Und erlöse dich von dem Bösen

Es gibt eine Möglichkeit, Vergebung zu finden, wenn man einen moralischen Fehler beging. Es gibt allerdings keine ursachelose, grundlose Vergebung ohne echte Reue, Wiedergutmachtung und ohne eine Verhaltensänderung. Es gibt dann eine Erlösung von den Sünden, wenn man sie einsieht, seine Fehler wiedergutmacht und durch sein Verhalten beweist, dass man sich verändert hat. Geht man davon aus, dass man für seine Fehler nicht verantwortlich ist, sondern andere, „die Gesellschaft“, Gene, Umwelt, unentwirrbare deterministische Faktoren, so kann man es gleich vergessen, jemals Vergebung zu finden.

Die objektivistische Literatur zum Thema Vergebung ist leider nicht sehr umfangreich – Ayn Rand hatte eine größere Freude an der Verurteilung als an der Vergebung. Allerdings kann man von den Grundlagen ausgehen, die Philosophie anwenden und mit Logik selbst das Rätsel der Vergebung lösen – was die Philosophin Diana Mertz Hsieh, die sich mit dem Thema aus objektivistischer Sicht befasste, versuchte, aber meiner Meinung nach nicht konsistent getan hat.

Von nun an wird alles anders

In ihrem Vortrag zum Thema Vergebung schreibt  Hsieh, die Vergebung erfordere eine Einsicht in die Falschheit der eigenen Handlungen, eine Entschuldigung und dass man zukünftig auf das moralisch falsche Verhalten verzichtet. Allerdings spielt die Wiedergutmachung in ihrem Vortrag keine Rolle. Man beichtet seine Sünden, entschuldigt sich bei den Betroffenen und sündigt zukünftig nicht mehr. Das ist so, als würde man jemanden ohne guten Grund (Selbstverteidigung) krankenhausreif schlagen, sich dafür entschuldigen und in Zukunft niemanden mehr krankenhausreif schlagen, womit die Sache erledigt wäre (tatsächlich wäre das eine Anwendung des vorliegenden Konzepts der Vergebung) – ohne Strafe und ohne Wiedergutmachung.

Die Vergebung ist der an Bedingungen geknüpfte Verzicht auf Strafe. Wenn jemand seinen Partner betrügt und der Partner vergibt ihm, so bedeutet das, dass er auf Strafe oder Rache verzichtet. Er verlässt seinen Partner nicht und er betrügt ihn nicht ebenso. Neben einer Entschuldigung und dem zukünftigen Verzicht auf Betrug – was nur bedeutet, dass man zur Normalität zurückkehrt – gibt es dafür allerdings eine Bedingung, nämlich der Ausgleich des moralischen Vergehens. Ohne diesen Ausgleich wäre das Prinzip der Kausalität, Ursache und Wirkung, verletzt.

Verhält man sich moralisch, so bedeutet das, dass man das Händlerprinzip in seinen Taten anerkennt: Man tauscht Wert gegen Wert, Arbeit gegen Geld, Geld gegen materielle Güter, Liebe gegen Liebe und so weiter. Unmoralisches Verhalten ist eine Verletzung des Händlerprinzips. Man nimmt etwas, ohne es sich verdient zu haben oder gibt etwas, ohne dass es sich der andere verdient hätte – zum Beispiel Vergebung. Ein Verstoß gegen das Kausalitätsgesetz hat Folgen.

Bösartige Menschen sind der Ansicht, unmoralische Handlungen würden ihrem Eigennutz dienen. Sie machen also damit weiter, bis man ihnen zeigt, dass man dies nicht hinnimmt. „Mache das noch einmal und ich verlasse dich.“ Man sollte seinen eigenen Wert nicht unterschätzen. Wenn der Partner der Meinung ist, er müsse einen nicht als Wert schätzen, so sollte man dies nicht tolerieren. Sonst führt das das zum Unglück von Beiden.

Diana  Hsieh erwähnt in ihrem Vortrag auch die Möglichkeit minder schwerer Fälle, wo der Prozess der Vergebung abgekürzt werden könne. Als Beispiel erwähnt sie jemanden, der einen anrempelt. Hier genüge es schon, „Oh, sorry!“ zu sagen und der andere antworte mit einem Lächeln, das Vergebung ausdrückt. Leider hat dieses Beispiel nichts mit Vergebung zu tun, insofern man nicht davon ausgeht, dass der andere einen mit böser Absicht angerempelt hat. Sollte er einen mit böser Absicht angerempelt haben und es dann bereuen, müsste er sich entschuldigen, Wiedergutmachung leisten und es in Zukunft nicht mehr tun. Die Wiedergutmachung kann da recht simpel ausfallen, vielleicht genügen einige aufmunternde Worte oder man gibt dem Geschädigten, insofern er ein Kind ist, einen Lutscher oder so etwas.

Meines Wissens schreib Ayn Rand selbst nur einen einzigen Satz zum Thema Vergebung: „Böse als Person zu sein bedeutet Überlebensunfähigkeit. Kein Mensch kann den Augenblick überleben, sich als böse ohne Möglichkeit der Vergebung zu erklären; sollte er es tun, wäre sein nächster Augenblick Wahnsinn oder Selbstmord.“ (Galts Ansprache, Atlas Shrugged)

Das Ende der Erlösung

Dank der modernen Philosophie gibt es für zunehmend viele Menschen keine Vergebung mehr. Vergebung wird im Objektivismus laut Diana Hsieh definiert als „der Vorgang der Veränderung oder Vertiefung der Hingabe zu rationalen moralischen Prinzipien (Tugenden) nach einem moralischen Fehler.“ Wenn rationale Prinzipien zu Gunsten des Pragmatismus negiert werden, so kann es auch keine Vertiefung der Hingabe zu rationalen moralischen Prinzipien geben – es gibt im Pragmatismus schließlich überhaupt keine Hingabe zu solchen Prinzipien. Schließlich kennt er keine Prinzipien, sondern er  rät den Menschen, das zu tun, was in einer konkreten Situation „nützlich“ sei – ohne „nützlich“ zu definieren.

Auf Facebook wurde mir beispielsweise gestern von einem Leser mitgeteilt, dass er Prinzipien ablehnt und pragmatische Lösungen für vernünftiger halte. Mir warf er „Dogmatismus“ vor, weil ich mich an Prinzipien orientiere. Sollte er einmal einen moralischen Fehler begehen, ist Vergebung für ihn unmöglich, bis er seine Philosophie ändert.

Es wäre natürlich ein grobes Missverständnis, würde man diese Ausführungen so auslegen, dass nur Philosophen, die sich das alles genau durchdenken, tugendhaft leben könnten. Die heutigen akademischen Philosophen leben sowieso zu größeren Teilen nicht tugendhaft, weil sie verschiedene Varianten der modernen Philosophie teilen, die mit einer antiken Idee wie Tugenden nichts anfangen kann. Und es ist nicht schwer, diese Dinge zu verstehen – wir haben nur leider keine Kultur, die rationale Tugenden predigen würde, sondern entweder irrationale Tugenden, die man nicht leben kann, oder gar keine.

Literatur

Ayn Rand: Compromise, Errors of Knowledge vs. Breaches of MoralityEvil, Moral Judgment

Diana Hsieh: Forgiveness and Redemption

8 Kommentare zu “Und erlöse dich von dem Bösen

  1. DeeTee sagt:

    Ich kann diesem Artikel voll und ganz zustimmen, obwohl ich bzgl. der Willensfreiheit anderer Meinung bin.
    Hier schilderst Du eine Situation, in der aus Fehlern gelernt wird. Im positiven Sinne durch echte Einsicht durch Empathie und dann Reue, oder im negativen Sinne erst durch konsequente Bestrafung. Danach wird sich der „Täter“ nicht mehr so frei entscheiden, einen ähnlichen Fehler zu begehen, da diese Option durch die gemachte Erfahrung nun durch andere Verhaltensmuster ersetzt werden.
    Erziehung tut auch nichts anderes. Aus Fehlern lernt man. Bei Kindern sind es Kleinigkeiten wie „Du darfst das nicht jemandem wegnehmen“ oder „Du darfst niemanden grundlos verhauen“, die hoffentlich dazu führen dass die Person später keine noch größeren Dummheiten macht.
    Natürlich ist die Wirklichkeit komplizierter-und komplexer.

  2. sba sagt:

    „Die Vergebung ist der an Bedingungen geknüpfte Verzicht auf Strafe.“
    Sehe ich leicht anders, Du kannst Dir vrmtl. denken, warum. Ein Beziehungsabbruch nach einer Verfehlung ist m.E. eigentlich keine Strafe, sondern die logische Folge zum Selbstschutz des Geschädigten (nat. abhängig von Schwere und/oder Anzhal der Verfehlung(en)). Strafe als Vergeltung hat eher damit zu tun, Schaden für Schaden zurück zu geben (wobei ein verlassener Ehebrecher nat. die Beziehungsauflösung als Strafe empfinden mag; da ihm aber die Beziehung offenbar hinreichend unwichtig war, um noch woanders zu fischen, sehe ich da nicht wirklich einen Schaden, ist er nun doch „frei“, zu angeln, woimmer es ihm beliebt). Will sagen: Vergebung kann ohne Strafe abgehen, muss aber nicht, die Bereitschaft zur Fortsetzung der Beziehung kann sich u.a. auch erst durch die erfogte Strafe einstellen (z.B. weil man daran sieht, dass dem anderen diese Beziehung hinreichend wichtig ist, um die Strafe daür auf sich zu nehmen). Und dann wäre von der Strafe als Vergeltung noch die Züchtigung (allgemein als Erziehungsmaßnahme) zu unterscheiden.

    „wie sie auch bei den traditionellen Vorstellungen von Sündenvergebung keine Rolle spielt. Man beichtet seine Sünden, entschuldigt sich bei den Betroffenen und sündigt zukünftig nicht mehr.“
    Also für die frühe und für die (römisch-)katholische Kirche gilt das schonmal ebenso wenig, wie für Judentum und Islam. Soweit ich weiß, ist bei den Kath. derzeit Usus, dass nach der Beichte neben der Bußhandlung auch eine Wiedergutmachung an Geschädigte zu den Auflagen der Vergebung gehört.
    Wenn man ansonsten den Eindruck bekommt, dass Vergebung als billige Gnade gehandhabt wird, liegt das möglicherweise an einer mangelnden Unterscheidung zwischen Vergebung von Gott und Vergebung vor Menschen.

    • sba sagt:

      PS: „Auf Facebook wurde mir beispielsweise gestern von einem Leser mitgeteilt, dass er Prinzipien ablehnt und pragmatische Lösungen für vernünftiger halte.“
      –> „Das in einer Situation nützliche zu tun ist vernünftgier, als sich an Prinzipien zu orientiern.“
      Rein formal ist das auch ein Prinzip.

    • derautor sagt:

      Bei der Strafe bin ich anderer Meinung, aber mit der religiösen Version der Vergebung hast du Recht. Tatsächlich scheint meine objektivistische Variante der Vergebung eine konsequent säkularisierte Version der katholischen Sündenvergebung zu sein. Erstaunlich, dass man mit purer Logik auf so etwas schließen könnte. Das war mir gar nicht bewusst.

      • sba sagt:

        „Bei der Strafe bin ich anderer Meinung“
        Soweit klar. Mich würde noch interessieren, warum? Scheinbar gehst Du nicht vom Beziehungsgeschehen aus und auch nicht von dem, was ich die „negative Seite des Händlerprinzips“ (Schaden für Schaden) nennen würde.

        Das mit dem Katholizism macht nichts. Ich habe bei Amazon mal eine Rezi gelesen, die die objektivistische Ethik auf die 10 Gebote zurück geführt hat (spez. „Du sollst nicht töten, Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider Deinen nächsten“ ), wobei es dann leider daran gefehlt hat, die Notwendigkeit der ersten Tafel für die zweite zu zeigen. Meine Mathelehrerin sagte immer, dass viele Wege zum Ziel führen und im Logikkurs wurde nachgewiesen, dass auch falsche Prämissen zur richtigen Schlüssen führen können. Vielleicht ein Anlas, sich nach den systematischen auch mit den Erschließungszusammenhängen (also nach der Frage, warum etwas wahr ist, mit der Frage, warum Menschen etwas für wahr halten) zu befassen. Idealiter wäre das lediglich die Frage, auf wie viele Arten man ein Konzept formulieren kann, ohne dass es sein Wesen verliert.

        Ansonsten möchte ich proponieren, dass die evangelische Vergebung sich von der (römisch-)katholischen darin unterscheidet, dass wir (eigentlich) zwei Subjekte der Vergebung annehmen (müssten): Gott und Mensch. Das Schlüsselamt betrifft das Gottesverhältnis des Sünders, alles andere ist zwischenmenschlich. Theoretisch kann man also jemanden absolvieren und dann dennoch das Weite suchen.

        • derautor sagt:

          Die zehn Gebote sind nach meinem Verständnis absolut ausgelegt, man darf also nie lügen, auch nicht zur Selbstverteidigung gegen Kriminelle; das wäre im Objektivismus anders, da darf man nicht lügen, um sich einen Vorteil dadurch zu verschaffen, irgendeinen Wert sich dadurch zu erschleichen.

          Wenn Vergebung Strafe impliziert, kann man eigentlich darauf verzichten. Angenommen, du bist wütend und betrunken und zerstörst den Zaun des Nachbarn. Am nächsten Tag wachst du in seinem Garten auf, bemerkst, was du getan hast, gehst zum Nachbarn, entschuldigst dich, bezahlst den Zaun (oder baust ihn selbst wieder auf), versicherst glaubwürdig, es nie wieder zu tun und der Nachbar sagt: „Na gut, ich vergebe dir.“ Dann dürfte der Nachbar ihn nicht ZUSÄTZLICH noch verklagen und auf Strafe drängen. Wenn er vergibt, dann vergibt er. Das ist optional – er könnte ihn auch anzeigen, aber wenn schon, denn schon.

          Oder es wäre auch denkbar, dass ein Dieb vom Staat bestraft wird, obwohl du ihm vergeben hast. Das hat mit dir und deiner Vergebung dann nichts zu tun.

          • sba sagt:

            Okay, ich glaube, ich sehe das Problem in Form 2er Missverständnisse: Einmal verwirrt mich, dass Wiedergutmachung und Strafe ungleich gesetzt sind und bekomme das Verhältnis von Strafe und Vergebung nicht ganz auf die Reihe (vor allem in der Frage: wer straft/ wer darf strafen?)…Wenn Strafe die Normalfolge einer Verfehlung ist (abgesehen von Wiedergutmachung), dann kann ich mich mit dem Satz anfreunden, dass Vergebung Verzicht auf Strafe impliziert (durch das Ineinanderfallen von normaler Folge und normaler Folge: Ich habe Strafe bisher als etwas über die Normalen Folgen einer Verefehlung hinausgehendes betrachtet).
            Das andere: Ich habe mitnichten gemeint, dass Vergebung Strafe impliziere. Ich habe Vergebung und Strafe als prinzipiell voneinander unabhängig gesehen (warum, siehe eben).

            Betr. der Beispiele: Stimmt schon: Wenn ich einem Dieb vergebe, werde ich ihn nicht anzeigen oder die Anzeige zurücknehmen. Bei der Sache mit dem Zaun wäre eine Verurteilung eher unwahrscheindlich, da das StGB (nagut, zwar nicht normativ, aber evtl. interessant) Straferlass oder -erleichterung gewährt, wenn man „tätige Reue“ praktiziert, was in concreto meint, die Folgen der Verfehlung nichtet oder zu nichten hilft.

            Und zu den zehn Geboten … Lüge an sich ist nirgends verboten. Bei der entsprechenden Stelle geht es um Verhalten als Zeuge vor Gericht (und da u.a. Todesurteile auf einstimmigen Aussagen dreier Zeugen beruhten, war das auch kein Pappenstiel), was in den Übersetzungen immer kaum wiederzuerkennen ist. Der Hebäische Text verbietet es, „als Lügenzeuge auf(zu)treten“.

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