „Protokolle der Weisen von Zion“ geradezu harmlos wirken. Und all dies im Namen einer wissenschaftlichen Weltanschauung.“

      Hannes Stein ist also derselben Meinung wie die Marxisten, dass nämlich der Marxismus keine irrationale, barbarische Ideologie ist, sondern eine „wissenschaftliche Weltanschauung“. Sie werden sich bedanken für die Schützenhilfe. Was mich angeht, meine ich, dass man Marxisten ja nicht alles glauben muss.

      Steins Behauptungen über Hitlers christenfeindliche Haltung gehen auf seine Tischgespräche zurück, genauer auf deren fehlerhafte englische Übersetzung, was Richard Carrier nachwies: http://en.wikipedia.org/wiki/Hitler's_Table_Talk Über Hitlers religiöse Ansichten: http://en.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler's_religious_views

      Inwiefern nun Hitler zur Tradition der Aufklärung gehören soll, nur weil er einen „Antisemitismus der Vernunft“ vertreten haben will – also sorry, aber blöder geht es endgültig nicht mehr. Hitler als Aufklärer ist Lulalula-Land.

      „Solange die Aufklärer, Fortschrittsfreunde und Gottesleugner sich also weigern, ihre eigene judenfeindliche Tradition in Augenschein zu nehmen, solange sie dieses Erbe wie bewusstlos immer weiter tragen, stimmt mit ihnen etwas ganz Grundsätzliches nicht. Sie sind dann zumindest in dieser Hinsicht nicht besser als fundamentalistische Muslime oder die reaktionären Katholiken von der „Piusbruderschaft“.

      Wer, außer Hannes Stein, glaubt eigentlich, dass heutige Aufklärer den Antisemitismus, den einige Aufklärer aufgesogen und mitgetragen haben, leugnen würden? Das stimmt überhaupt nicht, es gibt ja wohl genügend Forschungsliteratur zum Thema. Beispiel:
      http://books.google.de/books?id=mkoZePQRnngC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ViewAPI&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

      Aufklärer, Kommunisten und Nazis scheinen für Stein irgendwie zur selben Tradition zu gehören. Thomas Jefferson und Lessing in einer Linie mit Hitler und Stalin. Wozu die Verdammung der Aufklärung dient, ist kein Geheimnis:

      „Solange die Aufklärer, Fortschrittsfreunde und Gottesleugner sich also weigern, ihre eigene judenfeindliche Tradition in Augenschein zu nehmen, solange sie dieses Erbe wie bewusstlos immer weiter tragen, stimmt mit ihnen etwas ganz Grundsätzliches nicht. Sie sind dann zumindest in dieser Hinsicht nicht besser als fundamentalistische Muslime oder die reaktionären Katholiken von der „Piusbruderschaft“.

      Solange die Aufklärer sich über ihren eigenen Antisemitismus nicht aufklären lassen wollen, sind sie als Gesprächspartner in der öffentlichen Debatte kaum ernst zu nehmen.“

      Hannes Stein will atheistische Aufklärer laut Definition diskreditieren, damit sie nicht gleichberechtigt an der Debatte teilnehmen können, da sie eine andere Position vertreten als er selbst. Irrationale Ideen überleben eine freie Debatte nämlich nicht. Nur, indem man das Recht des Gegners ausschaltet, an der Debatte teilzunehmen oder in dieser als ernsthafte Diskussionspartner wahrgenommen zu werden, können irrationale Ideen verteidigt werden. Ich sage es ja: Hannes Stein ist ein religiöser Kollektivist. Er tritt für die Vorrechte seiner Gruppe ein und hetzt gegen die Aufklärung und das alles auf eine derart krude Art, da würde ich doch lieber mit der Inquisition debattieren. Die war zumindest ehrlich.

  6. Thomas Spisla sagt:

    Es ist ja ganz nett wie Sie sich fuer die Kinder so in die Bresche werfen und die Liberalen ganz einfach in diese zwei Denkrichtungen unterteilen. Nur lasse ich mir, genauso wenig wie Sie sich, unterstellen ich sei kein liberaler nur weil ich ihre antireligioese Weltsicht nicht teile.

    Was die Kinder angeht, hoert sich das Ganze dann auch sehr abenteuerlich an. Sie sind fuer das Verbot des verpflichtenden Mannschaftssports fuer Kinder? Wie? Was? Und wie soll das gehen? Ich meine, machen Sie sich auch Gedanken darum, dass ein Gesetz auch durchsetzbar sein muss? Ausserdem: Was verbieten Sie da eigentlich?

    Verwunderlich finde ich es auch das Sie, wo Sie sich doch schon so lange gegen die Beschneidung einsetzen anscheinend noch nie einen Artikel zu Schoenheitsoperationen bei Mindejaehrigen verfasst haben? Oder habe ich da etwas verpasst? Auch sonst habe ich nichts in puncto Kinderrechte von Ihnen in Erinnerung. Ich lasse mich aber gern eines besseren belehren.

    Worauf ich damit hinaus will? Dem Kern der Achse Kritik liegen zwei Dinge zugrunde:

    1.)Die Annahme, dass es die Aufregung nicht gibt weil generell ueberall fanatische Kinderrechtler am Werke sind, sondern weil es sich um ein religioses Thema handelt und

    2.)Die Abwaegung zwischen Elternrecht und Kinderrecht, die zugunsten des Elternrechts ausfaellt weil die Beschneidung einfach als ein harmloser und kleiner Eingriff betrachtet wird, der damit dem Kinderwohl nicht zuwiderlaeuft. Ganz einfach.

    • derautor sagt:

      Ja, „Verbot“ war zu scharf formuliert, habe es in „Abschaffung“ verändert im Sinne der Streichung aus den Lehrplänen.

      „Nur lasse ich mir, genauso wenig wie Sie sich, unterstellen ich sei kein liberaler nur weil ich ihre antireligioese Weltsicht nicht teile.“

      Ich unterstelle Ihnen gar nichts.

      „machen Sie sich auch Gedanken darum, dass ein Gesetz auch durchsetzbar sein muss?“

      Nein. Ich überlege mir aus philosophischer Sicht, was richtig ist und was nicht richtig ist. Ich glaube ebenso kaum, dass wir jemals Privateigentum als Menschenrecht geschützt sehen werden oder dass wir jemals die Privatisierung von Schulen, geschweige denn Straßen erleben werden. Ich argumentiere einfach für die Position, die ich für vernünftig und für theoretisch umsetzbar halte. Was die Leute daraus machen, ist ihre Sache.

      „Verwunderlich finde ich es auch das Sie, wo Sie sich doch schon so lange gegen die Beschneidung einsetzen anscheinend noch nie einen Artikel zu Schoenheitsoperationen bei Mindejaehrigen verfasst haben?“

      Ich habe schon über die verschiedensten Themen Artikel verfasst, aber Krocket, die chinesische Mauer oder Shrimps waren noch nicht darunter und auch Schönheitsoperationen bei Minderjährigen habe ich noch nicht thematisiert. Aber gut: Ich bin gegen Schönheitsoperationen bei Minderjährigen und sie sollten sich auch keine Tattoos oder Piercings anbringen lassen dürfen – erst ab 18. Kinder sind meist noch nicht in der Lage, sich rational zur Selbstverstümmelung zu entscheiden. Erst später ist man verblödet genug dafür.

  7. Wolfgang T. sagt:

    Möchte mich den possitiven Kommentaren anschließen.

    Vieleicht hat Broder bei der Genitalverstümmelung im übertragenen Sinne ein „Stockholm-Syndrom“

    auch lesenswert, ein offener Brief an Broder von einen linken Liberalen, Religionskritiker, Israelfreund …
    http://blog-der-wendungen.blogspot.de/2012/07/gehort-die-korperliche-unversehrtheit.html

  8. Martin sagt:

    Tjo, bei dem Thema fällt die Achse tatsächlich ziemlich runter. Ist halt auch ein recht durchsetztes Authorengemisch, was ich erstmal recht gut finde.
    Während ich mit Stein sehr selten Übereinstimmungen finde, deckt sich das besonders mit Maxeiner/Miersch meistens.
    Interessante Standpunkte sind jedenfalls meistens zu finden, auch wenn ich sie nicht unbedingt einnehmen oder vertreten würde.
    Besondere „Akademikerschelte“ oder Herabsetzung fiel mir bisher nicht so auf. Der Zustand, grade in den „weichen“ Bereichen aka Gendermumpitz, Sozialwissenschaften, Islamwissenschaften etc. etc. scheint mir aber auch eher betrüblich.
    Wer sich für fundierte dargelegte Ablederungen von Studien und Publikationen aus dem Bereich interessiert, kann halt zusätzlich noch z.B. http://sciencefiles.org/abuse-of-science/ lesen oder ähnliches.

    Grade in Anbetracht des haltlos-hysterischen Weltrettungs-Klimagedröhnes und den drauf aufbauenden Allmachtsphantasien mancher seiner Propagandisten, finde ich eine massive Portion Skepsis sowohl gegenüber den „Rettern“, als auch gegenüber den vermuteten Ursachen der Klimaveränderungen angebracht.

  9. sba sagt:

    Gratuliere zum auf-den-Punkt-bringen: „gleiche Rechte für alle.“

    Jetzt überlege ich seit Freitag, ob es eine vernünftige Alternative zu diesem objektiven (für alle gleichermaßen gültigen) Recht gibt, mit der man eine ganze Gesellschaft organisieren kann.

    Die beiden Alternativen, von denen ich weiß, dass es sie historisch in Europa gab, sind 1) das personale Bundrecht (eine unschöne Eingenwortschöpfung; ein Beispiel dafür gibt das Lehenswesen) und 2) das Standes- und Gildenrecht: Die Bildung von Gruppen, die sich eigenständig um die Rechte ihrer Mitglieder untereinander kümmern.

    Möglichkeiten für 1) ergeben sich aus der Möglichkeit zu Verträgen.
    Durch Legalisierung des Schächtens in Dtl., durch Billigung einer Scharia-Gerichtsbarkeit in GB wurde da facto wieder Standes- und Gildenrecht eingeführt. Wenn soetwas aber überhaupt zustimmbar sein soll, dann braucht es dazu aber mindestens a) ein übergeordnetes Recht, das den Umgang der Gruppen untereinander betrifft (also dass kein Capulet einen Montague angreifen und umbringen darf und vice versa) und b) die gesicherte Möglichkeit der persönlichen Entscheidung zu Beitritt, Austritt und Wechsel der Gruppenzugehörigkeit. Durch Geburt unaustretbar hineinzugeraten, geht einfach nicht. Da aber genau dies in den genannten Beispielen der Fall ist: Abschaffen oder ändern. Sonst gibt es bspw. keinen Grund dafür, die Adelsprivilegien weiterhin abgeschafft sein zu lassen.

  10. JMA sagt:

    Ich stimme im wesentlichen zu, habe aber einige Punkte, die ich nicht so sehe:
    „… so glauben Objektivisten, man müsste sich Geld verdienen, indem man Werte anbietet, die der Gegenleistung objektiv entsprechen.“ – Meine Frage: Objektiver Wert? Was ist der objektive Wert eines Picasso? Oder eines Urlaubs auf den Seychellen? There is no such thing as objective value. Es gibt Angebote, die Leute interessieren, und deren Kosten sie nicht zu hoch finden. Das ist alles. Und das kann man durchaus auch mit einer hübschen Geschichte verbinden – die Story hebt den Wert im Auge dessen, der zahlen soll. So ist es bei Computern, die auch oft für viel Geld gekauft werden, weil sie per Marketing sexy gemacht wurden.

    Und dann die Schulpflicht, die kann man – so ist es denke ich auch schon – an private Schulen geben, WENN gewährleistet ist, dass ein bestimmter Wissens- und Bildungsstandard erfüllt wird. So kann man es NICHT dulden, dass z.B. Kinder auf einer Evangelikalen-Schule keine Sexualaufklärung, keinen Bio-Unterricht über Evolution bekommen – die Eltern und Schulen können allen möglichen Schrott zusätzlich unterrichten, aber das AUCH. Es gibt kein Recht auf das Unwissen seiner Kinder. Die Kinder haben ein Recht auf eine INFORMIERTE Wahlmöglichkeit. Das können sie meist nicht selber herstellen gegen den Willen ihrer Eltern.
    Und auch wenn ich nicht sehr sportlich bin, ist Sport sicher eine der Sachen, die jedem Menschen in Maßen durchaus gut tun.

    • derautor sagt:

      Man kann Wert objektiv einschätzen, indem man sich überlegt, inwiefern ein Produkt dem Lebensglück eines Menschen förderlich ist. Im Detail ist das natürlich nur individuell möglich, aber man kann auch generelle Aussagen machen, z.B. ist ein schlechter Laptop (geringere Leistung, schlechtere Verarbeitung) für den selben Preis in der Regel schlechter als ein guter Laptop – auch wenn man mehrere Faktoren einbezieht. Oder ein verschimmelter Apfel ist weniger wert als ein frischer Apfel. Ein Haus mit kaputtem Dach bei anderweitig identischen Bedingungen ist weniger wert als ein Haus mit intaktem Dach.

      Damit will ich keine Wirtschaftstheorie aufstellen; in dieser Hinsicht ist es schon sinnvoll, von der subjektiven Bewertung auszugehen. Der Wert am Markt ergibt sich de facto durch die subjektive Einschätzung. Man kann sich einen Trend vorstellen, dass die Leute an sich nutzlose Produkte kaufen, weil sie gerade in der Diskussion sind. Ich sage nur, dass es auch objektive Kriterien für den Wert eines Produktes gibt, auch wenn das nicht jeder subjektiv erkennt oder einsieht. Dazu müsste sich jeder Mensch nur rational überlegen, was er sich kaufen sollte.

      Und darum sind gefährliche Drogen etwa kein echter Wert, der dem Geld entspricht, das dafür angeboten wird. So wie Kinderpornos. Im Prinzip läuft die rein subjektive Werttheorie darauf hinaus, dass niemand sagen kann, ob LSD und Kinderpornos wertvoller oder weniger wertvoll sind als ein Kaffee und ein Film wie Schindlers Liste. Eine solche Verallgemeinerung wäre aus volkswirtschaftlicher Sicht unmöglich. Man müsste sich schlicht ansehen, was beides auf einem bestimmten Markt zu einer bestimmten Zeit und bestimmten Bedingungen wert ist, welcher Preis dafür angeboten wird. Hier wird eindeutig viel mehr Geld für Kinderpornos und LSD angeboten als für Schindlers Liste und Kaffee. Aus ökonomischer Sicht ergibt das Sinn, es so zu sehen – aber aus philosophischer Sicht eher nicht.

      • JMA sagt:

        Danke für die detaillierte Antwort. Mehr noch hätte mich interessiert, ob es nach Ihrer Auffassung vertretbar ist, Kinder gezielt dumm zu halten – und die Konsequenzen daraus für die Schulpflicht.

        • derautor sagt:

          Es dürfte kaum Eltern geben, die ihr Kind absichtlich dumm halten möchten. Fundamentalisten glauben ja, dass sie ihren Kindern bedeutsame Wahrheiten nahebringen.

          Ich bin mir noch nicht über alle Details in Punkto Bildung im Klaren, darum habe ich darüber noch keinen Beitrag geschrieben (das wäre etwas für das übernächste Buch). Bildung sollte auf jeden Fall privat finanziert werden. Die Idee, dass Bildung – oder irgendetwas – umsonst ist, erzeugt eine irrationale Denkweise. Die Leute gewöhnen sich an magisches Denken; daran, dass sie nur etwas vom Staat wünschen brauchen und schon zaubert er es herbei. Niemand muss erkennbar dafür arbeiten, das Zeug ist einfach da, wenn man die „richtigen“ Leute wählt. Finanzieren müssen es dann Leute, die nicht oder viel weniger davon profitieren. Oder es wird durch Schuldenaufnahme finanziert und zukünftige Generationen müssen die Bildung von Leuten, die schon tot sind und die sie nie kennenlernten, finanzieren.

          Ob es irgendeine Art von Schulpflicht geben sollte, ist mir nicht recht klar. Hier schwanke ich zwischen der liberalen und der konservativen Argumentation. Einerseits gelten die selben Argumente wie gegen jede Art von staatlichen Versuchen, den Leuten ihr Leben vorzuschreiben – Individuen kennen ihre Interessen selbst besser als der Staat, der unmöglich für alle eine passende Bildung planen kann. Andererseits gibt es nutzlose Eltern, die ihre Kinder die Schule schwänzen und auf den Straßen randalieren lassen. Die Polizei dürfte sie dann zwar nach Hause bringen oder einsperren, aber nach Hause bringen hat da wenig Sinn und in die Schule zurück geht es für sie ja nicht. Dann wieder gibt es auch mit der Schulpflicht Problemkinder. Aber wenn es eine Schulpflicht weiterhin geben sollte, so sollte sie sich wenigstens auf private Schulen und Heimunterricht erstrecken – die Eltern sollten die passende Schulform wählen dürfen und sie auch finanzieren müssen.

          Eltern dürfen ihren Kindern Unsinn erzählen. Man kann von ihnen keine Allwissenheit erwarten. Säkulare Humanisten empören sich gerne über den Mangel an Evolutions- und Sexualkunde an evangelikalen Schulen, aber 1. braucht man kein Wissen über die Evolutionsbiologie fürs Leben, so interessant das Thema ist (und so uninteressant es von öffentlichen Schulen gemacht wird) und 2. brauchen Kinder auch keine Sexualkunde. Ich hätte entschieden auf die superpeinliche Sexualkunde verzichten können, das steht mal fest. Derartiges lernt man entweder von den Eltern oder, wahrscheinlicher, von den Altersgenossen. Ich denke eigentlich nicht, dass Sexualkunde überhaupt in den Unterricht gehört. Damit sagt man ja aus, dass man selber genau weiß, wann die Kinder anderer Menschen von der menschlichen Fortpflanzung erfahren sollten. Man meint, dies besser zu wissen als andere Eltern. Ganz schön anmaßend. Wobei natürlich die biologischen Aspekte in den Biologieunterricht gehören, aber ein eigenes Fach braucht man nicht (wir hatten Sexualkunde im Religionsunterricht. Will gar nicht mehr daran denken).

          Die Leute machen sich einfach nicht hinreichend bewusst, was es eigentlich bedeutet, den Staat über die Bildung entscheiden zu lassen. Es bedeutet, dass der Staat sein Gewaltmonopol nutzen sollte, um den Kindern anderer Eltern das beizubringen, was man selbst für vernünftig hält und zu dem Zeitpunkt, den man für passend erachtet.

          Ein weiterer Faktor besteht darin, dass man viel entspannter miteinander diskutieren und auskommen kann, wenn man anderen Menschen nicht vorschreibt, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Evangelikale sind auch eher bereit, auf die eigenen Argumente zu hören, wenn man ihnen nicht vorschreibt, dass ihre Kinder die Evolutionstheorie und Sexualkunde lernen müssten.

          Schließlich müsste man, insofern man zwanghaft durchgesetzte universelle, scheinbar rationale Standards für alle Schüler fordert, dies auch auf Bereiche ausweiten, die vielen säkularen Humanisten mit ihrer großen Klappe nicht gefallen werden. Wenn Michael Schmidt-Salomon evangelikalen Eltern vorschreiben möchte, was ihre Kinder wann über Evolution und Sex zu lernen haben, so müsste man gleichsam seine Kinder darüber informieren, wie falsch und grotesk seine eigenen linken Ansichten über Ökonomie oder Ethik eigentlich sind. Man findet doch bei so ziemlich allen Eltern etwas, das sie ihren Kindern beibringen, das falsch und schädlich ist. Wir sollten uns doch lieber friedlich und im freiwilligen Rahmen darüber streiten, was rational ist und was nicht – ohne Zwang.

          • Andreas D. sagt:

            Die Schulpflicht ist wie jede staatliche auferlegte Pflicht natürlich ein Eingriff in die persönliche Freiheit. Und diese sollte sehr gut begründet werden.

            Sobald jemand noch minderjährig und wirtschaftlich abhängig ist und auch die notwendigen Einsichten und Fähigkeiten noch nicht ausgebildet hat, die notwendig sind, um vernunftgemäß Entscheidungen über das eigene Wohl und Wehe zu treffen, meine ich (im Übrigen mit John Stuart Mill), dass der Staat berechtigt ist, so jemanden davor zu schützen sich selbst zu schaden.

            Analphabetismus und Dummheit – eventuell würden mir einige hier zustimmen – sind schädlich. Und die volle Tragweite dieser Konsequenz fehlender Schulbildung kann ein Zehnjähriger, der sich aus freien Stücken und bei achselzuckendem Desinteresse bildungsferner Eltern gegen den Schulbesuch entscheidet, noch gar nicht überblicken.

            Aber auch ich habe – jenseits von Gutmenschentum und Gleichheitsfantasien – ein durchaus wohlbegründetes Eigeninteresse daran, dass die Kinder fremder Leute alle eine grundlegende Schulbildung erhalten (was wahrscheinlich nicht der Fall wäre, gäbe es ausschließlich privat zu finanzierende freie Schulen und würde die Schulpflicht fallen). Mein Eigeninteresse ist ein ruhiges Leben mit einem gewissen Wohlstand und einem ausreichenden Maß an Sicherheit.

            Wenn ganze Teile der Bevölkerung dumm bleiben und nicht die nötigen Kompetenzen entwickeln um durch redliche Arbeit ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften, muss ich mit einer höheren Kriminalitätsrate rechnen. Zudem würde das allgemeine Wohlstandniveau sinken. Deshalb bin ich bereit, dem Staat die Aufgabe zu übertragen bzw. zu belassen, sich um die Schulbildung weiter Teile der Bevölkerung zu kümmern. Für diese Staatsaufgabe bin ich auch bereit via Steuersystem einen Beitrag zur Finanzierung zu leisten. Der Nutzen, den ich dadurch habe, überwiegt in meinen Augen die Kosten.

            Ich argumentiere damit epikureisch oder auch utilitaristisch – wie man es sieht, es nimmt sich ja nicht viel. Mein Ziel ist hier die Seelenruhe und die Vermeidung von Unlust. Ich will keinen Schaden erleiden.

            Deshalb befürworte ich übrigens auch ein beschränktes Maß an Umverteilung und staatlicher Absicherung von Grundbedürfnissen. Ich bin aber dagegen, dass ständig neue Grundbedürfnisse erfunden werden. Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Wasser, Essen – das sind Grundbedürfnisse, die übrigens in weiten Teilen der Welt nicht befriedigt sind. Linke mögen doch mal einen Blick nach Somalia oder Nordkorea werfen, bevor sie wieder über die angeblich zu niedrigen Hartz-Regelsätze jammern. So etwas wie Unterhaltungselektronik, freier Internetzugang oder „kulturelle Teilhabe“, ganze Heerscharen von Hunden und Katzen, Genussmittel und Urlaubsreisen, alles, was über das Lebensnotwendige hinaus geht, muss man sich erarbeiten!

            Das Maß an Umverteilung darf natürlich nicht so hoch werden, dass für die, die einzahlen, das Kosten-Nutzenkalkül nicht mehr aufgeht. Dann sinkt nämlich deren Bereitschaft Leistungen zu erbringen und damit auch das Volumen der potentiell umzuverteilenden Werte.

            Aber zurück zur Bildung. Ich bin überzeugt von der Idee, dass alle Menschen zum Start ihres Lebens möglichst gleichwertige Chancen erhalten sollten – unabhängig davon, ob sie in finanzkräftige Familien geboren wurden oder nicht. Es soll meines Erachtens ganz auf die eigenen Fähigkeiten und Leistungen ankommen.

            Ich empfinde als Lehrer stets eine größere Hochachtung für junge Menschen, die sich mit harter Arbeit trotz widriger Umstände ein gutes Abitur verdient haben, als für die, die von ihren Eltern von einem Hochbegabtengutachter zum nächsten und dann auf Händen zum Abitur getragen wurden. Das staatliche Schulsystem bietet denen, die aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt sind, einen gewissen Chancenausgleich.

            In einer rein privaten Bildungslandschaft hängt die Qualität der Bildung vom Geldbeutel ab. Gute Schulen und gute Lehrer kosten entsprechend, für wenig Geld hingegen bekäme man schlechten Unterricht. Und schafft man darüber hinaus noch die Schulpflicht ab, würde vielen Kindern ein irreparabler Schaden zugefügt: Dummheit. Damit schaden sie dann noch anderen.

            Trotzdem sollte es mehr Privatschulen geben, allein um die Wahlfreiheit zwischen den Bildungsangeboten zu erhöhen.

            Ich befürworte in diesem Zusammenhang auch die Begabtenförderung. Ob der Staat die leisten sollte, da bin ich skeptisch. Private Schulträger können das vielleicht besser. Ich rede hierbei aus eigener Erfahrung mit einem staatlichen Versuch, Hochbegabtenförderung im Korsett bürokratischer Regelungen zu betreiben.

            Noch etwas zu den Bildungsinhalten an öffentlichen Schulen: Aufgrund seiner Reichweite ist das staatliche Bildungswesen Ziel von roten, grünen und schwarzen Volkserziehern. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht irgend ein Politiker oder Interessenvertreter ein neues Unterrichtsfach fordert. Damit werden Kinder Opfer von Fetischisten gesunder Ernährung, ökologischer Sensibilisierung, gender-Bewusstseinsbildung und natürlich religiöser Unterweisung. Wenn endlich mal klar gestellt werden würde, was eine staatliche Schule leisten muss und was viel besser privat geleistet werden kann, wären vielleicht auch die Stundenpläne wieder etwas weniger dicht und damit besser zu bewältigen.

            Im Gegensatz zu all den pädagogischen Albernheiten der letzten Jahre und Jahrzehnte: der „offenen Schule“, der „humanitären Schule“, der „Umweltschule“ oder der „integrierten Schule“ fordere ich hiermit die SCHLANKE SCHULE. 🙂

  11. Stormking sagt:

    Das ist dasselbe Problem wie immer: Religiöse Menschen, egal wie intelligent sie sonst auch sind, können in Punkten, die ihre Religion oder Religion allgemein berührt, einfach nicht klar denken. Das ist ja das fiese an religiöser Indoktrination.

  12. Rainer sagt:

    @ Andreas D.
    Ich hätte es nicht treffender argumentieren können. Vielleicht kann man aber auch bei der Bildung Grundbedürfnisse definieren? Deutsch, 1-2 Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften! (Vielleicht auch Sport) Diese Dinge intensiv und mit Engagement gelehrt, einschliesslich der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Methodik, wäre ein gutes Fundament für jede Berufswahl.

    • derautor sagt:

      Allerdings lassen sich diese Argumente für Schulpflicht und öffentliche Bildung ebenso auf andere Lebensbereiche anwenden. Kinder müssen auch essen und man könnte argumentieren, dass jeder ein Interesse daran hat, dass ihn die Kinder nicht auf der Straße um gute Nahrung anbetteln. Also sollten nicht die Eltern, sondern der Staat für die „richtige“ Ernährung der Kinder sorgen. Einige Linke argumentieren genau so.

      • Andreas D. sagt:

        Ich kann mir kein an Fastfood gewöhntes Kind vorstellen, das auf der Straße um eine Karotte bettelt.

    • Andreas D. sagt:

      Den Fächerkanon, auf den öffentliche Bildung sich beschränken sollte, würde ich genau so eingrenzen. Kürzlich hatte ich mir dazu in einem anderem Zusammenhang Gedanken gemacht.

      Als wirklich notwendiges Fundament gelten würden diese Fächer:

      – Mathematik
      – Physik (inkl. physische Geografie: Geologie, Morphologie, Klimatologie)
      – Chemie
      – Biologie
      – Deutsch
      – Englisch
      – Geschichte
      – Sozialwissenschaften (Politik, Ökonomie, Recht, Soziologie, Sozialgeografie, Religionskunde, Philosophie)

      Daran wären auch private Schulen gebunden, die aber ihrerseits frei wären, darüber hinaus zu gehen.

      Die Fächer Sport, Musik, Kunst, weitere Fremdsprachen, Geografie als eigenständiges Fach, bekenntnisgebundene Religion und ihre diversen Ersatzvarianten wie Ethik, Werte/Normen, Lebenskunde würde es an öffentlichen Schulen nicht mehr geben, einiges davon höchstens noch in einem Wahlpflichtbereich.

      Die Schultage wären kürzer und jeder könnte sich nach Belieben privat um religiöse Unterweisung, Gesangs- und Instrumentalunterricht, Sport oder Französisch bemühen. Die Schule würde nicht mehr so invasiv in das Leben von Kindern und Jugendlichen ausgreifen. Außerdem würden die Kosten des staatlichen Schulsystems sinken.

      • Bjoern sagt:

        Dein Beitrag ließt sich, als ob Ökonomie lediglich eine Randbemerkung im übergeordneten Fach der „Sozialwissenschaften“ zugeteilt bekommt.

        Ökonomie solltest du nicht unterschätzen. Ökonomische Kenntnisse und Fertigkeiten sind genauso grundlegend wie naturwissenschaftliches Wissen um die Welt zu verstehen und rationale Entscheidungen treffen zu können.

        Anders ausgedrückt: In einer Realität mit begrenzten Ressourcen ist die Wissenschaft um die effiziente und effektive Nutzung dieser Ressourcen unabdingbar.
        -> Ökonomie / Wirtschaftswissenschaften

        • Andreas D. sagt:

          Über den Stellenwert der einzelnen Bezugswissenschaften in einem solchen integrierten Fach habe ich mich noch nicht geäußert. Zweifelsfrei würde ich der ökonomischen Bildung einen großen Stellenwert einräumen. Ich habe alle diese Teildisziplinen bereits unterrichtet und würde wohl mit großer Freude an die Erarbeitung eines integrierten Curriculums für ein neues Fach „Sozialwissenschaften“ herangehen. Vermutlich würde wohl ein Fach dabei herauskommen, dass sich im Kern als politische und ökonomische Bildung versteht – sinnvoll ergänzt um die anderen genannten Bereiche.

  13. Andreas D. sagt:

    Aber zurück zur ‚beschnittenen Achse‘. Der vom Autor als Kollektivist kritisierte Hannes Stein scheint nicht auf die Kritik des Autors eingehen zu wollen. Heute erfährt man nur: „An diesem Beschneidungsdings werde ich mich nicht weiter beteiligen. Macht das in Deutschland untereinander aus, es geht mich nichts an. (…)“ http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_614_gebot/

    Was schade ist, hätte ich doch gerne erfahren, wie Stein mit dem Kollektivismusvorwurf umgeht.

    • seb sagt:

      er hätte ihn vielleicht gar nicht als Vorwurf verstanden. Sokratisches Dilemma: Jeder richtet sich auf das, was er für das Gute hält. Wer das Kolektiv ernsthaft und ehrlich für eine positive Wertebezugsgröße hält, wird mit der Bezeichnung als „Kollektivist“ vermutich kein Problem haben.

  14. sba sagt:

    er hätte ihn vielleicht gar nicht als Vorwurf verstanden. Sokratisches Dilemma: Jeder richtet sich auf das, was er für das Gute hält. Wer das Kolektiv ernsthaft und ehrlich für eine positive Wertebezugsgröße hält, wird mit der Bezeichnung als “Kollektivist” vermutich kein Problem haben.

  15. Cees van der Duin sagt:

    Die Feministin, Ex-Europapolitikerin und GRÜNEN-Mitgründerin Eva Quistorp will die Jungenbeschneidung legalisieren, solange das vorher heile und hinterher rituell versehrte Kind nur ausreichend medikamentös betäubt ist sprich unter Drogen steht; dafür bekommt die gewaltverharmlosende so genannte Pazifistin eine herzhaft gepfefferte Kritik:

    Wenig paradiesisch: Eva und die Vorhaut
    Von Jacques Auvergne am 08.08.2012

    http://eifelginster.wordpress.com/2012/08/08/298/

  16. Cees van der Duin sagt:

    Eva Quistorp (Theologin) hat auf Jacques Auvergne (Sozialarbeiter) geantwortet, heute nachmittag. Beschneiden will die Theologin das betäubte männliche Kind nach wie vor, hier zwei Zitate aus ihrer Begründung; alle Denk- und Rechtschreibfehler sind geistiges Eigentum der Pazifistin und Feministin. Auch ich habe mich eingemischt.

    Quistorp: „Wenn ich es als wohl schwer zu ändernden Fakt aus verschiedenen Grünen anerkenne, dass wohl bei der Lage der Debatte und der Aufregung des Zentralrates der Juden und der Muslime, die mit SChlagworten wie Vertreiben und Verbieten Panikmache gemacht haben,das KÖlner Urteil nicht zu bundesweitem Recht werden wird ,habe ich nur eine Realität beschrieben und mir das nicht gewünscht. … Ich glaube, das judentum hat in seiner prophetischen udn liberalen Tradition mehr zu bieten als die bisherige BEschneidungsdebatte und der ISlam mit IBn Rushd und ABu Zaid mehr als KOpftuch, Burka, Beschneidungszwänge und gar SCharia in Europa“

    http://schariagegner.wordpress.com/uber/#comment-1900

    ::

    Eva Quistorp (August 23, 2012 um 3:27 nachmittags, kommentiert auf dem Blog Schariagegner) windet sich wie ein Aal – und hat schon wieder nicht gesagt, dass sie die rituelle Vorhautamputation nicht will. Sie ist unsachlich genug, dem Sozialpädagogen Jacques Auvergne öffentlich zu unterstellen, ihren Beitrag falsch gelesen zu haben, entkräftet dessen prinzipiell beschneidungsgegnerische Argumente aber mit keiner Silbe.

    Theologin Quistorp verbreitet vielmehr einen amorphen Wortschwall aus irgendwelchem reformerischen Potential in den Hochreligionen verwirbelt mit irgendwie bedauernswerten bundesdeutschen Sachzwängen, implizit und wenig zufällig gipfelnd im sinngemäßen Fazit: „An einer Legalisierung der Jungenbeschneidung kommt die BRD nicht vorbei!“ Wie öffentlichg bekannt billigt Quistorp auch heute die nicht medizinisch indizierte Beschneidung. Und nichts anderes hat der pazifistische Sozialpädagoge und Beschneidungskritiker der pazifistischen Theologin und Beschneidungsfreundin vorgeworfen.

    Die beschneidungsbegünstigende Feministin könnte jetzt entweder so ehrlich sein, wiederholt sinngemäß: „Ja, ich will die MGM, aber nur mit Betäubung!“ zu sagen, das ist schließlich die nachweisbare Essenz ihres Essays Wider die postmoderne Religionspolitik, oder aber müsste endlich die Seite wechseln und öffentlich dafür eintreten, dass es in der kulturellen Moderne kein Elternrecht auf operative Mutilation des Kindergenitals gibt, aber eine Pflicht des Staates, dem Kind ein Selbstverständnis, Körperwahrnehmen und Sexualitätserfahren mit unversehrten eigenen Genitalien zu ermöglichen.

    Vielleicht um Halacha und Scharia zu entsprechen oder um Halacha und Scharia nicht zu widersprechen weicht Quistorp hingegen aus; wie eingangs gesagt: sie windet sich wie ein Aal. Das ist argumentativ unredlich und für mich als Naturschützer, Pazifist und Jungenarbeiter, der einmal geglaubt hat, sich in der Partei der GRÜNEN wieder zu finden, ziemlich enttäuschend.

    Immerhin ist klar, wer hier die Debatte zwischen dem Sozialpädagogen und der Theologin zum Thema Beschneidung gewonnen hat – argumentativ, ethisch und vielleicht schon bald ja auch juristisch.

    Cees van der Duin

    ::

  17. Cees van der Duin sagt:

    Menschenkette gegen Beschneidung

    Mülheim / Köln – Das Kölner Landgericht hat geurteilt, dass die nicht medizinisch begründete Beschneidung eines Jungen eine strafbare Körperverletzung ist, in die Eltern nicht einwilligen können.

    Seit drei Monaten erlebt Deutschland eine heftige Debatte zur rituellen Beschneidung an nicht einwilligungsfähigen männlichen Minderjährigen.

    Am 21. September werden wir eine Menschenkette bilden und uns Gehör verschaffen.

    Wir sind gegen Kinderbeschneidung und laden alle engagierten Menschen ein, am Freitag, den 21. September von 17-19 Uhr auf die Domplatte zu kommen und die Erfahrungen von Betroffenen zu hören.

    http://www.muelheimer-freiheit.net/nachrichten.php?ID=6595

    Menschenkette gegen Beschneidung
    Köln, 21. September 2012

    Für Kinderrechte – gegen Kinderbeschneidung!

    Am 21. September werden wir eine Menschenkette bilden: Eltern oder Jugendliche, aus dem Iran oder Irak, aus Afghanistan und aus vielen anderen Ländern weltweit. Wir werden unserer Stimme Gehör verschaffen und zeigen: wir sind Eltern aus den so genannten islamischen Ländern, wo man die Beschneidung aus Tradition, seit vielen Jahrhunderten praktiziert, und wir sind kulturell modern und gegen Kinderbeschneidung. …

    Wir laden alle Medien und alle interessierten Menschen ein, am Freitag den 21. September um 17:00 Uhr nach Köln auf die Domplatte zu kommen und die Erfahrungen von Betroffenen zu hören.

    Wir solidarisieren uns mit der Kampagne der Giordano Bruno Stiftung und ihren Partnern und mit allen anderen Kinderrechtsorganisationen, die bis heute und weltweit eine großartige Arbeit für die Kinderrechte und gegen diesen religiös begründeten Angriff auf den Kinderkörper geleistet haben.

    Eltern gegen Kinderbeschneidung

    Köln Domplatte
    17 bis 19 Uhr
    Freitag 21. September

    http://schariagegner.wordpress.com/2012/09/17/fuer-kinderrechte-gegen-kinderbeschneidung/

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