„Ich habe nichts gegen Altruismus“

Manche behaupten, dass Buch feiere den Egoismus. Er teile, sagt John, nicht alle Überlegungen Rands, „ich habe nichts gegen Altruismus“.

Soweit laut dem Abendblatt die Worte des Unternehmers Kai John, der Ayn Rands Hauptwerk Atlas Shrugged, Der Streik, neu übersetzen ließ und es wieder in deutscher Sprache verfügbar machte. Das ist sicher nicht das Schlechteste, was man tun kann, doch damit keine Missverständnisse entstehen, muss ich darauf hinweisen, dass die Ablehnung des Altruismus das Wichtigste und Revolutionärste an Ayn Rands Ethik ist. Insofern ist es  unverständlich, wie jemand kein Problem mit dem Altruismus haben kann, der für viel Geld ein Buch neu übersetzen lässt und es veröffentlicht, dessen Hauptaussage die Ablehnung des Altruismus ist.

Andererseits sind die Schätzung von Ayn Rands Werken und mangelndes Verständnis ihrer Philosophie keine Phänomene, die selten zusammen auftreten würden.

Viele Libertarians, die zu den größen Fans von Ayn Rand gehören, verstehen Ihre Werke nicht und greifen sich nur die ökonomischen Aspekte ihrer Philosophie heraus, obwohl diese untrennbar zum Rest gehören, wie Ayn Rand selbst sagte. Aus gutem Grund: Eine Gesellschaft kann nicht nur formell frei sein. Man kann nicht einfach die Rechte auf Leben, Freiheit und Privateigentum konsequenter schützen und dann erwarten, dass ein neues Paradies entsteht. Ohne philosophische Orientierung für die Menschen könnte ebenso die Albtraumwelt aus dem Computerspiel Bioshock, das eben diese Idee aufgreift, daraus resultieren.

Ebenso ist mir die häufig geäußerte Auffassung schleierhaft, laut der man Rands Bücher als Jugendlicher lese, der eine weltanschauliche Orientierung sucht, um sie dann später zu vergessen und lieber „pragmatisch“ zu leben. Ich bin über andere Philosophien graduell beim Objektivismus gelandet, den ich für erheblich sinnvoller halte als den Rest. Dass amerikanische Jugendliche häufig Rands Bücher lesen und sie dann wieder vergessen, beweist nur, dass sie keine großen Denker sind.

Ein verwandtes Phänomen ist die Darstellung von Atlas Shrugged als ein B-Movie-artiges, triviales Buch. Zwar hat die Story einige „Suspense“-Elemente, die in diese Richtung gehen (Project X, Atlantis, etc.), aber in erster Linie ist es ein philosophisches und psychologisches Werk mit tiefen Einsichten in menschliches Denken und Verhalten. Es ist auch sehr spannend geschrieben, wobei es sicher nicht die Komplexität und den Anspruch von hoher Literatur aufweist. Aber nur darum zu sagen, es wäre „trivial“, ist bizarr. Nur ein philosophisch desinteressierter Mensch, der das Buch liest, sämtliche psychologische und philosophische Beobachtungen überliest und dabei lediglich der oberflächlichen Story folgt, könnte zu so einer Einschätzung gelangen. Wobei es selbst dann immer noch ein sehr gutes triviales Buch wäre, sicherlich besser als Dan Brown.

Es geht hier nicht um Nebensächliches. Es geht um die Hauptaussage des Hauptwerkes von Ayn Rand und um einem zentralen Bestandteil der objektivistischen Philosophie. Und diese Hauptaussage ist die Ablehnung des Altruismus, gegen den Rands Verleger (insofern er korrekt zitiert wurde) „nichts hat“.

Selbstverständlich feiert das Buch den „Egoismus“ – die Ethik des rationalen Eigeninteresses! Selbstverständlich ist es ein Manifest gegen den Altruismus!

Ayn Rand defininiert „Altruismus“ wie folgt:

„Wie lautet der moralische Code des Altruismus? Das Grundprinzip des Altruismus lautet, dass der Mensch kein Recht habe, für sich selbst zu existieren, dass das Dienen anderer die einzige Legitimation seiner Existenz sei und dass Selbstaufopferung seine höchste moralische Pflicht, sein höchster Wert und seine höchste Tugend sei.

Verwechseln Sie den Altruismus nicht mit Freundlichkeit, gutem Willen und Respekt für andere. Diese sind keine Grundprinzipien („primaries“), sondern Konsequenzen, die der Altruismus tatsächlich unmöglich macht. Das nicht reduzierbare Grundprinzip, das grundlegende Absolutum, ist das Selbstopfer – was bedeutet; Selbstaufopferung, Selbstverneinung, Selbstleugnung, Selbstzerstörung – was heißt: Das Selbst als Standard des Bösen, das Selbstlose als Standard des Guten.

Verstecken Sie sich nicht hinter Oberflächlichkeiten wie der Frage, ob man einem Bettler einen Penny geben sollte oder nicht. Darum geht es nicht. Es geht darum, ob man oder ob man nicht ein Recht zu existieren hat, ohne ihm den Penny zu geben. Es geht darum, ob Sie sich immerzu, Penny um Penny, von jedem Bettler, der Sie darum bittet, Ihr Leben erkaufen müssen. Es geht darum, ob die Bedürfnisse anderer die erste Grundschuld Ihres Lebens sind und der moralische Zweck Ihrer Existenz. Es geht darum, ob der Mensch als Opfertier angesehen werden soll. Jeder Mensch mit Selbstvertrauen wird antworten: „Nein.“ Der Altruismus sagt: „Ja.““

„Was die meisten Moralisten – und wenige ihrer Opfer – verstehen, ist, dass Vernunft und Altruismus unvereinbar sind.“

„Für den Altruismus ist der Tod das ultimative Ziel und der Wertestandard.“

„Es könnte keine bösartigere Doktrin geben.“

„Die Fürsprecher des Mystizismus sind nicht durch die Suche nach der Wahrheit motiviert, sondern durch den Hass auf den menschlichen Geist; … die Fürsprecher des Altruismus sind nicht durch das Mitleid mit den Gequälten motiviert, sondern durch Hass auf das menschliche Leben.“

„Das soziale System, das auf der altruistischen Moral beruht und zu ihr passt – zum Code der Selbstaufopferung – ist der Sozialismus, in allen und jeglichen seiner Variationen: Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus. Alle von ihnen behandeln den Menschen als ein Opfertier, das zum Vorteil der Gruppe, des Stammes, der Gesellschaft, des Staates verbrannt werden soll. Sowjetrussland ist das ultimative Ergebnis, das Endprodukt, die vollständige, konsistente Verkörperung der altruistischen Moral in der Praxis; es repräsentiert den einzigen Weg, wie diese Moral jemals praktiziert werden kann.“

Quelle: Ayn Rand Lexicon

Aber hey, obwohl ich viele Ideen von Ayn Rand teile – „Ich habe nichts gegen Altruismus“.

Das ist so, als würde der Herausgeber des Kommunistischen Manifests sagen, „Ich habe nichts gegen den Kapitalismus“.

Andreas Dietz wies mich auf ein weiteres Beispiel dieser Art hin: Wendt, Fabian (2011): Ayn Rand: Ethischer Egoismus und libertäre Rechte. In: Aufklärung und Kritik 2/2011, S. 114-119. In: http://www.gkpn.de/Wendt_AynRand.pdf

Fabian Wendt fragt, ob der Objektivismus als philosophische Grundlage des Libertarianism funktionieren könne – eine interessante Frage, wenn man bedenkt, dass der Libertarianism als ein Plagiat von Ayn Rands Ideen groß geworden ist! Wendt zitiert mehrere Grundlagentexte des Objektivismus und doch fehlt es ihm an jeglichem tieferen Verständnis, weshalb er Rand vorwirft, sie sei „sektiererisch“, weil sie bestimmte libertäre Forderungen als untrennbaren Bestandteil ihrer Philosophie ansah.

Zugegeben habe ich das objektivistische Denken auch noch nicht vollständig verinnerlicht. Ich lese gerade „Understanding Objektivism“ von Leonard Peikoff, in dem darum geht, wie man diese Philosophie lehren, erlernen und somit natürlich auch im Alltag anwenden kann (darum geht es ja – im Gegensatz zu vielen anderen Philosophien, die in ihrer eigenen Dimension existieren).

Dies allerdings wäre bereits ein Thema für Fortgeschrittene. Die Ablehnung des Altruismus und die Erkenntnis, dass man „Politik“ nicht von den grundlegenderen Bereichen einer systematischen Philosophie getrennt betrachten kann (also Metaphysik, Epistemologie, Ethik), dass man nicht einfach „den Kapitalismus“ einführen kann, ohne zu wissen, weshalb und welche Kultur, welche Philosophie nötig ist, damit die Menschen darin ein glückliches Leben führen können – das gehört zum Grundlagenwissen.

Vielleicht machte Kai John lediglich ein Eingeständnis, um diese Philosophie für ein aufgeschlossenes Publikum attraktiver zu machen, weil die Idee, Altruismus, Selbstlosigkeit, sei gut, schließlich weit verbreitet ist. Dazu sage ich, dass es zur objektivistischen Ethik gehört, die Realität nicht zu verfälschen. Man tut nicht so, als wäre es unwichtig, wie man zur Selbstlosigkeit steht, wenn man den Objektivismus vermitteln möchte. Es ist nicht unwichtig.

Kann natürlich auch sein, dass ich einfach zu viel von den Leuten erwarte. Als Wiedergutmachung empfehle ich ausdrücklich, das Buch zu kaufen:

Literatur

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=feuerbringer-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B007C9R0TQ&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

18 Kommentare zu “„Ich habe nichts gegen Altruismus“

  1. Ken sagt:

    Zweifelsohne stolpert man über das Zitat, wenn man den Artikel liest. Aber hat John das wirklich so gesagt, und wenn ja, in welchem Kontext? Für mich gilt da erstmal „the benefit of the doubt“.

    Das, was er geleistet hat, spricht jedenfalls für sich: Er hat eigens einen Verlag gegründet, um das Buch zu veröffentlichen; er hat nach Jahren das Buch in einer hochwertigen Ausgabe wieder verfügbar gemacht; er hat viel Zeit und einen sechsstelligen Betrag investiert – nicht, um sich zu opfern, sondern weil das Buch einen hohen Wert für ihn darstellt und er mit Sicherheit auch eine Geschäftsgelegenheit
    witterte (was im Artikel untergeht). Er lebt also bestens vor, wofür das Buch steht…

  2. freeman sagt:

    Nicht alles, was nicht nach spätestens 3 Monaten x EURO Gewinn abwirft ist altruistisch im Rand’schen Sinne.

    Die Erfüllung eines eigenen, höchst individuellen Lebenstraums ist nicht altruistisch, selbst wenn sie das eigene Vermögen mindert.

    So wie ich es verstehe ist Altruismus nicht jegliches Handeln ohne die Absicht, kurzfristig finanziellen Gewinn zu erzielen, sondern die Idee, der Mensch schulde Anderen (zB „der Gesellschaft“) etwas von seiner Leistung und seinem Glück. Also eine Art „Erbsünde“ ohne religiösen Hintergrund.

  3. Andreas D. sagt:

    Meiner Einschätzung nach gibt es gar keinen Altruismus. Alle gemeinhin als altruistisch bezeichneten Handlungen, die Individuen begehen, lassen sich in zwei Kategorien einteilen: freiwillige Handlungen und unfreiwillige. Was letztere betrifft, so kann wohl kaum als altruistisch bezeichnet werden, wofür eine Person gezwungen oder genötigt wird.

    Und freiwillige vermeintlich altruistische Handlungen gehen stets auf ein bewusstes oder nicht bewusstes Eigeninteresse zurück: Unterstützung im Rahmen von Kooperation zum beiderseitigen Vorteil, die Erwartung für eine Hilfeleistung bei späterer eigener Betroffenheit von anderen ebenfalls Hilfe zu erhalten oder schlichtweg das Bedürfnis von anderen als besonders guter Mensch (Gutmensch) beurteilt zu werden. Das hebt den sozialen Status und schmeichelt dem Ego.

    Auch christliche Nächstenliebe folgt letztendlich der eigennützigen Motivation, beim Herrn, dem Schöpfer in einem guten Licht zu stehen. Hindus und Buddhisten sammeln durch altruistische Handlungen positives Karma mit dem Ziel, nicht als Petersilie oder Blattlaus wiedergeboren zu werden, sondern zumindest als Mensch.

    Die Prediger der Selbstlosigkeit wussten ihre Philosophie stets durch Anregungen und Sanktionen zu untermauern.

    Gern wird als Beispiel für Altruismus auch die Liebe und Aufopferung der Mutter für ihre Kinder ins Feld geführt. Aber was ist im Leben eigennütziger als die erfolgreiche Weitergabe der eigenen Gene an die nachfolgenden Generationen? Für fremde Kinder nämlich hält sich unsere Aufopferung und Fürsorge in sichtbaren Grenzen.

    Mitunter kann selbstloses Verhalten auch zu einer unreflektierten Gewohnheit werden. Hier ist der Eigennutz nur schwer zu erkennen, der Altruismus aber ebenso wenig.

    Und da es schlussendlich gar keinen Altruismus gibt, erübrigt sich auch alles weitere Philosophieren darüber. Da ist es ehrlicher, eine Philosophie auf dem aufzubauen, was real vorhanden ist: dem Egoismus.

    • Andreas D. sagt:

      „Was letztere betrifft, so kann wohl kaum als altruistisch bezeichnet werden, wofür eine Person gezwungen oder genötigt wird.“

      Ich möchte hierzu noch ergänzen, der Klarheit wegen, dass dem propagierten Altruismus schließlich das Ideal anhaftet, er geschehe aus freien Stücken. So sind erzwungene selbstlose Handlungen also entweder kein Altruismus. Oder sie sind genau das: Selbstlosigkeit kann nur erzwungen werden. Dann müsste es aber treffender Weise „Ausbeutung“ heißen.

    • derautor sagt:

      Na ja, die Bedingungen in Sowjetrussland waren sicher nicht im rationalen Eigeninteresse von irgendwem, der daran beteiligt war. Ich denke, es gibt schon Altruismus. Es gibt Leute, die ihr Leben aus Pflichtbewusstsein für andere oder für ein Ideal aufopfern.

    • sba sagt:

      „Auch christliche Nächstenliebe folgt letztendlich der eigennützigen Motivation, beim Herrn, dem Schöpfer in einem guten Licht zu stehen.“
      nope.
      jedenfalls nicht, wenn man die römische Häresie ihrem wohlverdienten vergessen überlässt.
      da es sich bei der christlichen erlösung um eine angelegenheit der gnade handelt und gnade immer das Element des Unverdienten konstitutionell beinhaltet, gibt es keine Möglichkeit, sich durch irgendeine Tat vor Gott in ein gutes Licht zu rücken. Die Entscheidung ist bereits gefallen, der einzige Grund, anderern unverdient zu nützen, ist der eigene Entschluss, Gnade weiter zu geben.
      Reiner Altruismus, die Möglichkeit, anderen außerhalb des Trader-Prinzips (das Trader-Prinzip selbst ist dadurch einfach-altruistisch, dass ein guter Handel stets zum Nutzen aller Beteiligten, also auch des jeweils anderen statt findet) zu nützen, kann widerspruchsfrei nur als Akt der Gnade passieren, und Menschen können dies nur, wenn sie es sich leisten können.

  4. Andreas D. sagt:

    Das Pflichtbewusstsein und die Ideale wurden doch indoktriniert und damit erzwungen. Einem erwachsenen Menschen, der als Kind zur „sozialistischen Persönlichkeit“ geformt wurde, fällt es unter Umständen schwer, sich später davon zu lösen. So kann es durchaus im Eigeninteresse sein (Aufrechterhaltung der Psychohygiene, Vermeidung kognitiver Dissonanzen), sich entsprechend der geltenden Dogmen altruistisch zu verhalten und dem Kollektiv aufzuopfern. Aber letztlich wurde dieses Verhalten nachhaltig erzwungen.

    • derautor sagt:

      Der Sozialismus ist eine attraktive Ideologie mit allerlei utopischen Verlockungen (freie Liebe, Gleichheit, Gerechtigkeit, Reichtum für alle, etc.). Durch bloße Gewalt hätte er sich niemals auf dem halben Erdball verbreitet. Zudem muss es ja Menschen geben, die damit anfangen, andere zum Sozialismus zu zwingen – und wer hat die dazu gezwungen? Passt nicht so recht.

      • Andreas D. sagt:

        Sind es dann nicht die Verlockungen, die die Teilnehmer des Sozialismus quasi eigennützig anstreben? Es ist doch für den Einzelnen vorteilhaft sich uneigennützig zu geben, wenn er dadurch von anderen Übeln befreit wird, z.B. von der Notwendigkeit sich durch effektive Arbeit seinen Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. In der Sowjetunion, in der DDR und auch heute. Anhänger sozialistischer Ideen predigen Solidarität (mit wahllos allem und jedem) und fordern gleichzeitig im Namen der selben Ideologie die Erhöhung der ALG-II-Regelsätze, von denen viele von ihnen selber leben.

        Und was die Vordenker angeht: Verhalten diese sich nicht unglaublich egoistisch, wenn sie ihre utopischen Hirngespinste gegen die legitimen Interessen ihrer Mitbürger durchsetzen? Verfallen einige von ihnen nicht einem Wahn, den auszuleben sie persönlich als befriedigend empfinden? Verspricht nicht der politische Erfolg ein Mehr an Prestige?

        • derautor sagt:

          Es ist sicher nicht in ihrem rationalen (!) Eigeninteresse. Sie werden sich einbilden, es wäre in ihrem Eigeninteresse, ist es aber nicht. Kollektivisten wollen Macht über andere Menschen und ihre unbewusste, manchmal bewusste Ideologie ist der Nihilismus. Sie genießen es, wenn andere Menschen von ihnen abhängig sind. Man versteht das erst so richtig, wenn man einmal den Gesichtsausdruck von einem Kollektivisten gesehen hat, wenn man ihn um etwas bittet, von dem er weiß, dass er es willkürlich entscheiden kann. Darum geht es diesen Leuten, das hatte George Orwell bereits ganz richtig erfasst. Macht um der Macht willen, Zerstörung der Zerstörung willen, Hass auf das Gute, weil es das Gute ist. Ein Kult des Todes.

          • Andreas D. sagt:

            Das Problem ist doch nicht die Unterscheidung zwischen egoistischem und altruistischem Verhalten, sondern die Frage, ob das egoistische Verhalten rational ist oder irrational, ob es anderen Menschen schadet oder nicht. Sozialisten, Kollektivisten und Ideologen der Selbstlosigkeit sind meines Erachtens auch Egoisten (vermutlich die schlimmeren, weil sie beträchtlichen Schaden anrichten), nur wissen sie es nicht oder sie können es nicht zugeben. Denn bei näherer Betrachtung lässt sich noch jedem Verhalten ein eigennütziges Motiv nachweisen.

  5. Sophian Philon sagt:

    Hm, interessant.

    „Das Problem ist doch nicht die Unterscheidung zwischen egoistischem und altruistischem Verhalten, sondern die Frage, ob das egoistische Verhalten rational ist oder irrational, ob es anderen Menschen schadet oder nicht.“

    Da scheint mir etwas Wahres dran zu sein. „Altruisten“ mögen sich zwar so nennen, aber was sie tun, verfolgen sie doch meistens aus Eigeninteresse. Kann man überhaupt handeln ohne das eigene Interesse als Antrieb?

    Ich finde aber, dass die Frage, ob Verhalten rational oder irrational ist, nicht (nur) davon abhängt, ob es anderen Menschen schadet oder nicht. Der Altruist handelt ja sich gegenüber irrational, weil er sein Interesse nicht erkennt.

    • Andreas D. sagt:

      Die beiden hier ausgetauschten Sichtweisen auf den Altruisten passen noch nicht zusammen:

      (1) Altruisten mögen sich zwar so nennen, aber was sie tun, verfolgen sie bei genauerer Betrachtung aus Eigeninteresse. (Altruismus existiert nicht.)

      (2) Altruisten handeln sich selbst gegenüber irrational, weil sie ihr Eigeninteresse nicht erkennen und sich aufopfern. (Altruismus existiert als irrationales Verhalten.)

      Ich bin mit dem Zwischenstand nicht ganz zufrieden. Beide Sichtweisen sind plausibel, widersprechen sich aber…

  6. arprin sagt:

    @Andreas D.:

    Dass es gar keinen Altruismus gibt, würde ich nicht sagen. Aber es ist oft so, dass sich unter Altruismus in Wirklichkeit extrem egoistisches Verhalten versteckt.

    Ayn Rand hat es in Atlas Shrugged ähnlich formuliert. Die Befürworter von Altruismus glauben zwar auch den Quatsch, den sie von sich geben, aber vor allem sind sie darauf aus, an das Eigentum anderer zu gelangen (was ja eigentlich selbstsüchtig ist).

    So zumindest meine Interpretation:

    „Von jedem nach seinen Fähigkeiten, an jeden nach seinen Bedürfnissen: Anfänglich wunderte ich mich immer, wie es möglich sein konnte, dass die gebildeten, die zivilisierten, die berühmten Menschen dieser Welt einen Fehler dieser Größe begehen und diese Art von Abscheulichkeit auch noch als rechtschaffenes Verhalten propagieren konnten. Heute weiß ich, dass das kein Versehen war. Fehler solchen Ausmaßes werden niemals aus Unschuld begangen.

    Und wir selbst waren auch nicht unschuldig, als wir dem Plan zustimmten auf jener ersten Versammlung. Wir taten es nicht nur, weil wir glaubten, dass der Quatsch, den sie erzählten, richtig sei. Wir hatten andere Gründe, aber der Quatsch half uns, die wahren Gründe von unseren Nachbarn und uns selbst zu verbergen. Der Quatsch gab uns die Möglichkeit, das als Tugend zu verkaufen, was wir sonst vor Scham kaum zugegeben hätten. Es gab niemanden, der dem Plan zustimmte und dabei nicht dachte, dass er unter solchen Bedingungen etwas von den Früchten der Arbeit jener Männer abbekommen würde, die talentierter waren als er selbst. Es gab niemanden, der reich und klug genug war, um nicht zu glauben, dass ein anderer reicher und klüger sein würde und dass der Plan ihm einen Anteil an dessen Reichtum und dessen Verstand sichern würde. Aber der Arbeiter, der die Idee mochte, dass seine Bedürftigkeit ihn zu einer Limousine wie der seines Chefs berechtigen würde, übersah, dass jeder Faulenzer und Bettler aufheulend Anspruch anmelden würde auf einen Eisschrank, wie er ihn selbst besaß.“

    • Andreas D. sagt:

      @ arprin: Danke für den Auszug.

      „Aber der Arbeiter, der die Idee mochte, dass seine Bedürftigkeit ihn zu einer Limousine wie der seines Chefs berechtigen würde, übersah, dass jeder Faulenzer und Bettler aufheulend Anspruch anmelden würde auf einen Eisschrank, wie er ihn selbst besaß.“

      Demzufolge wäre Altruismus sowohl eigennützig (also streng genommen nicht existent) als auch irrational.

      Altruismus ist irrationaler Egoismus.

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