Ein Besuch im Buchladen

Hey, mein Buch ist auf Platz 4 der Bestsellerliste unter den Philosophiebüchern insgesamt (Kindle und gedruckte Bücher inklusive) und damit vor Richard David Precht (der ist auf Platz 25). Ha!

Es ist sogar auf Platz 1 der Philosophiebücher unter den eBooks. (Und auf Platz 14 unter Belletristik: Humor – damit ist es eines der wenigen Bücher, das in beide Kategorien passt).

Aber nun zur eigentlichen Story:

Da ich geistig nach den letzten Wochen Lektorat ein wenig ausgelaugt bin, wanderte ich heute zu Erholungszwecken durch den örtlichen Hugendubel – ein Schweizer-Taschenmesser-Buchladen mit Café, DVD-Abteilung, Utensilien in allen Farben und Formen. Bücher gibt es dort sogar auch.

Und das war mein Verhängnis…

1. Bettina Wulff: Jenseits des Protokolls 

„Nicht lesen“, sagte ich mir. „Abschalten.“ Geht nicht. Also habe ich mir Bettina Wulffs Tagebuch mit dem Titel Jenseits des Protokolls gegriffen, das ist so ein „gesellschaftlich relevantes“ Buch, über das jeder spricht. „Es ist also doch möglich“, dachte ich nach ein paar Seiten. „Man kann erfolgreiche Bücher schreiben, ohne jegliche geistige Anstrengung.“ Aus der Leseprobe, die der Verlag anbietet:

Ich war 16, Tom 24. Er war Rettungsschwimmer auf Sylt, oder besser gesagt war er Teilzeit-Rettungsschwimmer. Im Semester studierte Tom in Mainz, in den Ferien kam er auf die Insel. Die erste Begegnung mit Tom am Strand werde ich nicht vergessen: Ich steuerte gerade meinen neuen Lenkdrachen, als jemand hinter mir sagte: »Drachensteigen ist im Badefeld verboten, bitte mal wieder das Gerät zusammenfalten!« Ich drehte mich erschrocken um und da stand dieser Typ: groß, blond, blaue Augen und natürlich wartete er aufgrund seines Semesterjobs nicht mit dem schlechtesten aller Bodys auf. Ich war ziemlich schnell schwerstverliebt, und das nicht ohne schlechtes Gewissen. Zu Hause, in Hannover, gab es damals seit einigen Monaten einen festen Freund. Doch gegen Sylt, Sonne und Strand – und auch gegen Tom – war dieser letztlich chancenlos.

Das ganze Buch ist so geschrieben. Ein Bewusstseinsstrom bar jeglicher Reflektion, Planung, Ordnung oder Vernunft. Es bestätigt das Menschenbild des sensualistischen Philosophen David Hume (das ja auch tatsächlich in vielen Fällen erschreckend akkurat ist, dabei aber eher das beschreibt, was die meisten Menschen aus ihrem Verstand machen, trotz ihres Potenzials), laut dem das menschliche Bewusstsein mit einem Theater vergleichbar sei. Der Beobachter sieht, wie verschiedene Sinneseindrücke an ihm vorüberziehen und gelegentlich reagiert er instinktiv, seinen animalischen Leidenschaften (eigentlich seinen Gefühlen) folgend, auf diese Sinneseindrücke.

Soweit das Leben von Bettina Wulff.

Ein Freund zu Hause? Moralische Prinzipien? Keine Ahnung, was das ist. Solche abstrakten Konzepte braucht der Mensch nicht. Aber ich sehe gerade einen heißen Typ am Strand, der etwas von mir will. Da wird doch sogleich der Affären-Instinkt aktiviert. Und diese Affäre, wie absehbar, sollte bald ein Ende finden, weil das Alltagsleben keinen Strand auf Sylt enthält, wo man diesen Typen mit heißem „Body“ anschauen kann.

Gut, 16 Jahre, das kann man verstehen. Aber sie schreibt das ja nicht mit 16 Jahren, sie schreibt das kritiklos im Rückblick als erwachsene Frau und Mutter!

Leander ist acht Jahre, er liest die Zeitung, hat ein iPad, geht ins Internet.

Und meinem achtjährigen Sohn ist gestern der Medizinnobelpreis verliehen worden.

Ich möchte, dass die Menschen mich so sehen, wie ich bin: als eine ziemlich normale Frau und Mutter, die ihr Leben so leben möchte, wie sie es will, und nicht, wie andere es von ihr erwarten. Und die sich verantwortungsvoll für andere, vor allem eben auch für die eigenen Kinder, und für Themen einsetzt, die ihr wichtig sind. So einfach ist das eigentlich …

Das glaube ich. Und genau das ist das Problem. Die „First Lady“ sollte keine normale Frau und Mutter sein, sondern sie sollte die First Lady sein und somit anderen Menschen ein Vorbild. Sie sollte eben keine Frau sein, die einfach in Ruhe gelassen werden möchte, um sich für ihre Kinder und für Themen einzusetzen, die ihr wichtig sind (darunter offenbar nicht die Tatsache, dass ihr Mann Bundespräsident war).

Mit am schlimmsten ist die mediale Belagerung. Selbst hier in Großburgwedel, wo ich aufgewachsen bin, wo unser neues und auch altes Zuhause ist, lassen sie uns nicht in Ruhe.

Es ist wirklich seltsam. Für was halten die mich eigentlich? Für die Frau des Bundespräsidenten?

Man sollte vielleicht doch nicht sein Privat- und sogar Intimleben (sie schreibt darüber, dass „Christian“ und sie beim Sex ruhig sein mussten, damit die Journalisten draußen sie nicht hörten) an die Öffentlichkeit verkaufen.

Nächstes Buch!

Erkenntnis und Liebe?

Also ab in die Philosophieabteilung, wo die Vernunft eine Zuflucht findet. Na ja. Nicht zwangsweise:

Eva-Maria Engelen: „Erkenntnis und Liebe“. Zur fundierten Rolle des Gefühls bei den Leistungen der Vernunft

In diesem Buch erfährt man Folgendes:

Ein weiterer Grund für den Verlust der Bedeutung der Welt und des menschlichen Gegenübers ist hingegen darin zu sehen, dass in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte die Bedeutung affektiver Einstellungen und Erlebnisse für den Erkenntnisprozess abnimmt. Die im Erkenntnisprozess verschwindende Liebe ist hier für den genannten Verlust der ausschlaggebende Gesichtspunkt.

Zusammengefasst: Die Welt bedeutet uns einfach nichts mehr, weil wir uns weigern, durch Liebe Erkenntnisse zu gewinnen.

Das Problem besteht im Grunde nur darin (vgl. David Kelley: Logical Structure of Objectivism):

Was ist unsere Wissensquelle?

1. Jegliches Wissen ist von Wahrnehmungen abgeleitet.

2. Jegliches Wissen wird durch kognitive Integration gebildet.

3. Jeglicher Gegenstand des Wissens muss mit jeglichem übrigen Wissen logisch konsistent übereinstimmen.

4. Die Vernunft ist die Fähigkeit der kognitiven Integration von Sinnesdaten in Übereinstimmung mit Logik.

> Jegliches Wissen beruht auf Vernunft.

Warum Gefühle keine Wissensquelle sind

1. Gefühle sind automatische Wertungsreaktionen auf Objekte, die durch unbewusste Integration von Informationen und Werturteilen erzeugt werden.

2. a) Man hat keine bewusste Kontrolle über die Integration, die ein Gefühl erzeugt und b) Gefühle bieten keine neuen Belege für die Interpretationen und Werturteile an, welche die Gefühle hervorrufen.

3.a) Wissen ist nur insoweit objektiv, als dass wir nicht-objektive Faktoren aus der Integration ausgeschlossen haben und b) Wissen ist nur insoweit objektiv, als es auf Belegen beruht.

> Gefühle sind keine Wissensquelle

Ergo: Die Hauptthese von Eva-Maria Engelens „Erkenntnis und Liebe“ ist falsch. QED.

Und weiter gehts.

Der Wissenschaftswahn?

Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat

Biologe und berühmter Wissenschaftsjournalist kritisiert Materialismus. Tue ich auch. Könnte gut sein…

Anhand von 10 »Dogmen« zeigt er, dass die meisten Forscher an Vorstellungen festhalten, die überholt sind.

Angesichts dessen, wie „Dogma“ dieser Tage gebraucht wird (Dogma = „irgendeine Wahrheitsbehauptung“), erwachen meine Alarmglocken aus ihrer Zehn-Sekunden-Pause.

Kennt ihr das Gefühl, dass euch bei Lektüre eines Buches das Gehirn ausgesaugt wird? Wenn nicht, und ihr interessiert euch dafür, wie es sich anfühlt, kann ich nur den „Wissenschaftswahn“ empfehlen.

Sheldrake möchte uns darin überzeugen, dass Wissenschaftler aus bloßen Dogmatismus nicht glauben, dass Menschen für Jahrzehnte ohne Nahrung überleben können, obwohl es doch so viele eindeutige Anekdoten gibt, die es beweisen!

Und was ist das mit dem mechanistischen Universum, an dem total alle Wissenschaftler dogmatisch festhalten? Die Quantenphysik  habe doch gezeigt, dass Naturgesetze gar keine Gesetze seien, sondern „Gewohnheiten“. Und siehe nur all die seltsamen kosmologischen Theorien dieser Tage!

Sheldrake glaubt ferner, Hunde hätten einen „siebten Sinn“, weil es Telepathie wirklich gäbe. Und er glaubt, dass Gedächtnisinhalte genetisch vererbt würden (ähnlich wie im Spiel Assassin’s Creed).

Einige Quantenphysiker wie David Bohm und Hans-Peter Dürr unterstützen Sheldrake. So gut wie alle anderen Wissenschaftler denken, er sei ein Scharlatan. Siehe auch diesen kritischen ZEIT-Artikel: Der mit dem siebten Sinn.

Richard Dawkins wollte Sheldrake für eine Doku über Esoteriker interviewen und Sheldrake beschwert sich nun über den „Dogmatismus“ von Dawkins und darüber, dass jener gar keine Beweise sehen wolle. Tatsächlich ging es Dawkins darum, dass in der Doku nicht genug Zeit war, um detailliert über empirische Studien zu sprechen. Sheldrakes Artikel ist ein typischer Fall von „Pseudowissenschaftler/Esoteriker fühlt sich von der wissenschaftlichen Community verfolgt und ausgeschlossen, weil seine Ideen dieser Community aus guten Gründen zu absurd erscheinen“.

Leider sind die meisten Autoren, die den „Materialismus“ kritisieren, Schamanen, die damit ihren irrationalen Glauben an Geister, Telepathie, Gott oder sonstwas verteidigen wollen. Die Idee, dass mein Buch mit so etwas assoziiert werden könnte (weil ich darin auch den Materialismus kritisiere, obgleich aus völlig anderen Gründen), ist der blanke Horror.

Objektivismus versus Esoterik

Daher noch einmal zusammengefasst:

Der Objektivismus ist eine naturalistische, atheistische Philosophie. Das Übernatürliche existiert nicht, der Mensch ist ein Produkt der Evolution, es gibt keine Telepathie, kein Leben nach dem Tod und so weiter.

Der Unterschied zwischen Objektivismus und Materialismus besteht lediglich darin, dass der Materialismus eine Variante des „reduktionistischen Naturalismus“ darstellt (alles ist nur Physik) und der Objektivismus ist ein nicht-reduktionistischer Naturalismus (die unbelebte Natur, Lebensformen und der Mensch unterscheiden sich, lassen sich nicht auf physikalische Vorgänge reduzieren und rechtfertigen unterschiedliche Wissenschaften wie Physik, Biologie und die Geisteswissenschaften).

Was Esoterik und Pseudowissenschaften angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen den Einschätzungen der Skeptiker (Skeptic Society, GWUP) und objektivistischen Denkern. Michael Shermer, Chef der Skeptic Society, steht selbst dem Objektivismus nahe (seine berüchtigte „Kult“-Behauptung aus Why People Believe Weird Things hat er zurückgezogen).

Ebenso hat mein provokanter Trailer für Der Westen. Ein Nachruf keineswegs die Aussage, der Mensch sei aus biologischer Sicht kein Affe. Natürlich ist der Mensch aus biologischer Sicht ein Affe (er ist ein Produkt der Evolution, ein Altwelttrockennasenaffe). Aber er unterscheidet sich so sehr von anderen Affen, um die Existenz der Geisteswissenschaften für seine Erforschung zu rechtfertigen. Der Mensch ist das „rationale Tier“. Nicht das „nackte Tier“ oder der „nackte Affe“.

Das Bild mit der Puppe will nicht sagen, dass die Wissenschaften den Menschen per se herabsetzen würden, sondern dass der Determinismus nicht mit den Naturwissenschaften identisch ist und dass menschliche Entscheidungen nicht determiniert sind. „Sie nennen es Wissenschaft“ will implizieren „… aber es ist keine Wissenschaft“.

[tube]http://www.youtube.com/watch?v=tEU9nchUFIA[/tube]

Übrigens konnte ich meine innere Mitte dann doch wieder finden, als ich die Buchhandlung verließ und lieber ein Buch von Dawkins las. Zur Nachahmung empfohlen. „The Magic of Reality“ gibt es ab dem 26. Oktober auf Deutsch:

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=feuerbringer-21&o=3&p=8&l=as1&asins=3550088507&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

7 Kommentare zu “Ein Besuch im Buchladen

  1. Bernd sagt:

    Sehr schön geschrieben!
    Aber deine Umwege durch Bibliotheken hättest du dir sparen können, wenn du hiermit aufgewachsen wärst:
    http://www.familie-leilich.de/kloss/biografie/biografie.html
    Kloss wurde von den Kindern geliebt, dich wird niemand lieben.
    Sein Wahlspruch war:
    „Mit der Natur lebt man in einer guten Welt. In ihr ist alles richtig“.

  2. DeeTee sagt:

    Sehr amüsant!

    Danke für den Tipp mit Dawkins Buch; da mein Schulenglisch lange zurückliegt warte ich schon lange auf die Übersetzung.

    Es soll eine kostenlose App zum Lesen von Kindle-E-Books für den PC geben, also werde ich mir gleich mal Dein Buch besorgen.

  3. Chris sagt:

    Gratulation für den Platz Nummer 4, auch wenn Karl Marx‘ Das Kapital – ironischerweisse – noch einen Platz weiter vorn liegt. (Von dem Platz Nummer 1 will ich jetzt mal gar nicht reden.)
    Ich besorg mir „Der Westen – ein Nachruf“ auf jeden Fall auch noch;
    auch wenn ich erst „Der Streik“ von Rand auslesen werde. Ich kam übrigens über deinen Blog auf den Objektivismus. Danke für deine kritischen Artikel. Mfg Chris

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