Leben als Mensch heißt nicht Überleben als Tier

Die objektivistische Ethik werde ich im Verlaufe der Lektionen an der richtigen Stelle erläutern. Hier geht es mir darum, ein Missverständnis auszuräumen.

Im Freigeisterhaus gibt es mal wieder eine dieser Debatten, in der gewisse Leute eine Philosophie mit einem aus dem Kontext gerissenen Zitat widerlegt oder als trivial enthüllt zu haben meinen (Gratulation!). Dort erfährt man als Reaktion auf meine Beiträge über eine objektive Ethik, dass Ayn Rand von Karl Marx abgeschrieben habe:

Karl Marx, Pariser Manuskripte hat folgendes geschrieben:
[…] wie kann ich tugendhaft sein, wenn ich nicht bin, wie ein gutes Gewissen haben, wenn ich nichts weiß?

Wie kann ich eine Ethik haben, wenn ich nicht lebe? Dass man lebendig sein muss, um Werte zu haben, ist natürlich trivial und entspricht nicht dem, wie Rand eine objektive Moral entwickelte.

Man kann nur moralisch sein, wenn man lebendig ist? Da hat es aber wirklich Karl Marx gebraucht, um darauf zu kommen! Niemals zuvor war irgendjemand der Meinung, er müsse leben, um moralisch handeln zu können. Vormals gingen alle Menschen davon aus, dass auch Tote moralisch handeln könnten.

Ayn Rands bedeutende ethische Entdeckung ist die Tatsache, dass das Konzept des „Wertes“ das Konzept des “Lebens” voraussetzt, von diesem abhängt und von diesem abgeleitet ist.

Das habe ich in der Tat geschrieben. Aber das bedeutet nicht nur, dass man genug Nahrung braucht, um als Organismus zu überleben! Auch in Nordkorea haben einige Leute gerade so genügend Nahrung, um zu überleben.

Dieser Satz bedeutet zunächst, dass Werte vom Leben abhängen, dass also nur ein Lebewesen Werte anstreben kann. Diese Werte entsprechen seiner Natur als spezifisches Lebewesen. Eine grüne Pflanze benötigt Sonnenlicht und Nährstoffe aus dem Boden. Das sind die Werte einer grünen Pflanze. Sie strebt diese Werte automatisch an, nicht durch eine bewusste Entscheidung, wie der Mensch seine Werte anstrebt. Ein Löwe benötigt Fleisch. Das ist einer seiner Werte. Diesen strebt er automatisch, instinktiv durch sein Jagdverhalten an.

Der Wertestandard der objektivistischen Ethik – der Standard, anhand dessen man beurteilt, was Gut oder Böse ist, ist das menschliche Leben, oder: das, was für das Überleben des Menschen als Mensch erforderlich ist. (Ayn Rand, Galts Ansprache)

Das, was der Mensch zum Leben benötigt, ist etwas anderes als das, was eine grüne Pflanze oder ein Löwe zum Leben benötigen. Der Wertestandard allgemein ist in der Tat das Leben. Selbst das bedeutet nicht nur, dass ein Organismus überleben möchte, sondern dass alle seine Werte von seinem Standard – sein eigenes Leben – abgeleitet sind.

Eine grüne Pflanze fängt mit ihren Blättern Sonnenlicht ein und entzieht dem Boden Nährstoffe, weil diese Werte ihrem Leben dienen! Sie tut dies nicht aus Spaß an der Freude, während sie ebensogut wie ein Löwe auf Antilopenjagd gehen könnte oder während sie ebenso meditieren und gar nichts tun könnte wie ein Buddhist. Vielmehr dienen die Aktivitäten einer Pflanze dazu, ihre Werte (Sonnenlicht, Nährstoffe aus dem Boden) zu erhalten und diese Werte versucht sie zu erhalten, weil sie ihrem Leben dienen.

Der Wertestandard des Menschen ist sein Leben als Mensch. Nicht als Pflanze, was Buddhisten glauben, und nicht als Raubtier, was Nietzsche glaubte (er sprach sogar explizit vom „Löwen“).

Ohne ein bestimmtes Menschenbild lässt sich darüber nichts weiter aussagen, was dieser Wertestandard konkret impliziert. Und hier kommt das objektivistische Menschenbild, das den Anspruch hat, wahr zu sein, der objektiven Realität zu entsprechen, ins Spiel:

Da die Vernunft die grundlegende Überlebensmethode des Menschen ist, ist das, was dem Leben als rationales Wesen angemessen ist, das Gute; das, was es negiert, ihm entgegensteht oder es zerstört, ist das Böse. Da alles, was der Mensch braucht, durch seinen eigenen Verstand entdeckt werden und durch seine eigene Leistung produziert werden muss, sind diese beiden Grundlagen der Überlebensmethode, die einem rationalen Wesen angemessen sind: Denken und produktive Arbeit. (Ayn Rand, Galts Ansprache)

Denken (Rationalität) und produktive Arbeit sind also Tugenden des Menschen. Tugenden dienen dazu, Werte zu erhalten. Werte dienen dazu, dem Leben zu dienen. Was Denken konkret bedeutet, ist auch wieder eine Frage, die im Einzelnen beantwortet werden muss. Ayn Rand nennt folgende weitere Werte und Tugenden des Menschen:

Vernunft, als sein einziges Erkenntniswerkzeug – Zwecksetzung, als seine Wahl des Glücks, welches dieses Werkzeug anzustreben hat – Selbstvertrauen, als seine unveräußerliche Sicherheit, dass sein Verstand in der Lage ist, zu denken und dass seine Person des Glückes würdig ist, was heißt: Würdig ist, zu leben. Diese drei Werte implizieren und erfordern alle Tugenden des Menschen und all diese Tugenden beziehen sich auf das Verhältnis von Existenz und Bewusstsein: Rationalität, Unabhängigkeit, Integrität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Produktivität, Stolz. (Ayn Rand, Galts Ansprache)

Werte sind also das, was wir anstreben und Tugenden sind die Methoden, mit denen wir die Werte erhalten können.

Standard: Das menschliche Leben

Dies ist das, was für den Menschen Werte erfordet, von dem Werte abgeleitet sind.

Werte: Vernunft, Zwecksetzung (= Zielgerichtetheit des eigenen Lebens), Selbstvertrauen.

Dies ist es, was wir anstreben sollten.

Tugenden: Rationalität, Unabhängigkeit, Integrität, Ehrlichkeit, Gerechtigtkeit, Produktivität, Stolz.

Dies sind die Methoden, mit denen wir unsere Werte erreichen können.

Wenn wir uns also rational, unabhängig, integer, ehrlich, gerecht, produktiv und stolz verhalten, so erreichen wir Vernunft, eine Richtung im Leben („purpose“ ist schwer zu übersetzen; den Begriff „Sinn des Lebens“ lehnte Rand ab) und Selbstvertrauen. Haben wir Vernunft, Zwecksetzung, Selbstvertrauen, so haben wir die Werte erreicht, die unserem Leben als Mensch dienen. Und wir sind glücklich.

Was diese Werte und Tugenden konkret beinhalten und bedeuten, erfordert ebenfalls wieder nähere Ausführungen. Ich hoffe, es ist zumindest klar geworden, dass Rand nicht mit banalen Erkenntnissen um sich wirft und meint, damit eine objektive Moral entdeckt zu haben. Und ich hoffe ebenfalls, dass die Leute endlich aufhören zu meinen, sie könnten komplexe philosophische Systeme widerlegen oder banalisieren, indem sie einzelne Sätze auf Karl Marx zurückführen.

Literatur

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13 Kommentare zu “Leben als Mensch heißt nicht Überleben als Tier

  1. foundnoreligion sagt:

    Tschuldigung Andi, ich habe dort den Thread eröffnet, um zu wissen, wie die anderen im Freigeisterhaus dazu stehen. Auch ich verfolge eine objektive Ethik, versuche mir aber immer zu verhindern, dass meine eigenen Ansichten dort hineinfließen, um die Objektivität zu 100$ zu garantieren.

    • foundnoreligion sagt:

      Was meine Sig angeht, die habe ich vor ein paar Monaten geschrieben, als ich mich noch nicht so gut mit dem Prinzip der objektiven Ethik auskannte, deswegen darfst du es mir nicht übel nehmen, das ich schrieb, jede Ethik sei subjektiv, aber sie hat einige subjektive Dinge an sich.

      • derautor sagt:

        Warum machst du dir immer Sorgen, ob ich dir etwas übelnehmen könnte? Und woher weißt du, dass „Andi“ mein Spitzname ist? Na ja, habe ich vielleicht schon mal erwähnt.

        • foundnoreligion sagt:

          Du heißt doch Andreas. Grundsätzlich habe ich die konservative Art Menschen mit ihrem vollständigen Namen anzusprechen. Kommt vielleicht aus meiner konservativen Erziehung. Was das zweite angeht. Ich bin ein Mensch, der leider trotz seines Rationalismus und Realismus stets um eine gute Beziehung zu seinen Mitmenschen kämpfen musste.

  2. Rüdiger sagt:

    „Gut ist, was dem Leben dient.“ Wenn man schon nach Vorläufern dieser Maxime sucht, dann würde ich eher an Nietzsche denken.

    Auch für Nietzsche galt: „Gut ist, was dem Leben dient.“ Nur gehört er leider zu den Vernunft-Verachtern. Dem Leben dienen heisst für ihn: seine Raubtier-Impulse ausleben. Wer nach seinen Instinkten lebt, lebt gut und naturgemäss. Wer sie bekämpft, nur weil ihm sein bleicher, kranker, lebensfeindlicher Verstand das diktiert, ist ein décadent. Das heisst in der Konsequenz: es gilt ohne Schranken das Recht des Stärkeren.

    Mephistos Hohn trifft auch Nietzsche: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft – des Menschen allerhöchste Kraft!“

    Andere Vorläufer von „Gut ist, was dem Leben dient“, fallen mir nicht ein. Nur eine lange Reihe von Philosophen, die diese Maxime aus den verschiedensten Gründen verurteilen.

  3. Karl sagt:

    Die Tatsache dass es ein ethisches Endziel gibt wird ja auch von verschiedenen anderen objektiven Ethiken wie z. b. Sam Harris oder Richard Carrier vertreten. Nur dass hier statt dem Leben Glück als wichtigstes Ziel vertreten wird.

    Beide Ziele lassen sich sicher naturalistisch (also aus der Evolution), obwohl dies sicher nicht im Sinne Ayn Rands ist, herleiten.

    Ich frage mich wie du das Verhältnis zwischen diesen anderen objektiven Ethiken und dem Objektivismus siehst?

  4. ulpian sagt:

    Ich habe große Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, wie man Werte und präskriptive Sätze mit einem objektiven Wahrheitsanspruch versehen kann. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin ein Realist (es gibt eine vom Bewusstsein unabhängige objektive Welt), und entschiedener Gegner sowohl des Wahrheitsrelativismus als auch des Wertrelativismus.

    Allerdings sehe ich schlichtweg keine rational adäquate Möglichkeit, Werte objektiv zu begründen. Freilich kann man eine nicht normative, rein deskriptive Moralwissenschaft betreiben, indem man etwa untersucht, welche Verhaltensweisen der Mensch gemeinhin als „gut“ und welche als „böse“ beurteilt, wie der Mensch zum Beispiel von uns als „gut“ beurteilte, etwa altruistische oder kooperative Verhaltensmuster im Laufe seiner Evolution als Produkt natürlicher Prozesse entwickelt hat, was die grundlegendsten Bedürfnisse und Interessen des Menschen sind etc.

    Aber aus alldem kann man doch keine Werte objektiv ableiten.

    Vielleicht darf ich meine Ansicht anhand von Beispielen kurz erläutern: Die Behauptung, die Erde drehe sich um die eigene Achse, ist eine deskriptive, die folglich wahr oder falsch sein kann. Und zwar „wahr“ oder „falsch“ im eigentlichen Sinne, dass heißt „mit den realen Tatsachen übereinstimmend oder nicht“. Die obige Behauptung ist zudem eine wahre, und eine sehr gut belegte noch dazu; jede rationale und intellektuell redliche Person kann davon durch intersubjektive Argumente und Beweisführungen prinzipiell überzeugt werden.

    Die bösen Absichten zum Beispiel eines religiösen Fanatikers, der alle Andersdenkende töten möchte, basieren (rein rechtfertigungstheoretisch gesehen) größtenteils auf schlicht falschen oder zumindest willkürlichen Tatsachenbehauptungen, die jeglicher rationaler Begründung entbehren (z.B. Es gibt einen Gott, der Koran sind dessen Worte; Hölle, Paradies, Engel etc.). Es wird zwar faktisch kaum gelingen, einen solchen Fanatiker durch rationale Argumentation vom Gegenteil zu überzeugen. Prinzipiell sind aber diese Basisbehauptungen einer rationalen Kritik insoweit zugänglich, als man deren Falschheit oder Grundlosigkeit zweifelsfrei nachweisen kann, ohne gemeinsame normative Zwecksetzungen voraussetzen zu müssen.

    Ganz anders sieht es aber bei einem rationalen Moral-Nihilisten aus, der beispielsweise eine vom Bewusstsein unabhängige objektive Welt anerkennt, der alle wissenschaftlich erwiesenen Aussagen als wahr anerkennt, der sich keinen Illusionen über die Welt oder Jenseits hingibt, keinen Verschwörungstheorien anhängt etc., der sich aber dennoch weigert für sich selbst irgendeine moralische Zwecksetzung zu akzeptieren, und, sagen wir mal, sich die Freiheit herausnimmt, andere Menschen stets zu betrügen und zu bestehlen, wo immer er keine nachteiligen Konsequenzen für sich befürchten muss. (sorry für diesen überlangen und schrecklichen Satz)

    Auch wenn ich zugeben muss, dass ich selbst diese Schlussfolgerung nur schwer verdauen kann, scheint sie mir die einzig intellektuell redliche: Einem solchen rationalen Moral-Nihilisten können wir weder „beweisen“ noch sonst wie schlüssig darlegen, dass seine Position „falsch“ sei. Notfalls können wir ihm (und sollten es auch) Strafe und soziale Sanktionen androhen.

    Ich für meinen Teil bin kein Moral-Nihilist und vertrete die Werte der Aufklärung und des Liberalismus; halte aber die Vorstellung, dass diese Werte objektiv und rational „begründbar“ wären, so emotional unbefriedigend es für mich auch ist, für eine Illusion. Zwischen den Positionen des rationalen Moral-Nihilisten und des Liberalen gibt es meines Erachtens keinen rational eindeutigen Ausweg, man muss notgedrungen voluntaristisch, oder wenn man will: dezisionistisch, wählen. Mit anderen Worten: Es ist keine Erkenntnis, sondern eine Entscheidung.

    • sba sagt:

      vermutlich wird das alles in der Ethik-Lektion erhellen, aber da ich für eine Seminararbeit auch an der objektivistischen Ethik sitze:

      „Es ist keine Erkenntnis, sondern eine Entscheidung.“
      Stimmt insoweit, als alle Ethische Überlegung des Objektivism die Entscheidung voraussetzt, zu leben, und zwar der eigenen Natur ale Mensch gemäß zu leben (da wir als Menschen nur als Menschen leben können oder gar nicht). In der Folge werden dann Erkenntnisse nötig, wie man es (zuerst mal rein technisch) hinbekommt, weiterzuleben. Daraus entwickelt sich die Fundamentalethik des rationalen Egoismus (diejenige welche Robinson auf seiner Insel brauchte um nicht zu krepieren). Daraus abgeleitet ergibt sich unter dem Vorbehalt der Widerspruchsfreiheit die Sozialethik als derjenige Teil der Ethik, der sich mit der Frage befasst, ob und wie man mit anderen Menschen zusammenleben sollte. (Dein Beispiel mit dem nihilistischen Dauerbetrüger stellt eigentlich eine Person vor, die nicht mit, sondern gegen die anderen Menschen lebt und sie in deren Personsein nicht anerkennt. Kann man machen. Muss man aber in der Folge damit Leben, dass der Rest der Menschheit ebenfall keinen Grund hat, einen als Person anzuerkennen (weswegen — Beispiel zur Verdeutlichung — finale Rettungsschüsse gerechtfertigt sind). Ansonsten: Er hat sich einen moralischen Zweck gesetzt: Den eigenen Vorteil um jeden beliebigen Preis.)
      Wenn man halbwegs sicher und verlässlich mit anderen Menschen zusammenleben will, muss man sich gegenseitig Gründe dafür geben, dasjenige grundlegende Vertrauen zu fassen, dass nötig ist, um jemanden nicht als Bedrohung einschätzen und behandeln zu müssen: Ich will Dir nicht schaden, also brauchst Du mir nicht schaden. Gäbe ich offen zu oder könntes Du Dir aufgrund meiner Handlungen zusamenreimen, dass mir am Hintern vorbeigeht, ob die Durchsetzung meiner Ziele Dich umbringt, was hätte ich von Dir zu erwarten?

      • ulpian sagt:

        Dem würde ich grundsätzlich nicht widersprechen wollen. Allerdings geht auch aus deinen Ausführungen meines Erachtens hervor, dass man ethische Werte prinzipiell eben nicht objektiv begründen kann. Nur hierauf kam es mir ja an.

        Mein Beispiel mit dem rationalen Wertnihilisten ist aber, denke ich, nicht so leicht abzuhaken, da ich ja hinzugefügt hatte, „wo immer er keine nachteiligen Konsequenzen für sich befürchten muss“.

        Dieser, zugegebenermaßen vielleicht etwas konstruierte, Zusatz sollte es unmöglich machen, den rationalen Wertnihilisten mit Sanktionen von der Richtigkeit oder gar „Wahrheit“ ethischer Werte zu überzeugen. Denn als rationaler Egoist weiß er ja sehr wohl um seine eigenen Interessen, so dass er von Betrug und Diebstahl auch absehen wird, wo immer nötig. Auch weiß er natürlich, dass eine funktionierende Gesellschaft mit gewissen Spielregeln (ohne die ja Betrug kaum möglich sein würde) auch für ihn von großem Vorteil ist. Er sieht sich halt nur in keinster Weise dazu angehalten, diese Regeln auch dort zu befolgen, wo die Übertretung ihm mehr Vorteile als Nachteile einbringen würde.

        Die Haupthürde einer jeden normativen Ethik ist doch gerade der Übergang vom einsamen Robinson zu der Gemeinschaft mit Freitag. Der Gesellschaftsvertag, die goldene Regel, der Regelutilitarismus, der kategorische Imperativ… Sie alle versuchen doch dem Einzelnen gegenüber zu begründen, dass er sich denselben prinzipiellen Spielregeln unterwerfen soll wie alle anderen auch; dass er gewissermaßen nicht als Trittbrettfahrer oder Parasit agieren darf, indem er die Vorteile eines geregelten Zusammenlebens ausnutzend eben diese Regeln aushöhlt. Gerade dieser Schritt ist aber nicht objektiv begründbar.

        Das heißt, wir könnten mit einem rationalen Wertnihilisten durchaus darin übereinkommen, wie eine Gesellschaft bei diesen und jenen Rahmenbedingungen verfasst sein sollte, um ein bestimmtes Ziel am besten zu erreichen, etwa damit möglichst alle Teilnehmer in größtmöglicher Freiheit, Wohlstand und Glück leben können. Mit dieser rein „technischen“ Ebene hätte er ja als rationale Person kein Problem. Nur könnte man ihm eben nicht objektiv beweisen (wie man ihm eine mathematische oder wissenschaftliche Tatsache „beweisen“ könnte), dass er sich an diese Regeln selbst dann halten „soll“, wenn die Übertretung und Schädigung anderer (aus prospektiver Sicht) ihm mit (Nahezu-)Sicherheit keine Nachteile, dafür aber erhebliche Vorteile einbringen würde.

        • sba sagt:

          „dass man ethische Werte prinzipiell eben nicht objektiv begründen kann.“
          Tja…die Logik sagt mir etwas anderes.
          Der Primärwert eines rationalen Egoisten, aus dem alle anderen Werte abgeleitet werden, ist das eigene Leben. M.E. läßt es sich logisch begründen, dass Ethik nur unter dieser Voraussetzung funktionieren kann.
          Die Prämisse lautet, dass Ethik handlungsleitend sein soll.
          Die andere Prämisse nimmt um des Argumentes Willen das Gegenteil an: Wenn man dem eigenen Leben keinen Wert zuschreibt, ist es weder notwendig, noch möglich, daraus handlungsleitende Aussagen abzuleiten: Wenn das eigene Leben keinen Wert hat, braucht man einfach gar nichts zu tun, oder beliebiges, und das Leben wird ziemlich schnell von einem weichen.
          Die Schlussfolgerung ist, dass Ethik ihre Aufgabe, handlungsleitend zu sein, nur dann erfüllen kann, wenn man dem eigenen Leben Wert zuschreibt. Und andersherum: Eine Entscheidung gegen das eigene Leben führt aus der Ethik heraus.
          (nebenbei ist diese Schlussfolgerung meine eigene Suppe; ich ewiß von keinem Vergleichbaren Argument bei irgendwem; andererseits geht die folgende Passage aus Galts Ansprache in eine ähnliche Richtung: http://aynrandlexicon.com/lexicon/morality.html#order_2 ).

          „Er sieht sich halt nur in keinster Weise dazu angehalten, diese Regeln auch dort zu befolgen, wo die Übertretung ihm mehr Vorteile als Nachteile einbringen würde.“
          Nunja..entgegen meiner Normaltendenz würde ich darauf gerne ein Rand-Zitat anbieten, in dem sie, wie ich finde, das Problem sehr gut auf den Punkt gebracht hat. Finde es aber nicht. Im Wesentlichen geht es darum, die Folgen und Auswirkungen zu bedenken: Wer von Betrug lebt, lebt im Wesentlichen davon, dass es Menschen gibt, die „dümmer“ sind und weniger wissen als er, bzw. davon, dass sein Wissen und seine Schläue die ihre übersteigen. Wer von Gewalt lebt, ist auf Schwäche und Angst der anderen angewiesen. Beiden Typen „helfen“ die anderen Menschen nicht mit ihren Werten, sondern mit ihren Fehlern und Schwächen. Die Anfrage lautet, ob dieses Vorgehen wirklich dem rationalen Eigeninteresse eines Menschen entspricht; zumal man damit rechnen muss, irgendwann von irgendjemandem an Wissen und Schläue bzw. an Kampfkraft und Mut übertroffen zu werden und dann die komplette Basis für das eigene Leben zu verlieren. Oder, wenn ich Chaplin zitieren darf:
          „More than machinery, we need humanity. More than cleverness, we need kindness and gentleness. Without these qualities live will be violent and all will be lost.“
          (finale Ansprache in The Greate Dictator)
          Gewalt erzeugt berechtigte Gegengewalt (ob sie sich nun auf den Körper odr den Geist eines Menschen richtet). Entweder ist man stärker als der Gegner, oder geht unter. In so einer Welt zu überleben braucht es den Zufall, auf niemanden zu treffen, der einen übertrifft.
          Die Alternative ist freiwillige Kooperation, bei der man davon profitiert, wenn jemand einen übertrifft (es gibt Leute, die können besser Häuser bauen als ich; in der Folge kann ich sehr schön, bequem und sicher wohnen), die aber nicht völlig ohne Voraussetzungen ist. Eine rationale (und in der Folge objektive) Sozialethik schafft die Bedingungen der Möglichkeit freiwilliger Kooperation: Warum bleibt Freitag bei Robinson, statt zu „seinen“ Leuten zurück zu gehen? Weil er und robinson voneinander profitieren, ohne, dass einer von beiden auf der Strecke bleiben muss.

  5. Karl sagt:

    @ulpian
    Das ist perfekt zusammengefasst. Ähnliche Bedenken gegenüber einer objektiven Ethik habe ich auch.

    Noch ein paar Punkte zur Sein-Sollens-Problematik die ich mir so stelle:

    1. Wenn man ein gewisses Sein feststellt, sei es durch Axiome oder aus naturalistischen Überlegungen, dann folgt daraus dass gewisse ethische Handlungen oder ethische System besser sind und andere ganz falsch. Das meint Sam Harris auch wenn er von „Peaks“ spricht. Es kann aber daraus nicht ein Gesetz folgen dass jemand sich danach richtigen muss oder automatisch danach handelt.

    2. Solch ein automatisches ethisches oder unethisches Handeln würde auch genau der Willensfreiheit widersprechen die ja auch im Objektivismus (zu recht) postuliert wird. Ein radikaler Evolutionspsychologie würde vielleicht annehmen dass wir keine Willensfreiheit haben und uns somit getreu unseren evolutionären Instinkten also unserem evolutionären Sein verhalten. Wer die Willensfreiheit akzeptiert der muss auch akzeptieren dass jemand nicht durch das Sein determiniert ist.

    3. Die Anerkennung von Humes Gesetz bedeutet nicht dass man gewisse ethische Zustände oder dann Kulturen nicht vergleichen kann. Ohne Zweifel ist es besser hier zu leben als unter der Herrschaft der Taliban und natürlich liegen die Taliban auch in ethischen Fragen falsch.

  6. foundnoreligion sagt:

    Zuerst muss ich sagen, dass der Objektivismus den Andreas vertritt, der Objektivismus Ayn Randscher Prägung ist und es viele Philosophien gibt, die objektivistisch sind. Meine eigene Philosophie ist auch eine objektivistische, unterscheidet sich aber in einigen Punkten von Rand.
    Hinsichtlich meiner Ethik ist die einzige objektive Tatsache, dass jeder Mensch danach strebt, in Glück, Freiheit und Frieden zu leben.(Asketen, Leidsuchende, Masochisten und sich für andere opfernde Menschen schließe ich dabei aus). Jedes Streben ist aber eine Empfindung, ein Wollen. Und die höchste Form dieses Wollens ist das Leben. Das führt zu Handlungen, die diesem Ziel dienen. Die Ratio kann uns dabei helfen, sich widersprechende Handlungen nach der Wichtigkeit für unser Ziel, in Frieden, Freiheit und Glück zu leben, einzuordnen. Oder kann ein Wesen, dass nichts will, überhaupt Handlungen setzen, die seinem Ziele dienen?

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