Eine aufopferungsvolle Beziehung

…ist keine Beziehung. Natürlich muss man manchmal Zugeständnisse machen, mal nicht zum Golfen gehen, wenn man einen Termin mit dem Schuldirektor der gemeinsamen Tochter hat, und so weiter. Aber das ist keine Aufopferung eines höheren Wertes (funktionierende Beziehung zu Frau und Tochter) für einen geringeren Wert (Golfen), sondern, im Gegenteil, eine rationale, eigennützige Investition.

Über eine aufopferungsvolle Beziehung hingegen erfährt man etwas im ZEIT Dossier der Ausgabe vom 19. Juli 2012. „Eine Frau demütigt sich aus Liebe“ heißt der Artikel im Inhaltsverzeichnis und mit „Hoffen, warten, runterschlucken“ von Kathrin Klette ist er übertitelt. Den möchte ich schon kommentieren, seit ich ihn letzten Monat gelesen habe.

Es geht um eine moderne, intelligente Frau namens Silke, die jahrelang in einen verheirateten Mann namens Christoph verliebt ist. Für sieben Jahre ist sie seine heimliche Geliebte, drei Jahre lang lebt sie daraufhin mit ihm zusammen. Sie wartet also zehn Jahre lang darauf, dass Christoph sich scheiden lassen würde und träumt derweil von gemeinsamen Kindern. Dann wollte er nichts mehr von ihr wissen, weil sie langweilig geworden war.

Was Silke modern macht, ist sicher nicht ihre unterwürfige und aufopferungsvolle Haltung zu ihrem rücksichtslosen Liebhaber. Es ist eher die Tatsache, dass sie im Beruf erfolgreich ist und ein selbstständiges Leben führt, sie sich also theoretisch niemandem unterwerfen müsste.

Angesichts der enormen Selbstverleugnung seitens Silke würde man annehmen, dass Christoph der großartigste Mann der Welt sein müsste. Bereits jetzt sollte klar geworden sein, dass dem nicht so ist. Er nutzte Silke nach Strich und Faden aus und machte ihr immer wieder leere Versprechungen, damit er sich eine Zweitfrau halten konnte. Aber das ist noch nicht alles, so ist es mir von Anfang an schleierhaft, wie sich Silke jemals zu Christoph hingezogen fühlen konnte. Seine Vorzüge werden wie folgt beschrieben:

„Im September 1997 war er in ihren Tischtennisverein gekommen. Da war sie 19 Jahre alt. Damals verkörperte Christoph mit seinen 33 Jahren für sie Lebenserfahrung und Weltgewandtheit. Silkes Fotos zeigen ihn in Skischuhen und im Fleecepulli, Christoph mit Bierflasche vor sich auf dem Tisch und Kumpel im Arm. Er ist ein Macher, ein Kerl. Kann Rasenmäher reparieren, Laminat verlegen, schmeißt die Stimmung auf jeder Party.“ Bald darauf erfuhr sie, dass er bereits eine Frau und einen Sohn im Teenageralter hatte. Was sie aber keineswegs dazu bewegte, ihn sofort zu verlassen.

Vielmehr verbrachten Silke und Christoph die erste Nacht zusammen im Januar 1998, nachdem sie sich Titanic im Kino angesehen hatten. Da kann ich mir ein kleines Off-Topic nicht verkneifen: Wenigstens war es nicht James Camerons Steigerung des Schreckens, Avatar, sonst hätte ich die Zeitung gleich dem Gott Baal geopfert und den Rest meines Lebens auf einer einsamen Südseeinsel verbracht, weit entfernt von Menschen, die einen solchen Film romantisch finden können. Natürlich ist Titanic schon schlimm genug: Fortschrittliches, emanzipiertes Mädchen aus der Oberschicht verliebt sich in netten Jungen aus der dritten Klasse. Ihr böser, reicher Verlobter will den heldenhaften Proletarier zur Strecke bringen. Dann lieber gleich Twilight, das ist wenigstens ehrlich.

Die ganze Beziehungsgeschichte von Silke und Christoph ist eine einzige Aneinanderreihung von: „Ich weiß, was als nächstes passiert.“ 19-jähriges Mädchen verliebt sich in 33-jährigen Macker mit Bierflasche im Tischtennisverein? – die nächsten zehn Jahre stehen bereits im Drehbuch. Am abstoßensten ist die ganze „Macher“-Angelegenheit. Der Mann trinkt Bier und repariert Rasenmäher. Damit wäre er schon einmal gegen Millionen andere Männer austauschbar. Es erschließt sich mir einfach nicht, warum man für den Rasenmäher zehn Jahre seines Lebens aufopfern sollte. Wäre er zumindest ein großer Popstar oder Unternehmer oder Intellektueller oder Sportler gewesen und nicht einfach irgendein Idiot, der die Stimmung auf jeder Party schmeißt (die größten Fußballproleten können das auch).

Frauen tun sich keinen Gefallen mit diesem ganzen Aufopferungs-Quatsch. Beziehungen dienen dem gegenseitigen, egoistischen Vorteil der Partner. Ein Partner ist jemand, den man höher wertet, als irgendwen sonst im eigenen Leben. Ein moralischer Mensch hat keine zwei oder mehr Partner. Damit zeigt er nur, dass er nichts von sich selbst hält (aus gutem Grund) und dass er bereitwillig die Gefühle anderer Menschen zu seinem eigenen, spontanen, launenhaften Vorteil manipuliert und andere Menschen ausbeutet, wenn er gerade möchte. Dieser Rasenmäher-bauende Prolet Christoph ist offensichtlich eine Fehlinvestition, eine Art mittelalterlicher König wie Heinrich VIII., nur ohne Ländereien, der rücksichtslos Frauen unterwirft und sie köpfen lässt, wann immer sie ihn schief anschauen.

„Warum hat er es getan?“, wurde KZ-Arzt Josef Mengele, der Experimente mit Menschen machte und zum Beispiel Kinder in Säure auflöste, einmal gefragt. „Weil ich es konnte“, antwortete er. Und es gibt einen Grund, warum er es tun konnte: Man hat ihn gewähren lassen.

Eine Bekannte fragte mich vor ein paar Jahren, warum ihr Freund immer von ihr verlangte, zu wissen, was er gerne an einem bestimmten Tag essen würde und warum er sie anschrie, wenn sie es nicht zubereitet hatte (seltsamerweise finde ich mich immer wieder in der Rolle des Paartherapeuten – wenigstens sind Philosophen dafür noch zu gebrauchen und praktischerweise haben Denker keine eigenen romantischen Aspirationen, da sie seelenrose Vernunftroboter sind). Selbe Antwort: Sie ließ ihn gewähren, es gab für ihn keine negativen Konsequenzen zu spüren und außerdem war er zu doof, um den Vorteil einer gerechten Beziehung ohne Ausbeutung zu erkennen. Sie hätte ihm klar machen müssen, dass ein solches Verhalten beiden Partnern schadet und sie es nicht toleriert.

In jedem Kompromiss zwischen Gut und Böse kann nur das Böse profitieren. Wirklich absichtlich und bewusst bösartige Menschen wie Josef Mengele oder diesen Bierglas-haltenden Abschaum Christoph gibt es nur sehr selten. Es sind die Appeaser, die sie auf die Menschheit loslassen und die ihren Erfolg ermöglichen.

„Wenn Menschen ihre Werte auf das Ungefähre reduzieren, so erringt das Böse die Macht des Absoluten. Wenn die Loyalität zu einem unbeirrbaren Ziel von den Tugendhaften fallen gelassen wird, so wird sie von den Schurken aufgehoben – und man bekommt das schamlose Spektakel eines unterwürfigen, feilschenden, verräterischen Guten und eines selbstbewusst kompromisslosen Bösen.“ (Ayn Rand).

Amen.

9 Kommentare zu “Eine aufopferungsvolle Beziehung

  1. Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker: keine größere Macht fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: „gut“ und „böse“ ist ihr Name.
    Wahrlich, ein Ungetüm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer bezwingt es mir, ihr Brüder? Sagt, wer wirft diesem Tier die Fessel über die tausend Nacken?
    Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Völker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.
    Aber sagt mir doch, meine Brüder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? –

    Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra / Von tausend und einem Ziele.

    http://www.deweles.de/globalisierung/die-3-gebote.html

    • derautor sagt:

      Nietzsche profitierte dann auch von der Leugnung von Gut und Böse, schließlich sprach er sich mehrmals für die Vernichtung der Schwachen durch eine elitäre Oberschicht aus instinktgesteuerten Herrschern aus und wurde konsequenterweise gerne von den Nazis zitiert (auch wenn andere Elemente seines Denkens deren Philosophie widersprachen).

      Differenzierte Sicht auf Nietzsche als Wegbereiter der Nazis:
      http://www.f-nietzsche.de/pfahl_holocaust.htm

      Daraus:
      Die künftige Elite würde aus seiner Sicht eine hierarchische Ordnung begründen und die Massen ihrer Herrschaft unterwerfen. Ein solches Vorgehen sah der Philosoph als Gebot des Lebens und der Natur an, ergebe sich doch aus beidem der „Wille zur Macht“ und damit die Herrschaft der Starken gegen die Schwachen. Damit rechtfertigte er auch die Ausbeutung und Unterdrückung, heißt es doch in „Jenseits von Gut und Böse“: „Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung …“ Und weiter: „Die ‘Ausbeutung’ gehört nicht einer verderbten oder unvollkommnen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist.“

      In „Der Antichrist“ heißt es: „Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“(48) Auch die willkürliche Opferung der Masse im Dienste der Elite hielt Nietzsche für legitim. In „Jenseits von Gut und Böse“ schrieb er: „Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, daß sie sich nicht als Funktion (sei es des Königstums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt – daß sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grundgedanke muß eben sein, daß die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen da sein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben vermag …“


      Dass dieses bösartige Monster mit seiner Tierphilosophie namens Nietzsche gegen eine Differenzierung zwischen Gut und Böse anschreiben sollte, ist naheliegend. Doch welche Motive könnte jemand haben, es ihm gleichzutun?

  2. somberlain sagt:

    Wenn sie es mit sich machen lässt, ist sie aber selbst schuld. Schließlich war sie bereits mit 19 erwachsen und konnte sich frei entscheiden. Warum ist es unmoralisch, mehrere Partner zu haben? Ich setze jetzt voraus, dass es offen und ohne den anderen etwas vorzumachen geschieht. Freunde habe ich auch mehrere.

    • derautor sagt:

      Ich werde dann mal zu meiner Geliebten gehen, Schatz – aber ohne dir etwas vorzumachen. Träum weiter. Gewiss gibt es Frauen, die sich das gefallen lassen und ich hoffe, dass ich ihnen niemals begegnen werde.

      Nun, wenn sie selbst schuld war, ist der Fall ja geregelt. Sie hatte die Volljährigkeit erreicht und mehr gibt es über den Fall nicht zu sagen. Da wir allesamt Rechtsgelehrte sind und lediglich Gesetze auslegen, jenseits jeglicher ethischer Evaluationen, braucht uns das Leben jenseits von Gesetzen auch nicht zu interessieren.

      • Milfweed sagt:

        „Da wir allesamt Rechtsgelehrte sind und lediglich Gesetze auslegen, jenseits jeglicher ethischer Evaluationen, braucht uns das Leben jenseits von Gesetzen auch nicht zu interessieren.“

        LIKE 😀

  3. Karl sagt:

    Das beschriebene handeln kann auch durchaus egoistisch sein kann. Nämlich dann wenn man befürchtet keinen anderen Partner mehr zu bekommen.

    • sba sagt:

      1. Wie sollte man mit 19 auf die Idee kommen „niemanden mehr abzubekommen“?
      2. Bevor man sich auf eine romantische Zweierbeziehung (RZB) einlässt, sollte man sich schon im klaren darüber sein, warum man dies tut. Ich empfehle, Paare und Partnersuchende zu befragen, was sie in der RZB wollen und sich dann zu überlegen, ob man die Antworten für gute Gründe hält.
      Ansonsten könnte man noch „The Selfish Path to Romance. How to Love with Passion and Reason“ lesen.

  4. somberlain sagt:

    Hmmm, wo ist denn nun aber die ethische Begründung? Ich lese aus deiner Antwort heraus, dass es für Dich nicht in Ordnung wäre, mehrere Partnerinnen zu haben. Gut.
    Aber warum handle ich unmoralisch, wenn ich es anders handhabe?
    Und das Leben jenseits von Gesetzen interessiert mich, deswegen lese ich ja sehr gern hier – aber auch da: Sie und niemand sonst trägt die Verantwortung für ihr eigenes Tun. Wenn sie sich wider besseren Wissens ausnutzen lässt, ist es eben ihr Problem. Wer trotz aller Möglichkeiten, sich zu belesen massig Geld für informiertes Wasser und Zuckerkugeln rauswirft, hat eben Pech gehabt.

    • sba sagt:

      „Sie und niemand sonst trägt die Verantwortung für ihr eigenes Tun. Wenn sie sich wider besseren Wissens ausnutzen lässt, ist es eben ihr Problem.“
      Ich finde die Vermutung nahe liegend, dass es gar kein besseres Wissen gab. 19 und verliebt — nicht gerade die bsten Vorraussetzungen dafür, gründlich über alles nachzudenken.
      Außerdem war es nicht nur ihre Verantwortung. Klar, sie hätte sich anders verhalten sollen, er aber eindeutig auch. Der auslösende Fehler für das Debakel liegt bei beiden, wobei ich ihm, da er gleich zwei Leute für sich aufopferte und theoretisch in der besseren Lage war, was die Einschätzung der Situation anging, den größeren Teil des Schuldkuchens geben würde.

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