Die Axiome des Objektivismus: Bewusstsein

Zur Erinnerung: Die Besprechungsaktion zu meinem neuen Buch gilt weiterhin.

Tja, seltsam. Die erste Lektion im Objektivismus wurde recht häufig gelesen. Ich hätte nicht erwartet, dass ein abstraktes philosophisches Thema irgendwen interessieren würde – geschweige denn verhältnismäßig viele Menschen. Das freut mich, denn das ist ein Grund mehr, mit Teil 2 fortzufahren.

Für den folgenden Beitrag setze ich den Vorgänger voraus, der die Axiome Existenz und Identität behandelte. Bei der Reihenfolge der Axiome orientiere ich mich an David Kelley, aber ich integriere auch Ausführungen von Rands Schüler auf Lebenszeit, Leonard Peikoff, insbesondere aus seinem Buch Understanding Objectivism (das nur für Leute geeignet ist, die den Objektivismus lehren möchten – braucht ihr euch also in der Regel nicht zu kaufen). Die Zitate stammen auch bei Teil 2 wieder von Ayn Rand selbst.

Im Objektivismus gilt ein Axiom nicht als „a priori“, als vor aller Erfahrung gegeben – wie bei Kant -, sondern als direkt wahrnehmbar. Wir können direkt wahrnehmen, dass da etwas ist (Existenz), dass dieses etwas Bestimmtes ist (Identität) und natürlich können wir es wahrnehmen (Bewusstsein).

Bewusstsein 

Das ist der Grund, warum Leonard Peikoff das Bewusstsein vor der Identität einordnet – bevor wir wahrnehmen, dass etwas etwas Bestimmtes ist, stellen wir fest, dass wir überhaupt etwas wahrnehmen. Man könnte auch argumentieren, dass wir uns über die Identität des Bewusstseins erst im Klaren sein können, sobald wir uns über die Identität überhaupt im Klaren sind. Uns ist also erst klar, dass wir etwas Bestimmtes wahrnehmen, sobald wir realisieren, dass unser Bewusstsein eine bestimmte Natur hat – nämlich als das Vermögen, das, was existiert, wahrzunehmen. Ohne hier jemandem auf die Nerven gehen zu wollen.

Immanuel Kant war der Meinung, dass man das Bewusstsein in der philosophischen Hierarchie nicht nur vor der Identität einordnen solle, sondern vor der Existenz. Ohne dass es etwas geben müsste, seien wir uns „bewusst“. Aber worüber sind wir uns denn bewusst, wenn es nichts gibt oder wenn es nichts geben muss, was uns bewusst ist? Was ist eigentlich das Bewusstsein, wenn wir  nichts voraussetzen müssen, über das wir uns bewusst sind? Descartes war derselben Meinung wie Kant, als er schrieb „Ich denke, also bin ich“ – das bedeutet, dass unser Bewusstsein („denke“) die Voraussetzung unserer Existenz sei („bin ich“).

Ayn Rand widersprach dieser idealistischen Auffassung: „Falls nichts existiert, dann kann es kein Bewusstsein geben. Ein Bewusstsein, dass sich über nichts als sich selbst bewusst ist, ist ein Widerspruch in sich: Bevor es sich selbst als Bewusstsein identifizieren konnte, musste es sich über etwas bewusst sein. Falls das, was du wahrzunehmen behauptest, nicht existiert, dann ist das, was du besitzt, kein Bewusstsein.“

Es gibt also kein Bewusstsein ohne etwas, das wir wahrnehmen. Auch unsere Träume, von denen Descartes so eingenommen war, bestehen aus Gegenständen, die wir zuvor wahrgenommen haben. Verschiedene Personen, Objekte, Geräusche, die wir im Wachzustand bewusst mit unseren Sinnen wahrnehmen, werden in unseren Träumen verarbeitet; in der Regel zu einem Haufen Unsinn. Wir träumen von Fahrstühlen, von Elefanten, von unserer Lieblingsmusik, aber wir träumen niemals vom „Bewusstsein“. Es ist unmöglich, sich das „Bewusstsein“ als solches vorzustellen.

Was also ist das Bewusstsein?

„Das Bewusstsein ist die Fähigkeit, aufmerksam zu sein; die Fähigkeit, das wahrzunehmen, was existiert.

Aufmerksamkeit ist kein passiver Zustand, sondern ein aktiver Vorgang. Auf den niederen Ebenen der Aufmerksamkeit ist ein komplexer neurologischer Vorgang notwendig, der den Menschen in die Lage versetzt, eine Sinnesempfindung zu erleben und Sinnesempfindungen in Wahrnehmungen zu integrieren; dieser Vorgang ist automatisch und unfreiwillig: Der Mensch ist sich über die Ergebnisse bewusst, aber nicht über den Vorgang selbst. Auf der höheren, begrifflichen Ebene ist der Vorgang psychologisch, bewusst und freiwillig. In jedem der Fälle wird die Aufmerksamkeit durch ständige Aktivität erzeugt und aufrechterhalten.

Jedes Bewusstseinsphänomen ist direkt oder indirekt vom eigenen Gewahrsein der externen Welt abgeleitet. Irgendein Objekt, das heißt irgendein Inhalt, hat einen Anteil an jeder Ebene des Gewahrseins. Extrospektion ist ein nach außen gerichteter Erkenntnisvorgang – ein Vorgang des Verstehens von irgendwelchen Gegenständen der externen Welt. Introspektion ist ein Erkenntnisvorgang, der nach Innen gerichtet ist – ein Vorgang des Erfassens der eigenen psychologischen Aktivitäten in Hinblick auf bestimmte Gegenstände der externen Welt, solche Aktivitäten wie Denken, Fühlen, in Erinnerungen schwelgen.“

Soweit Ayn Rand, die große Meisterin, möge die Macht mit ihr sein. Eine Sinnesempfindung ist die einfachste, nicht reduzierbare Form des Gewahrseins. Sie wird erzeugt, indem ein Stimulus auf ein Sinnesorgan einwirkt – Licht auf die Netzhaut im Auge, Druck auf die Haut, Schallwellen auf das Trommelfell. Eine Wahrnehmung ist die interne Repräsentation des Gehirns von externen Entitäten – wenn wir ein rotes Auto sehen, dann ist das keine bloße Sinnesempfindung, sondern es ist eine Repräsentation („Modell“ wird das inzwischen von Bewusstseinsphilosophen genannt) von etwas, das es wirklich da draußen gibt. Das Modell, das Bienen von Blüten wahrnehmen, sieht anders aus (nämlich ultraviolett) als unser Modell, aber das bedeutet nicht, dass Blüten nicht existieren würden. Und irgendwie muss man sie ja wahrnehmen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob eine bestimmte Art des Bewusstseins angeboren ist oder ob es beliebig geformt werden kann. Könnte das menschliche Bewusstsein auch dann noch funktionieren, wenn man es überzeugt, dass A = B ist? Oder dass 2 + 2 = 5 ist (dieses häufig gebrauchte Beispiel stammt übrigens aus George Orwells Dystopie 1984, in der es dazu dient, den Verstand der Hauptfigur Winston Smith zu zerstören und ihn zu einem gefügigen Sklaven des totalitären Staates zu machen)?

Ayn Rand wollte nur Aristoteles wirklich als einen Philosophen anerkennen, der sie beeinflusste, aber es ist offensichtlich, dass sie von vielen Denkern positiv beeinflusst wurde, auch wenn sie diese trotzdem verachtete. Darunter sogar ihr Erznemesis Immanuel Kant, wie ich in Der Westen. Ein Nachruf (Kapitel 6) aufzeige. Ebenso Nietzsche und John Locke. Bei Locke finden wir Ideen, die praktisch identisch sind mit denen von Rand:

„Das, was unser Verständnis mit allen Materialien des Denkens ausstattet, ist unsere Beobachtung entweder von externen wahrnehmbaren Objekten oder von internen Operationen unseres Geistes, die wir wahrnehmen und über die wir reflektieren.“ (An Essay Concerning Human Understanding, Book II).

Es gibt jeweils auch gravierende Unterschiede. So glaubte Locke im Gegensatz zu Rand, dass Ideen über unsere Sinnesorgane direkt in unsere Nerven gestampft und von dort ins Gehirn transportiert werden, wo sie nicht erst gebildet werden müssen, sondern nur gespeichert und kombiniert (mit etwas Glück nach den Regeln der Vernunft; insofern wir uns diese aneigneten). Eine reichlich absonderliche Vorstellung – wie Rands Meinung hierzu aussieht, erkläre ich dann in der Lektion über die objektivistische Epistemologie.

Rand war der Ansicht, dass unser Bewusstsein eben nicht wie Knet geformt werden könne:

„Tatsache ist, dass das menschliche Bewusstsein eine bestimmte Natur mit bestimmten kognitiven Bedürfnissen besitzt, dass es nicht unendlich formbar ist und nicht wie ein Stück Kitt verdreht werden kann, um zu jedweden persönlichen Ausflüchten oder jeglichen öffentlichen „Konditionierungen“ zu entsprechen.“

Mit den „Konditionierungen“ bezieht sich Rand auf den Behavioristen und Möchtegern-Sozialdesigner B.F. Skinner, zu dessen Kritikern sie gehörte. Skinner glaubte, das menschliche Verhalten sei auf Reiz-Reaktions-Schemata reduzierbar. Das Innenleben des Menschen sei im Grunde nur „verborgenes Verhalten“.

Das genügt erst einmal. Im nächsten Teil geht es dann unter anderem um Kausalität.

Literatur

Ayn Rand: Consciousness

David Kelley: The Logical Structure of Objectivism

Objektivismus.de: Sinneswahrnehmung und Wille

Leonard Peikoff: Understanding Objectivism

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5 Kommentare zu “Die Axiome des Objektivismus: Bewusstsein

  1. sba sagt:

    hm..erstmal Danke für den Lehrbuch-Tip mit Peikoff..spätestens in der Oberstufe ist es eigentlich angebracht, dass der Objektivism im Ethik- und verwandtem Unterricht mal vorkommt.

    „Ein Bewusstsein, dass sich über nichts als sich selbst bewusst ist, ist ein Widerspruch in sich“
    Frage mich, ob das so stimmt. Vermute ich richtig, dass Rand hier von der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins ausgeht?
    Ich habe mich in Gedankenexpermenten immermal wieder gefragt, was passieren würde, wenn man einem vollständig entwickelten menschlichen Bewusstsein die Welt nähme, indem man seine Wahrnehmung lahmlegt? Wenn Rand recht hat, würde es auf eine Art Schlafzustand hinauslaufen. Grund, daran zu zweifeln, habe ich aber, da Schlaf ein umfassenderer Vorgang ist als die ledigliche Trennung des Bewusstseins von den Sinnen (die vor allem nicht so vollständig ist, wie im Gedankenexperiment (sonst würden Wecker nicht funktionieren)). Irgendeine Idee?

    • Mauna sagt:

      Ähnliches Gedankenexperiment, welches ja gewissermaßen ein Klassiker ist: das Gehirn in der Nährlösung, welches durch gezielte Stimulation angeregt wird. Zweifellos kämen gewisse Zustände (ob das nun eben Bewusstseinszustände sind ist eben die Frage) in dem Gehirn zustande. Bei entsprechender Technologie könnte man mglweise auch gezielt Zustände für das Gehirn „simulieren“ – ohne dass dieses die Wirklichkeit um sich herum erlebt hat oder wahrnimmt.

      Unabhängig davon, wie über-technologisch das klingt, bleibt die Frage: woher wissen wir, dass das was wir erleben die Wirklichkeit ist?
      „Wir können direkt wahrnehmen, dass da etwas ist (Existenz)“, ja: auch im beschriebenen Gedankenexperiment ist etwas da – eben die Stimulation. Nur nimmt das Hirn nicht das Labor, die Nährlösung, etc. wahr.
      Ich befürchte nur, dass ich auf meine Antwort weiterhin bis zum Kapitel über Epistemologie warten muss, was ich dann leider erst Anfang Oktober lesen kann.

    • DeeTee sagt:

      Es gibt Menschen, die aus ihrem bewussten Leben durch einen Schlaganfall herausgerissen werden. Besonders dramatisch ist dies bei den Locked-in Patienten. Sie beschreiben ihren Zustand (weil einige von ihnen doch eine leichte Besserung erlangten und dann z.B. mit dem Augenlid kommunizieren konnten) als Dahindämmern am Rande des Wahnsinns ohne jedweden Sinneneindruck. Man ist nur Bewusstsein-allerdings durch das vorherige Leben mit Erinnerungen geprägt. Das muss die Hölle sein.

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