Wie werde ich ein Pseudointellektueller?

Sie möchten auf andere herabblicken, ohne allzu viel dafür tun zu müssen? Sie möchten andere glauben machen, dass Sie die Welt verstehen, weil Sie mal eine Interpretation von der Brechtrommel gelesen haben? Super! Pseudointellektueller Dummschwätzer könnte ihr Traumjob sein!

Obwohl Pseudointellektuelle es recht einfach haben, da sie nicht wissen müssen, wovon genau sie da reden, so müssen sie geschickt darin sein, von ihrer eigenen Dummheit abzulenken. Dafür gibt es eine Reihe großartiger Tipps:

1. Werfen Sie viele große Namen in ihren Text hinein. Kant ist immer super. Der hatte eine Meinung zu allem, manchmal sogar zwei sich widersprechende Meinungen zur selben Sache (Gedankenfreiheit, autonomes Individuum, aber der Monarch ist zu loben und Homosexualität als Verbrechen zu bestrafen, etc.). Nietzsche ist toll, bombastische Sprache, grausame Philosophie (eine Elite von Supermenschen soll die Schwachen ausbeuten), aber das interessiert ja keinen. Und Hegel – ganz, ganz viel Hegel! Und Freud. Am besten ein Zitatebuch kaufen, aus dem Sie zu jedem Anlass ein Zitat von einem großen Denker offerieren können. Da klingen Sie sogleich superschlau.

2. Sie sind religiös? Gewöhnen Sie sich das mal ab. Als gläubiger Mensch gelten Sie in intellektuellen Kreisen als Idiot, auch wenn Ihre Überlegungen zu fast allen Themen viel mehr Sinn ergeben als alles, was Ihre atheistischen Kollegen sagen. Ein gläubiger Mensch weiß laut Definition gar nichts. Er ist ein blinder, dogmatischer Moralist. Man erkennt es bereits daran, dass er sein Leben an Prinzipien ausrichtet, statt an gar nichts, so wie Sie.

3. Ein Philosoph hat immer auch eine Meinung zu grundsätzlichen politischen Fragen, aber ein Pseudointellektueller hat oftmals nur eine Meinung zur Politik, genauer zum politischen Tagesgeschehen. Vermeiden Sie es, liberal zu sein. Das ist vulgär. Sie müssen eine komplexe, kaum verständliche Meinung haben, warum der Staat die Steuergelder auf eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe umverteilen soll, nicht aber auf eine andere. Am besten Sie fordern die 30-Stunden-Woche für Postboten bei vollem Lohnausgleich oder die staatliche Finanzierung von Baumhausclubs etwas in dieser Richtung. Werfen Sie mit emotionalen, bedeutungslosen Begriffen um sich wie „soziale Verantwortung“, „vulgärer Materialismus“, „soziale Gerechtigkeit“, etc. Je bedeutungsloser Sie sich ausdrücken, desto schwerer fällt es Ihren Gegnern, Sie zu kritisieren. Tun Sie außerdem so, als hätten Sie einen ungemein guten, sehr anspruchsvollen, sehr mysteriösen Grund für Ihren Unsinn, den Sie aber nie klar formulieren.

Und bei Gott: Stellen Sie sich im Aldi vor ein Suppenregal und fragen Sie: „Brauchen wir das alles wirklich?“

4. Sagen Sie irgendetwas über höhere Mysterien, den Sinn des Lebens, das Ding an sich. Die Menschen müssen glauben, dass Philosophie rein gar nichts mit Ihrem eigenen Leben und mit Ihren eigenen Erfahrungen zu tun hat, denn nur dann können Sie sie beliebig manipulieren. Am besten, Sie verfassen zwanzig Bücher über die philosophischen Implikationen der Quantenphysik und zehn Essays über die Bewusstseinsphilosophie. Es muss keiner lesen, die Leute müssen nur wissen, dass Sie das Zeug geschrieben haben. In der Tat sollten Sie es möglichst vermeiden, dass es jemand lesen möchte. Drücken Sie sich daher stets möglichst unklar aus und achten Sie auf eine hohe Dichte an Fachbegriffen. Manche davon können Sie gerne erfinden, wenn Sie nicht genügend kennen.

 5. Nehmen Sie, um Gottes willen, an Talkshows teil! Man muss Sie immerzu im Fernsehen sehen, bis die Leute glauben, Ihre mediale Präsenz und intellektuelle Errungenschaften wären dasselbe. Wenn Sie möglichst viel anspruchsvoll und moralisch klingenden Totalunsinn daherfaseln, gelten Sie in kürzester Zeit als wichtigster Philosoph des Landes.

6. Sie brauchen berühmte „Freunde“. Sie sollten von Prominenten zitiert werden. Lassen Sie Prominente die Vorworte Ihrer Bücher verfassen. Was nach dem Vorwort kommt, ist ziemlich egal. Wenn ein Prominenter das Vorwort schreibt, ist Ihr Buch schon einmal im Gespräch. Sie können die Seiten auch frei lassen oder Kreuze reinmachen, dann gelten Sie als avangardistisch.

7. Vermeiden Sie den Kontakt mit echten Philosophen. Das sollte kein Problem sein, denn davon gibt es nicht viele. Echte Philosophen sind an der Wahrheit interessiert. Sie sind hellwach, stellen immerzu Fragen. Sie drücken sich klar aus und sie ordnen ihre Gedanken. Sie erkennen Denkfehler und weisen Sie darauf hin. Und am schlimmsten: Sie verurteilen Ihre ganze Scharade moralisch. Echte Philosophen sind Ihr größter Feind. Niemand sonst kann Ihnen schaden.

8. Bieten Sie nie ein echtes Argument an, denn Argumente können angegriffen werden. Reden Sie viel, aber achten Sie darauf, nichts zu sagen.

5 Kommentare zu “Wie werde ich ein Pseudointellektueller?

  1. Andreas D. sagt:

    Jemanden spezielles dabei im Sinn gehabt? 🙂

  2. Alexander Eberharter sagt:

    Prechtiger Artikel

  3. Martin sagt:

    Hätte den Artikel fast ganz durchgelesen, aber dann übermannte mich doch vor dem Ende der Prechtreiz und ich musste erstmal flitzen.

  4. sba sagt:

    Tucholsky gratuliert ^v^

  5. omnibus56 sagt:

    Klasse Artikel – bis auf die Tatsache, dass es die Religioten sind, die immer behaupten, die Weisheit mit dem Schaumlöffel gefressen zu haben, weil sie in ihren höchst widersprüchlichen Sprüche-Sammlungen immer ein Zitat zur Untermauerung jeder beliebigen Behauptung finden. Ach ja, und dass die Atheisten, die ich kenne, ihr Leben durchaus an Prinzipien ausrichten, solchen jedenfalls, die von den Kirchen mit aller Macht bekämpft wurden und ohne die unser Grundgesetz wahrscheinlich dem Hexenhammer ähneln würde…

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