Objektive Ethik: Antwort auf Kritik

Meine Kommentatoren haben einige interessante Einwände gegen die objektive Grundlage der Ethik, die ich vorstellte, erhoben. Sie betreffen die logische Struktur und die Definitionen, die die Auflösung der Sein-Sollen-Dichotomie seitens Ayn Rand aufweist. Hier möchte ich diesbezüglich mehr Klarheit schaffen, bevor ich in einem weiteren Beitrag auf die konkrete objektivistische Ethik eingehe.

Für Neulinge: Es geht um die Frage, ob man Moral für alle Menschen objektiv begründen kann oder ob Moral von subjektiven Vorlieben abhängt. In der Regel sind religiöse Menschen der Meinung, ihr Gott habe ihnen eine objektive Grundlage der Ethik offenbart. Ich bin Atheist und glaube, man kann durch logisches Denken auf eine in der Natur der Dinge angelegte Moral schließen (Naturrechtstradition). Sie ist nicht vom Menschen unabhängig, sondern beruht im Gegenteil auf unserer gemeinsamen menschlichen Natur und auf den Erfordernissen des menschlichen Lebens. Außerdem halte ich die religiöse Ethik für eine tatsächlich subjektive Ethik mit brüchigem Fundament – es sei denn, sie wird ebenfalls (und in der Tat wurde sie das historisch häufig) naturrechtlich begründet.

Meine Kommentatoren kritisierten ebenso meine Angriffe auf andere Philosophien, namentlich Hedonismus und Utilitarismus. Auch auf diese Kritik möchte ich näher eingehen. Schließlich greife ich eine weitere Philosophie an – die leitende Philosophie der Deutschen, den Pragmatismus.

1. Hedonismus und Utilitarismus

Andreas D.

“Für den Hedonismus gibt es keine individuellen Rechte und somit kein in der Ethik inhärent angelegten Grund, andere Menschen oder sich selbst für irgendwelche “Vergnügungen” nicht aufzuopfern.” (Der Autor)

Ich meine, so ganz zustimmen kann ich dir im Falle des Hedonismus nicht. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob man Epikurs Philosophie der Lust (Lust-Unlust-Kalkül, Vermeiden von Unlust etc.) als Paradebeispiel hedonistischer Ethik ansehen kann. Da er aber über viele Jahrhunderte entsprechend verzerrt und verfälscht als hedonistisches Schwein dargestellt wurde und er diesen Ruf irgendwie auch nicht ganz los wird, mag man zumindest mal hinhören, was der alte Grieche dazu zu sagen hätte:

“Naturgemäße Gerechtigkeit ist eine Übereinkunft über das Nützliche in der Absicht, einander keinen Schaden zuzufügen und selbst keinen Schaden zu erleiden.” (Epikur: Hauptlehrsätze, Nr. 31)

Antwort

Für die antiken Hedonisten ging es um die Frage nach dem individuellen guten Leben. Sie stellten keine ethischen Systeme auf wie ihre modernen Nachfolger, die Utilitaristen (Jeremy Bentham, John Stuart Mill), welche dann politisch umzusetzen seien. Auch waren antike Philosophen in der Regel ausgeglichene Leute und keine Soziopathen wie Bentham.

In der Tat wurde der Utilitarismus in England in Gesetze gegossen, darunter das „Poor Law“ von 1834. Charles Dickens kritisierte den Utilitarismus in seinen Romanen als unmenschlich. Sein Charakter Mr. Gradgrind ist jener unbeugsame, utilitaristische Faktenmensch, der in Hard Times seine Kinder mit Statistiken und Fakten tyrannisiert und ihnen jegliche Vergnügungen und Fantasie verbietet.

Die Szene, in der Oliver Twist im Waisenhaus um „ein bisschen mehr“ Essen bittet und dafür herausgeworfen wird, ist ein Angriff auf die Idee, man könne als zentraler Planer statistisch ermitteln, was und wie viel jeder individuelle Mensch benötigt, damit das größte Glück für die größte Zahl erreicht werden kann. Indem Oliver um ein bisschen mehr bittet, stellt er den utilitaristischen (und sozialistischen) Glauben in Frage, es gäbe eine optimale Portion von allem für jeden Menschen.

Das Problem mit dem Hedonismus lautet, dass aus seiner Grundlage, der Vermeidung von Leid, alle möglichen Schlussfolgerungen gezogen werden können. Wenn die Vermeidung von Leid und der Lustgewinn der Standard, das letztendliche Ziel und der Orientierungspunkt der Ethik sind, so kann man ebenso argumentieren, dass staatliche Planer für jeden Menschen berechnen sollten, wie ihr Leid zu vermeiden sei.

Epikur war in der Tat kein Befürworter von Schlemmereien und Orgien, sondern er trat im Gegenteil für ein asketisches Leben ein. Der Mensch sei am glücklichsten, wenn er nur das Notwendige anstrebt. Dies seien „vernünftige Begierden“ im Gegensatz zu „unvernünftigen Begierden“, die nur einen kurzzeitigen Lustgewinn, aber auf lange Sicht Schmerz brächten. Ein Einwand meinerseits lautet, dass wir nicht so gemacht sind, nur das Lebensnotwendige anzustreben. Wir möchten immer neue Dinge haben und erleben, immer aktiv bleiben. Das gehört zum Leben als Mensch dazu.

Trotz Epikurs Asketizismus bleibt der Umstand bestehen, dass sein ethischer Standard der Lustgewinn oder genauer ein Zustand der Schmerzlosigkeit war. Epikur selbst argumentierte nun, dass man am besten diesen Zustand erreichen könne, indem man sich mit den einfachen Dingen zufrieden gibt und Exzesse vermeidet. Andere Hedonisten zogen andere Schlussfolgerungen – und bei einem so vagen Ethikstandard ist dies auch nicht unberechtigt.

Ein einflussreicher Hedonist unserer Tage ist Bernulf Kanitscheider. Er argumentiert für eine „sensualistische“ Ethik, also für eine Ethik, die auf unseren Gefühlen oder animalischen Instinkten beruht – ähnlich wie David Hume.

Laut der objektivistischen Philosophie hat der Mensch keine Instinkte – er handelt also nicht automatisch, um möglichst viele fruchtbare Nachkommen zu zeugen. Er handelt vielmehr auf Grundlage seiner bewussten Entscheidung innerhalb des Spielraums, der ihm durch die Natur der Dinge gegeben ist. Ebenso sind die Gefühle des Menschen das unbewusste Resultat seiner Überzeugungen und Erfahrungen und sie dienen zur spontanen Identifikation von Dingen, die unserem Leben schaden und Dingen, die unserem Leben förderlich sind. Zwar hat der Mensch von Geburt an einen kognitiven und emotionalen Mechanismus (den die Evolutionäre Psychologie erklären könnte), aber deren Inhalte sind bei Geburt tabula rasa, also noch nicht vorhanden.

Kanitscheider erklärte in einem Interview mit der MIZ: „Eine chemische Entschlüsselung der freudvollen Reaktionen der emotiven Zentren unseres Körpers lässt die Erlebnisqualität der Gefühle auf der Phänomenebene völlig unberührt.“ Wenn wir also Gefühle naturwissenschaftlich erklärten könnten, so hätten wir doch weiterhin Gefühle. Allerdings lässt sich der menschliche Geist nicht auf Physik und schon gar nicht auf Reiz-Reaktionsschemata reduzieren. Kanitscheider spricht von „Reaktionen“ der „emotiven Zentren“ unseres Körpers, als wären wir nur Biomaschinen, die auf Leidvermeidung programmiert sind, und keine Menschen.

„Es scheint sinnvoller – gerade auf den sexuellen Bereich bezogen – ein wellenartiges Triebmodell zu befürworten, wobei die Refraktärphasen zwischen den Höhepunkten für konzentriertes intellektuelles Schaffen ausgenützt werden können“, sagte Kanitscheider. Wir sollen also zwischen unseren Orgasmen intellektuell tätig werden.

Da verwundert seine Sexualethik auch nicht mehr: „Schon Bertrand Russell hat sich in seinem Buch „Marriage and Morals“ für das Kompromiss-Modell der offenen Ehe ausgesprochen, einer Basis-Gemeinschaft aber mit Toleranz bezüglich gelegentlicher Seiten- oder Nebenbeziehungen. Dieses Modell erscheint mir nach wie vor angesichts der biologischen Engramme, die den Menschen zu Polygynie neigen lassen, die geringsten Zwangsbedingungen im Triebbereich mit sich zu bringen und damit dem hedonistischen Ideal am nächsten zu kommen.“

Der Mensch neige also von Natur aus dazu, seinen Partner zu betrügen. „Sprich für dich selbst, Bruder!“, wie Ayn Rand es auszudrücken pflegte. Daher solle man für gelegentliche Seitensprünge offen sein. Kanitschneider hat eine Tendenz, seine pupertäre Lustethik mit anspruchsvollen Begriffen wie „Engramme“ und „Polygynie“ zu schmücken, wohl in der Hoffnung, dies würde seine Philosophie glaubwürdiger klingen lassen. Tatsächlich ist das ganze Gerede über menschliche „Triebe“ nichts anderes als die Rationalisierungen, die junge Männer gebrauchen, um möglichst viele Mädchen rumzukriegen. „Es liegt in der Natur der Dinge, dass wir nicht monogam sind und darum will ich dich, auch wenn ich mit deiner Freundin zusammen bin.“ Während man früher bestenfalls dafür ausgelacht wurde, gibt es nun eine offizielle Absegnung von unseren großen Vordenkern für verantwortungsloses Verhalten. Sie entspricht etwa folgender Aussage:

„Statistisch gesehen begeht jeder Mensch gelegentlich einen Diebstahl. Es liegt darum in unserer Natur, dass wir nicht immer für unser Zeug arbeiten können, also müssen wir gelegentlich etwas stehlen und die Menschen sollten unseren Klautrieb endlich akzeptieren. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Es gibt nur Grau. Der Mensch ist unvollkommen. Der Mensch ist fehlerhaft. Und nun gib mir deine Brieftasche!“

Was für ein ungeheurlicher Mist.

Der Logiker und Mathematiker Bertrand Russell, der in säkular-humanistischen Kreisen häufig als große Autorität zitiert wird, war derweil ein naiver Sozialist mit allerlei utopischen Ideen, dem man im politischen und ethischen Bereich kaum ernstnehmen kann – ähnlich wie der Physiker Albert Einstein, der ebenfalls für den Sozialismus argumentierte (und der sogar einmal unwissentlich an einer Propagandaveranstaltung der amerikanischen Kommunistischen Partei teilnahm).

Auf Bertrand Russell trifft das folgende Sprichtwort zu:

„Ein Ingenieur hält seine Gleichungen für eine Annäherung an die Realität.

Ein Physiker hält die Realität für eine Annäherung an seine Gleichungen.

Einem Mathematiker ist es egal.“

2. Utilitarismus

Andreas D. 

Ich habe noch nicht gehört, dass Utilitaristen den Tod von Menschen in Kauf nehmen würden, nur um eine größere Zahl glücklich zu machen. Sie würden wohl den Tod von einigen Menschen in Kauf nehmen, um einer größeren Zahl Menschen das Leben zu retten (diese also vor dem Tod zu bewahren).

Wenn jedoch in ökonomischen Fragen das größte Glück der größten Zahl das Ziel ist, hat noch kein Utilitarist gesagt, man müsse zu diesem Zweck jemanden umbringen.

Wird nicht das aufsummierte Glück einer Gesellschaft durch den Tod eines Teils ihrer Mitglieder so stark reduziert, dass das Ziel verfehlt wird?

Oder habe ich den Utilitarismus falsch verstanden? Ist er anfällig von Terroristen pervertiert zu werden?

Antwort

Wenn Utilitaristen den Tod von einigen Menschen in Kauf nehmen, um einer größeren Zahl das Leben zu retten, so nehmen sie den Tod von Menschen in Kauf, um eine größere Zahl glücklich zu machen. Der Utilitarismus beruht auf einem Glückskalkulus.

Illustration: Es kostet der Gesellschaft viel Geld, Schwerbehinderte am Leben zu erhalten und insgesamt wären mehr Menschen glücklicher, wenn man sie sterben lassen würde. Schließlich sind nur wenige Menschen, die meisten Eltern der Behinderten und die meisten Behinderten selbst, glücklich mit diesem Zustand. Die Deutschen glaubten ebenso, dass sie ohne diese wohlhabenden, erfolgreichen Juden, auf die sie rasend eifersüchtig waren, glücklicher sein würden. Also haben sie die Juden vernichtet und die Schwerbehinderten euthanisiert.

Ich kann mir gut vorstellen, dass dies den gewünschten Effekt hatte, schließlich leugneten die Deutschen nach dem Weltkrieg ihre Verbrechen und verdrängten sie, als wären sie nie geschehen. Die Juden waren weg, die belastenden Behinderten waren tot – Mission erfolgreich. Und einen abenteuerlichen Plünderzug ins Ausland hatte man auch noch hinter sich. Der kollektive Glückskalkulus wies vielleicht trotz Kriegsverlust ein Plus auf der Habenseite auf.

So viel zu „Pervertierung“ = Anwendung des Utilitarismus. Laut dem Objektivismus gibt es hingegen unveräußerliche individuelle Rechte. Die Gesellschaft verfügt nicht über die Option, darüber zu entscheiden, ob irgendwem das Leben genommen werden soll – außer eventuell Mördern und Feinden in einem Krieg wie etwa den Nazis, weil diese die Rechte anderer durch ihre Taten nicht anerkannten.

Bjoern

Wenige Menschen für Viele zu opfern ist nicht möglich, weil es zu Terror und Angst bei den Vielen führt. Jeder der Vielen könnte beim nächste Mal einer der Wenigen sein. Damit löst sich der angestrebte Gewinn wieder auf oder wird ins negative Gekehrt.

Antwort

Das ist nicht unbedingt so. Nicht jeder kann der nächste Jude sein, sondern nur Menschen mit jüdischer Mutter, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass man schwerbehindert wird.

Aus utilitaristischer Perspektive kann man für Völkermord und Sklaverei argumentieren. Wenn die Mehrheit dadurch beschwerliche Arbeit vermeiden könnte, dass eine Minderheit gedemütigt wird und Sklavenarbeit leisten muss, warum nicht? Wenn es die Mehrheit glücklicher macht, in ein kleines Land einzufallen und es auszuplündern, warum nicht?

Laut der objektivistischen Ethik scheitern Völkermord und Sklaverei einerseits an individuellen Rechten und andererseits am Prinzip, dass Gewalt nur in Reaktion auf Gewalt legitim ist. Gewalt darf nicht eingeleitet werden, sondern nur als Gegenreaktion erfolgen.

3. Standard der Ethik

Elias

Nur weil das Leben die Voraussetzung für Werte ist, folgt doch nicht automatisch, dass das Leben der Standart für Werte ist.
Ist Leben die einzige Voraussetzung für Werte, oder gibt es noch weitere? Und was ist in diesem Zusammenhang überhaupt mit Standart gemeint?

Ein simplifizierter Vergleich:
Eine Voraussetzung für menschliches Leben ist Sauerstoff. Also muss Sauerstoff (als Voraussetzung für Leben) auch der Standart für Leben sein.
Das ultimative Ziel unseres Lebens ist demnach Sauerstoff.

Antwort

Die Definitionen der enthaltenen Begriffe ist wichtig, wenn man die logische Struktur des Arguments durchschauen möchte:

Leben: Ein Vorgang selbsterzeugter und selbsterhaltender Handlungen.

Werte: Das, was man bekommen oder erhalten möchte, ist ein „Wert“. Werte setzen ein Wesen voraus, das in der Lage ist, zu handeln, um angesichts einer Alternative ein Ziel zu erreichen.

Es ist einzig das Konzept des “Lebens”, welches das Konzept des “Wertes” ermöglicht. Nur für ein Lebewesen können Dinge gut oder böse sein.

Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, legt fest, was es tun soll. Ein Lebewesen ist ein Lebewesen (A=A), also soll es Werte anstreben, die seinem Leben dienlich sind.

4. Pragmatismus

foundnoreligion

Ich habe in Anlehnung eine eigene Ethik entwickelt, die man entweder “Ethischer Pragmatismus” oder “Situationsethik” nennt. Dieser hat drei Grundprämissen:
1. Jede moralische Entscheidung ist nicht abhängig von unserem Gefühl, einer metaphysischen Instanz, sondern nur von der Situation in der sich das Individuum befindet.
2. Das Individuum hat Möglichkeiten, zu handeln und sollte sich davon für die vernünftigste entscheiden.
3. Das Individuum muss mit allen Folgen dieser Entscheidung leben, selbst wenn diese sich gegen das Individuum richtet.

Antwort

Die von foundnoreligion vorgestellte Ethik ist beinahe inhaltlos, da sie auf jegliche Werte, Tugenden, Standards und Prinzipien verzichtet. Sie besagt nicht, was die „vernünftigste“ Möglichkeit ist, für die sich ein Individuum zu entscheiden hat, wie das Individuum „vernünftig“ von „unvernünftig“ unterscheiden könnte. Sie besagt, die Ethik sei abhängig von der konkreten Situation, in der man sich befindet – was eine andere Möglichkeit ist zu sagen, dass man willkürlich tun kann, was man möchte; ohne jegliche Orientierung für das eigene Verhalten.

Ich möchte damit nicht sagen, dass foundnoreligion glaubt, was er da geschrieben hat. Er selbst teilt wahrscheinlich eine bessere Philosophie als den Pragmatismus – alleine schon deshalb, weil er seit langem meine Beiträge liest. Doch der Pragmatismus ist eine sehr beliebte und einflussreiche Philosophie, weshalb ich sie hier einer Kritik unterziehen möchte.

Der Pragmatismus ist eine amerikanische Erfindung aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die im 20. Jahrhundert weite Verbreitung fand und die inzwischen auch in Deutschland angekommen ist. William James, John Dewey und später Richard Rorty waren seine einflussreichsten Vorsprecher – sie gelten außerdem als wichtige „säkulare Humanisten“. Der Pragmatismus war und ist eine einflussreiche Philosophie oder, wie ich sie in meiner Kritik der Achse des Guten nannte: Die Anti-Philosophie.

Ich denke, dass die meisten Deutschen heute Pragmatiker sind. Die Deutschen sind keine Nazis mehr. Sie sind auch nicht grün und sie sind keine Sozialisten – nicht auf eine überzeugte, prinzipientreue Weise. Ökologische und sozialistische Ideen sind lediglich hierzulande im Umlauf, weil die Deutschen keine Philosophie haben und darum notgedrungen Ideen aufsaugen, die sie irgendwo hören. In diesem Fall Ideen, die von den totalitären Ideologien übrig geblieben sind. Es könnte theoretisch alles sein.

Die Deutschen sind Pragmatiker, will heißen: Sie sind kulturell und intellektuell kaum als eigenständige Kultur identifizierbar. Sie glauben an nichts mehr, sie sind offen für alles und daher stehen sie für nichts. Die Ideen, die unsere intellektuellen Führer und Politiker von sich geben, sind willkürlich aneinandergereihte Ideen aus verschiedensten Traditionen, die nicht kompatibel sind.

Wir leben in einer Mischwirtschaft mit einer Mischkultur. Wir verehren noch immer Goethe, Mozart, Schiller – also Künstler und Denker aus kulturell identifizierbaren Epochen -, aber zugleich zerstören wir jeglichen Sinn und Zusammenhang mit moderner Kunst und mit moderner Philosophie – nicht unmaßgeblich von deutschen Philosophen erschaffen.

Was ist eigentlich die Philosophie eines Menschen, der meint, er habe keine? Wie lautet die Philosophie eines Nicht-Denkers? Der objektivistische Philosoph Leonard Peikoff beschrieb diese sehr treffend:

Als solche, als abgegrenzte Theorie hat die pragmatische Ethik keinen Inhalt. Sie drängt die Menschen dazu, „Praktikalität“ anzustreben, aber sie weigert sich, irgendein „rigides“ Wertepaket zu definieren, das für die Definition eines Konzepts taugen könnte. Als Resultat sind Pragmatiker – trotz ihrer Ablehnung aller moralischen Systeme – gezwungen, falls sie ihren ethischen Ansatz überhaupt verfolgen möchten, auf Wertecodes zu setzen, die von anderen, nicht-pragmatischen Moralisten formuliert wurden. In der Regel akzeptiert ein Pragmatiker diese Codes, ohne sie anzuerkennen; er akzeptiert sie durch einen Vorgang der Osmose, durch die eklektische Absorption der kulturellen Lagerstätten, die von den moralischen Theorien seiner Vorgänger stammen – während er zugleich die Sinnlosigkeit dieser Theorien anprangert.

Ein Pragmatiker ist jemand, der sich vor der Philosophie fürchtet; der sich davor scheut oder der zu faul ist, seine Ideen zu hinterfragen und ein klares Verständnis der Wirklichkeit zu entwickeln. Pragmatiker sind extrem intolerant gegenüber Menschen, die klaren Prinzipien folgen. Ich kritisierte vormals bereits Atheisten, die nicht darum gegen Fundamentalisten wettern, weil sie aus guten Gründen religiöse Ideen für fragwürdig halten und weil sie genau wissen, welche besseren Ideen sie an deren Stelle setzen würden, sondern die darum Fundamentalisten mit Hass begegnen, weil diese überhaupt an etwas glauben und sich in ihrem Leben an bestimmten Prinzipien orientieren.

Insofern Fundamentalisten nicht allzu fanatisch oder gar gewalttätig sind, kann man mit ihnen meiner Erfahrung nach gut auskommen. Sie haben in mancherlei Hinsicht unrecht, aber wenigstens wissen sie, was sie glauben und das stärkt den Charakter. Sie sind keine hysterischen, blinden, von jeglichen Ideen manipulierbaren Pragmatiker. Pragmatiker sind Leute, deren Geist leer und austauschbar ist, die im Grunde wandelnde Schwämme ohne Geist sind, die Ideen willkürlich aus ihrer Umgebung aufsaugen und tun, was immer diese Ideen von ihnen erwarten, weil es in einer konkreten Situation gerade aus überhaupt keinen Gründen auf Basis keinerlei Standards „praktisch“ erscheint.

„Die beiden zentralen Aussagen der pragmatischen Ethik sind: Eine formelle Ablehnung aller festen Standards – und eine kritiklose Absorption der vorherrschenden Standards.“ (Ayn Rand)

So kommt es dann auch, dass Pragmatiker die in einer Gesellschaft vorherrschenden Ideen mit Händen und Füßen verteidigen; egal, welche das sind; egal, ob sie Sinn ergeben oder nicht. Das tun sie, weil diese Ideen ihre einzige Orientierung im Leben sind – sie haben keine eigenen Tugenden, Standards, Prinzipien. Alle prinzipientreuen Menschen nennen sie „dogmatisch“, „fundamentalistisch“ oder gar „verrückt“ – egal, ob sie durch rationales Denken oder durch blinden Glauben zu ihrer Philosophie gelangten.

Immerhin muss man einräumen, dass auch professionelle Philosophen dieser Tage zunehmend wenig vom Pragmatismus halten. Überhaupt lässt sich eine Wende in Richtung ethischer Realismus feststellen, auch wenn Ayn Rand immer noch herablassend beäugt wird. Der einflussreiche Denker Roger Scruton kritisierte beispielsweise den Pragmatismus wie folgt:

Krude ausgedrückt ist der Pragmatismus die Auffassung, dass „wahr“ so viel wie „nützlich“ bedeute.  Der nützlichste Glaube ist derjenige, der mir den besten Zugriff auf die Welt gibt: Der Glaube, der, insofern man ihm entsprechend handelt, die größten Erfolgsaussichten verspricht. Offensichtlich ist dies keine hinreichende Charakterisierung des Unterschieds zwischen dem Wahren und dem Falschen. Wer eine Karriere in einer amerikanischen Universität anstrebt, wird feministische Ansichten für nützlich halten, ebenso wie rassistische Ansichten im Universitätsapparat von Nazi-Deutschland nützlich waren. Aber dies zeigt kaum auf, dass diese Ansichten korrekt sind.

Was also meinen wir tatsächlich mit „nützlich“? Ein Vorschlaug lautet: Eine Auffassung ist nützlich, wenn sie Teil einer erfolgreichen Theorie ist. Aber eine erfolgreiche Theorie ist eine, die wahre Vorhersagen macht. Also sind wir im Kreis gelaufen, indem wir die Wahrheit durch die Nützlichkeit und die Nützlichkeit durch die Wahrheit definierten. Es ist in der Tat schwierig, einen plausiblen Pragmatismus zu entdecken, der sich nicht hierauf reduzieren lässt: Dass eine wahre Aussage auf die Weise nützlich ist, wie wahre Aussagen nützlich sind. Makkellos, aber nichtssagend.

Es sind übrigens Pragmatiker wie William James, die für die Idee verantwortlich waren, der Umstand, dass sich religiöser Glauben für manche Leute gut anfühle, trage dazu bei, dass Gott tatsächlich existiere. Religiöser Glaube könne einer „höchst respektablen Klasse von Denkern religiösen Trost spenden“, was zu seinem Wahrheitsfaktor beitrage. Das war dann selbst Bertrand Russel zu blöde und er warf William James vor, er sei von der Existenz des Weihnachtsmannes überzeugt, der ja ebenfalls vielen Menschen Freude und Trost spende.

Nächstes Mal geht es dann um das, was aus dem objektiven Standard der Ethik folgt, also um die „Details“ der objektivistischen Ethik. Der Beitrag wird auch etwas zugänglicher als dieser hier ausfallen.

Siehe: http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/09/leben-als-mensch-heist-nicht-uberleben-als-tier

25 Kommentare zu “Objektive Ethik: Antwort auf Kritik

  1. Andreas D. sagt:

    Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, auf die Fragen und Anmerkungen mit einem extra Beitrag einzugehen. Deine Kritik am Hedonismus/Utilitarismus wird für mich verständlicher und ich muss eingestehen, wohl auch selbst noch zu lange daran festgehalten zu haben.

    In der individuellen Ethik Epikurs mag ein Lust-Unlust-Kalkül wohl noch sinnvoll gewesen sein, insbesondere auch, da er in Bezug auf andere Mitglieder der Gesellschaft kontraktualistische Auffassungen vertrat (siehe das oben wiedergegebene Zitat aus seinen Hauptlehrsätzen). In einem politischen Programm gewinnt der Utilitarismus aber sozialistische Züge. Ich würde dir da weitgehend zustimmen. Vielleicht ist John Stuart Mill damit dann auch nicht der glaubwürdigste Kronzeuge des Liberalismus.

    • derautor sagt:

      John Stuart Mill hat unter Objektivisten einen schlechten Ruf:

      Mill rejected the concept of individual rights and replaced it with the notion that the “public good” is the sole justification of individual freedom. (Society, he argued, has the power to enslave or destroy its exceptional men, but it should permit them to be free, because it benefits from their efforts.) Among the many defaults of the conservatives in the past hundred years, the most shameful one, perhaps, is the fact that they accepted John Stuart Mill as a defender of capitalism.

      The terrible aspect of Mill’s influence is the fact that his followers become unable to consider great values—such as truth, science, morality, art—apart from and without the permission of “the people’s desires.”

      A weary agnostic on most of the fundamental issues of philosophy, Mill bases his defense of capitalism on the ethics of Utilitarianism.

      Utilitarianism is a union of hedonism and Christianity. The first teaches man to love pleasure; the second, to love his neighbor. The union consists in teaching man to love his neighbor’s pleasure. To be exact, the Utilitarians teach that an action is moral if its result is to maximize pleasure among men in general. This theory holds that man’s duty is to serve—according to a purely quantitative standard of value. He is to serve not the well-being of the nation or of the economic class, but “the greatest happiness of the greatest number,” regardless of who comprise it in any given issue. As to one’s own happiness, says Mill, the individual must be “disinterested” and “strictly impartial”; he must remember that he is only one unit out of the dozens, or millions, of men affected by his actions. “All honor to those who can abnegate for themselves the personal enjoyment of life,” says Mill, “when by such renunciation they contribute worthily to increase the amount of happiness in the world . . . .”

      Capitalism, Mill acknowledges, is not based on any desire for abnegation or renunciation; it is based on the desire for selfish profit. Nevertheless, he says, the capitalist system ensures that, most of the time, the actual result of individual profit-seeking is the happiness of society as a whole. Hence the individual should be left free of government regulation. He should be left free not as an absolute (there are no absolutes, says Mill), but under the present circumstances—not on the ground of inalienable rights (there are no such rights, Mill holds), but of social utility.

      Under capitalism, concluded one American economist of the period with evident moral relief, “the Lord maketh the selfishness of man to work for the material welfare of his kind.” As one commentator observes, the essence of this argument is the claim that capitalism is justified by its ability to convert “man’s baseness” to “noble ends.” “Baseness” here means egoism; “nobility” means altruism. And the justification of individual freedom in terms of its contribution to the welfare of society means collectivism.

      Mill (along with Smith, Say, and the rest of the classical economists) was trying to defend an individualist system by accepting the fundamental moral ideas of its opponents. It did not take Mill long to grasp this contradiction in some terms and amend his political views accordingly. He ended his life as a self-proclaimed “qualified socialist.”

      http://aynrandlexicon.com/lexicon/mill,_john_stuart.html

      • Andreas D. sagt:

        „(…) Utilitarianism is a union of hedonism and Christianity. The first teaches man to love pleasure; the second, to love his neighbor. The union consists in teaching man to love his neighbor’s pleasure. (…)“

        Ich habe gerade herzlich gelacht. Vielen Dank dafür! 🙂

  2. Andreas D. sagt:

    Auf meinen Streifzügen durch die Philosophie – wie du vielleicht weißt, hatte ich sie nie systematisch studiert – bin ich übrigens noch einem ganz anderen Herumtreiber begegnet, dessen Beitrag zwiespältig zu beurteilen ist: Henry David Thoreau. Einerseits ist da sein Rousseauismus und sein – wenn auch nur experimenteller, also zeitweiser – Rückzug aus der Gesellschaft (aber das ist ja nun wirklich seine Sache), andererseits vernimmt man Aussagen wie:

    „Nie wird es einen freien und wirklich aufgeklärten Staat geben, solange sich der Staat nicht bequemt, das Individuum als größere und unabhängige Macht anzuerkennen, von welcher all seine Macht und Gewalt sich ableitet, und solange er den Einzelmenschen nicht entsprechend behandelt.“ (Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat)

    Kürzlich hatte ich gelesen, dass man sich Thoreau sowohl in einem Occupy-Camp als auch bei der Tea Party vorstellen könnte. Er wird auch von Pazifisten gerne für ihre gewaltfreien Albernheiten beansprucht, wobei die meisten nicht wissen, dass er eine Verteidigungsrede für einen gewaltsam aktiven Gegner der Sklaverei gehalten hatte. „A Plea for Captain John Brown“ wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Warum wohl?

    Ist ein Thoreau liberaler als manche klassische Liberale?

  3. Andreas D. sagt:

    Ich habe gerade einen Aufsatz darüber gelesen, der die Herleitung libertärer Rechte aus dem ethischen Egoismus in Rands Philosophie behandelt und hinterfragt.

    Wendt, Fabian (2011): Ayn Rand: Ethischer Egoismus und libertäre Rechte. In: Aufklärung und Kritik 2/2011, S. 114-119. In: http://www.gkpn.de/Wendt_AynRand.pdf

    Wendt zieht das Fazit:

    „(Damit wird), soweit ich sehe, nicht mehr eine ethische Doktrin vertreten, die schlicht besagt, dass jeder seinen Werten nachgehen soll; sondern höchstens eine ethische Doktrin, die besagt, dass jeder seinen Werten nachgehen soll (oder: darf) in dem Rahmen, den ihm die Rechte anderer stecken. Damit vertritt man aber keinen ethischen Egoismus mehr. Denn die Rechte anderer stecken der Verfolgung des eigenen Glücks Grenzen.“

    • derautor sagt:

      Die libertäre Ideologie der USA unserer Tage ist ein politisches Plagiat von einigen von Rands Grundideen, die von Libertären überhaupt nicht verstanden und in ihrem Kontext nachvollzogen wurden. Jetzt fragen sie sich, was Rand zu ihrer großartigen Philosophie des Libertarianismus „beigetragen“ habe!

      Wenn man Rands politische Grundideen (staatlicher Schutz von Leben, Freiheit, Eigentum) von der übrigen Philosophie loslöst, kann alles Mögliche dabei herauskommen. Vielleicht wäre das Ergebnis tatsächlich die Dystopie von „Bioshock“ – ja, wahrscheinlich wäre das Ergebnis die Dystopie von Bioshock! Die Leute wüssten gar nicht, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollen. Das kommt den Anarchisten unter den Libertären gerade recht, denn ihnen geht es um Zerstörung, nicht um den Aufbau einer vernünftigen Gesellschaft. Zu einer vernünftigen Gesellschaft gehört eine vernünftige Kultur, in der bestimmte Standards befolgt und Tugenden gelebt werden. Die Menschen brauchen nicht einfach die Freiheit, alle möglichen willkürlichen „Werte“ anzustreben, losgelöst von jedem Sinn und Zweck. Dann können sie auch die ganze Zeit Joints rauchen. Darauf wies bereits George Orwell berechtigterweise hin: Freiheit alleine genügt nicht für eine gute, funktionierende Gesellschaft.

      „Jeder, der nicht die ganze Lehre
      des Objektivismus akzeptierte, schien in
      ihren Augen ein Irrgläubiger zu sein. Manche
      jüngere Objektivisten wie David Kelley
      – von der mit dem Ayn Rand Institute konkurrierenden,
      weniger „orthodoxen“ Atlas
      Society – sind weniger sektiererisch: „Wir
      können sagen, dass der Libertarismus der
      Objektivistische Standpunkt in der Politik
      ist.“7“

      „Sektiererisch“ seien jene, die ein tieferes Verständnis von den notwendigen Grundlagen einer freien Gesellschaft haben (wobei David Kelley die auch hat und der Libertarianismus ist eben NUR der politische Standpunkt der Objektivisten – der aber nicht unabhängig vom Rest bestehen kann!).

      Würde der Staat einfach unsere Grundrechte schützen, dann würde automatisch eine libertäre Utopie entstehen, wo jeder jeden lieb hat. Dann kann jeder seine eigenen „Tugenden“ leben. Die Faschos ziehen in ihre Fascho-Zone, die Raser bekommen ihre Autobahn-Zone, die Punks bekommen ihre Bahnhofszone. Warum darf man aus der Perspektive des rationalen Eigennutzes niemanden töten?, fragt Wendt. Warum sollte man kein Parasit sein? Zum Überleben kann das doch nützlich sein. Und dabei finde ich gerade die psychologischen Ausführungen von Rand, die diese Fragen behandeln, so eindrucksvoll – vielleicht ist ihre psychologische Einsichtsfähigkeit in die menschliche Natur sogar das Beste an Rand. Grund genug, sie völlig zu ignorieren.

      Dass die Libertären einen so hirnlosen Unsinn aus den großartigen Ideen von Ludwig Mises und Ayn Rand fabrizieren konnten, ist zum ausrasten! Viele Libertäre sind offenbar wirklich Anti-Philosophen. Vielleicht hat Peter Schwartz recht:
      http://www.aynrand.org/site/PageServer?pagename=objectivism_sanctions

      IS LIBERTARIANISM AN EVIL DOCTRINE? Yes, if evil is the irrational and the destructive. Libertarianism belligerently rejects the very need for any justification for its belief in something called “liberty.” It repudiates the need for any intellectual foundation to explain why “liberty” is desirable and what “liberty” means. Anyone from a gay-rights activist to a criminal counterfeiter to an overt anarchist can declare that he is merely asserting his “liberty”—and no Libertarian (even those who happen to disagree) can objectively refute his definition. Subjectivism, amoralism and anarchism are not merely present in certain “wings” of the Libertarian movement; they are integral to it. In the absence of any intellectual framework, the zealous advocacy of “liberty” can represent only the mindless quest to eliminate all restraints on human behavior—political, moral, metaphysical. And since reality is the fundamental “restraint” upon men’s actions, it is nihilism—the desire to obliterate reality—that is the very essence of Libertarianism. If the Libertarian movement were ever to come to power, widespread death would be the consequence.

      Das Ayn Rand Institute und die Atlas Society haben sich in einem Streit über die Kooperation mit Libertären getrennt. Das ARI war gegen jede Kooperation mit Libertären, weil sie diese als anti-philosophisch ansahen, die Atlas Society wollte die Libertären nutzen, um ihre Philosophie auch unter ihnen zu verbreiten.

      „1. Der ethische Egoismus sagt, dass
      ich mich um mein eigenes Wohl zu kümmern
      habe (und sonst nichts). 2. Libertäre
      Rechte verbieten prinzipiell bestimmte Handlungen
      gegenüber anderen Personen. 3. Es
      ist schwer zu glauben, dass solche Handlungen
      gegenüber anderen Personen nie
      meinem eigenen Wohl dienen können. Also:
      Libertäre Rechte und ethischer Egoismus
      können einander widerstreiten; man kann
      nicht libertäre Rechte und zugleich die Ethik
      des Egoismus akzeptieren, geschweige denn
      das eine durch das andere begründen.“

      Hey, warum zitieren wir nicht einfach irgendwelche willkürlichen Stellen aus Rands Schriften, um ihre Philosophie auf Konsistenz zu prüfen? Das Ding heißt die „Ethik des rationalen (!) Eigennutzes“ – das ist gerade das Gegenteil einer Ethik, welche die Ausbeutung und Aufopferung anderer für die eigenen Zwecke vorsieht. Wendt scheint das einfach nicht zu verstehen, darum schreibt er auch:

      „Dieser Essentialismus
      ist eine erste Reminiszenz an Aristoteles,
      den die nicht an Selbstunterschätzung
      leidende Ayn Rand neben sich selbst
      für den einzigen ernstzunehmenden Philosophen
      hielt, vielleicht neben Thomas
      von Aquin und Friedrich Nietzsche“

      Tatsächlich war Ayn Rand natürlich ein entschiedener Gegner von Nietzsche, auch wenn einzelne Elemente seiner Philosophie (wie jener von Kant) in ihre eingeflossen sind. Nietzsche trat für einen rücksichtslosen, animalischen, irrationalen „Egoismus“ ein, der die Aufopferung der Schwachen durch eine starke Elite vorsah. Nietzsche hielt den Menschen für ein Tier, das seinen Trieben folgen solle. Rand sagte das glatte Gegenteil.

      Es geht in der Tat nicht um das „Überleben“ als Urschleim oder Affe als Standard der Ethik, es geht um das Leben des Menschen als Mensch hier auf Erden! Dazu gehört natürlich ein bestimmtes, tiefergehendes Verständnis davon, was den Menschen auszeichnet. Man ziehe jegliches tiefergehende Verständnis vom Objektivismus ab und heraus kommt der Libertarianismus als von Sinn und Verstand losgelöste politische Doktrin.

  4. Karl sagt:

    Die Systeme (Nationalsozialismus, Kommunismus) die im 20. Jahrhundert den meisten Schaden angerichtet hat, waren geprägt von der Überzeugung das sie in moralischen Fragen völlig richtig lagen. Dagegen ist mir etwas Pragmatismus oder kritischer Rationalismus lieber, sofern dieser nicht in postmoderner Beliebigkeit ausartet.

    Als alter Anhänger von Karl Popper hänge an der Ansicht das ein komplett moralisches Utopia nicht erreicht werden kann.

    • Andreas D. sagt:

      Soll anstelle falscher Überzeugungen nun das Überzeugtsein generell aufgeweicht werden (Pragmatismus)? Oder ist es nicht besser, falsche Überzeugungen durch richtige Überzeugungen zu ersetzen?

      • Karl sagt:

        Nein. Natürlich sind Überzeugungen richtig und wir können durch Diskussion, wissenschaftlichen Prozess etc. auch versuchen richtige Überzeugungen zu bilden.

        Aber es ist zum Einen wichtig diesen Überzeugungen immer auch kritisch gegenüberzustehen.

        Generell bin ich sogar durchaus der Meinung dass unsere moralischen Überzeugungen im Laufe der Zeit besser geworden sind (Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung der Folter, Gleichberechtigung der Frau).

    • foundnoreligion sagt:

      Meine Ethik orientiert sich eigentlich an Karl Popper, von dem ich die Bücher „Alles Leben ist Problemlösen“ und „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gelesen habe.

      • derautor sagt:

        Ich habe sicher kein Problem mit der offenen Gesellschaft (ganz im Gegenteil, wie meinen Lesern sicher aufgefallen ist), aber das sogenannte „Böckenförde-Diktum“ ist m.E. vollkommen korrekt:

        „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

        – Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.

        Böckenförde ergänzte 2010: „Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art „Gemeinsinn“ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur. Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur? Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus. Aber nicht automatisch bei jeder Religion.“

        …womit er wahrscheinlich den Islam meint.

        Das Ziel der Giordano Bruno Stiftung ist es ja bekanntlich, den evolutionären Humanismus als Leitkultur zu etablieren. Mein eigenes Ziel ist es, den Objektivismus als Leitkultur zu etablieren. Historisch betrachtet verknüpft er Elemente von Antike, Christentum, Humanismus und Aufklärung, aber das ist im Grunde trivial – schließlich sind das einfach die Namen der Epochen, die unserer vorausgingen (oder einige davon). Die Frage ist eher, welche Elemente wie verknüpft werden und warum.

    • derautor sagt:

      Das Problem mit dem Pragmatismus besteht ja gerade darin, dass er inhaltlos ist und Standards ablehnt, dabei notwendig die gerade zufällig vorherrschende Moral aufsaugen muss. Ein Pragmatiker während der Nazi-Herrschaft hätte so getan, als wäre er ein Nazi und er hätte entsprechend gehandelt. Es war eben gerade „praktisch“. Derweil wäre er insgeheim überzeugt gewesen, dass die Nazi-Ideologie Unsinn ist, weil er absolut jede Philosophie für Unsinn hält – nicht aus guten Gründen. Aber Juden hätte er trotzdem in die Gaskammern getrieben.

      Objektivisten akzeptieren bestimmte grundsätzliche Richtlinien, aber die konkrete Beurteilung einer Situation, ob ethisch oder faktisch, kann auch vor diesem Hintergrund eine große Herausforderung sein – ich würde sogar sagen, dass es viel schwieriger ist, Konflikte so objektiv wie ein Richter zu beurteilen (was genau das ist, was der Objektivismus von jedem einfordert), als einfach auf das Bauchgefühl hören oder auf „Instinkte“ oder „Intuition“.

      Natürlich kann ein komplett moralisches Utopia nicht erreicht werden. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, genau darüber nachzudenken, was moralisch ist und was nicht. Bezüglich der „Sicherheit“ im Objektivismus siehe diesen Beitrag:
      http://www.terryrotter.de/feuerbringer/2012/05/ist-skeptizismus-angemessen/

      Die Kriterien für die eigene Sicherheit über unsere Position sind mehr oder weniger Standard unter Akademikern. Objektivisten gebrauchen dieselben Kriterien für Sicherheit wie Wissenschaftler, nur klarer formuliert.

  5. foundnoreligion sagt:

    Meine Ethik hat zwar ein paar Schwächen, aber leider hast du sie anscheinend nicht richtig verstanden. Beim ethischen Pragmatismus geht es nicht um fehlende Prinzipien, denn es gibt ein oberstes Prinzip, nämlich das der Eigenverantwortung. Ideen stehe ich grundsätzlich skeptisch gegenüber, und was Werte angeht, so ist sie nicht unbedingt frei davon. Doch verschiedene Situationen verlangen verschiedene Maßnahmen. Eine reine Willkür gibt es nicht. Ich kann nicht sofort einen Menschen umbringen. Wenn ich es dennoch tue, dann muss ich mich dafür verantworten. Ausserdem heisst es nicht, ich mache, eh was ich will, sondern ich mache das, was ich kann, wenn ich mich in einer bestimmten Situation befinde. Was ich bedauere ist der etwas unglücklich gewählte Name. Bei der vernünftigsten Entscheidung ist gemeint, dass das Individuum seinen Verstand einsetzen muss, um überhaupt zu wissen, was es tut. Unsere Vernunft ist unser wichtigstes Werkzeug zur Moral und unsere Verantwortung ist ihr größter Begleiter. Das einzige Problem ist nur, dass es eben nicht alle Menschen können und viele Menschen Grundregeln brauchen, ohne die man nicht überleben kann. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Die Situationsethik lässt alle moralischen Entscheidungen von der Situation, in der man sich befindet, abhängen. Sie lässt einen eine Entscheidung treffen. Und hat man eben diese Entscheidung getroffen, so muss man dafür gerade stehen. Es gibt nur ein Problem. Man muss schon eine gewisse Intelligenz erfüllen.

  6. Bernd sagt:

    Warum kommt hier Konrad Lorenz „Das sogenannte Böse“ nicht vor? (Oder habe ich etwas überlesen?)

    • derautor sagt:

      Wieso sollte es hier vorkommen? Ich halte nichts von rein biologischen Erklärungen des menschlichen Verhaltens.

      • Bernd sagt:

        „Ich halte nichts von rein biologischen Erklärungen des menschlichen Verhaltens.“
        Leider wieder daneben, Lorenz erklärt menschliches Verhalten nicht rein biologisch, sondern weiß sehrwohl, daß menschliches Verhalten genauso auch kulturell geprägt ist.
        http://de.wikipedia.org/wiki/Das_sogenannte_B%C3%B6se
        Aber es geht nicht darum, die Ansichten von Lorenz zu teilen. Wer sich mit natürlicher Ethik beschäftigt, kann Lorenz nicht einfach ignorieren, denn er hat Bahnbrechendes geleistet.

        • derautor sagt:

          Das Besondere am Menschen ist sein voluntaristisches Bewusstsein und seine Fähigkeit zum konzeptuellen Denken (freier Wille und Vernunft), nicht die „Kultur“ im Sinne der biologischen Definition von „Tradition“ (Weitergabe von Informationen an zukünftige Generationen). Er ist das „rationale Tier“, wie Aristoteles schon sagte. Wenn Lorenz meint, Menschen mit Ratten vergleichen zu müssen, dann kann er das gerne ohne mich tun. Menschen haben keine Instinkte und keinen „Todestrieb“ oder „Aggressionstrieb“, das ist alles Schamanismus, ganz typisch für das nihilistische 20. Jahrhundert. Es gab zwei bedeutende historische Personen, die den Menschen konsequent als Tier betrachteten, seinen Verstand ausschalten und ihn instinktiv leben lassen wollten. Friedrich Nietzsche, dessen Übermensch ein Raubtier ist, das die Schwachen ausmerzt und Adolf Hitler, der dann in der Praxis den Instinkt über den Verstand stellte. Wenn ich irgendetwas über „Instinkte“ und „Triebe“ und Vergleiche mit Ratten und Menschen lese, wird mir nur noch schlecht.

          • Bernd sagt:

            Zitat:
            „Evolutionstheorie. Im Kontrast zum wissenschaftlichen Zugang, so Andreas Müller, der Leitende Redakteur der Website, „wird es auf dem Portal auch erheiternde Einblicke in die diversen Schöpfungsmythen geben, die homo sapiens im Zuge seiner kulturellen Evolution hervorgebracht hat.“

            „Die Website wird in den nächsten Wochen und Monaten kontinuierlich ausgebaut werden“, erklärt Müller. Betrieben wird darwin-jahr.de von ausgewiesenen Experten der Giordano Bruno Stiftung und der AG Evolutionsbiologie, die sich zum „Darwin-Jahr-Komitee“ zusammengeschlossen haben. Mit von der Partie sind u.a. die Professoren Christoph Antweiler, Thomas Junker, Ulrich Kutschera, Axel Meyer, Beda M. Stadler, Eckart Voland, Gerhard Vollmer und Franz M. Wuketits.

            „Die Giordano Bruno Stiftung wird im Darwin-Jahr den Schwerpunkt ihrer Arbeit etwas verlagern. Statt Religionskritik wollen wir die weltanschaulichen Konsequenzen der Evolutionstheorie fokussieren“, sagte Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon in Mastershausen. Allerdings sei das Eine mit dem Anderen durchaus verknüpft: „Wer erst einmal begriffen hat, dass wir bloß eine zufällig entstandene Trockennasenaffenart auf einem Staubkorn im Weltall sind, der wird religiösen Heilserzählungen automatisch mit der nötigen Skepsis gegenübertreten.“

            Link:
            http://www.darwin-jahr.de
            Zitat Müller:
            „Wenn ich irgendetwas über “Instinkte” und “Triebe” und Vergleiche mit Ratten und Menschen lese, wird mir nur noch schlecht.“
            Tja, da ist wohl das „klare Denken“ auf der Strecke geblieben.

          • derautor sagt:

            Natürlich sind wir Produkte der Evolution und stammen von Affen ab. Wir sind aber keine Ratten und wir haben keine Instinkte, wir sind Lebewesen mit einer spezifischen Natur. Ich fand damals schon die Nackte-Affe-Sache daneben. Wer glaubt, das Besondere am Menschen sei die Tatsache, dass er kein Fell hat, der will gar nichts über den Menschen wissen. Das ist aus philosophischer Sicht einfach absurd und ignorant. Zudem hat natürlich MSS diese Presseerklärung geschrieben.

          • derautor sagt:

            Muss jeder, der die Evolution akzeptiert, die Natur des Menschen leugnen? Dabei gehört es zu den interessantesten Fragen der Evolutionsbiologie, wie das konzeptuelle Denken entstand. Ich bereue im Übrigen gar nichts. Es spricht nichts dagegen, über die Evolution zu informieren – das Ayn Rand Institute tut dies ebenfalls und wendet sich gegen Kreationismus an öffentlichen Schulen.

  7. Sophian Philon sagt:

    Vielen Dank für die beiden Artikel zur Ethik! Insbesondere die Systematik und Einordnung der verschiedenen ethischen Schulen ist klasse und verschaft Orientierung im Moraldschungel.

    Folgende Erläuterung des Kenrs des Objektivismus finde ich sehr treffend:

    „Die Tatsache, dass ein Lebewesen ist, legt fest, was es tun soll. Ein Lebewesen ist ein Lebewesen (A=A), also soll es Werte anstreben, die seinem Leben dienlich sind.“

    Ich hatte auch lange gebraucht, um diesen Kern zu verstehen (und auf sicheren Füßen wähne ich mich immer noch nicht!); vielleicht ist es einfach zu einfach!?

    Ich bin gespannt, wie es weiter geht: was die Werte sind, die dem Leben dienlich sind, und wie man sie erkennen kann.

    Schreibst du dazu auch etwas in deinem neuen EBook?

    • derautor sagt:

      Ja, in dem Buch geht es um verschiedene Themen, interpretiert aus objektivischer Sicht. Die Beiträge über Tier- und Menschenrechte beziehen sich insbesondere auf die objektivistischen Ethikgrundlagen. Es ist aber kein Philosophiebuch, sondern eine Streitschrift. Eine dezidierte Einführung in den Objektivismus schreibe ich ein anderes Mal.

  8. Bernd sagt:

    An diesem Punkt wird es mir zu irrational und ich möchte zum Ende kommen. Ich danke für die Antworten.
    Der ganz hervorragende Beitrag „Beschnittene Achse“ hatte mich neugierig gemacht.

    • derautor sagt:

      Warum wird es gerade jetzt zu irrational? Meine letzten Antworten waren doch nüchtern und vernünftig. In der Tat ist das „harte Problem der Bewusstseinsphilosophie“ eines der großen wissenschaftlich-philosophischen Themen (wie entsteht das Bewusstsein?). Das ist keineswegs eine Randposition meinerseits, im Gegenteil ist es eine der Fragen, mit der sich auch die gbs unlängst befasst. Ich habe keine Ahnung, was Ihnen nicht passt oder was Sie von mir erwarten.

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