Die Desintegration von allem

Der Westen. Ein Nachruf. Voraussichtlich erhältlich ab 11. September 2012. Cover (c) Daniel FockeSo viel Vergnügen es mir bereitet, Kommentare von psychisch instabilen Individuen in den Spamordner zu werfen, so gibt es auch Kommentare, bei denen unklar ist, ob das nun ernst gemeint sein soll oder nicht – oder, ob andere Leser etwas in dieser Richtung glauben könnten.

So wurde ich mehrmals in unfreundlichem Tonfall mit dem Vorwurf konfrontiert, ich hätte ja nun die totale, objektive Wahrheit entdeckt und daher wolle ich insgeheim an die Macht kommen, um alle anderen Meinungen verbieten zu lassen. Es erscheint dabei irrelevant, ob ich etwas in dieser Richtung jemals irgendwo schrieb, sagte oder auch nur andeutete – die bloße Tatsache, dass meine Philosophie Aussagen über die objektive Realität macht, die sie für wahr hält (anstelle von, wie andere Philosophien, irrelevante Aussagen über eine Fantasiedimension oder falsche Aussagen über die Realität) ist ausreichend, dass ich in der Vorstellungswelt mancher Leser zu einem Möchtegern-Diktator mutiere.

Diese Idee ist insoweit verständlich, als die katholische Kirche und andere religiöse Institutionen einst mit schlechtem Beispiel vorangingen oder vorangehen, und in der Tat abweichende Ansichten verbieten oder zensieren lassen, weil sie meinen, im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit zu sein.

Man sollte aber doch erwähnen, dass meine alleinseligmachende Wahrheit keine klerikale oder „philosophische“ Diktatur vorsieht, sondern eine freie Gesellschaft mit Minimalstaat und Laissez-faire-Kapitalismus, wo nicht mehr, sondern weniger verboten (bzw. staatlich bevorzugt) wäre als jetzt. Ein Diktator oder Inquisitor kommt nicht vor in meiner wunderschönen Utopie, sondern eine repräsentative Demokratie mit einigen kleinen Veränderungen und Erweiterungen im Grundgesetz, die auf einen stärkeren Schutz individueller Rechte (insbesondere das Recht auf Privateigentum) hinauslaufen würden – nicht auf einen weniger starken Schutz individueller Rechte.

Man muss schon ein Tyrann sein wollen, wenn man für einen kleineren Staat argumentiert. Bekanntlich waren historisch alle Diktaturen mit einem winzigen Staat ausgestattet, der nur wenig ins Leben ihrer Bürger eingriff. Es ist absolut typisch für Diktaturen, dass sie die Rechte ihrer Bürger besser achten als es liberale Rechtsstaaten tun. Auch verdächtig: Die Nationalsozialisten und die linken Sozialisten waren überzeugte Anhänger des Kapitalismus. Nie zuvor argumentierte jemand so leidenschaftlich für die Marktwirtschaft und für individuelle Rechte wie Josef Stalin oder Pol Pot. (Dieser Absatz ist übrigens ironisch gemeint, nicht dass irgendein Troll anhand von Zitaten daraus „aufdeckt“, wie super tyrannisch ich bin).

Ich denke, dass die objektiv beste Gesellschaft eine freie Gesellschaft ist. Und falls jemand stattdessen glaubt, dass eine Diktatur die beste Gesellschaft sei oder dass es keine objektiven Gründe dafür gebe, warum eine freie Gesellschaft besser ist als eine unfreie, dass dies reiner historischer Zufall sei, dass andere Kulturen dies mit vollem Recht anders sehen könnten – so erschiene seine Treue zur freiheitlichen Grundordnung doch weitaus zweifelhafter als meine.

Vernunft gegen die Moderne 

Stein des Anstoßes ist offenbar meine Auffassung, es gebe objektive Beurteilungskriterien für Kunst. Die moderne Kunsttheorie leugnet objektive Kriterien und behauptet, Kunst sei alles, was irgendwer „Kunst“ nennt, und wenn es irgendein Drogenabhängiger ist, der Stühle aufeinander stapelt, sie in einem Atelier ausstellt und „9000 Euro“ als Liebhaberpreis dafür verlangt.

Nun gibt es jedoch (noch) objektive Kriterien für die Beurteilung der Schülerleistung in allen Fächern, manchmal sogar inklusive des Kunstunterrichts. Wenn ein Schüler schreibt, 2 x 5 = 11, so wird ihm dies nicht als kreative Leistung angerechnet, sondern als Fehler angestrichen. Wenn die Schüler im Kunstunterricht eine Vase nachmalen sollen, so bekommt einer, der nur zwei Striche macht (in der Regel noch) keine 1 dafür. Wenn ein Schüler im Sportunterricht die 100 Meter in zwei Minuten läuft und Muffins schmatzend die Ziellinie erreicht, so wird man ihm dafür keine Goldmedaille überreichen. Wenn ein Schüler im Physikunterricht für die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum „1000 km/h“ statt (ungefähr) „300 000 000 m/s“ angibt, so lobt niemand seine schöpferische Urkraft.

Noch hallt die Idee in den Schulen nach, dass es so etwas wie objektives Wissen gäbe – eine Idee, welche die moderne Philosophie ablehnt. Sie ist in ihren Teilbereichen unterschiedlich weit damit gekommen.

Im Bereich der Metaphysik gibt es noch immer „konservative“ Wissenschaftler, die glauben, sie würden die objektive Realität erforschen und nicht ihre subjektiven Projektionen. Im Bereich der Epistemologie sind Wissenschaftler ebenfalls der Meinung, sie hätten gute Methoden, um Wissen über die Realität erlangen zu können und sie meinen nicht, dass ihre Sinne unzuverlässig seien.

Die Ethik konnte die moderne Philosophie beinahe vollständig zerstören. Sie kommt berechtigterweise ohne Gott aus, aber leider kommt sie auch ohne alles andere aus. Auf die Frage „Wie sollen wir leben?“ antwortet sie mit der folgenden Gegenfrage: „Wenn ein Zug auf eine Gruppe von Menschen zurast, die über die Schienen geht und du stehst auf einer Eisenbahnbrücke, vor dir verweilt ein fetter Mann – solltest du den fetten Mann von der Brücke schubsen, damit der Zug rechtzeitig bremst und er die Menschen auf der Schiene nicht überfährt?“

Von der Ethik sind nur noch einige traditionelle Versatzstücke aus der Antike, der Aufklärung und aus dem Christentum übrig. Um auf jemanden zu treffen, der sein Leben nicht an dem ausrichtet, was gerade für ihn irgendwie funktioniert (was auch immer das heißt), an willkürlich aus unterschiedlichen Traditionen aufgesogenen Ideen, sondern der sich an rationalen moralischen Prinzipien – an Tugenden – orientiert, kann man lange suchen.

Beispiel: Im Bereich der Liebesbeziehungen werden Konzepte, die einst zu bestimmten Philosophien gehörten, wie „Ehe“, „Kinder“, „freie Liebe“, „kinderlose Partnerschaft“, „Liebesabenteuer“ willkürlich vermischt und miteinander verknüpft. Eine Frau weiß nicht mehr, ob der Mann irgendwann spontan auf die Idee kommen könnte, dass er doch lieber unverheiratet und kinderlos wäre; ein Mann kann sich nicht mehr sicher sein, mit wem und mit wie vielen anderen er seine Frau teilen muss. Alles ist möglich, jederzeit kann jeder auf alle denkbaren Ideen kommen, was für ihn gerade „funktioniert“. Pragmatismus ist die Ethik der Nicht-Ethik, wie er die Philosophie der Nicht-Philosophie ist.

Nehmen wir als Beispiel die Auffassung von Michael Schmidt-Salomon zum Thema „Freie Liebe für freie Geister„:

Wenn die Begriffe “freie Liebe” und “selbstbestimmte Sexualität” Sinn machen sollen, so doch nur, wenn damit gemeint ist, dass jedes Individuum prinzipiell – die Zustimmung der jeweiligen Sexualpartner vorausgesetzt – das Recht hat, seine Vorstellungen von Liebe und Sexualität so zu verwirklichen, wie er oder sie sich dies für sein bzw. ihr Leben vorstellt. “Freie Liebe” kann also selbstverständlich auch bedeuten, dass man sich aus freien Stücken für monogame, heterosexuelle Zweisamkeit entscheidet. Nur: In einer “offenen Gesellschaft” gibt es wahrhaft keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, dieses spezielle Partnerschaftsmodell einseitig zu privilegieren oder gar den moralischen oder juristischen Zeigefinger zu erheben, nur weil andere Menschen nun einmal andere Lebensformen (etwa homosexuelle, bisexuelle, polygame, autoerotische, virtuell-erotische oder asexuelle) vorziehen!

Auch in anderen Texten von MSS konnte ich keinerlei Bewertung verschiedener Beziehungsmodelle entdecken. Ich würde ihm natürlich zustimmen, dass es nicht Aufgabe des Staates ist, den Leuten ihr Liebesleben vorzuschreiben, aber wenn dies nun alles sein soll, was ein Philosoph dazu zu sagen hat, so hätte er gar nichts sagen brauchen. Im Grunde haben wir es erneut mit dem Unterschied zwischen dem Libertarianismus und dem Objektivismus zu tun. Die Libertarians sagen einfach, die Leute sollten frei sein, alles Mögliche zu tun und fertig. Der Objektivismus ist eine Philosophie. Er begründet nicht nur, warum wir frei sein sollten, sondern er gibt uns auch eine Orientierung zum Leben als Mensch auf dieser Erde. (Was nicht heißt, dass MSS insgesamt libertär wäre, aber seine Sexualphilosophie ist libertär).

Es gibt sehr wohl einen guten Grund dafür, zwar nicht den juristischen, aber den moralischen Zeigefinger zu erheben, wenn sich ein Mensch nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier verhält. Wenn Sex für ihn nicht eine Antwort auf die eigenen höchsten Werte in der Person eines anderen ist, wenn eine Liebesbeziehung, kurz gesagt, keine Bedeutung für sein Leben hat. Damit entwertet er Sex zu einer „biologischen Funktion wie Essen und Schlafen“ (wie man mich dankenswerter Weise aufklärte). Ein rationaler Mensch ist nicht in der Lage, von spirituellen Werten unabhängiges sexuelles Verlangen gegenüber einer anderen Person zu empfinden. Das hat der Objektivismus, in aller Kürze, zu diesem Thema zu sagen.

Kommen wir nach der Metaphysik, der Epistemologie und der Ethik nun zu dem, was von der Politik übrig ist. Ich denke, es wäre berechtigt, dies als reines Chaos zu bezeichnen. Die Leute sind gleichzeitig für individuelle Freiheit und einen Wohlfahrtsstaat, für Recht und Ordnung und für kollektive Willkürherrschaft; Mittags sind sie für Datenschutz und abends schreiben sie auf Facebook, was sie gerade gegessen haben. Verantwortlich für die Mischwirtschaft, ihre Ursachen und Folgen, ist aber nicht vornehmlich das breite Volk, sondern eine intellektuelle Elite, die mittels Umfragen bestimmt, was sie denkt und die sogar mittels Umfragen bestimmt, wie korrekter Sprachgebrauch aussehen soll. Während sich einst weniger Gebildete an besser Gebildeten orientierten, so verläuft die kulturelle und politische Orientierung heute umgekehrt. Die alternative Szene, die gegen Spießer anschreit, ist der Spießer von heute. Und Bildungsbürger im Anzug sind die Punks unserer Zeit.

Der fünfte und letzte Teilbereich der Philosophie, die Ästhetik, wird seit Ende des 19. Jahrhunderts „dekonstruiert“. Mit den Impressionisten begann die Zerstörung der Kunst, die mit Joseph Beuys ihren letzten Höhepunkt erreichte. Im Gegensatz zu den anderen Bereichen sind die Menschen hier bereits vollkommen modernisiert, mit Ausnahme des einen oder anderen sporadischen Kunstunterrichts. Mit anderen Worten werden keine Werte oder Kriterien mehr anerkannt, wenn es um die Schöpfung und Bewertung von Kunst geht. Und wer dem widerspricht, wird hier bereits als Zensor und Diktator verschrien. Kunst ist alles – Kunst ist nichts.

Im Bereich der Metaphysik und in der Epistemologie gehen nur wenige so weit, einen Wissenschaftler als „Dikator“ zu bezeichnen, weil er meint, die objektive Wahrheit zu erforschen. In der Ethik gibt es zwar kaum noch Standards für alltägliches Verhalten, aber extreme Verstöße gegen die Ethik (was auch immer die sein mag) wie Mord werden immer noch schief angeschaut. „Konservative“ (= alle Menschen, die tugendhaft leben, egal, ob nach rationalen oder irrationalen Tugenden) sind zwar Dikatoren, aber die ein oder andere Moral darf man gelegentlich noch zeigen, wenn auch nur aus Nostalgie. In der Politik sind politisch „Rechte“ allesamt Diktatoren und „Rechte“ sind alle, die nicht für den Wohlfahrtsstaat und massiven Schutz der Natur vor dem Menschen eintreten. Nur in der Ästhetik ist bereits jeder ein Diktator, der Kunst irgendwie beurteilt. Man ahnt, was da noch kommen mag.

Mehr dazu in meinem kommenden Buch Der Westen. Ein Nachruf. Als Veröffentlichungstermin ist geplant: 11. September 2012.

29 Kommentare zu “Die Desintegration von allem

  1. Tom B. sagt:

    Das mit der Eisenbahnbrücke ist auch eines von R.D. Prechts Lieblings-Gedankenspielen. Ich habe ihn mal an der Uni Köln (Hauptaula, deutlich überfüllt) sprechen sehen und da schwadronierte er eine gute halbe Stunde über diesen und andere für eine praktische Ethik völlig irrelevanten Sonderfälle. Übrigens: Meine Erziehungswissenschafts-Profs saßen sabbernd in der ersten Reihe und meinten nach dem Vortrag, sie hätten selten solch eine rhetorische Brillianz und solch inspirierende Worte vernommen…

  2. Sofa sagt:

    Dein Vergleich zwischen Naturwissenschaften und Kunst hinkt. Es gibt so etwas wie individuellen Geschmack. Dem einen gefällt Vanilleeis, dem anderen Schokoladeneis. Es gibt Leute die lieben Lakritze.

    Gibt es auf die Frage „Was ist das beste Punk-Album?“ eine ebenso klare Antwort wie auf die Frage „Wie groß ist die Lichtgeschwindigkeit“? Gleiches gilt für Musik, Film, darstellende und konzeptuelle Kunst.

    • derautor sagt:

      Ja, aber es gibt gutes und schlechtes Vanilleeis, gutes und schlechtes Schokoladeneis – beide kann man anhand von bestimmten Kriterien beurteilen, von denen einige Eis generell betreffen und einige Vanilleeis und Schokoladeneis insbesondere. Wer sagt denn, dass jedes Eis gleich gut schmecken und dies nur von subjektiven Präferenzen abhängen würde? Stiftung Warentest sieht dies beispielsweise ganz anders, schließlich testen sie Eiscreme.

      • Florian sagt:

        Natürlich kann man Kriterien definieren und Lebensmittel dann danach testet. Wenn du dann weiter definierst gut = schmeckt vielen Leuten, schlecht = schmeckt nicht vielen Leuten dann kannst du es auch bewerten.
        Ob es dann dem individuellen Geschmack entspricht ist wieder eine vollkommen andere Geschichte und kann natürlich nur subjektiv bewertet werden.
        Das Selbe gilt doch für Kunst. Man kann Kriterien festlegen. Stimmt ein anderer diesen Kriterien nicht zu, dann gibt es eben keine gemeinsame Basis um Kunst zu bewerten, fertig.

        • derautor sagt:

          Manchen schmeckt Gift oder geschmolzener Gummi und manchen nicht. Der Geschmack ist völlig verschieden und rein subjektiv. Wir sind alle eine komplett unterschiedliche Evolution durchlaufen, unsere Geschmacksknospen sind unterschiedlich wie die von Einzeller und Leguan.

          • derautor sagt:

            Und Gourmets sind keine Feinschmecker, sondern wie alle anderen.

          • Sofa sagt:

            Jeder Mensch ist ein Klon. Allen gefällt Pennywise.

          • derautor sagt:

            Wird auch Zeit, dass es anerkannt wird. Natürlich gibt es subjektive Präferenzen, aber erstens sind die nicht unbegrenzt, sondern beruhen auf biologischen Erfordernissen des Lebens (siehe evolutionäre Ernährung) – wir mögen alle keine Giftstoffe, die wir in der Evolution als solche erkannten. Zweitens kann man innerhalb subjektiver Präferenzen objektiv bewerten. Manche mögen ihr Fleisch roh, manche gut durch, niemand vergammelt, verkohlt, voller Knöchelchen, etc.

      • Sofa sagt:

        Ich habe nie behauptet, daß Eis-Präferenzen *nur* von subjektiven Kriterien abhängen. Aber in einem wesentlich größeren Maßstab als die Physik, mit der du sie vergleichst.

  3. Andreas D. sagt:

    Der Wert eines Kunstwerks bemisst sich doch daran, ob jemand bereit ist, für das Kunstwerk Geld zu zahlen. Objektiv gesehen kann das Kunstwerk noch so schlecht sein, wenn der Macher des Werkes davon leben kann, ist mir das reichlich egal. Wenn er in einem Stapel alter Stühle mit einem Hundehaufen oben drauf aber lediglich seine Psychosen auslebt und niemand sonst sich dafür interessiert, sollte er sich nicht darauf versteigen unter der Bezeichnung „Künstler“ Transferleistungen zu legitimieren.

    • Andreas D. sagt:

      Zur Ergänzung: Viele Künstler scheinen der Ansicht zu sein, dass ihr Schaffen rein gar nichts mit Erwerbstätigkeit zu tun hat. Im Gegensatz zu den vielen anderen Berufsgruppen, die etwas produzieren und auf dem Markt zum Verkauf anbieten, meinen Künstler sich überhaupt nicht nach der Nachfrage richten zu müssen. Das wäre wie ein Bäcker, der Sand oder tote Fliegen in den Teig rührt, weil er der Ansicht ist irgendwelchen inneren Regungen Ausdruck verleihen zu müssen, und sich aber darüber beklagt, dass die Kunden ausbleiben. Man stelle sich vor, dieser Bäcker erhielte dann Transferleistungen um weiter seine sandigen Brötchen backen zu können, und die Steuern zahlenden Mitbürger wären gezwungen, seinen unproduktiven Lebenswandel zu finanzieren.

      • Andreas D. sagt:

        Wie passend. Die Linke Petra Sitte träumt in ZEIT-Online (24.08.2012):

        „Kunst sollte wie Forschung staatlich gefördert werden und allen zur Verfügung stehen (…)“

        „(…) Mithin müssen wir fragen, inwieweit sich kreative Leistung nur durch Publikumserfolg bemessen lässt oder ob sie uns nicht an sich etwas wert ist. Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, könnte eine neue, die alten Systeme weitgehend ersetzende Pauschalvergütung helfen. Sie wäre dann in der Tat eine Art Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler. (…)“

        http://www.zeit.de/digital/internet/2012-08/urheberrecht-kulturflatrate-sitte/komplettansicht

        • derautor sagt:

          Ich denke auch nicht, dass kommerzieller Erfolg und Qualität notwendig zusammenhängen. Sonst würde jeder nur noch Klassiker lesen statt Dieter Bohlens Biografie. Der Markt bietet, was die Leute wollen, aus guten und schlechten Gründen. Entsprechend lässt sich Kunst an objektiven Kriterien beurteilen. Nur tut das der Staat nicht, noch ist es seine Aufgabe.

    • Sofa sagt:

      Es geht dem Herrn Autor glaube ich nicht darum, unwürdige Kunst zu verbieten oder zu zensieren. Der Objektivismus ist absolutistisch im Sinne dass er für jeden Aspekt des Lebens etwas zu sagen hat, auch für die Kunst. Die objektivistische Definition der Kunst ist laut Wikipedia folgende:

      Objectivism defines „art“ as a „selective re-creation of reality according to an artist’s metaphysical value-judgments“—that is, according to what the artist believes to be ultimately true and important about the nature of reality and humanity. In this respect Objectivism regards art as a way of presenting abstractions concretely, in perceptual form.

      Da bleibt natürlich wenig Raum für „entartete Kunst“ die nur darauf abzielt den Menschen zu unterhalten. Für einen Objektivisten muss die Kunst eine moralische Dimension haben, Wertvorstellungen vermitteln und darf nicht zu schräg daher kommen. Daher auch der Seitenhieb auf die bösen Impressionisten und Performance-Künstler.

      • derautor sagt:

        Die Kunst, ja. Wir haben aber nichts gegen Dekoration, sie sollen es nur nicht Kunst nennen. Jede Philosophie hat eine Meinung zu allem – zu jedem phil. Teilbereich.

    • Sophian Philon sagt:

      „Der Wert eines Kunstwerks bemisst sich doch daran, ob jemand bereit ist, für das Kunstwerk Geld zu zahlen. Objektiv gesehen kann das Kunstwerk noch so schlecht sein, wenn der Macher des Werkes davon leben kann, ist mir das reichlich egal.“

      Das ist genau der Punkt: Es gibt zwei Wertvorstellungen. Zum einen hat die österreichische Schule Recht, wenn sie sagt, dass Wert etwas Subjektives ist, etwas, das sich durch das Handeln der Menschen am Markt ergibt. Insofern ist auch ein Beuys etwas wert (weil es Leute gibt, die dafür bezahlen). Und natürlich könnte es einem dann egal sein, auch wenn man es für Schrott hält. Genauso ist es mir eigentlich egal, ob mein Nachbar rumhurt. Aber hier fängt die Philosophie ja erst an, wie der Autor richtig schreibt:

      „Der Objektivismus ist eine Philosophie. Er begründet nicht nur, warum wir frei sein sollten, sondern er gibt uns auch eine Orientierung zum Leben als Mensch auf dieser Erde.“

      Und das ist die zweite Vorstellung vom „Wert“: Die objektivistische Position, die davon ausgeht, dass es Fakten gibt, die darüber entscheiden, ob etwas gut ist oder nicht – unabhängig davon, was irgendein „Kunstliebhaber“ für eine Fettecke zahlt.

  4. Protokiffer sagt:

    Ah, wie ich gerade sehe, übt sich Georg Diez auch fleißig im Ayn Rand Bashing.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-paul-ryan-ayn-rand-und-hayek-im-us-wahlkampf-a-851840.html

    “ … die randständige, aufgeblasene „Angeberschriftstellerin“ Ayn Rand …“

    Welche zu allem Überfluss auch noch „weit rechts“ steht, also in Georg Diez wunderlichem links/rechts Politkosmos quasi NPD ist.

  5. Ken sagt:

    „Um auf jemanden zu treffen, der sein Leben nicht an dem ausrichtet, was gerade für ihn irgendwie funktioniert (was auch immer das heißt), an willkürlich aus unterschiedlichen Traditionen aufgesogenen Ideen, sondern der sich an rationalen moralischen Prinzipien – an Tugenden – orientiert, kann man lange suchen.“

    Ich glaube, du machst hier einen Fehler. Es gibt jede Menge anständiger Leute, die konsistent nach guten moralischen Prinzipien handeln. Sie mögen diese nicht in einer expliziten Philosophie gebündelt parat haben, aber ihr Handeln spricht für sich.

    Umgekehrt fallen mir einige Objektivisten ein, deren Handeln zu wünschen übrig lässt: Ayn Rand, Nathaniel Branden, Leonard Peikoff, Alan Greenspan.

    Bei der charakterlichen Burteilung eines Menschen zählt letztlich sein Handeln mehr als seine Worte. Die Fehler der oben genannten Personen schmälern nicht meine Achtung vor der objektivistischen Ethik, diese ist in sich konsistent. Aber zur moralischen Beurteilung eines Menschen gehört eben beides, die Beurteilung seiner ethischen Prinzipien und die Beurteilung seines Handelns. Viele Objektivisten überbetonen meines Erachtens die Bedeutung von Ideen in ihrem moralischen Urteil.

    Ideen und Handeln sind eben häufig nicht übereinstimmend. Es gibt Leute, die gute Ideen vertreten und charakterlich übel sind; es gibt Leute, die verquere oder inkonsistente Ideen vertreten, charakterlich aber OK sind.

    • derautor sagt:

      Dass es auf Handlungen ankommt, ist sowieso die objektivistische Position. Es ist einfacher, nach Prinzipien zu leben, wenn man es bewusst tut. Was ist eigentlich gegen Rand selbst zu sagen?

      • Ken sagt:

        Zu Rand: Ihre Menschenkenntnis ließ zu wünschen übrig. Ich denke, sie konnte schwer mit Widerspruch umgehen; innerhalb ihres engen Zirkels duldete sie nur Leute, die ihr mehr oder weniger blind folgten. Obwohl sie also selbst als unabhängige Denkerin Bahnbrechendes geleistet hat, hat sie in ihrem direkten Umfeld unabhängiges Denken nicht gerade gefördert. Sie hatte praktisch nur Schüler um sich, keine wirklichen Freunde.

        Anhand ihrer Nachfolger wird das deutlich: Branden kopierte sie 1:1 und verdient bis heute an ihr Geld, während er sich mehr und mehr der Esoterik zuwandte (er ist Mitbegründer von Ken Wilbers Integral Institute). „Mr. Bubble“ Alan Greenspan entpuppte sich als Chairman der FED als Pragmatist. Peikoff klammert sich zwanghaft an ihr Erbe und gibt vor, nicht nur Verwalter desselben, sondern auch ihr intellektueller Erbe zu sein (einen solchen hat sie aber meines Wissens nie bestimmt). ARI hat beinahe kultische Züge, wonach jeder, der in den vergangenen Jahrzehnten von Peikoffs Interpretation des Objektivismus abwich, ausgestoßen wurde.

        Ayn Rand hat es ihm vorgemacht.
        Hätte sie mehr unabhängiges Denken in ihrem Umfeld gefördert, wäre es um ihr geistiges Erbe besser bestellt. Ich sage das in voller Sympathie für ihre Philosophie – ich verdanke ihr sehr sehr viel. Ich denke nur, man sollte nicht die Augen verschließen vor ihren Fehlern.

        • Ken sagt:

          PS: Noch was zu Rand: Seit den 40er Jahren war sie drogenabhängig. Das an sich ist ihr moralisch nicht vorzuwerfen, jeder kann ja mit seinem Körper anstellen, was er will. Es ist halt nur nicht konsistent mit ihrer Philosophie und lässt zumindest den Rückschluss zu, dass es ihr an Einblick um ihre eigene Situation mangelte. Inwieweit ihr Drogenkonsum auch Einfluss auf ihr Denken und ihre Schriften hatte, lasse ich dahingestellt, ganz ohne Einfluss wird es aber nicht gewesen sein.

          Tragisch daran finde ich, dass es offenbar niemanden in ihrem Umfeld gab, der ihr mit ihren persönlichen Problemen weiterhelfen hätte können (an solchen Spezialisten fehlt es heutzutage genauso, aber das ist ein anderes Thema).

        • derautor sagt:

          Ich halte Peikoffs Darstellung von Rands Charakter für konsistenter und glaubwürdiger als die anderen. Rand machte sich durch moralische Verurteilungen unbeliebt. Sie erkannte sofort die Implikationen einer Aussage, oftmals im Gegensatz zu deren Urheber, und beurteilte sie entsprechend. Da sagt man etwas scheinbar Harmloses und Rand verurteilt einen gleich dafür. Am Ende blieben dann eben nur Anhänger übrig, die nicht zu viel widersprachen. Dazu kommt, dass Rand ein Genie war und nie ihresgleichen fand, sich oftmals etwas einredete, etwa bei Branden, weil sie sich so sehr einen intellektuell Ebenbürtigen wünschte. Ihr Mann war ja kein Denker. Dies in Kombination mit der bösartigen Rezeption ihrer Philosophie und man hat ein vereinsamtes, beizeiten verbittertes und wütendes Genie. Aber keine Sektenführerin.

  6. Sophian Philon sagt:

    „So wurde ich mehrmals in unfreundlichem Tonfall mit dem Vorwurf konfrontiert, ich hätte ja nun die totale, objektive Wahrheit entdeckt und daher wolle ich insgeheim an die Macht kommen, um alle anderen Meinungen verbieten zu lassen.“

    Liegt da nicht ein grundsätzliches Missverständnis vor? Dass Wissen – sei es im Bereich der Natur, sei es im Bereich der Ethik – von Fakten, von einer objektiven Realität abhängt, und dass der Mensch qua Vernunft in der Lage ist, diese objektive Realität zu erkennen und über Wahr oder Falsch, Gut und Böse objektiv, d.h. faktenbasiert, urteilen kann – das alles besagt ja noch nicht, dass der Objektivist, der alles dies vertritt, bereits die allumfassende Wahrheit erfasst hat!? Bleibt nicht die kritisch-rationale Position, dass der Mensch fehlbar und alles Wissen vorläufig ist, weiterhin gültig? Oder habe ich den Objektivismus dahingehend falsch verstanden?

    • derautor sagt:

      Das war ja der alberne Vorwurf, nicht meine eigene Position. Der Objektivismus ist allerdings keine Variante des Skeptizismus. Er geht davon aus, dass wir Wissen über die Realität erhalten können. Inwiefern wir das schon haben, wie fehleranfällig unsere Methoden sind, etc. – da sagt der Objektivismus auch nichts anderes als ein Wissenschaftler. Eine Ausnahme sind nur die drei Basisaxiome Existenz, Bewusstsein und Identität. Jeder Versuch, diese zu widerlegen, setzt sie voraus. Der Objektivismus hält sie darum für unwiderlegbare Tatsachen, die Fundamente des rationalen, kritischen Denkens. Der sog. „kritische Rationalismus“ hingegen ist eine Philosophie zwischen Skeptizismus und Realismus.

      • derautor sagt:

        Ich sollte ergänzen, dass die Axiome auf Beobachtung beruhen und mittels Logik – Identifikation und Integration von Sinnesdaten – erkannt werden. Der Objektivismus ist nicht rationalistisch, sondern alle seiner Aussagen basieren auf der Realität.

      • Sophian Philon sagt:

        Danke für die Klärung!

        Der Kritische Rationalismus geht doch aber auch davon aus, das wir Wissen über die Realität erhalten können. Mit der skeptizistischen Seite des Kritischen Rationalismus meinst du dann, dass er – anders als der Objektivismus – keine Basisaxiome postuliert und insofern kein Fundament hat („alles ist vorläufig“)?

        • derautor sagt:

          Ja, das kommt wirklich gut hin. Wobei die Basisaxiome, wie der Rest des Objektivismus, auf einer Kombination aus Induktion und Deduktion beruht. Die Axiome sind also keine willkürlichen Annahmen, sondern unmittelbar beobachtbare Dinge – Existenz existiert, die Dinge sind, wie sie sind (Identität) und wir sind uns darüber im Klaren (Bewusstsein). Das nur noch mal als Ergänzung für jene, die glauben, dies wären willkürliche Glaubensdogmen.

  7. Hast du irgendwo bereits dargelegt, was objektiv gute Kunst ist und wieso es so etwas überhaupt gibt?

    • derautor sagt:

      Das mache ich in meinem nächsten Buch Der Westen. Ein Nachruf (11. September 2012). Natürlich kann man immer das Romantic Manifesto von Ayn Rand lesen.

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