Von zwei Kulturen zu keiner Kultur

Meine Auseinandersetzung mit einem Naturwissenschaftler, der die Geisteswissenschaften für leeres „Geschwätz“ hielt, motivierte mich, zum Ursprung dieses Streits der Disziplinen zurückzukehren. Es gibt auch eine persönliche Vorgeschichte: Vor meinem Studium der Anglistik konfrontierte ich den Fakultätsleiter mit ähnlich gelagerten Vorwürfen von einem befreundeten Physiker und wollte einmal wissen, was er dazu sagen würde. Er gab mir einen Eindruck von dem großen Einfluss, den Ideen auf das Leben der Menschen ausüben; mit Hilfe des Negativ-Beispiels Sozialismus, dessen Einfluss eher als verheerend zu bezeichnen ist – und doch überaus real.

Inzwischen denke ich, dass Ideen tatsächlich den Werdegang der menschlichen Geschichte bestimmen; nicht Rohstoffe, nicht Rassen, nicht Technologie als solche, sondern Ideen, die vornehmlich von Philosophen stammen und die den Rest der Gesellschaft, einschließlich der Literatur, massiv beeinflussen.

Mit dem Ursprung des Streits der Disziplinen befasst sich das Buch From Two Cultures to No Culture. C.P. Snow’s „Two Cultures“ lecture fifty years on. Thema ist die berüchtigte „Zwei Kulturen“-Vorlesung des Naturwissenschaftlers und Schriftstellers C.P. Snow, die einen enormen Einfluss zeitigte.

Die Vorlesung „The Two Cultures and the Scientific Revolution“ von 1959 ist eine Vorlesung des Buchautors Charles Percy Snow, in der er Geisteswissenschaftlern vorwirft, sie seien technikfeindliche, ahnungslose Crétins. Er spricht sich für den wissenschaftlichen Fortschritt aus, was für ihn der technologische Fortschritt ist. Snow argumentiert, dass der Westen für zehn Jahre viele gute Wissenschaftler in die Dritte Welt schicken solle, um die Leute dort technisch auszubilden, was genügen würde, um den Wohlstand global anzupassen. „Die Schere zwischen Arm und Reich“ sah er als besonderes Übel an. Von Snow stammt auch die Idee, jeder müsse den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kennen, obgleich dieser ein recht spezielles Fachwissen darstellt. Snow spricht schließlich von der inspirierenden technologischen Überlegenheit des Ostblocks, der den Westen überholen werde.

Snow verurteilt Schriftsteller wie Yeats, Pound und Wyndham Lewis, die den Weg für faschistische Diktatoren geebnet hätten. Als überzeugter Linker übersieht Snow geflissentlich Autoren wie George Bernard Shaw und H.G. Wells, die den sowjetischen Kommunismus unterstützten und somit Stalins Säuberungen näherbrachten.

Ein bisschen wie Richard David Precht in seiner neuen „Philosophie“-Sendung kritisiert Snow zwar vehement das Bildungssystem, ohne jedoch einen einzigen konkreten Vorschlag zu machen, wie man es verbessern könnte. Darum glaubten manche, der Sinn des Vortrags sei gar nicht die Ausführung von Snows angeblichem Thema gewesen, sondern eine Versöhnung zwischen Ost und West.

Eine Abreibung erhielt Snow sogleich vom gestandenen Cambridge-Literaturprofessor F.R. Leavis, dessen  Replik auf Snows Rede ähnlich berüchtigt ist wie die Rede selbst. Leavis nannte Snow „intellektuell so durchschnittlich, wie man nur sein kann“, er selbst sei „vernachlässigbar“, der Romanautor Snow wisse „nichts“ über Geschichte und Literatur (in der Tat ist Snow als Autor längst vergessen). Leavis betrachtete ein schlechtes Buch als eine persönliche Beleidigung und Snow war eine personifizierte Konzentration von allem, was Leavis verabscheute. Daher die wüsten Ad-Hominem-Angriffe, die seine Replik dominierten.

Glücklicherweise waren viele Reaktionen von anderen Intellektuellen auf Snows Provokation weitaus gehaltvoller als die Provokation selbst und die erste Replik auf diese. Ein aktuelles Beispiel ist das Buch, das ich hier soeben vorstelle. „From Two Cultures to No Culture“ enthält Essays von britischen Intellektuellen unserer Tage, die Snow und Leavis unterschiedlich bewerten, die aber alle der Aufklärung verpflichtet sind – und deren Denken meinem eigenen ähnelt.

Die letzten Intellektuellen?

Die Autoren der im Buch gesammelten Essays sind folgende: Der Soziologieprofessor Frank Furedi, Autor von Where Have All the Intellectuals Gone? Confronting 21st Century Philistinism und On Tolerance. In Defence of Moral Independence. Der Verleger Roger Kimball, Autor von The Rape of the Masters: How Political Correctness Sabotages Art und Tenured Radicals: How Politics Has Corrupted Our Higher Education.

Raymond Tallis, Neurowissenschaftler und Philosoph, Autor von The Kingdom of Infinite Space und Michelangelo’s Finger – außerdem Gastautor in meinem eigenen nächsten Buch Der Westen. Ein Nachruf (ab 11. September 2012 erhältlich). Schließlich Robert Whelan, der Autor von Wild In Woods: The Myth of the Noble Eco-Savage und einer der Autoren von The Corruption of the Curriculum.

In seiner Einleitung Any Culture At All Would Be Nice argumentiert Robert Whelan, dass Snow und Leavis sich heute nicht mehr darüber streiten würden, ob den Naturwissenschaften oder den Geisteswissenschaften der Vorzug zu geben sei. Sie wären sich einig, dass alles recht ist, solange wir nur überhaupt wieder eine Kultur haben. In Whelans Essay erfährt man zudem, dass sich bereits 1882 eine ähnliche Debatte zwischen dem Schriftsteller Matthew Arnold und „Darwins Bulldogge“ T.H. Huxley zugetragen habe. Da die beiden Denker Freunde waren, war diese Debatte allerdings respektvoller verlaufen.

Allzu viel früher kann man nicht mehr zurückgehen, wenn man sich für jenen Konflikt interessiert, da es ihn vor dem 19. Jahrhundert nicht gegeben hat. Laut Samuel Johnsons Dictionary of the English Language von 1755 galt damals „jede Kunst oder Form des Wissens“ als Wissenschaft. Während der Aufklärung hatten die Natur- und die Geisteswissenschaften ein harmonisches Verhältnis. Johnson selbst war nicht nur Essayist, sondern auch ein Amateur-Chemiker. Der Dichter Alexander Pope pries die Erfolge der Naturwissenschaft:

Nature and Nature’s laws lay hid in night;

God said, „Let Newton be!“ – and all was light.

(Die Natur und ihre Gesetze lagen verborgen in tiefster Nacht;

Gott sprach, „Es werde Newton!“ – und alles wurde hell erwacht.)

Der Ökonom Adam Smith erklärte: „Wissenschaft ist das große Heilmittel für das Gift des Fanatismus und des Aberglaubens.“

Diese Zeiten sind nun vorbei, aber wie Whelan erläutert, sind im Grunde alle Zeiten vorbei, wenn es um Bildung geht. Er bezieht sich auf die Lage in England, das Deutschland in Punkto Degeneration einen Schritt voraus ist. Dort sind Erdkunde und Ökologie quasi identisch, Geschichte wurde auf politisch korrekte Höhepunkte wie Sklaverei und Hitler reduziert und in Englisch zählt die Ethnie und das Geschlecht eines Autors mehr als die Qualität seiner Werke.

Als Höhepunkt des kulturellen Verfalls präsentiert Whelan die grüne Bewegung der 1980er aufgrund ihrer Feindlichkeit gegenüber der Wissenschaft und gegenüber der humanistischen Bildung gleichermaßen. Als Beispiel nennt er das grün motivierte Verbot der Chemikalie DDT, aufgrund deren Einsatzes alleine in Indien statt 75 Millionen Malariafällen im Jahre 1951 noch 29 Fälle im Jahre 1964 übrig blieben.

Roger Kimball schlägt sich auf die Seite des Literaturkritikers Leavis. Dieser zeigte auf, dass die Unkenntnis von Shakespeares Werken nicht mit einer Unkenntnis des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik vergleichbar sei. Dieser Hauptsatz sei nützlich, je nachdem, ob man ihn für seine Arbeit benötige, während Shakespeare ein Fenster in die Seele des Menschen öffne und zur Selbsterkenntnis beitrage. Das eine hat einfach nichts mit dem anderen zu tun.

Leavis warf Snow außerdem kollektivistisches Denken vor und fragte, welche „soziale Hoffnung“ „den unausweichlich tragischen Zustand jedes Individuums“ transzendiere, auslösche oder unwichtig mache. „Sollen wir die Lebenswirklichkeit finden, indem wir uns für andere Menschen eine Glücklichkeit erhoffen, die wir für unser eigenes Leben nicht erhalten können?“

Raymond Tallis schlägt sich derweil auf die Seite von Snow. Er zeigt Leavis Beliebigkeit bei seinen literarischen Meinungen auf, die sich immer wieder grundlegend veränderten. So hielt er Dickens manchmal für „ungebildet“ und „kindisch“, dann wieder für den „Shakespeare des Romans“. Mehr als Ad-Hominem-Angriffe könne Leavis daher nicht fabrizieren, da seine Forschungsmethode subjektiv und willkürlich sei. Dann greift Tallis Kulturwissenschaftler und Soziologen unserer Zeit an und ihre Herabsetzung der Naturwissenschaft auf eine Art Machtkampf ohne Wahrheitswert.

Auch die anderen Autoren bieten aufschlussreiche Beiträge an. Obwohl sie unterschiedliche, manchmal gegenseitige Positionen vertreten, sagen doch alle Autoren viel Wahres über Snow, Leavis und über den Streit der Disziplinen generell.

Fazit 

Aufgrund der extremen Spezialisierung der Wissenschaften zu unserer Zeit sollte wohl jeder ein wenig Bescheidenheit an den Tag legen, wenn es um die Kritik von Fächern geht, von denen er nur ein beschränktes Verständnis haben kann. Naturwissenschaftler sollten sich gegebenenfalls abgewöhnen, Geisteswissenschaftler für Schwätzer zu erklären, nur weil sie den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht kennen – den sie in ihrem ganzen Leben niemals benötigen werden. Ebenso werden es Geisteswissenschaftler hinnehmen müssen, dass Naturwissenschaftler nicht alle Hauptwerke von Shakespeare gelesen haben.

Zunehmend haben wir ohnehin ein anderes Problem, nämlich dass die Leute weder irgendein physikalisches Gesetz formulieren können, noch sich irgendein Werk von Goethe oder Shakespeare erarbeiteten. Dieses Problem sollte Natur- und Geisteswissenschaftler zusammenbringen, die sinkende Qualität der Bildung, die mangelnde Akzeptanz der Werte der Aufklärung – als Natur- und Geisteswissenschaftler noch zusammenarbeiteten, um das Individuum von den Ketten von Gott und König zu befreien und ihm die Mittel zeigten, wie es sein eigenes Leben in die Hand nehmen konnte.

Literatur

Die kleine Sammlung kostet für den Kindle nur 2,88 Euro:

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3 Kommentare zu “Von zwei Kulturen zu keiner Kultur

  1. Karl sagt:

    In der Philosophie unterscheidet man ja zwischen der analytischen und der kontinentalen Philosophie. Erstere ist eher der Naturwissenschaften zugeneigt und zweitere den Geisteswissenschaften. Die kontinentale Philosophie, vielleicht hat der Naturwissenschaftler die gemeint, ist eher technikseptisch. Beispiele sind hierfür die Lebensphilosophie, die kritsche Theorie oder die postmoderne Philosophie.

    Ich glaube man muss sehen das beide Wissenschaftsbereiche also Natur- und Geisteswissenschaften, ihre Berechtigung haben aber unterschiedliche Fragestellungen aufgreifen. So kann der Mensch sicher als biologisches Wesen untersucht werden, gleichzeitig agiert er auch in einem kulturell vorgeprägten Raum.
    In dem Zusammenhang habe ich auch nie die Angriffe der Geisteswissenschaftler gegen die neuen Atheisten verstanden die ihnen vorgeworfen haben die Religion aus biologischer Sicht zu untersuchen. Auch das hat seine Berechtigung. Wichtig ist nur das die Kriterien der Wissenschaftlichkeit eingehalten werden.

  2. FluxCompensator sagt:

    Also so ganz stimmt das aber auch nicht, dass ich die Geisteswissenschaften vollständig zu leerem Geschwätz erklärt habe. Das Wort Geschwätz habe ich nur einmal verwendet, um zu erklären was meiner Meinung der heutige Durchschnitts-Mensch unter neuzeitlicher Philosophie versteht. Aber was mich natürlich schon kräftig in den Harnisch getrieben hat waren zwei Dinge:

    Erstens: Das Harriman-Video, das wie Du ja selbst schreibst ein „Angriff auf die (Philosophie) der moderne Physik“ ist. Wobei ich finde, dass man dabei das Wort Philosophie auch weglassen kann und dass man von einem Angriff auf die moderne Physik sprechen kann, weil die nicht-Naturwissenschaftler die das Harriman-Video sehen, denken müssen dass es bei den Physikern so ähnlich zugeht, wie bei irgendwelchen völlig realitätsfremden Gender-Forscher_Innen_Außen_Oben_Unten und dass jeder Cent für die physikalische Forschung nicht nur rausgeschmissenes Geld ist, sondern auch noch eine Sekte fördert die nichts anderes im Kopf hat als die Menschheit zu verwirren.

    Und zweitens: Wenn ich Sätze höre wie „Naturwissenschaften ohne Philosophie sind vollkommen hilflos und zwecklos“ dann ist das für mich doch sowas wie ein feindlicher Übernahmeversuch, den ich auch als Anti-Aufklärung betrachte, weil damit nach meinem Verständnis gesagt wird „ohne Philosophie-Vorlesung kannst Du Naturwissenschafter gar nicht selbstständig denken“. Natürlich ist es letztlich eine Definitionsfrage, was man unter Philosophie versteht und wie weit man den Begriff fasst. Wenn man jede kognitive Leistung als Philosophie einstuft, ist natürlich alles Philosophie. Und indirekt hängt natürlich immer alles mit allem zusammen. Aber ich glaube es bringt nichts, das weiter zu diskutieren.

    Wesentlich interessanter ist, was ich gefunden habe während ich mich jetzt mal wieder schlau gemacht habe, was es neues gibt in der Quantenmechanik. Dabei bin ich auf jemanden gestoßen, der mit der derzeitigen Interpretation der Quantenmechanik auch ziemlich unzufrieden ist. Und zwar mein alter Mathe-Prof. Detlef Dürr von der LMU-München (http://www.mathematik.uni-muenchen.de/~duerr/), den man auf keinen Fall mit Prof. Hans-Peter Dürr von der TU-München verwechseln darf (Club-Of-Doom Mitglied, ziemlich esoterisch).
    D. Dürr forscht an der so genannten Bohmschen Mechanik, eine Variante der Quantenmechanik die insbesondere das Messproblem (Kollaps der Wellenfunktion) lösen soll und angeblich auch besser mit dem Alltagsverstand vereinbar ist.

    Hier ein für mein Geschmack etwas reißerischer, populärwissenschaftlicher Artikel über Dürrs Sichtweise: http://fqxi.org/data/articles/Swindle_DGTZ_RC.pdf

    Zusammenfassung über ein von Dürr geschriebenes Lehrbuch über Bohmsche Mechanik: http://www.springerlink.com/content/rgh26279405x25v5/fulltext.pdf?MUD=MP

    Grundsätzlich klingt es für mich recht interessant und ich werde versuchen mir mal ein Bild zu machen, aber das ist natürlich echte Arbeit und dauert.

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