Skeptizismus ist dogmatisch

Der Begriff „dogmatisch“ wird dieser Tage auf eine Art und Weise gebraucht, dass sich einem die Zehennägel einrollen. Eine dogmatische Behauptung ist nicht länger eine „willkürliche Behauptung, für die es keine Belege gibt und die einfach akzeptiert werden muss“, sondern es ist jede Behauptung, von der jemand behauptet, sie sei wahr.

Meine Philosophie besagt, dass wir reales Wissen über die objektive Realität erzielen können. Natürlich nicht mittels Offenbarung, Instinkten oder Gefühlen, sondern durch Vernunft (Identifikation und Integration unserer Sinnesdaten) mit der Methode der Logik (widerspruchsfreie Identifikation von Sinnesdaten). Das gilt auch für die „Axiome“ des Objektivismus, die keine willkürlichen Annahmen sind, sondern unmittelbar – mit Hilfe von Vernunft und Logik! – einsichtige Wahrheiten, die man selbst beim Versuch, sie zu leugnen, voraussetzen muss. Sie sind nicht dasselbe wie Kants „synthetische Urteile a priori“ und sie sind nicht dasselbe wie religiöse Dogmen.

Könnten wir kein Wissen über die objektive Realität in Erfahrung bringen, so könnten wir uns Schulen ersparen, denn dort würden andernfalls nur die vorübergehenden, willkürlichen Halbwahrheiten gelehrt, die sich Pädagogen in ihrer Mittagspause zusammenspinnen. Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse ließen sich nicht anwenden; es gäbe vielleicht Theorien über das Fliegen, aber es gäbe keine Flugzeuge; es gäbe die Newton’schen Gesetze, aber keine mechanischen Apparate, es gäbe Theorien über Elektrizität, aber keine Smartphones.

Wer versichert, dass man nichts wissen könne, der versichert implizit, dass man auch nicht wissen könne, das man nichts wissen könne, was darauf hinausläuft, dass er essenziell gar nichts gesagt hat (was für alle Beteiligten auch besser gewesen wäre). Wer meint, unser Wissen sei unsicher oder vorrübergehend, der sagt ebenso, seine Behauptung, Wissen sei unsicher oder vorrübergehend, sei ebenfalls unsicher oder vorrübergehend.

Außerdem kann man sich diese Spielchen ersparen, weil es eben doch Flugzeuge gibt, die wirklich fliegen, weil es eben doch Smartphones gibt und sogar Atomreaktoren, die eine Anwendung hoher Physik darstellen. Wir wissen also definitiv, wie die objektive Realität beschaffen ist – umfassend genug, um unser Wissen zur Konstruktion technologischer Apparate verwenden zu können (und das ist sehr umfassend!). Wir wissen inzwischen genug über die Realität, um zum Mars fliegen zu können, der 228 Millionen Kilometer von uns entfernt ist. Wer schon Probleme hat, eine Reise nach England zu planen, sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

Und dann gibt es Leute, die meinen, ich wäre „dogmatisch“, weil das ich das, was offensichtlich wahr ist, glaube. Sollte ich stattdessen das glauben, wofür es keine Belege gibt, was aber „sein könnte“ (irgendwo fliegt ein zwei Kilometer großer, rosa Schwamm durchs Weltall, das Monster von Loch Ness versteckt sich in einer Paralleldimension, wann immer es jemand sucht, ein allmächtiger Gott hat die Welt erschaffen, der freie Wille ist eine Illusion)?

Die Psychologie der Leute, die Tatsachen für „dogmatische Behauptungen“ halten, ist sehr vielsagend. „Es ist eine bloße dogmatische Behauptung, dass ich nichts stehlen darf, es ist eine bloße dogmatische Behauptung, dass ich meine Frau nicht betrügen darf. Es gibt keine Realität, nichts ist wahr, der Mensch kann auf jede Weise leben, er hat keine Natur.“

Es gibt keinen rationalen Grund, vom Skeptizismus überzeugt zu sein. Der Skeptizismus ist eine bloße, dogmatische Behauptung.

12 Kommentare zu “Skeptizismus ist dogmatisch

  1. foundnoreligion sagt:

    Beim Skeptizismus befindet sich ein sehr starkes Paradoxon. Wer ihn verabsolutisiert, hebt ihn damit gleichzeitig auf. Auf einen gewissen Skeptizismus sollte man aber dennoch nicht verzichten, da es sonst keinen wirklichen Erkenntnisgewinn gibt.

    • derautor sagt:

      Man sollte gute Gründe für seine Behauptungen haben und sich in Abstufungen sicher sein, je nachdem, wie gut die Gründe sind, die man jeweils hat, wie objektiv das Wissen ist, wie gut es belegt ist.

  2. Karl sagt:

    Ist eigentlich der Objektivismus dem Idealismus oder dem Materialismus zuzuordnen. So wie du das beschreibt hört sich das für mich wie eine materialistische Position, die auch teile, an.

    • derautor sagt:

      Der Objektivismus ist die dritte Alternative zu Idealismus und Materialismus. Der Idealismus leugnet die Existenz der materiellen Welt, der Materialismus leugnet die Existenz des menschlichen Bewusstseins, der Objektivismus erkennt beide an (er ist eine Variante des nicht-reduktionistischen Naturalismus).

      • Karl sagt:

        Danke für die Auskunft. Jetzt weiß ich auch warum Ayn Rand so mit Kant, ja quasi dem Begründer des deutschen Idealismus, so über Kreuz lag.

        • Rüdiger sagt:

          … aber Du hast nicht überlesen, dass sie auch mit dem Materialismus über Kreuz lag, gell?

          • Karl sagt:

            Warum sollte ich das überlesen haben. Aber von der philosophischen Tradition her war der deutsche Idealismus wegen seiner Auswirkung auf Hegel, Marx und später auch die postmoderne Philosophie einflussreicher.

          • sba sagt:

            Nunja, wenn wir annehmen, dass Hegel dem Idealism zuzuordnen ist und Marx&Nachfolge dem Materialism, sowie das Verhältnis Marxens zu Hegel berücksichtigen – dann gehört der Idealism mindestens mit zu den Großeltern des Materialism.

  3. doublemoth sagt:

    Als Anhänger des modernen Skeptizismus möchte ich anmerken, dass der Autor hier eher den klassischen bzw.radikalen Skeptizismus anspricht. Ich kenne keinen modernen Skeptiker, der wissenschaftlich gut gesicherte Kenntnisse in Frage stellt, ohne dafür eine wirklich gute Begründung zu haben. Jedoch stimmt es, dass es auch für moderne Skeptiker keine eindeutige Wahrheit gibt. Je besser aber etwas belegt ist, desto wahrscheinlicher ist es für einen modernen Skeptiker, dass es Wahr ist.

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