Die Kunst, kein Precht zu sein

„Deutschlands populärster Philosoph“, Richard David Precht, spricht sich in seinem neuen Buch Die Kunst, kein Egoist zu sein für mehr Altruismus aus, für die Aufopferung des Selbst für andere. In einem Interview mit der Bild offeriert der Autor Beispiele für sein Denken:

Zunächst behauptet er: „Ob der Mensch per se gut oder schlecht ist, lässt sich nicht wirklich sagen.“

Das lässt sich klar sagen. Der Mensch ist per se weder gut noch böse. Ob ein individueller Mensch gut oder böse ist, erkennt man schließlich an seinen individuellen Handlungen. „Böse“ oder „gut“ sein bedeutet, ethisch korrekte oder ethisch falsche Entscheidungen zu treffen. Der Mensch hat per se lediglich das Potenzial, gut oder böse zu handeln. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, „der Mensch“ allgemein sei gut oder böse, da man vom Menschen allgemein, von allen Menschen angesichts ihrer Natur, nicht sagen kann, dass er gut oder böse handelt. „Gut“ oder „böse“ gehören nicht zu den natürlichen Eigenschaften des Menschen, sondern es sind Kriterien, anhand derer wir das Handeln eines individuellen Menschen beurteilen können. Der Mensch wird nicht als Person geboren, die bereits gestohlen oder fair gehandelt hat. Der Mensch tut gar nichts, bis er sich dazu entschließt. Und dazu entschließen kann sich nur ein Individuum.

„Fest steht, dass die meisten sich für die Guten halten und danach streben, von anderen geliebt oder doch wenigstens gemocht oder respektiert zu werden.“

Das mag sein, aber was folgert Precht daraus? Hat jeder auch Liebe und Respekt verdient, nur weil er sie gerne hätte? Verdiente Hitler Liebe und Respekt?

„Menschen sind von Natur aus gesellig und damit Herdentiere“, schreibt Precht. Nun, sprich für dich selbst. Meiner Auffassung nach sind wir gar keine Tiere, nur weil wir uns biologisch aus Tieren entwickelt haben. Wir funktionieren nicht automatisch, wir folgen keinen Instinkten, um möglichst viele fruchtbare Nachkommen in die Welt zu setzen. Der Mensch überlebt, indem er sich dazu entscheidet und erkennt, was das Leben als Mensch erfordert.

Ein Mensch, der auf einer einsamen Insel strandet, wäre laut Prechts Ethik unfähig zu leben. Laut der objektivistischen Ethik hingegen muss er – wie Robinson Crusoe im berühmten Roman – erkennen, was er zum Leben benötigt: Nahrung, Schutz vor Unwetter, etc. – dann muss er rational handeln, er muss jagen, sammeln, soweit möglich Nutzpflanzen anbauen, Landwirtschaft betreiben, eine Hütte errichten. Ein Mensch kann von Natur aus nicht warten, bis ein Sozialdemokrat ankommt und das Ergebnis der produktiven Tätigkeit anderer auf jene umverteilt, die es sich nicht verdient haben. Robinson Crusoe ist entweder produktiv tätig, handelt rational, oder er stirbt. Das gilt auch für Menschen, die zusammenleben: Zwar können sie weiter existieren, wenn sie von der Arbeit anderer leben, aber dann nutzen sie ihr Potenzial als Menschen nicht.

Um nicht zugeben zu müssen, dass wir nicht permanent nur Gutes tun, haben wir viele Tricks entwickelt, mit denen wir uns unser Selbstbild zurechtlügen. Zum Beispiel, indem wir uns mit anderen vergleichen und sagen: Mein Nachbar oder Kollege ist noch viel schlechter als ich. Oder wir verdrängen und vertagen unsere guten Absichten: „Ich würde mich gerne mehr engagieren, aber solange viele andere das nicht auch tun, hat das doch keinen Sinn.“

Mit anderen Worten ist die altruistische Ethik mit den Erfordernissen des menschlichen Lebens unvereinbar. Immer wieder entstehen Widersprüche zwischen der Notwendigkeit, für seine eigenen Interessen zu arbeiten und sich selbst für andere aufzuopfern, für uns selbst oder für andere zu leben. Tatsache ist, dass wir uns überhaupt nicht für andere engagieren müssen – außer für unsere eigenen Kinder, die wir freiwillig in die Welt setzten und für sie verantwortlich sind, bis sie für sich selbst sorgen können, und für jene, denen wir tatsächlich etwas schulden, da wir etwas von ihnen erhalten haben.

Wir gehören uns selbst, wir leben für uns selbst und nicht für andere, noch von anderen. Was wir anderen Menschen schulden, ist klar identifizierbar. Wir schulden unseren Eltern Dankbarkeit und auch eine gewisse Gegenleistung für ihre Arbeit, die sie in uns investierten, bis wir nicht mehr auf sie angewiesen waren. Wir schulden den großen Erfindern und Denkern der Vergangenheit Anerkennung für das, was sie uns hinterlassen haben, von dem wir nun profitieren (z.B. schulden wir Thomas Edison Anerkennung für seine Erfindung der Glühbirne).

Fremden Menschen, die nichts für uns getan haben, oder die uns freiwillig niemals geholfen haben, schulden wir gar nichts. Dass der Staat anderen Menschen Geld abnimmt und es gegebenenfalls auf uns umverteilt, ist ein unethischer Akt und ein Verstoß gegen elementare Menschenrechte. Wir sind nicht verpflichtet, uns für das Böse zu bedanken oder eine Gegenleistung zu erbringen aus Dank dafür, dass der Staat Menschen bestiehlt. Wir sind verpflichtet, keine Kompromisse mit dem Bösen einzugehen. Wenn ein Bankräuber eine Bank ausraubt und uns einen Anteil von der Beute schenkt, ohne uns zu sagen, woher er kommt und uns eine Wahl zu lassen, dann schulden wir dem Bankräuber weder Dank noch eine Gegenleistung dafür.

Wer sich dafür schuldig fühlt, für sich selbst und nicht für andere zu leben, dessen Selbstvertrauen wurde von den Propheten des Altruismus zerrüttet. Ein Mensch ohne Selbstvertrauen steht nicht für seine Werte ein und kann einfacher manipuliert werden.

Engagement des Einzelnen erreicht man über den Mitmach-Effekt. Wenn meine Freunde eine Party machen und alle spenden, tanze ich nicht als Einziger aus der Reihe. Ich lasse mich anstecken und spende auch.

Hier ist unklar, worüber Precht spricht. Im Falle einer Party, an der man selbst teilnimmt und daher auch etwas in sie investiert, handelt man nicht altruistisch, sondern fair und aus rationalen Eigentinteresse. Warum sollten sich andere Menschen aufopfern, damit du an einer Party teilnehmen kannst? Selbstverständlich beteiligt man sich an der Finanzierung eines Projektes, von dem man selbst profitiert.

Falls Precht sich hingegen darauf bezieht, dass auf einer Party für wohltätige Zwecke gespendet wird, sieht die Sache anders aus. Hier nutzen Altruisten den Einfluss ihrer Ideen, um den Menschen Schuldgefühle einzureden, wenn sie nicht spenden. Ebenso würden diese Menschen in der konkreten Situation auf andere unethisch wirken, wenn sie sich nicht an der Spende beteiligten, auch wenn sie sonst in ihrem Leben niemals irgendetwas spenden. Das Prinzip heißt: Nötigung. Man spendet nicht, weil man rational vom Sinn und Zweck der Spende überzeugt ist, sondern um in den Augen anderer Menschen nicht schlecht auszusehen. Neben dem Diebstahl, den das Gewaltmonopol des Staates den Altruisten ermöglicht, kommt hier die Nötigung hinzu, die sie mittels Gruppenzwang durchsetzen können.

Dabei geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf. Es gibt immer mehr Menschen, die durch die Maschen fallen, sich nicht zugehörig fühlen und sich nicht mehr an die Spielregeln halten.

Die „Schere zwischen Arm und Reich“ ist das Resultat der Tatsache, dass manche Menschen produktiver sind als andere, dass mehr Menschen bereit sind, die durch produktive Tätigkeit erzeugten Werte bestimmter Individuen zu entlohnen als die Werte, die andere Individuen anbieten. Die Leute kaufen bereitwilliger ein iPad als ein Tablet von einem chinesischen Raubkopierer.

Die Schere zwischen Arm und Reich ist eine objektive Tatsache der menschlichen Existenz, das logische Resultat unseres Handelns als Menschen, wie es unsere Natur und die Natur der Dinge erfordert. Precht rennt gegen die Realität an. Er könnte ebenso gegen die Erdanziehungskraft argumentieren wie gegen die „Schere zwischen Arm und Reich“. Wenn sich jemand nicht zugehörig fühlt, sollte er sich die Frage stellen, warum das so ist. Falls sich jemand nicht mehr an die Spielregeln hält, insofern es um rationale Spielregeln geht, wird er sich vor Gericht dafür verantworten müssen.

 Übrigens: Besitz macht nicht glücklich!

Die aktive Erstrebung und die Erzielung rational gewählter Werte, ob spirituell (die große Liebe) oder materiell (ein tolles Auto) macht glücklich. Lethargie, Raub, Aufopferung machen unglücklich. Stagnation zerstört eine Gesellschaft, Altruismus zerstört eine Gesellschaft – wie anhand von Nazi-Deutschland („Du bist nichts ohne dein Volk und deine Sippe“) und der Sowjetunion („Du bist ein Funktionär der Arbeiterklasse“) zu erkennen.

Wir können nur als „Herde“ überleben! Anstelle eines materiellen Egoismus muss ein sozialer Patriotismus greifen. Wenn wir als Gesellschaft, als „Herde“, überleben wollen, dann müssen die Starken die vermeintlich Schwächeren fit machen für die Zukunft.

Wenn die Schwachen nur „vermeintlich“ schwach sind, dann erübrigt sich das Problem und wir müssen ohnehin nichts für sie tun, da sie ja tatsächlich nicht schwach sind, sondern stark.

Einzig Raubtiere und Nutznießer können nur als „Herde“ überleben, weil sie von der produktiven Tätigkeit anderer Menschen leben. Ein wahrer Mensch hingegen überlebt durch seine eigene produktive Tätigkeit. Wir schulden den Schwachen dasselbe, was wir allen anderen schulden: Einen fairen, freien, friedlichen Austausch zum gegenseitigen Vorteil.

Sollte jemand aufgrund einer Behinderung nicht produktiv tätig sein können, sind seine Eltern für ihn verantwortlich. Sollten seine Eltern nicht dazu in der Lage sein, etwa, wenn ihnen ein Unfall zustößt, dann sind die Kinder vom freiwilligen Engagement anderer Menschen abhängig – wobei dieses Engagement dann durchaus ethisch positiv bewertet werden kann, denn in diesem Fall verlangt niemand das Unverdiente, sondern jemand ist ohne eigene Schuld in die missliche Lage geraten, nicht für sich selbst sorgen zu können.

Zum Beispiel, indem man sich in Vereinen engagiert. Ich selber tue das bei „Mentor Leselernhelfer“ – eine Initiative von Freiwilligen, die sich der Lese- und Sprachkompetenz bei förderungsbedürftigen Kindern annimmt.

Für Precht dürfte es kein Opfer sein, sich für diesen Verein zu engagieren. Es ist seinen Zwecken dienlich, zugleich die Ethik des Selbstopfers zu progagieren und sich als Vorzeigevertreter dieser Ethik auszugeben. Tatsächlich wird er kaum seinen Wohlstand für diesen oder irgendeinen anderen Verein auf merkliche Weise reduzieren. Vielmehr rückt er sich selbst in ein gutes Licht und das erhöht seine Buchverkäufe.

Bürger müssen wieder stärker rechtlich, politisch und sozial an den Staat gebunden werden.

Ein aufgeklärter Bürger lebt sein eigenes Leben und lässt sich nicht vom Staat bevormunden. Es waren Menschen wie Otto von Bismarck und später Hitler und Stalin, die Menschen „rechtlich, politisch und sozial“ an den Staat binden wollten. Diese Idee steht im groben Gegensatz zur Idee des autonomen, souveränen Bürgers. Und im groben Gegensatz zur freien Gesellschaft.

Philosophen geben die Marschrichtung einer Gesellschaft vor. So verwundert es nicht, dass SPD-Parteivorsitzender Sigmar Gabriel auf seiner Facebook-Website schreibt: „Niemand wird allein reich“ (vgl. Obama: „You didn’t build that“) und mehr „sozialen Patriotismus“ fordert, genau wie Precht in seinem neuen Buch. Wir marschieren geradewegs hinweg von der freiheitlichen Gesellschaft in einen kollektivistischen Staat von Ausbeutern. Philosophen wie Richard David Precht sind ursächlich dafür verantwortlich.

Literatur

Danke an meinen Leser Ken Meisen für die Hinweise und Links!

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13 Kommentare zu “Die Kunst, kein Precht zu sein

  1. Michael sagt:

    Als (skeptischer) Neuling in der objektivistischen Ethik muss ich da mal ganz, ganz, ganz grundsätzlich nachfragen. Der Autor möge entschuldigen, falls er ähnliche Einwände bereits beantwortet hat (und mich eventuell einfach auf die bestehenden Antworten verweisen).

    Ist es nicht so, dass die allerwenigsten Menschen aus reiner Eigenleistung zu Reichtum und Besitz gekommen sind? Dass die meisten Wohlhabenden eben keine Genies vom Schlage eines Thomas Edison oder Steve Jobs sind? Die vielmehr vielleicht in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen sind, eine Firma geerbt haben, eventuell auch geschickte Blender ohne tatsächliche produktive Fähigkeiten sind?

    Andersherum sind meiner Ansicht nach viele der Nicht-Wohlhabenden nicht aus eigenem Verschulden arm. Sei es der schwarze Arbeitslose, der an xenophoben Personalern scheitert, sei es die alleinerziehende Mutter, die schlichtweg keine Zeit für Karriere hat.

    Ich fürchte, es entspricht der Wahrheit, dass nur ein kleiner Teil der Wohlhabenden sich ihr Vermögen gänzlich mit ihrer eigenen Hände Arbeit aufgebaut haben. Und das viele Menschen mit produktivem Potential sich durch äußere Umstände, an denen sie unschuldig sind, nicht entfalten können.

    Und genau da setzt ja die Idee des Staates als Korrektiv dieser ungleichen Voraussetzungen an.

    Jedenfalls kommt mir die Aussage „Die “Schere zwischen Arm und Reich” ist das Resultat der Tatsache, dass manche Menschen produktiver sind als andere“ irgendwie ziemlich undifferenziert und platt vor.

    • Karl sagt:

      Eine alleinerziehende Mutter hat sich, sofern sie nicht Witwe ist, ja bewusst dafür entschieden sowohl ein Kind in die Welt zu setzen als auch einen nicht verantwortungsbewussten Mann auszuwählen. Warum dann der Staat diese Entscheidung korrigieren soll weiß ich beim besten Willen nicht.

    • derautor sagt:

      Der Objektivismus ist nicht „für Reiche“ und geht auch nicht davon aus, dass Wohlhabende alle auf ethisch vertretbare Weise an ihren Wohlstand gekommen sind. Ayn Rand siedelt reiche Playboys in ihrer ethischen Beurteilung noch weit unter Sozialhilfeempfängern an.

      Die meisten Wohlhabenden innerhalb eines kapitalistischen Landes sind durch ihre Eigenleistung an ihren Wohlstand gekommen oder es ist ihnen durch Eigenleistung gelungen, den geerbten Wohlstand aufrecht zu erhalten oder ihn zu mehren. Es gibt optimalerweise (wenn alles so funktioniert, wie es soll, was natürlich nie zu 100% der Fall ist) keine andere Möglichkeit innerhalb der freien Marktwirtschaft mit Minimalstaat und liberalem Rechtsstaat, an Wohlstand zu gelangen.

      Die kapitalistische Wirtschaftsordnung basiert gerade auf der Idee, dass man Wert gegen Wert tauscht, dass man etwas anbietet, was anderen Menschen etwas wert ist, so dass beide Vertragspartner profitieren. Ein erfolgreicher Unternehmer ist Koordinator und Innovator, der die Arbeitsprozesse verschiedener Abteilungen aufeinander abstimmt und der die Richtung des Unternehmens vorgibt, um mehr Geld zu machen. Geld machen bedeutet, Werte zu erzeugen, die Menschen eine Gegenleistung wert sind. Offensichtlich profitieren unzählige Menschen von einem Großunternehmer, der sein Unternehmen so führt, dass es in der Lage ist, qualitativ hochwertige und günstige Brötchen, Autos, Häuser zu produzieren. Die meisten Wohlhabenden sind zwar keine Genies, aber man kann davon ausgehen, dass sie sehr wohl hochintelligent sind. Meiner Erfahrung nach (ich kenne einige reiche Unternehmer) sind sie philosophisch ebenso durcheinander wie alle anderen Menschen in dieser Gesellschaft – aber nicht, wenn es um ihr Unternehmen geht. Dieses führen sie rational – sonst wären sie nicht erfolgreich.

      Angesichts der Tatsache, dass wir in einer wohlhabenden Gesellschaft leben – Deutschland ist sogar ökonomisch führend in Europa – müssen hier notwendigerweise sehr intelligente und produktive Großunternehmer tätig sein, die ihre Unternehmen so führen, dass sie ihren Wohlstand erzeugen. Es gibt zweifellos auch solche Unternehmer, die ihren Wohlstand durch eine starke Verflechtung mit der Politik, also mit individuellen „Standortvorteilen“, Steuerbegünstigungen und so weiter erzielen. Aus objektivistischer Sicht sind jene, die ihren Wohlstand mittels Bevorzugung durch Politiker, die Steuermittel auf sie umleiten und ihr Unternehmen vor dem Bankrott schützen, ethisch höchst verächtlich. Aber die Regel ist das nur in faschistischen Ländern (wo Unternehmen im privaten Besitz sind, aber eng mit dem Staat verflochten).

      „Sei es der schwarze Arbeitslose, der an xenophoben Personalern scheitert, sei es die alleinerziehende Mutter, die schlichtweg keine Zeit für Karriere hat.“

      Darum sage ich ja, dass man die ökonomischen Aspekte des Objektivismus nicht vom Rest abtrennen kann. Eine Bevorzugung eines qualifizierten Mitarbeiters aus rassistischen Gründen ist ökonomisch unsinnvoll, aber man kann sich eine Region vorstellen, wo dies trotzdem an der Tagesordnung ist, wo etwa niemand mehr bei einem Unternehmer einkaufen würde, der kein Rassist ist. Mit der Ethik des rationalen Eigennutzes ist Diskriminierung auf Grundlage der Rasse natürlich unvereinbar.

      Die alleinerziehende Mutter hingegen hat sich möglicherweise selbst in ihre missliche Lage manovriert. Sie hängt so oder so von der freiwilligen Hilfe ihrer Mitmenschen ab. Egal, warum sie sich in dieser Lage befindet – sie ist keine Legitimation für den Staat, produktive Menschen zu bestehlen und ihr Geld gegen ihren Willen auf die alleinerziehende Mutter umzuverteilen.

      „Ich fürchte, es entspricht der Wahrheit, dass nur ein kleiner Teil der Wohlhabenden sich ihr Vermögen gänzlich mit ihrer eigenen Hände Arbeit aufgebaut haben. Und das viele Menschen mit produktivem Potential sich durch äußere Umstände, an denen sie unschuldig sind, nicht entfalten können.“

      Das ist in einer freien Gesellschaft nur in wenigen Einzelfällen so. In einer sozialistischen oder faschistischen Gesellschaft hingegen ist es die Regel.

      „Und genau da setzt ja die Idee des Staates als Korrektiv dieser ungleichen Voraussetzungen an.“

      Die Realität ist so, wie sie ist. Der Staat kann nicht die Realität korrigieren. Es ist auch in jeder Hinsicht kontraproduktiv, wenn er es versucht. Der Staat kann „Unterprivilegierte“, die keine Ahnung haben, wie man ein Unternehmen führt, durchaus mittels seines Gewaltmonpols zu Managern machen. Dann haben wir unqualifizierte Manager, die ihr Unternehmen ruinieren. Der Staat kann Quoten für Frauen und Minderheiten einführen, die dazu führen, dass jene, die aufgrund ihrer Qualifikation ihre Stelle nicht erreicht hätten, auf Positionen manovriert werden, für die sie nicht geeignet sind. Darunter leidet die Produktivität eines Unternehmens.

  2. Andreas D. sagt:

    Siehe auch:

    „Ein Mehr an materiellem Wohlstand muss nicht sein und darf nicht sein.“
    (Richard David Precht, 2010)

    Zitiert in: http://www.maxeiner-miersch.de/die_talkende_klasse.htm

  3. Karl sagt:

    Precht verkauft seine eigenen Wertvorstellungen sei es in Richtung „Wachstumskritik“ oder was er unter Altruismus versteht als philosophische Erkenntnisse. Dafür wird im dann in den Medien viel Raum eingeräumt.

    Ich habe auch Schwierigkeiten mit dieser Unterteilung in Starke und Schwache. Sicher das mag manchmal auf äußere Schicksalschläge zurückzuführen sein. Aber genauso oft hat der Starke in seinem Leben auch nur richtige Entscheidungen getroffen oder einfach mit Einsatz und Leistung gearbeitet.

  4. Sophian Philon sagt:

    “Deutschlands populärster Philosoph” – Jedes Volk bekommt die „Philosophen“, die es verdient!

    Klasse Artikel!

  5. Arthur sagt:

    Ein guter Artikel. In einer Sache bin ich jedoch anderer Meinung: Precht ist kein Philosoph, sondern ein Talkshowblender, der meint, zu allem eine qualifizierten Meinung zu haben. Tut mir leid für diese harte Meinung, aber wer ihn in einer Talkshow erlebt, muss einfach zu dieser Meinung gelangen.

  6. Martin sagt:

    Mal davon abgesehen, das der „schwarze Arbeitslose, der an xenophoben Personalern scheitert,“ weit eher eine beliebte Ausrede, als ein reales Problem sein dürfte.

    Es wirft aber einen interessanten Punkt auf. Tatsächlich denken Menschen ja in Kategorien und Gruppen. D.h. das der Erfolg eines Einzelmenschen auch zu einem (sicher geringeren) Teil durch den Erfolg der Kategorien, die ihm zugewiesen werden, abhängen kann.

  7. arprin sagt:

    „Das sogenannte gemeine Volk, das seiner täglichen Arbeit nachgeht, hat von sich aus noch nie große Kriege angezettelt, noch nie Utopien von Diesseitsparadiesen entworfen, noch nie vom “neuen Menschen” in “erlösten Gesellschaften” geträumt, noch nie spontan Revolutionen organisiert und noch nie Entwürfe für Idealgesellschaften gezeichnet, in deren Namen es galt, Millionen von Menschen zu erschlagen, zu erschießen oder zu vergasen, einzusperren und zu foltern, zu vertreiben oder verhungern zu lassen. Auch hat der gemeine Mann noch nie ökonomische Theorien aufgestellt, bei deren politischer Umsetzung ganze Nationen und Kontinente in Armut versanken – oder in Hunger, Elend oder Knechtschaft verharren mussten. Wo immer solche Drangsal über die Menschheit oder bestimmte Menschengruppen hereinbrach, lassen sich dahinter Ideen, Theorien, Parolen, Glaubenssätze oder Mythen ausmachen, die ihren Anfang und ihre Verstärkung entweder in sogenannten “großen” Köpfen oder in den Hirnen von politischen, militärischen, literarisch-philosophischen, religiösen, wissenschaftlichen oder kulturellen Eliten gefunden haben – also bei Intellektuellen im weitesten Sinn des Wortes. Es sind zwar die Taten, die die Welt bewegen, aber hinter den Taten stehen die Ideen. Der Motor der Tat ist die Idee.“

    Roland Baader in „Totgedacht: Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“

    • derautor sagt:

      Super. Liberale Ideen wurden auch von Philosophen entwickelt. Ohne den gemeinen Mann hätte auch nie eine Diktatur etabliert werden können. Finde ich wenig überzeugend. Der gemeine Mann in der islamischen Welt ist oftmals noch schlimmer als die Diktatoren dort.

      • arprin sagt:

        Baader bezog sich ja auch nicht auf alle Philosophen.

        Die totalitären Ideologien stammen oftmals von den klugen Köpfen einer Gesellschaft, die dann in intellektuellen Kreisen und Universitäten begeistert aufgenommen wurden. Das ist übrigens auch in der islamischen Welt so:
        http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/36345/salafiya-bewegung?p=1
        Hasan Bana, Sayyid Qutb, al-Qaradawi usw.

      • freeman sagt:

        Jede Gesellschaft braucht beides – Leute die den intellektuellen Unterbau liefern, und Leute die auf den Wachtürmen und in den Fabriken stehen.

        Jede Diktatur hat ihre Hausintellektuellen und ihre Mitläufer und auch eine freie Gesellschaft wird nicht ohne eine der beiden Gruppen auskommen können.

        Wenn Intellektuelle Blödsinn produzieren, liegt es daran, daß sie Blödsinn denken, und wenn „einfache Menschen“ Blödsinn tun, liegt es ebenfalls daran.
        In keinem Fall ist es die Folge der Zugehörigkeit zu einer der beiden Gruppen.

  8. foundnoreligion sagt:

    Grundsätzlich geht meine von mir entwickelte Ethik davon aus, dass ein Mensch anderen nur dann helfen sollte, wenn ihn keine inneren oder äußeren Umstände darin hindern oder sein Selbsterhalt nicht gefährdet ist. Das ist nur eines von vielen Beispielen meiner recht komplexen Ethik. Entscheidend sind aber folgende Dinge: 1. Das Individuum kann nur im Rahmen seiner Möglichkeiten handeln und sollte sich für die klügste, also die mit dem geringsten Schaden für sich und andere,entscheiden. Und es ist stets zur Eigenverantwortung verpflichtet. Daraus resultieren auch die Grundprinzipien meiner Ethik: Entscheidungsfähigkeit, Entschlossenheit, Ehrlichkeit und Eigenverantwortung. Deshalb lehne ich sowohl Altruismus, der nur dazu dient sich für andere zu opfern, als auch einen rücksichtslosen Egoismus ab. Ich denke, dass meine Ethik sich wohl nicht so stark von Ayn Rands unterscheidet, jedoch stärker an Tugenden wie Mitgefühl appeliert

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