Wenn irgendwas nicht geht, privatisiert es

In meiner unnachgiebigen Kampagne für den totalen Kapitalismus, die größtenteils darin besteht, gelegentlich kleinlaut meine marktwirtschaftlichen Vorschläge für die Lösung konkreter Probleme zu nennen, wurde ich mit zwei neuen Vorwürfen konfrontiert. Erstens gehe es mir „tatsächlich“ darum, kleine Robbenbabys zu töten. Zweitens wollte ich insgeheim auch die Luft privatisieren, würde man mich nur lassen.

Vielleicht machen die Leute das zur Erholung. Schließlich redet das ganze Volk von den finsteren Umtrieben von Großunternehmern, aber wenn es darum geht, jemanden zu finden, der wirklich den Kapitalismus argumentativ verteidigt, so gibt es nicht viele. Großunternehmer machen das so gut wie nie, die sagen einfach, was die Leute hören wollen und was ihnen ihre PR-Berater empfohlen haben. Und am Ende landet der ganze Quatsch bei mir und wenn mal jemand fragt „aber wer fordert so etwas denn wirklich“, dann verlinken sie mein Magazin.

Mir ist bewusst, dass linke und grüne Aktivisten gelegentlich Dinge ansprechen, die wirklich problematisch sind. Aber wann immer ich meinen Lösungsvorschlag nenne, wird er aggressiv abgeschmettert. Ein Beispiel:

Ich habe mir gerade das neueste Album der Toten Hosen durchgehört und dazu gehört ein Cover des Ton-Steine-Scherben-Klassikers „Keine Macht für Niemand“. Das war übrigens eine „privatisierte“ Band und keine staatliche Band. In dem Liedtext heißt es:

Ich bin nicht frei und kann nur wählen,
welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.
Ich bin tausendmal verblutet und sie ham mich vergessen.
Ich bin tausendmal verhungert und sie war’n vollgefressen.

Man kann also nur seine Steuereintreiber wählen und jene, die uns an die Front schicken. Wie also lautet die naheliegende Lösung für dieses Problem?

1. Steuern abschaffen oder auf ein Minimum reduzieren, um Polizei, Militär, Gerichte finanzieren zu können (insofern man sie abschafft, müsste man diese legitimen Staatsaufgaben anders finanzieren, z.B. durch eine Staatslotterie oder eine einheitliche Handelsabgabe). Dann hätten Politiker keine legale Möglichkeit mehr, das Volk auszubeuten.

2. Wehrpflicht abschaffen, Freiwilligenarmee etablieren.

Beides sind „kapitalistische“ Forderungen. Das ist genau das, was Ayn Rand und ihre radikal-kapitalistischen „Jünger“ wollten und wollen. Politiker würden nur noch als Verwalter dienen, die darüber wachen, dass die individuellen Rechte der Bürger geschützt werden.

Aber genau das wollen Linke nicht und das will das breite Volk nicht. Sie meckern unentwegt über Politiker und beschweren sich über Steuergeldverschwendung, aber wenn mal jemand ankommt und sagt: „Na gut, dann setzen wir ein unveräußerliches Recht auf Privateigentum ins Grundgesetz und das Problem erledigt sich“, dann bekomme ich nichts als empörte Aufschreie zu hören. Und so ganz abschaffen muss man die Wehrpflicht ja auch nicht. Was, wenn ein Krieg kommt?

Ja, dann hört eben auf zu meckern, wenn euch die naheliegende Lösung nicht passt und wenn euch keine bessere einfällt!

Nun zu der grünen Bewegung. Sie sagen, sie wollen die Wale und die Robbenbabys retten (bzw. sagten sie das in ihrer relativ nüchternen Anfangszeit; inzwischen wollen sie offenbar diverse natürliche Elemente aus dem Periodensystem wie Chlor verbieten; siehe Patrick Moores Confessions of a Greenpeace Dropout). Sie sagen, sie sind gegen die staatliche Förderung von Atomenergie.

Gut! Dann privatisieren wir eben die Ozeane und somit auch die Wale und die Robbenbabys und wir schaffen die staatliche Energieförderung ab.

Die Eigentümer der Wale und Robben (und Elefanten, etc.) hätten gewiss kein Interesse daran, ihre Tiere einfach zu töten (wieso?), sondern sie würden sie ökonomisch in ihrem natürlichen Lebensraum halten und dafür sorgen, dass sie nicht aussterben und dass ihre Zahl stabil bleibt. Klar würden sie auch einige Wale und Robben (keine Robbenbabys) töten und verwerten, wie es heute mit Hühnern und Schweinen der Fall ist. Aber die Wale würden garantiert nicht ausgerottet werden, wenn man viele Millionen Euro für die Tötung eines männlichen Wales bezahlen müsste – die wären sehr wertvoll, denn man braucht viele weibliche Tiere, aber nur wenige männliche. Ebenso wären die Haltungsbedingungen optimal – die Tiere könnten einfach in ihrem natürlichen Lebensraum bleiben.

Warum wurden die Büffel von den weißen Einwanderern in Amerika fast ausgerottet? Weil sie niemandem gehörten. Hätte man jene, die Büffel töten, verklagen und zur Zahlung von ein paar hunderttausend Dollar verurteilen können – drei Mal dürfen Sie raten, wie viele Büffel getötet worden wären. Aber nein. Sie liefen einfach in der Gegend herum und es gab niemanden, der einen davon abgehalten hätte, Büffel zu erschießen; selbst wenn man sie gar nicht oder nur wenig von ihnen verwertete. Die Ureinwohner beanspruchten ebenfalls kein Eigentum am Gold in ihren Gebieten. Ergo: Die weißen Einwanderer holten es sich.

In meinen Gesprächen mit dem „breiten Volk“ ist mir aufgefallen, dass die Leute systematisch und beinahe ohne Ausnahme den Kapitalismus mit seinem Gegenteil, dem mittelalterlichen System der Grundherrschaft verwechseln. Sie glauben, der Kapitalismus besage, Großunternehmer dürften das Volk zur Fronarbeit zwingen und es beliebig ausbeuten. Natürlich darf man im Kapitalismus niemanden zu irgendetwas zwingen. Es geht um freiwilligen Handel. Wenn jemand nicht für einen bestimmten Unternehmer arbeiten möchte, dann kann er einfach zu einem anderen gehen, in derselben oder in einer anderen Sparte. Oder er kann selbst Unternehmer werden.

Übrigens schade, dass man die Luft nicht privatisieren kann. Sie wäre viel sauberer, wenn einige Leute ein winziges bisschen für sie zahlen würden – wie bei Straßen kann man davon ausgehen, dass man die Luft in der Nähe von Geschäften als potenzieller Kunde nicht bezahlen müsste, weil das die Unternehmer übernehmen würden. Ebenso kann man davon ausgehen, dass niemand von armen Menschen erwarten würde, dass sie für die Luft bezahlen. Treibhausgase und Luftverschmutzung könnte man dann abhaken. Aber das sage ich nur, um meine Kritiker zu nerven und als Denkanstoß.

Literatur

http://rcm-de.amazon.de/e/cm?t=feuerbringer-21&o=3&p=8&l=as1&asins=B004X2I6ZM&ref=qf_sp_asin_til&fc1=000000&IS2=1&lt1=_blank&m=amazon&lc1=971919&bc1=000000&bg1=F2E2C1&f=ifr

6 Kommentare zu “Wenn irgendwas nicht geht, privatisiert es

  1. Sugar Sun sagt:

    Das hört sich alles total super an und erinnert mich an Kropotkins Utopie-Anarchismus.
    Da gab es auch keinen relevanten Staat und alle Einzelindividuen waren frei und hatten sich alle total gelle gern. Zumindest war das der Hintergedanke.

    In der Realität entsteht aber schnell eine Mafia oder eine paramilitärische Söldnertruppe.
    Dann steht auch nicht der Einzelne sondern Familie und oder Phantome wie „Gott“ an vorderster Stelle.

    Ich habe mal, aufgrund dieses Blogs Ayn Rand gelesen und muss sagen, dass das typisch menschliche Verhalten der Rudel und Lobbybildung um eigene Ziele und Ideen (das können auch ganz GANZ bescheuerte Ideen sein die diametral gegen alle individuelle Freiheiten stehen) durch zu setzen viel zu kurz kommt.

    Ich meine bei deinem Lieblingsfeindbild „die Linken“ dürftest du eigentlich den Organisationsgrad und die Mittel von Bild und Ton zur Beeinflussung (dazu sind auch Lobbyisten nötig in den TV Zentren) auffallen.
    Warum das so ist (psychologische Hintergründe) sollte auch mal aufgefächert werden – nur zu sagen alle seien blöd ist viel zu kurz gedacht und bringt de facto nichts außer Abneigung.

    • derautor sagt:

      Dass ich einen Minimalstaat (Gerichte, Militär, Polizei) befürworte, steht nicht nur unter „Philosophie“, sondern es steht in dem Beitrag, den du hier kommentierst. Und das Mafia-Argument ist sogar mein eigenes Argument, das ich gegen die anarchokapitalistische Fraktion in mehreren Beiträgen schon anführte. Da du bestimmt die Beiträge, die du kommentieren möchtest, vorher liest, weißt du das. Warum also dieser seltsame Kommentar?

      • Sugar Sun sagt:

        Der Kern meines Beitrages war:
        Einzelpersonen werden nicht zwangsläufig andere Individuen als genauso frei und mit gleichen Rechten ausgestattet betrachten wie sich selbst, wenn sie sich unter anderem durch Gruppenverbände schlicht mehr versprechen. (Das geschieht sowohl bewusst, als auch unbewusst)

        Deshalb bilden sich Gesellschaften wie die unsrige oder asiatische etc. überhaupt so aus wie sie derzeit sind.
        Darauf sollte man mal explizit hinweisen, um allzu utopische Träumereien einfach wieder zu erden.

  2. Protokiffer sagt:

    Es ist doch vollkommen belanglos, ob irgendwelche Einzelpersonen andere Individuen als genau so frei betrachten wie sich selbst oder eben nicht. Das ist ja der einzige Existenzzweck des Staates. Die Wahrung der Rechte seiner Bürger. Wenn jemand die Rechte eines Anderen verletzt, greift der Staat ein und sorgt für Ausgleich.

    Auch ist die Gruppenbildung kein Argument gegen den Kapitalismus. Was meinst du eigentlich, was Unternehmen sind? Menschen die sich zu Gruppen zusammengeschlossen haben um in ihrem rationalen Eigeninteresse zu handeln und Gewinn zu erwirtschaften möglicherweise? Nur, weil man sich in Gruppen zusammenschließt, um eigene Vorteile daraus zu ziehen, muss man nicht zwangsläufig die Rechte anderer Menschen verletzen.

    Individualismus bzw. Eigenverantwortung bedeutet doch nicht das alle Menschen automatisch perfekt werden oder nur noch alleine in ihrem stillen Kämmerlein hocken. Es bedeutet lediglich das es niemanden gibt, welcher einem vorschreibt zwangsweise zu irgendwelchen Gruppenverbänden gehören zu müssen. Wenn man irgendeiner Gruppe angehören möchte, so hat man die Freiheit dazu.

    Deshalb sehe ich jetzt auch nicht, was so unsagbar utopisch an dem Inhalt des Artikels sein soll.

    • sba sagt:

      Protokiffer sagt:
      „Deshalb sehe ich jetzt auch nicht, was so unsagbar utopisch an dem Inhalt des Artikels sein soll.“

      Das kann ich Dir sagen: Die Annahme, Argumente allein würden reichen. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass Menschen nicht einfach die Wahrheit suchen (deren Begriff derzeit sowieso kompromittiert ist, postmoderner „Erkenntnistheorien“ sei dank), sondern nach „Wahrheiten“, mit denen sie sich spontan wohl fühlen (statt sich einfach wohlzufühlen, wenn sie Wahrheit gefunden haben, was logischer wäre). Da es eher unmöglich sein dürfte, solch grundlegende Vorurteile zu ändern (schon bei Einzelnen, um so mehr in der Breite), suche ich seit ein paar Monaten nach Wegen, die objektivistishe Tugend- und Tauschmoral so plausibel zu machen, dass die Leute gefühlsmäßig was damit anfangen können. Hatte neulich einen kleinen Erfolg, als ich einem Mitbewohner vorgerechnet habe, dass und wie er kapitalistisch handelt und dass daran absolut nichts Verwerfliches ist.

  3. arprin sagt:

    Ich bin der Meinung, dass man auch einen freien Markt für Drogen erlauben sollte. Drogenkonsum ist ein „opferloses Verbrechen“ und sollte deshalb auch nicht bestraft werden. Es kostet dem Staat und der Gesellschaft mehr, Drogen zu bekämpfen, als mit den sozialen Kosten des Drogenmissbrauchs fertig zu werden. Und die legalen Drogen (Alkohol, Tabak) fordern jedes Jahr deutlich mehr Tote als die illegalen.

    Ich finde diesen Artikel in der FAZ ziemlich gut:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/legalitaet-als-letzter-ausweg-machen-wir-frieden-mit-den-drogen-11734267.html

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