Israel macht, dass Mutti weint

Das „Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten“ beschloss auf einer Konferenz am 27. August, dass Israel für die angeblich schwierigen Lebensbedigungen in Gaza verantwortlich sei. Sollte Israel die „Besetzung“ bis 2020 nicht beenden, so befürchtet die UN eine umfassende Katastrophe.

Seltsam nur, dass Israel den Gaza-Streifen gar nicht besetzt hält, sondern die von den Palästinensern gewählte Terrorgruppe Hamas, die alleine dieses Jahr, 2012, ganze 542 Raketen von Gaza aus auf Israel abgefeuert hat. Insofern ist es nicht recht klar, was genau die UN überhaupt von Israel erwartet. Vielleicht soll Israel die Wirtschaftsblockade aufheben, welche der Hamas den Import von weiteren Waffen erschwert.

Natürlich gibt es eine Möglichkeit für Israel, die Lebensbedingungen in Gaza zu verbessern: Indem Israel den Gaza-Streifen tatsächlich besetzt. Die ökonomische und politische Situation ist schließlich viel besser in Israel als im übrigen Nahen Osten. Ja, am besten Israel besetzt die gesamte islamische Welt, außer vielleicht die Türkei. Das sollte die Lebensbedigungen der Muslime dort erheblich verbessern. Den Muslimen in Israel geht es jedenfalls viel besser als den Muslimen in irgendeinem islamischen Land.

Wer sich für eine typische Debatte zwischen Israel-Verteidiger und einem linken „Israelkritiker“ interessiert; diese hier zwischen dem irischen Politiker Michael D. Higgins und seinem Gegenspieler Michael Graham ist aufschlussreich:

Higgins erwartet, dass Graham allerlei irrelevanten Blödsinn weiß, der überhaupt nicht essenziell ist, um den Nahostkonflikt zu verstehen. Da er die Namen von einigen Schiffen nicht kennt, soll er angeblich gar nichts über den Nahostkonflikt wissen. Higgins und seine antisemitischen Zombies im Publikum unterbrechen Graham fast ununterbrochen, pöbeln ihn an, lachen ihn aus und am Ende nennt Higgins Graham einen „Wichser“. Trotzdem ist ein geschnittenes Video der Debatte gerade auf YouTube im Umlauf, das so dargestellt wird, als hätte Higgins die Debatte für sich entschieden (indem einfach alle Kommentare von Graham herausgeschnitten wurden). Mehr darüber erfährt man bei Mark Humphrys.

Wo wir von antisemitischen Zombies sprechen, in Berlin-Schönberg wurde am Dienstag, dem 28. August 2012, der Rabbiner Daniel Alter auf offener Straße von muslimischen Jugendlichen angegriffen und zusammengeschlagen. „Ich bring dich um!“, sagten sie zu seiner siebenjährigen Tochter. Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung schreibt über die Angreifer: „Sie fühlen sich durch das, was die Mehrheitsgesellschaft denkt, nicht gerade entmutigt.“ Vor allem der Nahost-Konflikt trage zur Ideologisierung bei: „Viele arabische Jugendliche sehen sich als Opfer Israels.“

Das ist schon eine erstaunliche Psychose, sich in Deutschland als Opfer Israels anzusehen. Man könnte sich ebenso als Opfer Liechtensteins ansehen (eigentlich gibt es sogar bessere Gründe, sich als Opfer Liechtensteins anzusehen, schließlich ist es ein beliebtes Ausflugsziel für Steuerhinterzieher).

Beschneidung reloaded 

Wo ich schon dabei bin, das Thema Israel/Juden zu kommentieren: Henryk Broder ließ sich dazu hinreißen, noch einmal die Beschneidungsdebatte um eine Meinung zu ergänzen. Darin wiederholt er weitgehend, was er vorher schon gesagt hat, aber diesmal geht es irgendwie gegen den „Humanismus“. So lautet der Titel: „Real existierender Humanismus nach Hausfrauenart“. Offenbar will er darauf hinaus, dass es einen Unterschied zwischen dem utopischen Humanismus und dem tatsächlichen Humanismus gebe, wie es einen Unterschied zwischen real existierendem Sozialismus und der Idee gab (wobei meiner Ansicht nach das eine logisch zum anderen führte – und vielleicht soll das beim Humanismus ebenso sein).

Der Sozialismus ist allerdings etwas klarer definiert (Gesellschaftliches System, in dem der Staat Eigentümer der Produktionsmittel ist) als der Humanismus. Es geht dem Humanismus irgendwie darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, aber wer möchte die Welt ernsthaft und absichtlich zu einem schlechteren Ort machen, außer einige Spinner? Wer würde von sich sagen, dass er explizit den Humanismus ablehnt? Die neueste Mutation des säkularen Humanismus ist übrigens der „Atheism +“, den Richard Carrier gebastelt hat. Ich habe kein Problem mit den Inhalten des „Atheism +“ und das liegt erneut daran, weil sie so unglaublich vage sind, dass sie kaum jemand ernsthaft ablehnen dürfte.

Insofern habe ich kein Problem damit, wenn man das ganze Humanismus-Ding ein wenig verspottet. Leider gelingt dies Henryk Broder nicht so gut. Ich frage mich, warum er überhaupt einen weiteren Kommentar zum Thema schrieb; wahrscheinlich ist er sich seiner Sache nicht ganz sicher, möchte aber auch nicht vom Kurs abweichen und sich durch Wiederholung mehr Sicherheit verschaffen. Es ist übrigens ein Zeichen von Stärke, seine Fehler einzusehen und seine Meinung zu ändern. Wenn ich es hinbekomme, meine Meinung zu ändern, dass der Mensch nur ein Haufen subatomater Partikel sei, die deterministischen Naturgesetzen folgten, so könnte Broder es doch schaffen, seine Beschneidungsmeinung zu entschärfen.

Er beginnt seinen Kommentar mit einem Verweis auf das schweizerische Minarett-Verbot, das generell für einen unzulässigen Eingriff in die Religionsfreiheit angesehen wurde. Nun soll das Beschneidungsverbot ebenso zu werten sein wie das Minarett-Verbot. Allerdings sind Minarette keine Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit oder in andere Menschenrechte, was die Beschneidung schon ist, also geht es hier um etwas komplett anderes.

Für solche „archaischen und barbarischen Bräuche“ sei in einer aufgeklärten Gesellschaft kein Platz.

Kommt darauf an, ob Menschenrechte verletzt werden oder nicht. Religion und Esoterik sind generell archaisch, aber größtenteils legal.

Ein Kind sollte nicht ungefragt in eine Religionsgemeinschaft gezwungen werden, man müsse ihm die Entscheidung überlassen, ob und wenn ja welcher Konfession es angehören möchte. (Ein Argument übrigens, das man in Bezug auf die christliche Taufe in dieser Radikalität sehr selten hört.)

Das sagt jedenfalls Richard Dawkins. Aber auch er will kein Gesetz daraus stricken, sondern er will den Leuten nur ins Gewissen reden. Ich denke allerdings, dass Kinder die religiöse Erziehung im vernünftigen Rahmen mitmachen müssen, die ihre Eltern für sie aussuchen, bis sie alt genug sind, sich gegebenenfalls von dieser abzuwenden. Das mag einem nicht gefallen, aber mir gefällt so vieles nicht, da könnte man ebenso marxistische Indoktrination von Kindern verbieten oder die Weitergabe von jeglicher falscher Information an den Nachwuchs. Das wäre offensichtlich unmöglich – niemand ist allwissend, aber fast alle Eltern meinen es gut. Also muss man es ertragen können, wenn es Eltern gibt, die ihren Kindern was von Gott erzählen oder von dem Segen der Bachblütentherapie oder von Rudolph Steiners Atlantis.

Die christliche Taufe bindet einen Menschen laut Vorstellung der Kirchen auf alle Zeit ans Christentum. Da es sich dabei allerdings lediglich um eine Fantasie in den Köpfen gläubiger Christen handelt, ist es eigentlich ziemlich egal, ob man getauft wird oder nicht (ich wurde getauft und hatte bis zum Ende katholischen Religionsunterricht. Jetzt bin ich Atheist, das geht problemlos.)

Würden die Moslems und die Juden ihren Söhnen die Ohrläppchen beschneiden, würde sich niemand darüber aufregen.

Ich würde mich darüber aufregen, weil auch die grundlose Amputation des Ohrläppchen ein unnötiger operativer Eingriff ist und eine Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Aber die Beschneidung der Vorhaut ist natürlich viel gravierender.

Er könnte also die in Deutschland lebenden Moslems (ca. vier Millionen) und die Juden (etwa 150.000) sich selbst überlassen – wenn er sich nicht verpflichtet fühlte, sie davor zu bewahren, sich etwas Schlimmes anzutun.

Das ist ein Beispiel für kollektivistisches Denken. Broder teilt das Land in verschiedene Menschengruppen ein, die alle ihre eigenen Gesetze befolgen. Tatsächlich gilt in Deutschland gleiches Recht für alle, auch wenn ausgerechnet ihm das scheinbar nicht gefällt. Es geht nicht darum, einer bestimmten Gruppe das Recht auf kollektive Selbstbestimmung zuzusprechen, wir sprechen individuellen Menschen das Recht auf Selbstbestimmung zu.

Nehmen wir mal an, wir würden hier von Zwangsheirat sprechen. Was würde ein Mädchen sagen, das zwangsverheiratet werden soll, würde Broder diese Praxis mit der Argumentation verteidigen, die Deutschen wollten „die Muslime“ ja nur paternalistisch davon abhalten, sich etwas anzutun? Wollen wir nicht. Wir wollen die Rechte des Mädchens schützen. Broder sollte das Land in Individuen einteilen, die das Recht haben, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Innerhalb des Rahmens der freien Grundordnung kann natürlich jeder machen, was er will. Gerade um diesen Rahmen geht es hier allerdings.

Nicht nur Küchentherapeuten und Küchenpädagogen, auch waschechte Hausfrauen nehmen an dieser Volksdebatte teil. Frau M. aus Minden in Westfalen hat ein feuriges „Plädoyer für die rechtliche Gleichstellung aller Kinder“ verfasst, das sie an Redaktionen und zivilgesellschaftliche Organisationen verschickt.

Und Hausfrauen sind ja laut Definition doof, dürfen sich nicht an gesellschaftlichen Debatten beteiligen und werden öffentlich von Broder veralbert und an den Pranger gestellt, wenn sie es wagen, doch einmal den Mund auf zu machen. Großartig. So viel zu „mehr Demokratie wagen!“ und „Mischen Sie sich ein!“ und der ganzen Sülze. Sie nennen es „Aufklärung“.

Intellektuelle sollten das Volk gewissermaßen (durch ihr größeres Wissen und ihre Fähigkeit zum klaren Denken) anführen, mit gutem Beispiel vorangehen, ihnen die Dinge erklären – sie aber stets ernstnehmen, eine rationale Antwort auf ihre Fragen und Einwände parat haben und sie mit Respekt behandeln – insofern sie keine Arschlöcher sind wie einige Trolle in meinem Kommentarbereich. Das wäre jedenfalls meine Variante des arroganten Snobismus. Einfach nur aufs breite Volk zu spucken, das sowieso nichts kapiert, das wäre dann die andere Variante, mit der ich reichlich wenig anfangen kann.

Noch fairer wäre es nur noch, wenn man den Kindern die Auswahl ihrer Eltern und auch die Entscheidung darüber überlassen würde, ob sie als Jungen oder als Mädchen auf die Welt kommen möchten.

Broder hat keine Lust, meine kritischen Kommentare zu lesen. Und die Achse-Redakteure werden ja auch nicht dafür bezahlt; also warum sollten sie sich um ihre Leser scheren, selbst wenn sie vielleicht ein wenig cleverer sind als (angeblich) Broders Hausfrau. Was die Achse-Autoren tun, ist gesellschaftliches Engagement. Sie haben also automatisch recht, es gibt niemanden, der ihnen ins Gewissen reden oder ihre Aussagen widerlegen könnte. Und wenn irgendein dahergelaufener Blogger etwas sagt, ist das schön für ihn, aber irrelevant. So kommt es dann auch, dass Broder dieselben dämlichen Argumente stets wiederholt. Muss ihn ja nicht stören. Dem ein oder anderen Leser fällt es auf und er ist enttäuscht. Aber bei den Tausenden, die er hat – wen kümmert das breite Fußvolk?

Also nochmal: Es widerspricht der Natur der Dinge, entscheiden zu können, ob man als Junge oder Mädchen auf die Welt kommen möchte oder welche Eltern man hat. Es ist unmöglich. Über die eigene Beschneidung zu entscheiden, ist nicht unmöglich. Man kann nicht bei Erreichen der Volljährigkeit entscheiden, ob man lieber als Junge oder als Mädchen geboren worden wäre.

Demnächst wird vor einem Berliner Amtsgericht der Fall eines Mädchens verhandelt, dem die Eltern zum dritten Geburtstag „das Stechen von Ohrlöchern“ geschenkt haben. Nun verlangt das Mädchen, vertreten durch seine Eltern, ein Schmerzensgeld von der Inhaberin des Tattoo-Studios, da diese das Ohr nicht an der „vorgesehenen Stelle“ gelocht habe.

Beschneidung und Ohrlochstechen sind zwei paar Schuhe. Aber für Broder ist einfach alles dasselbe. Vielleicht ist ihm auch einfach alles egal.

Immerhin hat diese Debatte wieder einmal gezeigt, dass man sich entweder an rationalen moralischen Prinzipien orientiert, oder bloße Willkür herrscht, also ein moralloser Zustand. Entweder ein Mensch hat ab Geburt (alle Rechte gelten ab Geburt) ein Recht auf körperliche Unversehrtheit oder ein Mensch hat kein solches Recht. Wenn er es hat, muss man es konsistent verteidigen. Dann haben nicht nur muslimische Mädchen das Recht, von der Beschneidung verschont zu werden, sondern eben auch jüdische und muslimische Jungs. Es ist wirklich ganz einfach, würden wir nur nicht in einer dermaßen pragmatischen, wertefreien Zeit leben, dass die Leute „Prinzipien“ schon gar nicht mehr verstehen können.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik.

3 Kommentare zu “Israel macht, dass Mutti weint

  1. Andreas D. sagt:

    Ich betrachte die Achse des Guten mittlerweile überwiegend als Quelle pointierter Zuspitzungen und politischen Humors. Als solche lässt sich die tägliche Lektüre wirklich genießen. Und ich möchte sie auch nicht missen.

    Mit Blick auf die Rationalität der Argumentation, auf philosophische Fundierung bin ich bei manchen Beiträgen aber wirklich enttäuscht. Doch ich schätze, darin sehen die Achse-Autoren auch nicht unbedingt ihre Aufgabe bzw. sie sehen sie nicht mehr darin. Denn man kann auf der Achse lesen: „Ihre Autorinnen und Autoren lieben die Freiheit und schätzen die Werte der Aufklärung.“

    Freiheit ist immer individuelle Freiheit und Aufklärung meint immer auch Rationalität. Du hast das sehr treffend dargelegt. Vielleicht sollte es also besser heißen: „Ihre Autorinnen und Autoren lieben die Provokation und schätzen die Mittel der Polemik.“ Das wäre ehrlicher.

  2. MałyFelek sagt:

    Das ist ein Beispiel für kollektivistisches Denken. Broder teilt das Land in verschiedene Menschengruppen ein, die alle ihre eigenen Gesetze befolgen.

    Nein,das ist ein Beispiel für falsch verstandene Toleranz im Gewande des sog. „Multikulturalismus“.Gilt nat. nicht für alle, ansonsten könnte man ja,z.B als Rastafari,argumentieren dass Kiffen eine gottesdienstliche Handlung sei,deshalb die Hanfplantage im Hinterhof 🙂 Ansonsten kann ich es fast nicht nachvollziehen wie indoktriniert man sein muss um die offensichtliche Körperverletzung einer Beschneidung bewusst zu ignorieren und zu rechtfertigen-statt via Apologetik einfach eine andere Zeremonie zu ersinnen.

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