Bloß nicht Ayn Rand lesen!

Zur Abwechslung wird Ayn Rands Philosophie mal wieder von einem elitären Auserwählten als „vulgär“ bezeichnet und diesmal sogar als „Afterphilosophie“. Siehe Deutschlandradio: Ringen um den rechten Weg (danke an Rolf Degen für den Link).

Immerhin ein weiterer Beleg für die große Furcht, die linke Intellektuelle noch immer vor Ayn Rand verspüren; ähnlich wie christliche Fundamentalisten niemals den Gotteswahn von Dawkins in die Hände nehmen würden. Bloß nicht lesen! Ayn Rand war vulgär, das ist ganz niedrig, das ist „Harry Potter“  – übrigens auch so ein Phänomen, bei denen unsere geistigen Führer ihre ahnungslose Abscheu gegenüber einem Massenphänomen ausdrücken.

Denn sie wissen genau, was passieren könnte, wenn die Leute Rands Bücher lesen würden:

Die staatlich finanzierten „Kulturwissenschaftler“ wie Claus Leggewie, „Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Korektor des Kollegs Politische Kultur in der Weltgesellschaft an der Universität Duisburg/Essen“ (und im „wissenschaftlichen“ Beirat von Attac), würden ihre schönen Pöstchen verlieren, da niemand bereit ist, sie freiwillig zu finanzieren. Da müssen schon Steuermittel ran, die der Staat mit Hilfe seines Gewaltmonopols den Menschen aus der Tasche zieht.

Aus dem Deutschlandradio-Interview, das Dieter Kassel mit Claus Leggewie führte, geht jedenfalls eines deutlich hervor: Es ist für den Kulturwissenschaftler absolut selbstverständlich, dass „die Republikaner“ keine objektive, wissenschaftliche Beurteilung verdienen. Es sei denn, „Afterphilosophie“ ist eine Beurteilung, wie man sie von einem Kulturwissenschaftler erwarten darf.

Der Grund für Rands Erfolg ist für Leggewie vornehmlich ihr „Charisma“ und ihre abenteuerliche Biographie. Ihre Philosophie kann es nicht sein, die ist schließlich „rechts“.

Auf die Frage, ob man davon ausgehen könne, dass die meisten, die ihr nacheifern, ihre Bücher gar nicht gelesen hätten, antwortete Leggewie: „Übrigens auch ihre Kritiker werden das nicht durchgehalten haben, weil man muss einfach sagen, diese Bücher sind keine philosophischen, sie sind vulgärphilosophisch, sie sind eine Art Afterphilosophie, die im Grunde genommen sich ständig wiederholen.“

Immerhin gehört Claus Leggewie zu jenen, die es nicht durchgehalten haben, sich allzu sehr mit dem Objektivismus zu befassen. Die Frage, ob der Objektivismus wissenschaftlich ernst genommen werden könne, beantwortet Leggewie folgendermaßen:

„Nein, überhaupt nicht. Sie spielt auch in der philosophischen Debatte überhaupt keine Rolle. Sie beruft sich auf den einzigen Philosophen, den sie akzeptiert, Aristotle, also Aristoteles, lässt aber ansonsten nichts gelten. „

Jeder Philosoph weiß, dass die Verehrung von älteren Philosophen kein Beweis für die Qualität der eigenen Ideen ist. Es geht in der Philosophie nicht darum, einfach nachzuplappern, was andere vorgeplappert haben.

Machen Sie doch einfach mal eine Umfrage unter akademischen Philosophen, Herr Leggewie: „Denken Sie, man muss mit mehreren berühmten Philosophen einer Meinung sein, um als guter Philosoph gelten zu können?“

Nicht, dass es keine ernsthaften Probleme mit der akademischen Philosophie gäbe, siehe hierzu folgendes Interview mit Prof. Richard Carrier.

Weiter mit dem unsäglichen Interview mit Prof. Leggewie, der über den republikanischen Vizepräsidentschaftskandidaten Paul Ryan schreibt:

„Er ist ein gläubiger Katholik, für den, und das bezieht sich jetzt fast schon negativ auf Ayn Rand, für den der Wert eines Menschen unabhängig von seinem ökonomischen Wert ist.“

Für Ayn Rand war der Wert eines Menschen ebenfalls unabhängig von seinem ökonomischen Wert:

The man-worshipers, in my sense of the term, are those who see man’s highest potential and strive to actualize it. . . . [Man-worshipers are] those dedicated to the exaltation of man’s self-esteem and the sacredness of his happiness on earth.

The Objectivist ethics holds man’s life as the standard of value—and his own life as the ethical purpose of every individual man.

Man—every man—is an end in himself, not the means to the ends of others.

Wie für Immanuel Kant, so war auch für Ayn Rand der individuelle Mensch ein Wert an sich, sein eigener Zweck und nicht Mittel zum Zwecke anderer. Leggewie weiter über Rand:

Sie ist, wenn man so will, die Säulenheilige eines Kapitalismus, der sich selbst als höchst immoralisch, antimoralisch, amoralisch gibt, und das macht ihre Faszination aus.

Es ist zum Glück niemand da, der diese Ausführungen berichtigen könnte, nur so ein paar „Rechte“ (und natürlich war Rand nicht rechts, sie sprach sich deutlich gegen Konservative aus und auch mit den Libertarians befand sie sich in einem Konflikt).

Rand entwickelte ein umfassendes ethisches System und war höchst moralisch, keineswegs unmoralisch (was genau war an ihr denn unmoralisch? Warum? Oder: Wo und inwiefern gab sich Rand als unmoralisch aus? Begründungen wären einfach zu vulgär.).

Zu den Tugenden ihrer Ethik gehören Vernunft, Unabhängigkeit, Integrität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Produktivität und Stolz. Wer natürlich keine dieser Tugenden lebt, der wird Ayn Rand für unmoralisch halten. Wer irrational ist, statt rational, wer vom Staat und seinen linken Kollegen abhängig ist, statt selbst zu denken, wer seine eigenen Werte wie die Wissenschaftlichkeit und Objektivität verrät, wer die Wahrheit zurechtbiegt, um dem politischen Gegner zu schaden, wer andere ungerecht beurteilt, von Staatsgeldern lebt und keinen Grund hat, stolz zu sein – ja, was sollte der schon mit Ayn Rand anfangen können? Und was sollte er schon von Moral verstehen?

Was nun die Frage angeht, ob Ayn Rand von Akademikern ernst genommen wird:

Werfen Sie mal einen Blick in das philosophische Fachmagazin The Journal of Ayn Rand Studies, das von dem Literaturwissenschaftler Stephen Cox von der University of California, San Diego, vom Philosophieprofessor Roderick T. Long von der Auburn University und vom Politikwissenschaftler Chris Matthew Sciabarra von der New York University herausgegeben wird und das Beiträge namhafter Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete enthält. Natürlich sind die meisten von ihnen Amerikaner und amerikanische Wissenschaftler sind ja keine echten Wissenschaftler, egal, wie viele Titel sie anhäufen.

Natürlich könnten Sie auch mal einen Blick auf die Wikipedia-Seite werfen, wo Sie einen kleinen Auszug der Publikationen in Fachzeitschriften über den Objektivismus finden würden. Aber Wikipedia ist für wahre Akademiker natürlich tabu – mindestens so sehr wie Fachzeitschriften, wie es aussieht.

Ebenso wäre es möglich, sich einen Überblick über die komplexe logische Struktur des Objektivismus zu verschaffen. Der Philosoph David Kelley bietet eine solche an.

Falls Sie sich für die Anwendung der objektivistischen Philosophie im Bereich Physik interessieren, wird Sie das Buch The Logical Leap. Induction in Physiks des Physikers David Harriman (Master in Physik und Philosophie, zahlreiche wissenschaftliche Publikationen) begeistern:

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Eine Einführung in die Logik auf objektivistischer Basis bietet der Philosoph David Kelley mit seinem Buch The Art of Reasoning an:

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Selbstverständlich beweist all dies nur, dass der Objektivismus von Akademikern nicht ernst genommen wird. Aber Wissenschaft und so, das ist einfach vulgär. Es zählt nur, gegen die Republikaner zu sein und alle, die nicht zur eigenen linken Clique gehören, als „rechts“ zu denunzieren, auch wenn sie nicht rechts waren, sondern liberal im Sinne von John Locke, wer auch immer das sein mag.

Ergänzung: Rolf Degen wies mich außerdem auf das Buch „Ökofimmel“ von Alexander Neubauer hin, das Claus Leggewies faszinierende Rolle bei der „großen Transformation“ unserer Gesellschaft offenlegt, siehe Auszug von Google Books.

7 Kommentare zu “Bloß nicht Ayn Rand lesen!

  1. Milfweed sagt:

    Danke für den Artikel! Ich habe mir schon gedacht, dass du dich mit diesem Interview befassen wirst.
    Speicher dir den Google News Feed http://goo.gl/news/FxAn
    Da findet man einige skurrile Artikel über Ayn Rand auf Deutsch. Früher fand man nur Verschwörungsartikel von heise und golem, heute „befasst“ sich auch Spiegel damit.
    Auf dradio war schonmal ein neutrales Interview über Ayn Rand, in der sogar Yaron Brook oft zitiert wurde.

    • Milfweed sagt:

      Abgesehen davon bin ich fest überzeugt, dass Ayn Rand in Deutschland ein Bestseller wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Deutschen lesen sehr gerne und so ein spannenden Roman legt so schnell niemand beiseite. Es braucht nur noch einen Push, der das Buch bekannt macht.
      Ich hoffe ihre Sachbücher werden auch übersetzt.

  2. ASchell sagt:

    Gerade die angeführten Quellen dienen leider eben nicht dazu, die akademische Relevanz des Objektivismus zu stützen. Die Namen der Leute, die zum Journal of Ayn Rand Studies beitragen, wiederholen sich ständig. Es handelt sich bei den Beitragenden um irgendwelche Tier 4-Philosophen, die ebenso bedeutungslos sind wie die Universitäten, an denen sie arbeiten, und vergleichbar wichtige Menschen.
    Ein kurzer Blick in die Logical Structure zeigt dann, dass für den Verfasser die Aussagen „es gibt ein x, so dass F(x)“ und „F(a)“ offenbar äquivalent sind. (20f.) Das spricht gegen den Objektivismus oder gegen denjenigen, der versucht hat, seine Axiome zu rekonstruieren, denn natürlich sind die beiden Aussagen nicht äquivalent.
    Aber gut, es kann sicher nicht schaden, sich mal mit dem Objektivismus zu befassen, wenn man Zeit dafür findet.

    • derautor sagt:

      Klar hat die Philosophie nicht die Anerkennung wie etwa jene von Kant, aber „Sie spielt auch in der philosophischen Debatte überhaupt keine Rolle“ ist offensichtlich falsch. Wobei noch die Frage offen bleibt, ob man von den Kollegen beachtet werden muss, um als guter Philosoph gelten zu können. Eine Nicht-Beachtung ist nicht dasselbe wie eine Widerlegung. Vielmehr ist es gerade angesichts der Popularität von Rand eher verdächtig, dass sie von der akademischen Philosophie relativ wenig (aber auch nicht so wenig) beachtet werden sollte.

    • Karl sagt:

      Wie oft ein Philosoph zitiert wird ist kein Kritierium für seine Güte. Dann müssten ja Derrida oder Heidegger besonders gute Philosophen sein.

      Ach und übrigens könntest du dich vielleicht um eine etwas verständlichere Ausdrucksform bemühen. Es gibt auch Leute die nicht im akademischen Jargon so drin sind das sie wissen was ein Tier 4 Philosoph ist. Aber vielleicht meinst du das auch als Beleidigung.

  3. Bas sagt:

    Ich empfehle die Werke von Tara Smith, die an der Universität von Austin unterrichtet.
    Was „Denn sie wissen genau, was passieren könnte, wenn die Leute Rands Bücher lesen würden“ angeht, so halte ich diese Aussage für falsch. Dafür verstehen die Autoren solcher Artikel Rand viel zu wenig.

  4. foundnoreligion sagt:

    Bei Ayn Rands Tugenden, die ich persönlich zu 100% unterschreiben würde, fehlen mir zwei. Erstens die Eigenverantwortung und zweitens die Entschlossenheit.
    Eigenverantwortung deshalb, weil ein Mensch, wenn er nur für sich lebt und nicht für andere, auch für sich verantwortlich ist. Und Entschlossenheit, weil Entscheidungen die getroffen werden, eingehalten werden müssen. Alles andere wäre nur verlogen und Feigheit und Unehrlichkeit kann ich persönlich nicht ausstehen.

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