Achse versus Aufklärung

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Die Achse des Guten bückt sich und unterwirft sich der Religion.

Die Aufklärung in die Tonne zu kippen, wenn es gerade gelegen kommt, scheint zum neuen Volkssport zu avancieren. Bei Ereignissen „von katastrophischen Ausmaßen“ darf nun beispielsweise die Bundeswehr im Inneren eingesetzt werden. „Woran das Verfassungsgericht dabei denkt, ließ es offen, was für ein Fall der Fall der Fälle sein könnte, bleibt deshalb auch nach dem Beschluss ein Rätsel“, heißt es im Tagesspiegel. Es wäre auf jeden Fall ziemlich katastrophisch aus Sicht der NSDAP gewesen,  hätte sie 1933 nicht die Macht ergreifen können.

Das ist der Achse des Guten relativ wurscht; dort findet man keinen Beitrag zu diesem Thema, obwohl es ihr nicht an Autoren und Gastautoren mangelt. Stattdessen geht es noch immer um Beschneidung – aber immerhin kann man sich bei ihrem prinzipienfreien Autorensammelsurium darauf verlassen, dass es gegen das anmeckern wird, was gerade populäre Meinung ist, weil es gerade populäre Meinung ist. Während sie sich einst tendenziell auf die Seite von Liberalismus und Aufklärung schlug und dabei auch konservativen Autoren ein Sprachrohr bot, so gibt es auf der Achse des Guten jetzt nur noch eine Meinung: Religiöse Minderheiten haben recht, weil sie Minderheiten sind! (Ausnahme: Islam. Es sei denn, es gibt Überschneidungen mit dem Judentum). Ein gewisser Skeptizismus gegenüber religiösen Dingen ist dank des Neuen Atheismus nun Bestandteil der populären Meinung in Deutschland, auch die Grünen sind irgendwie ein bisschen dabei – also schlägt sich die Achse auf Seite des blinden Glaubens.

Konformismus und Nonkonformismus sind zwei Seiten derselben Herangehensweise und derselben Denkweise: Konformisten orientieren sich an anderen, indem sie ihnen blind alles nachahmen und Nonkonformisten orientieren sich an anderen, indem sie blind das Gegenteil dessen tun, was die anderen tun. Rationale Prinzipien befolgt keiner von ihnen.

In der achsigen Presseschau namens „Leck mich mal!“ wurde folgender Auszug eines Artikels herausgestellt:

Noch drastischer und mit bitterem Sarkasmus äußerte sich Israels einflussreicher früherer aschkenasischer Oberrabbiner Israel Meir Lau. “Es ist erstaunlich zu sehen, dass Deutsche ihre Sensibilität gegenüber dem Weinen eines Babys entdecken. Ich habe diese Erfahrung in meiner Kindheit nicht gemacht”, wird der 75-Jährige zitiert, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat. “Das Leben eines jüdischen Kindes war den Deutschen damals gleichgültig.”

Offenbar war es Oberrabbiner Israel Meir Lau lieber, als das Weinen eines Kindes den Deutschen noch gleichgültig war – oder wie soll man das bitte verstehen? Ist es nicht gut, dass es uns nun stört, wenn Kindern, ob jüdisch oder nicht, ein unnötiges Leid angetan wird? Oder sollte es uns weiterhin gleichgültig sein? Dazu kommt, dass „die Deutschen“ keine unveränderliche Rasse sind, deren vergangene Fehler sich genetisch auf zukünftige Generationen vererben. Wir Deutschen sind auch individuelle Menschen wie Sie, Herr Meir Lau! Ich werde mich nicht anhand der Fehler anderer Menschen beurteilen lassen, auch nicht, wenn ich von ihnen abstamme; sondern nur an meinen eigenen Entscheidungen. „Don’t Call Me White„, wie es NOFX ausdrückte.

Weiterhin stellt die Achse folgende Aussage vom israelischen Staatspräsidenten Peres heraus:

„Die Beschneidung ist ein jüdischer Brauch, der seit Jahrtausenden zentraler Bestandteil der jüdischen Identität unseres Volkes ist und das jüdische Volk auszeichnet, seitdem Gott Abraham dieses Gebot auferlegt hat“, schreibt Peres in seinem Brief an Bundespräsident Gauck.

Hätte ein muslimischer Mann das Einsperren seiner Frau zu Hause damit gerechtfertigt, dies sei ein islamischer Brauch, der seit fast 1000 Jahren zentraler Bestandteil der islamischen Identität sei, so hätte man sich darauf verlassen können, dass Henryk Broder ihn dafür verspottet, ihm drastisch widersprochen hätte. Uns doch egal, ob deine bekloppte Tradition schon eine Million Jahre alt ist, wenn sie den Menschenrechten widerspricht! Aber für Juden gelten andere Standards – jedenfalls aus Sicht der Achse des Pragmatismus.

Dann wäre da noch ein aktuelles Fundstück der Achse namens “Das Kölner Urteil hat die Büchse der Pandora geöffnet”. Ingo Langner interviewt darin Rabbi Andreas Nachama. Dieser sagt:

Ein Ausrutscher war das nicht. Dagegen spricht schon die Wahl des Gutachters, dessen religionsfeindliche Haltung bekannt war. Dieses Urteil ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar und – bei aller Unabhängigkeit, die einem Richter grundsätzlich zusteht – dieser Richter sollte seines Amtes enthoben werden.

In Zukunft bitte nur noch religiöse Funktionäre als Richter in Deutschland, bitte keine Richter mit angeblich „antireligiösen“ Gutachtern mehr. Die Gerichte müssen vielmehr gleichgeschaltet werden, um religiösen Partikularinteressen zu entsprechen. Wir müssen nämlich total anders sein als die Nazis, die die Grundrechte nicht achteten.

Ingo Langer weist nun auf Folgendes hin:

In der Debatte um die rituelle Beschneidung von Jungen warnt der Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums, Boris Zernikow, vor einer Veränderung des Gehirns durch den Beschneidungsschmerz. “Es kann sich ein Schmerzgedächtnis bilden”, sagte er dem “Spiegel”. Studien hätten gezeigt, daß beschnittene Kinder ohne ausreichende Schmerztherapie bei späteren Impfungen mehr Schmerz empfinden. “Ihre Schmerzschwelle ist signifikant niedriger”, so Zernikow.

Hierauf antwortet Rabbi Nachama:

Nun, ich bin nicht nur Rabbiner, sondern auch der Direktor der Berliner Topographie des Terrors. Unlängst hatten wir hier eine Ausstellung, deren Thema die Verbrechen deutscher Kinderärzte während der NS-Diktatur war. Es hat ganze 70 Jahre gedauert, bis sich die Standesorganisation der deutschen Kinderärzte für diese Verbrechen entschuldigt hat. Und nun kommen die heutigen Kinderärzte und erheben sich über die essentiellen rituellen Grundlagen des Judentums und des Islams, also über gleich zwei Weltreligionen. Diese Leute sollten sich schämen.

Nein. Sie sollten sich schämen, Herr Nachama, und das nicht zu knapp. Herr Langer wies Sie auf negative gesundheitliche Folgen der Beschneidung von Kindern hin. Sie sind offensichtlich nicht in der Lage, vernünftig auf diese Bedenken einzugehen oder sie sind Ihnen egal. Um von den gesundheitlichen Risiken abzulenken, stellen Sie deutsche Kinderärzte so dar, als befänden sie sich in einer Tradition mit den Nationalsozialisten. Das ist nicht nur unterste Schublade, sondern schon ein paar Etagen tiefer.

Dann werden Sie sogar noch unverschämter, indem Sie die „essentiellen rituellen Grundlagen des Judentums und des Islams“ als nicht bezweifelbaren Standard aller Ethik in den Raum stellen, der scheinbar sogar die Leitlinie eines säkularen Staates sein soll. Dies begründen Sie mit der quantitativen Größe der beiden „Weltreligionen“. Wir sollen also akzeptieren, was irgendjemand tut, solange dieser jemand viele große Brüder hinter ihm hat, die uns die Fresse polieren können, wenn wir es nicht akzeptieren. In den 1930ern war der Nationalsozialismus eine Weltreligion, in den 1950ern war es der Kommunismus. War es richtig, deren „essenzielle rituelle Grundlagen“ zu achten, weil viele Menschen diese Ideologien teilten? Diese Argumentation ist offenkundig Banane.

Wobei man ja nur dann ein Jude sein kann, wenn man von den „richtigen“ Leuten abstammt, nicht wahr, Herr Nachama? Wie man nur ein Deutscher sein konnte, wenn man von Ariern abstammte. Sie wollen Nazis, Herr Nachama? Sie möchten auf dieser Ebene argumentieren? Dann bekommen Sie Nazis.

Es zeichnete die kollektivistischen Nazis besonders aus, dass sie individuelle Rechte für ihr „Volk“ aufopferten. Wie handhaben Sie das, Herr Nachama? Denken Sie, wie ich, dass das menschliche Individuum, um Jude oder Christ oder Atheist, unveräußerliche Rechte, darunter ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, besitzt? Oder glauben Sie, dass individuelle Rechte zu Gunsten von unveräußerlichen Ritualen irgendeines „Volkes“ veräußerlich sind?

Rabbi Nachama macht munter weiter:

Wissen Sie, eigentlich betrifft die Beschneidung diese Leute doch gar nicht. Das erinnert mich an gewisse Zeitungspolemiken von Laien gegen das Zölibat. Das geht doch eigentlich nur katholische Priester etwas an.

Ehrenmorde und Witwenverbrennungen betreffen uns auch nicht persönlich, wie Henryk Broder nun hätte antworten müssen, und doch sind diese Praktiken säkularem Recht unterworfen, also verboten. Das Zölibat hingegen widerspricht keineswegs den Grundlagen des Rechtsstaates und ist in der Tat katholischen Priestern überlassen – das Zölibat ist eine bestimmte Verhaltensweise, zu der sich Priester freiwillig verpflichten. Der Papst geht nicht mit einer Schere durch die Reihen und schnippelt Priestern ohne ihr Einverständnis an ihren Genitalien herum.

Der säkulare Staat will einheitlich konfigurierte jungen Menschen schaffen, die wenn sie dann alt genug sind, sich für eine Religion entscheiden zu können.

Natürlich will der theokratische Staat wie Saudi Arabien keineswegs einheitlich konfigurierte junge Menschen schaffen. Er lässt ihnen die freie Wahl. Nicht wahr? Vielleicht ja doch nicht. Vielleicht garantiert nur der säkulare Staat unter der Bedigung, dass individuelle Rechte geachtet werden, Religionsfreiheit. Also gegen wen ziehe ich her als jüdischer Funktionär? Gegen den säkularen Staat.

Nun verbietet der säkulare Staat durchaus nicht die religiöse Erziehung, sondern er verbietet – oder sollte verbieten: Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit. Egal, ob Atheisten dies tun oder ob Gläubige dies tun. Aber das wäre ja schon wieder ein rationales Prinzip und damit hat es Herr Nachama nicht so.

Eine Quellensammlung zum Thema gibt es bei der „Mein Körper gehört mir!„-Kampagne der Giordano Bruno Stiftung. Zwar lässt sich an ihrer Argumentation einiges bemäkeln (wen interessiert die UN? Rechte sind unveräußerliche Bedingungen des menschlichen Lebens, unabhängig vom Gutdünken irgendwelcher Organisationen. Und wen interessierts, dass es auch Juden gibt, die Beschneidung ablehnen? Es gibt auch Juden, die sich für die Zerstörung Israels aussprechen), aber mein Ergebnis ist dasselbe. Nebenbei ist mir aufgefallen: Eigentlich müsste die gbs nur ihren einleitenden Satz der eigenen Logik folgend verändern und die Schlussfolgerungen ziehen, um zu einer konsistenten Ethik zu gelangen. Statt: „Kinder sind keine Besitztümer ihrer Eltern, sondern eigenständige Träger von Menschenrechten.“ – „Kinder sind nicht das Eigentum ihrer Eltern, sondern jeder individuelle Mensch ist sein eigenes Eigentum.“

Der Arzt Dr. Gottfried Beyvers (der wie ich nicht mehr zur gbs gehört, aber in dieser Sache derselben Meinung ist) hat mir ebenso eine empfehlenswerte Quellensammlung zukommen lassen; leicht gekürzt:

1. Juristische Bewertung:

http://www.internet-law.de/2012/07/die-beschneidung-des-rechtsstaats.html 

http://m.aerzteblatt.de/print/61273.htm

http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/beschneidung-und-recht/koerperverletzung.html

http://www.holmputzke.de/images/stories/pdf/2008_medr_beschneidung.pdf

2. Organische Folgen der Beschneidung (ACHTUNG: Einige Links enthalten schockierende Fotos!):

http://www.pflegewiki.de/wiki/Komplikationen_der_Beschneidung

http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/medizinische-aspekte/komplikationen/stanford-university-komplikationen-der-beschneidung.html

http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/beschneidung-und-sexualitaet.html

3. Psychische Folgen der Beschneidung:

http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/psychologische-aspekte-der-beschneidung.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/nach-dem-koelner-urteil-beschneidung-ist-nicht-harmlos-1.1401049

http://idw-online.de/de/news488890

4. Videos (ACHTUNG: Bitte diese Videos nicht in Gegenwart von Kindern oder psychisch labilen Menschen abspielen oder die Links an diese weitergeben!):

http://www.4eric.org/circumcision-video/

http://video.google.de/videoplay?docid=8212662920114237112

5. Humane Alternative:

http://de.wikipedia.org/wiki/Brit_Schalom_(Zeremonie)

– Eine weitere humane Alternative wäre natürlich das Abwarten bis zur Volljährigkeit.

6. Stellungnahmen mediz. Fachgesellschaften u. anderer Organisationen:

http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/aktuelles1/show.php3?id=4277&nodeid=26

http://www.dgkic.de/index.php/presse/189-pressemitteilung-juli-2012

http://www.kinderhilfe.de/blog/artikel/bundestagspetition-zu-beschneidungen/

http://frauenrechte.de/online/index.php/presse/aktuelle-presseinformationen/981-terre-des-femmes-begruesst-urteil-zum-verbot-religioeser-beschneidungen-.html

http://pro-kinderrechte.de/

Die Achse des Guten ist jedenfalls unter die Anti-Aufklärer gefallen, was das Thema Beschneidung angeht. Man hört dort Argumente in der Richtung von: „Unser Gott will es“, „Deutsche Kinderärzte sind Nazis“, „Minderheiten dürfen tun, was immer sie wollen“, „Rituale sind unveräußerlich“, „Die meisten Deutschen sind für das Verbot, also wäre ein Verbot antisemitisch“, „Die meisten Deutschen sind keine Experten, also dürfen sie keine Meinung zum Thema haben“ und weitere derartige Dummheiten. Damit macht sie sich als Institution, die im Namen individueller Rechte gegen Antisemitismus kämpft, unglaubwürdig. Aber zum Glück gibt es ja noch genügend weitere Organisationen, die liberale Prinzipien gegen Spinner jeder Art verteidigen – oder?

Siehe auch meinen früheren Beitrag: Beschnittene Achse

21 Kommentare zu “Achse versus Aufklärung

  1. MałyFelek sagt:

    Lieber Autor-ein einziges Wort-RESPEKT.Wirklich.Ich meine, für einen Deutschen muss es doch ein kleines bisschen schwieriger sein offen und deutlich zu sagen dass das, was einige Vertreter der jüdischen Gemeinden so loslassen, einfach eine unglaubliche Frechheit/Psychoterror ist-schliesslich gibt es auch Menschen jüd. Glaubens, die sich gegen Beschneidungen aussprechen (mit den gleichen,ehm,“Nazi“argementen, plus dem Bonusargument dass die Zeremonie sexistisch ist,da sie Mädchen (gottseiDank) ausschiesst-daher sollte man eine andere jüd. Zeremonie etablieren,für beide Geschechter).Du weisst aber schon, dass Du dich damit zum „Antisemiten“ gemacht hast,oder? Laut der Anti-Defamation-League sind z.B Ungarn,Polen und Spanien (trotz einer im Vergleich zu z.B den USA,traumhaft geringen Zahl realer Verbrechen gegen Menschen jüd.Gaubens/jüd. Einrichtungen) sehr „anti-semitisch“ weil in ihnen viele Menschen der Meinung sind dass „Juden zu viel vom Holocaust sprechen bez. diese ausnutzen“. Ehrlich gesagt, warum sollte so eine Meinung anti-semitisch sein? Bei Deinen Beispielen wurde JEDES MAL,bei JEDEM vernünftigen Argument gleich mal der Holokaust bemüht,das Beschneidungsverbot an sich wurde sogar als „zweiter Holokaust“ benannt. Einerseits gibt solches Verhalten (einiger lautstarker Personen) nun einmal der Meinung Aufwind, Juden „würden den Holokaust“ instrumentalisieren“ andererseits entwertet es,eben durch diese Instrumentalisierung, alles, was Tote und Überlebende des Holokaustes (und das waren nicht nur Juden, auch Slawen,Zigeuner,“Lebensunwerte“,Antifaschisten,Verbrecher,die man zur „Vernichtung durch Arbeit“ verurteilt hat,Homosexuelle ect) durchgemacht haben.Es scheint diese Personen gar nicht zu kümmern, dass die jüd. Gemeinde selbst in ein schlechtes Licht gerückt wird oder, dass damit religiöse Spiritualität (um die es bei einer Religion doch eigentich gehen sollte…oder?) sich anscheinend hinter einem Stück Haut an einer für Männer kritischen Stelle anstellen muss. Wie ich bereits erwähnt habe, Respekt für Dich, dass Du nicht mit den anderen dt. Schafen blöckst,weiter so 🙂

  2. Karl sagt:

    Ja der Kommentar ist richtig wenn man von einer liberalen Position ausgeht dann gibt es keinerlei Begründung gegen ein Beschneidungsverbot.

    Ich glaube es wäre besser gewesen wenn man in der Achse für das Beschneidungsverbot argumentiert hätte. Gleichzeitig sollte man aber nicht vergessen dass es in Deutschland doch noch eine signifikante Anzahl von Menschen gibt die jede Möglichkeit nutzen um Juden irgendwie zu schädigen und damit auch das Beschneidungsverbot instrumentalisieren.

    • derautor sagt:

      Stimmt, die eigentliche Aufgabe der Achse wäre es gewesen, eben jene konkret herauszustellen, die den Beschneidungsstreit für die Verbreitung von Antisemitismus nutzen und diese zu widerlegen. Klar gibt es so etwas, die Nazis werden nicht die Beschneidung verboten haben, weil sie gegen die Menschenrechte verstieß (die den Nazis offensichtlich völlig egal waren). Und sicher wird die Spinnerfraktion auch diesmal auf den Zug aufspringen und die Debatte zu ihren Gunsten manipulieren. Bei der Achse erfahren wir leider nichts davon, für die ist offenbar jeder, der skeptisch gegenüber der Beschneidung eingestellt ist, gleichzeitig Antisemit.

  3. Karl sagt:

    Das mit der Beschneidung war aber nicht das einzige Mal wo die Achseautoren religiöse Rechte vor liberale Prinzipien gesetzt haben. Ein ähnlicher Fall war auch bei der russischen Band Pussy-Riot.

    http://fdogblog.wordpress.com/2012/08/24/kein-punk-nirgends/

    Ähnlich hat auch der eher liberale Blogger Zettel argumentiert:

    http://zettelsraum.blogspot.de/2012/08/marginalie-sind-pussy-riot-moderne.html

    Mir ist schon häufiger aufgefallen das es die Einstellung gibt das die Religion selbst im liberalen Staat eine Art Sonderstellung verdient und sozusagen sakral über den Prinzipien des normalen Rechts schwebt.

  4. Richard sagt:

    Danke für diesen mutigen Beitrag, und dafür, dass Du konsequent geblieben bist!

    „aber immerhin kann man sich bei ihrem prinzipienfreien Autorensammelsurium darauf verlassen, dass es gegen das anmeckern wird, was gerade populäre Meinung ist, weil es gerade populäre Meinung ist.“

    Man darf eben nicht vergessen, dass dieser Blog jüdisch dominiert ist. Wie fortschrittlich, liberal und geistreich die Achse sonst auch ist – wenn es um den „Stamm“ geht, gibt es kein Pardon!

    Wenn es argumentativ mal nicht weitergeht, wird aggressiv argumentiert, gerne auch immer wieder mit der Holokaust-Keule – es ist ja nicht so, als würden wir nicht schon tief genug im Schuldkult stecken!
    Aber vornehmste Aufgabe des ZdJ und aller anderen Berufenen ist eben nun mal die Erziehung des dt. Volkes – wär doch gelacht, wenn das nicht klappen würde!

    Da du den netten Herrn Broder erwähnst, hier mal meine Lieblingszitatae von ihm:

    ——
    1)
    Broder: Was ich völlig im Ernst gut finde ist, dass diese demografische Struktur Europas nicht mehr zu halten ist. Je eher die Europäer das einsehen, desto besser. Einige Städte sind schon recht farbig und nicht mehr «arisch» weiss, und dagegen kann man überhaupt nichts sagen.
    Hagalil: Heisst ein farbiges Europa, dass davon keine Katastrophen mehr ausgehen?
    Broder: Das könnte es bedeuten. Es könnte aber auch bedeuten, dass Europa zu existieren aufhört. (…) Ich würde gerne das weisse Europa aufgeben, aber ich würde ungern das demokratische Europa aufgeben.
    http://www.hagalil.com/archiv/2006/07/europa.htm
    2)
    “Ich glaube tatsächlich, dass Europa ein übernahmereifer Kontinent ist… Ich finde es grundsätzlich gut, dass das so genannte “weisse, heterosexuelle, blonde, arische” Europa seinem Ende entgegengeht.” (Quelle: Berner Zeitung, 8.2.2007).
    3)
    Drei Seiten sind dem radikalen Islamismus gewidmet. Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samed begutachten im Interview die deutsche Angst. Sagt Abdel-Samed: “Die deutsche Angst ist eine Angst vor Veränderung.  Hier ist so lange nichts passiert, dass die Menschen die statische Gesellschaft für das Maß aller Dinge halten. Broder: Da geh ich mit. Das ist auch meine einzige Kritik an Thilo Sarrazin, dass er auf dieser Panikwelle mitschwimmt. Deutschland schafft sich ab. Na und? Gesellschaften schaffen sich öfter mal ab und nicht zwangsläufig zu ihrem Nachteil.”
    —–

    Viele Grüße – achso:
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Israel ein übernahmereifer Staat ist … Ich finde es grundsätzlich gut, dass der Staat Israel mit seinen affigen Ritualen, den gelockten Koteletten, dem Zinswucher und den ganzen Schlomos und Rahels seinem Ende entgegengeht.

    Ganz schön rassistisch, oder?
    Es lebe die Doppelmoral!

    • Karl sagt:

      Achso dann haben jüdische Menschen also kein Recht ihre Existenz zu verteidigen. Ehrlich gesagt kann ich verstehen wenn man als Jude besonders vorsichtig gegenüber jeden Art von Antisemitismus ist. Die letzen 2000 Jahre in Europa dürften hier Lehre genug sein.

      • sba sagt:

        Vorsicht, unmarkierter Sarkasmus?

      • derautor sagt:

        Richards Kommentare sind doch immer wieder seltsam. Ich kann es auf jeden Fall nicht nachvollziehen, warum die Beschneidung so wichtig sein sollte für die jüdische Existenz. Es geht doch darum, dass man als individueller Mensch ein Recht auf Leben hat und auch ein Recht darauf, dieses Leben so zu führen, wie man das möchte, ob nun mit koscherem Essen oder ohne. Die Formulierung, die ja häufig gebraucht wird, dass die Beschneidungsgegner sogleich die jüdische „Existenz“ in Frage stellen würden, ist gut paranoid. Ich habe schon deutlich genug geschrieben, dass Juden als Menschen (und was sind sie denn sonst?) das Recht haben, ihr Leben zu verteidigen und darum bin ich auch dezidiert auf der Seite Israels im Nahostkonflikt. Ob sie dafür nun unbedingt eine Beschneidung im unmündigen Alter brauchen, kann man bezweifeln.

  5. sba sagt:

    mal ne janz bleede Frage: Was hat das eingangs erwähnte Urteil zu Inlandseinsätzen der Bundeswehr mit alledem zu tun? (dessen genaue Bedeutung wir evtl. ert dann werden ermessen können, wenn es einmal in die Praxis umgesetzt werden sollte, was hoffentlich nicht passieren wird – Bedrohungen aus Demonstrationen wurden jedenfalls explizit ausgeschlossen.).

    Ansonsten, mein lieber Autor, könntest Du genauso gut das Deutschsein verweigern, wie ich es tue. Zufällig die Sprache zu beherrschen, ist kein Argument, auf das man sich festnageln lassen müsste. Und Du k o m m s t aus Bayern. Weiß zwar nicht, wie das intern ausschaut; außerhalb gibt es die „volksmündische“ Tradition, dass der Freistaat und die BRD eher eine Zeckehe als eine Liebesheirat eingegangen seien, die man immerhin halbspaßig nutzen könnte. Und ansonten plädierst Du ja eher dafür, sich mit sich selbst zu identifizierren, statt mit irgendeiner Nation. Nur konsequent wäre dann, auch Fremdzuschreibungen zu einem Kollektiv abzulehnen. „Den Deutschen“ gibt es genauso wenig, wie „den Juden“ oder „den Briten“.

    • Karl sagt:

      Ja das stimmt. Bayern steht kulturell Österreich näher als den Preußen an der Elbe. Es wäre sinnvoller Bayern würde mit Österreich einen Staat bilden.
      Aber ich weiß nicht ob der Autor so begeistert wäre als Franke. Da ist ja das Verhältnis zu Bayern etwas gespannt 🙂

    • MałyFelek sagt:

      BRD=Bayern u. Restdeutschland 😉

  6. Individualist sagt:

    Im Grunde genommen ist die Beschneidung ja im Widerspruch zu einem ganz zentralen Glaubenssatz des Judentums: Dass sich nämlich in jedem einzelnen Menschen die gesamte Welt wiederspiegelt: Jedes einzelne Leben zählt! Nur so ist es z.Bsp. verständlich, dass die israelische Regierung bereit ist, tausende arabische Gefängnisinsassen gegen einen einzigen Israeli auszutauschen! Wenn nun aber durch Beschneidungen (die zwar sehr selten, aber immerhin gelegentlich tödlich enden können) Menschenleben gefährdet werden, so ist dies eine Missachtung des oben genannten Glaubenssatzes.

  7. Richard sagt:

    @ Individualist:
    Das ist, soweit ich weiß, nicht richtig.
    „ganz zentralen Glaubenssatz des Judentums: Dass sich nämlich in jedem einzelnen Menschen die gesamte Welt wiederspiegelt“

    Korrekt lautet der Glaubenssatz: „Jedes JÜDISCHE Leben zählt!“

    —–
    „Lektionen in Toleranz

    Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ schließt mit einem sentimentalen Sinnspruch, der als Zitat aus dem Talmud ausgegeben wird: „Wer immer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Diese Erklärung humanen Universalismus’ spricht viele an, und sie wurde ein Teil der Publicity-Kampagne für den Film, aber sie ist nicht wirklich jüdisch. Wie der Historiker Peter Novick in seinem informativen „The Holocaust in American Life“ berichtet, „spricht die traditionelle Version, diejenige, die in allen orthodoxen Yeshivot unterrichtet wird, davon, ‚wer immer ein Leben von Israel rettet’.“ Der traditionelle talmudische Text steht somit in krassem Gegensatz zu Spielbergs Sinnspruch. Ein jüdisches Leben zu retten („ein Leben von Israel“), heißt, die ganze Welt zu retten, denn in Jehovas Augen sind jüdische Leben unendlich kostbar, und nichtjüdische Leben sind es nicht. Weit davon entfernt, die Brüderlichkeit aller Menschen zu lehren, lehrt der Talmud eine so absolute jüdische Vorrangstellung, daß ein einziges jüdisches Leben für so wertvoll erachtet wird wie die Gesamtheit aller anderen Leben. [1]

    Der Talmud, das heiligste Dokument des Judentums, existiert in zwei bedeutenden Rezensionen. Der anscheinend universalistische Text, den „Schindlers Liste“ zitiert, erscheint im Jerusalemer Talmud, der auffallend ethnozentrische Text im maßgeblichen Babylonischen Talmud. Letzterer, der wahre Talmud, enthält den definitiven Text, der in allen orthodoxen religiösen Schulen gelehrt wird und von Generationen lerneifriger junger Juden auswendig gelernt wurde, aber man braucht nicht einmal einen Moment lang nachzudenken, um auf die praktische Unmöglichkeit draufzukommen, in einem an ein nichtjüdisches Publikum gerichteten Film einen talmudischen Aphorismus zu verwenden, der nichtjüdische Leben so deutlich abwertet. Spielberg entschied sich statt dessen wohlweislich dafür, den Judaismus als einen universalistischen Glauben mit einer extravaganten Haltung zum Wert jedes einzelnen Lebens zu präsentieren, eine semitische Sorte von Christentum. Er erteilte keine jüdische moralische Lektion, sondern brachte vielmehr ein übertriebenes Stück christlichen Humanismus, talmudische Weisheit, die für die Bildung von Nichtjuden auf den Kopf gestellt wurde und die deren religiöse Traditionen reflektiert, nicht seine eigenen. [2]“
    —–
    http://www.counter-currents.com/2011/06/holocaust-commemoration/

    • sba sagt:

      Das heiligste Dokument ist immernoch die Thorah!
      Der Talmud ist ein Kompendium der Auslegung, und irgendeinen Einzelsatz daraus zu zitieren, bringt meistens nur die halbe Wahrheit hervor, da andere Lehrarten so gut wie immer mit angegeben werden (was i.d. Praxis so aussieht, dass die Auslegung eines Rabbinen zu einer Frage zitiert wird, und dann abweichende Aussagen anderer Rabbinen.) Da hilft nur Stelle angeben lassen und nachschlagen.

      Ansonsten @Individualist: Ein Verweis auf Binnenlogik eines Systems scheitert meistens an den Systemsätzen, die man nicht kennt. Das habe ich unzähige Male mit Marxisten durch und sofern die durch Kpmlikationen erhöhte Kindersterblichkeit behandelt wird (wovon mir nichts bekannt ist), dürfte es dazu entsprechende Versuche der Nachrechtfertigung geben.
      (Analoges Beispiel: Die Zeugen Jeh*vas sind ebenfalls in das menschliche Leben verliebt, lehnen Bluttransfusionen dennoch ab und erzählen vom Willen Jeh.s wenn man deswegen stirbt)

  8. Bernd sagt:

    Solange die Menschen nicht aufhören, ihre Wissenslücken, statt diese offenzuhalten, mit Glauben, Philosophie, Ideologie oder Tradition aufzufüllen, werden diese Diskussionen anhalten und das Mittelalter wird, im Gegensatz zur Aussage unserer Geschichtslehrer, andauern. Ja, die sogenannte „Wissensgesellschaft“ ist anscheinend noch Jahrhunderte entfernt, wenn sie denn überhaupt je kommt.
    Auch jede Philosophie benötigt ein NATURwissenschaftliches Fundament, sonst ist sie auf Sand gebaut, denn der Mensch IST Natur.

    • derautor sagt:

      Philosophie ist klares Denken und insofern grundlegender als die Naturwissenschaften. Macht man Naturwissenschaften ohne Philosophie, kommt das schamanistische Geschwafel vieler moderner Physiker dabei heraus, die an Zufall glauben, aber nicht an Kausalität, an ihre Modelle, aber nicht an das, worauf sie sich in der objektiven Realität beziehen (oder dass sie sich auf irgendetwas beziehen), an Widersprüche, nicht an das Gesetz der Identität. Siehe: http://www.aynrand.org/site/PageServer?pagename=reg_ls_physics

      • Bernd sagt:

        „aynrand“ ist genau einer dieser von mir angesprochenen Lückenfüller.
        Philosophie ist nicht klares Denken, sondern klares Denken ist das Instrument, das man in der Naturwissenschaft und in der Philosophie benötigt.
        Naturwissenschaft ohne Philosophie ist Halbbildung, da stimme ich zu, aber Philosophie ohne Naturwissenschaft ist „Phantasie und Schneegestöber“ 🙂

        • derautor sagt:

          Da würde ich vielleicht doch erst einmal Ayn Rand lesen.

          • Bernd sagt:

            Bitte keine Unterstellungen, oder läßt sich eine solche Behauptung aus der „objektivistischen Ethik“ ableiten? 🙂
            Mir ist jetzt auch klar, warum meine Frage vom 1. August noch nicht beantwortet ist.

  9. spkr sagt:

    Einmal abgesehen von religiösen und traditionellen Begründungsversuchen für die Beschneidung von Babys, könnte es doch durchaus sinnvolle medizinische geben.

    http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2012/08/beschneidung-verbot-was-duerfen-aerzte.php

    Sollten die erwähnten Studien der Wahrheit entsprechen, so kann man durchaus im Sinne des „Kindeswohls“ diese medizinisch-prophylaktischen Vorteile mit den Nachteilen des Eingriffs (vorrausgesetzt durchgeführt in einer Klinik mit Narkose und Fachpersonal etc.) abwägen. Und man sollte doch dabei zu ähnlichen Schlüssen kommen wie bei anderen prophylaktischen Eingriffen bei Kleinkindern auch.

    Wenn diese Vorteile allerdings keine signifikante Rolle, oder erst beim erwachsenen Menschen (bei Geschlechtskrankheiten etc.)eine Rolle spielen können, und es die Möglichkeit gibt, den Eingriff noch ohne signifikant erhöhtes Risiko bei älteren, mündigen Kindern (die aufgeklärt werden und selbst entscheiden), dann sehe ich das als Grund zum Verbot.
    Das kann ich aber beides als nicht-Mediziner schlecht beurteilen.

    Ansonsten gibt es daran doch nichts auszusetzen?

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