Die Axiome des Objektivismus: Kausalität

Nach Existenz und Identität sowie Bewusstsein geht es nun weiter mit der dritten Lektion der objektivistischen Philosophie: Kausalität.

Kausalität ist die Anwendung des Identitätsaxioms auf Handlungen und Geschehnisse. Das heißt: Entitäten handeln ihrer Natur gemäß.

Was um alles in der Welt bedeutet das nur?

Neben dieser Frage beantworte ich auch, wie sich Aristoteles und David Hume bei dieser Frage unterschieden und warum Kausalität nicht dasselbe ist wie Determinismus.

Zunächst gibt es ein Problem mit der Übersetzung des Begriffs „action“. Er bezeichnet sowohl ein Geschehnis, das von einem unbelebten Gegenstand ausgeht, wie ein Rad, das rollt, ebenso wie Handlungen, die von Menschen ausgehen, wie ein Mann, der ein Eis isst –  und Ayn Rand meint beides mit „action“. Man sollte dies im Folgenden im Hinterkopf behalten, wenn von „Handlungen“ oder „Geschehnissen“ die Rede ist.

Damit klar wird, was Kausalität ist und warum es als Axiom gilt, müssen außerdem zunächst andere grundlegende Begriffe der Philosophie erklärt werden. Viele dieser Begriffe sind schon seit 2500 Jahren in der Philosophie gebräuchlich – es lohnt sich also, sich mit ihnen vertraut zu machen.

Existierendes – etwas, das es gibt – existiert in bestimmten grundlegenden Kategorien, die nicht aufeinander reduziert werden können.

Die grundlegendste Kategorie sind Entitäten. Entitäten sind Existierendes, das es unabhängig von anderem Existierenden gibt. Ein Blatt Papier ist eine Entität. Ebenso ein Marienkäfer, ein Stein, ein Fernseher, ein Auto, ein Haus.

Es gibt auch Existierendes aus anderen Kategorien als die Entitäten: Attribute von Entitäten (Form, Größe, Farbe, Gewicht, etc.) und Beziehungen zwischen Entitäten (vor, hinter, größer, kleiner, etc.).

Übersicht

Existierendes: Kategorien.

Kategorien:

a) Entitäten,

b) Attribute (= Eigenschaften) von Entitäten,

c) Beziehungen zwischen Entitäten.

Ein Attribut ist kein Bestandteil einer Entität, der unabhängig von dieser existieren könnte. Entitäten sind untrennbar mit ihren Attributen verbunden. Ein Autoreifen ist kein Attribut eines Autos. Ein Tischbein ist kein Attribut eines Tisches. Der Autoreifen und das Tischbein sind selbst Entitäten. Wir können ein Tischbein von einem Tisch entfernen und einen Reifen vom Auto. Wir können allerdings nicht die Form und Größe von einer Entität entfernen. Wir können nicht die Form oder die Farbe eines Tisches von ihm entfernen oder die Größe und das Gewicht von einem Auto. Darum sind Form, Größe, Farbe, Gewicht Attribute. Sie existieren wirklich, aber sie gehören untrennbar zu einer bestimmten Entität.

Natürlich können wir die Attribute verändern, beispielsweise einem Auto eine neue, grüne Lackierung verpassen. Aber die Attribute gehören stets zu Entitäten: Ein Auto hat die Farbe „grün“. „Grün“ hat sich nicht selbst. Es gibt kein „grün“ ohne etwas, das grün ist. Es gibt keine Größe ohne etwas, das eine Größe hat. Es gibt keine Form ohne etwas, das eine Form hat. Ein Ahornblatt hat eine grüne Farbe. Eine grüne Farbe im allgemeinen Sinne – also ohne eine bestimmte Entität, die grün wäre, wie die aus bestimmten Chemikalien bestehende Farbe in einem Farbeimer – existiert nicht.

Beziehungen existieren zwischen Entitäten. Ein Buch liegt auf dem Tisch, ein Rad ist am Auto angebracht und ein Reifen am Rad. Eine Katze steht vor meinem Haus, ein Hund liegt auf dem Nachbargrundstück und bellt sie an.

Handlungen und Geschehnisse haben eine eigene Identität. Handlungen und Geschehnisse gehören allerdings stets zu einer bestimmten Entität. Ein Sänger (Entität) singt (Handlung), er übt die Handlung des Singens aus. Ein Rad dreht sich, ihm ist das Geschehnis des Drehens zugeordnet. Das Drehen hat die Identität „kreisförmige Bewegung“.

Auch Elementarpartikel sind Entitäten. Sie haben Attribute, sie lösen Geschehnisse aus und sie stehen in bestimmten Beziehungen zu anderen Entitäten. Elementarpartikel sind also Entitäten mit einer bestimmten Identität.

Kausalität ist das Prinzip, dass Entitäten ihrer Natur gemäß handeln.

Handlungen gehören zur Identität der Entität, von der sie ausgehen. Eine Eule schuhut – die Handlung des Schuhuhens gehört zur Identität der Eule. Es zeichnet die Eule aus, dass sie unter bestimmten Umständen schuhut. Das Schuhuhen selbst hat auch eine Identität als Geräusch, das wie „schuhu“ klingt, doch ist das Schuhuhen etwas, das Eulen zugeordnet ist.

Das Kausalitätsaxiom ist identisch mit dem universellen Kausalitätsgesetz. Es besagt, dass jede Handlung auf den zugrundeliegenden Attributen einer Entität beruht; wie auf ihrer Masse, ihrer materiellen Zusammensetzung und ihrer internen Struktur. Ein Rad (Entität) kann sich drehen, weil es so gefertigt wurde, dass es sich drehen kann. Es hängt an einer Achse, es ist rund (Attribute). Derweil ist ein Hamster so beschaffen, dass er in einem Rad herumlaufen und so das Rad zum Drehen bringen kann. Ein Hamster ist ein Säugetier, das Handlungen auslösen kann, zu denen das Laufen in einem Rad gehört. Das ist seine Identität – wobei sich natürlich noch viel mehr über die Identität eines Hamsters aussagen lässt.

Kausalität hat also etwas mit den Beziehungen zwischen der Natur von Entitäten und ihren Handlungen zu tun. Dies ist die Auffassung von Aristoteles. Das Gegenstück zu dieser Auffassung ist jene des skeptischen Philosophen David Hume, welcher der Meinung war, Kausalität habe etwas zu tun mit einer Beziehung zwischen Geschehnissen. Eine Billiardkugel stößt eine andere Kugel an. Das Geschehnis des Anstoßens löse Hume zufolge das Geschehnis des Abprallens der anderen Kugel aus. Kausalität meint laut Hume also, dass Geschehnisse andere Geschehnisse auslösen. Er erklärte daraufhin die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung zu einer, die wir uns einbilden könnten und es sei nicht garantiert, dass Kausalität morgen noch gelte – dass die Sonne morgen noch aufgehe.

Der aristotelischen und objektivistischen Auffassung zufolge sind es allerdings die Entitäten, von denen Geschehnisse ausgehen. Nicht das Geschehnis – der Aufprall einer Kugel auf eine andere – tut etwas (Hume), sondern die Entitäten – die Billiardkugeln – tun etwas (Aristoteles). Nicht der Aufprall ist die Ursache des Aufpralls, sondern die Kugeln sind die Ursache des Aufpralls. Die Billiardkugeln reagieren darum auf ihre bestimmte Art auf Zusammenstöße mit anderen Kugeln, weil sie solide und kugelförmig sind (Attribute, die zur Identität der Kugeln gehören). Wenn hingegen flüssiges Wachs auf eine Billiardkugel tropft, so stößt das Wachs die Kugel nicht auf eine andere, sondern das Wachs breitet sich auf der Oberfläche der Kugel aus und wird hart.

Ein Geschehnis (und eine Handlung) ist also kein kausaler Akteur, sondern eine Zeitspanne, innerhalb derer Entitäten handeln.

Geschehnisse sind die Auswirkungen von Entitäten und nicht die Auswirkungen von abstrakten Konzepten dieser Auswirkungen – wie die Naturgesetze. Die Naturgesetze tun nichts. Sie beschreiben lediglich die kausalen Eigenschaften von Entitäten. Die Entitäten selbst tun etwas. Wenn eine Billiardkugel auf den Boden fällt, so ist es nicht das Gravitationsgesetz, das sie nach unten zieht, sondern es ist die Erdanziehungskraft, die Gravitation selbst.

Die Uniformität der Natur

Wenn Handlungen von der Natur der handelnden Entitäten bestimmt werden, so können wir von den Handlungen einer Entität auf die Handlungen jener mit derselben Natur schließen. Dieselbe oder eine genau gleiche Entität wird also in denselben Umständen auf dieselbe Art handeln.

Induktion, also die Folgerung allgemeiner Gesetze aus Einzelbeobachtungen, ist nur dann möglich, wenn alles, was hier bislang ausgeführt wurde, zutrifft. Wenn Entitäten nicht ihrer Natur gemäß handelten, so wären aus dem Verhalten einiger Entitäten einer bestimmten Art keine Schlussfolgerungen auf das Verhalten anderer Entitäten derselben Art möglich. Wir wüssen niemals, ob eine Billiardkugel der identischen Form und mit dem identischen Gewicht wie eine andere Billiardkugel sich ebenso verhalten würde wie diese oder wie etwas vollkommen anderes.

Wäre die Kausalität im Sinne des Objektivismus (und im Sinne von Aristoteles) inkorrekt, so könnte sich eine Billiardkugel morgen ebenso verhalten wie ein Huhn. Eine Billiardkugel könnte morgen vielleicht im Sand scharen und Eier legen. Laut Hume sei es lediglich unsere bisherige Erfahrung, dass sich die Dinge so verhalten, wie wir das kennen. Sie könnten sich Tags darauf ganz anders verhalten.

Induktion ist unentbehrlich für die Wissenschaften. Forscher können nicht jeden Tropfen Wasser auf dem Planeten auf die Frage überprüfen, bei welcher Temperatur er kocht, also wo sich der Siedepunkt von Wasser befindet. Sie überprüfen eine bestimmte Menge Wasser und dann schlussfolgern sie, dass Wasser das Attribut besitzt: Siedepunkt 100° Celcius bei einem bestimmten Atmosphärendruck, wie er auf dem Großteil des Erdballs vorherrscht. Mittels Induktion können wir schlussfolgern, dass Wasser generell unter denselben Umständen bei derselben Temperatur kocht. Ohne Induktion wüssten wir nur so viel wie ein Tier oder wie David Hume; nämlich ausschließlich das, was wir gerade beobachten.

Kausalität versus Determinismus

Der Determinismus geht davon aus, dass Geschehnisse aus anderen Geschehnissen hervorgehen und folgt daher Humes Auffassung. Einige Geschehnisse mögen in der Tat aus vorangehenden Bedingungen notwendig hervorgehen, aber andere tun das vielleicht nicht. Grundsätzlich gehen Geschehnisse nicht aus anderen Geschehnissen hervor, sondern sie gehen aus den Naturen der handelnden Entitäten hervor. Inwiefern Umweltfaktoren von Bedeutung sind, hängt von den Identitäten der jeweiligen Entitäten ab.

Beispielsweise ist von den Muskeln und der Haut der Dinosaurier nichts mehr übrig. Die Identitäten von Muskeln und Haut schließen keine Attribute ein, die zu einer Haltbarkeit führen würden, die mit der von Knochen vergleichbar wäre. Anders ausgedrückt verwesen Muskeln und Haut, während Knochen die Jahrtausende und Jahrmillionen besser überstehen – insbesondere wenn sie versteinern. Und dies liegt an ihrer jeweiligen Natur.

Billiardkugeln bewegen sich auf eine Weise, die genau von den Aufschlägen auf sie abhängt. Der Impuls der auftreffenden Kugel wird erhalten und an die getroffene Kugel weitergeleitet (abzüglich Reibung, Luftwiderstand). Lebewesen können im Gegensatz zur unbelebten Natur selbst Handlungen auslösen. Ein Stein liegt nur herum, aber eine Pflanze wächst und nimmt Nährstoffe von der Sonne und aus dem Boden auf. Bei Tieren, die über ein Bewusstsein verfügen, kommt ihr Bewusstsein der Umgebung und ihr Bewusstsein ihrer Bedürfnisse hinzu. Menschen schließlich sind sich ihrer selbst und ihrer geistigen Vorgänge bewusst. Es gehört zu ihrer Natur, darüber reflektieren zu können, welche ihrer Bedürfnisse gegenüber anderen Vorrang haben und wie sie diese erfüllen können.

Menschliche Entscheidungen werden vom eigenen Willen ausgelöst, der eine Wahl zwischen verschiedenen Alternativen trifft. Menschen handeln somit ihrer Natur gemäß, wie alles andere seiner Natur gemäß handelt. Das Attribut „Willensfreiheit“ gehört zur Identität des Menschen.

In den nächsten Lektionen geht es dann um die Rolle der Vernunft, der Sinne und der Emotionen. Sollte seitens der Leser Bedürfnis bestehen, gehe ich auch näher auf die Willensfreiheit ein.

Literatur

Mehr über das objektivistische Verständnis der Willensfreiheit erfährt man auf jeden Fall in meinem aktuellen Buch:

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Ansonsten waren David Kelley und Leonard Peikoff – vornehmlich Kelley – wieder die Hauptquellen für diese Lektion:

David Kelley: The Logical Structure of Objectivism

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Bezüglich der Übersetzung der Begriffe habe ich mich möglichst an objektivismus.de orientiert, wobei die vorliegenden Lektionen weitaus mehr ins Detail gehen (z.B. gibt es auf objektivismus.de nicht einmal eine Übersetzung von „existent“).

11 Kommentare zu “Die Axiome des Objektivismus: Kausalität

  1. sba sagt:

    Kleine Präzisierung nötig:
    „Entitäten sind Existierendes, das es unabhängig von anderem Existierenden gibt.“
    logisch unabhängig von anderem Existierenden. Wichtig zur Abgrenzung von kausaler und ontologischer Unabhängigkeit. „Das Blatt“ ist zwar logisch unabhängig von „Der Baum“, da die sätze logisch unabhängig voneinander wahr sind, aber kausal sind sie voneinander Abhängig aufgrund der Natur der erwähnten Entitäten.

    Hat Rand sich eigentlich zu der Frage geäußert, ob „existiert“ ein Attribut ist? Soweit ich weiß, ist das schon länger strittig, während ich bei der Analyse der Frage schon ständig auf Widersprüche stoße.

  2. Sophian Philon sagt:

    Vielen Dank erst einmal für die Ausführungen!

    Ich fände es sehr hilfreich, wenn du noch auf die Willensfreiheit eingehst. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto weniger meine ich zu wissen. Seit ich die kurzen Ausführungen von Hayeks in „Die Verfassung der Freiheit“ gelesen habe, scheint mir die ganze Diskussion ein Scheinproblem zu sein. (Ich muss aber gestehen, dass ich die Kapitel in „Der Westen“ noch nicht gelesen habe; da mache ich mich jetzt ran…)

  3. foundnoreligion sagt:

    Ein kritischer Rationalist würde dieser Aussage widersprechen, wonach man durch Induktion zur Erkenntnis gelangt. Man müsste stattdessen die Deduktion anwenden. Popper selbst führt das Induktionsproblem an, indem er erklärt, dass ein Huhn immer wieder erwartet, das gleiche jeden Tag zum Essen zu bekommen, bis es eines Tages selbst auf den Speiseteller landet. Noch besser ist die Sache mit den Schwänen. Aus der Einzelbeobachtung von weißen Schwänen lässt sich nicht ausschließen, dass es auch Schwäne gibt, die nicht weiß sind.
    Kritische Rationalisten übersehen bei ihrem Falsifikationsprinzip eines. Dass sich nicht jede Behauptung falsifizieren lässt. Einige muss man verifizieren. Carl Sagan erklärt in seinem wohl bekanntesten Buch „Der Drache in meiner Garage“, dass man Allaussagen durch ein einziges Beispiel widerlegen, und Existenzaussagen durch ein einziges Beispiel beweißen kann. Jede Behauptung muss hinsichtlich der objektiven Realität überprüft werden. PS: Schon Francis Bacon, Blaise Pascal oder Isaac Newton widersprachen der aristotelischen Denkweise, und diese wirkten früher als David Hume.

    • derautor sagt:

      1. Induktion und Deduktion gehören zusammen. Allerdings ist die Induktion grundlegender und ohne Induktion wäre Deduktion ausgeschlossen. Man kann sich kein allgemeines Gesetz herbeifantasieren und dann davon ausgehen, dass alles Betroffene diesem Gesetz folgt. Man muss zunächst einmal die Dinge beobachten – dann stellt man aufgrund der Beobachtungen ein Gesetz auf. Und dann wendet man dieses Gesetz auf Einzelfälle an. Wenn das irgendwann nicht geht, sieht man sich genau an, woran es liegt.

      2. Es widerspricht nicht der Natur des Huhns, noch der Natur des Menschen, wenn ein Mensch ein Huhn schlachtet und aufisst. Somit sehe ich nicht, wo hier ein Konflikt mit der Induktion auftreten würde.

      3. Das Schwan-Beispiel ein typisches Problem mit dem Rationalismus, der sich von der Realität unabhängig ein logisches System aufbaut und dann erstaunt ist, dass sich die weißen Schwäne seiner Theorie nicht so oder nicht ausschließlich so in der Realität vorfinden.

      Natürlich sind schwarze Schwäne noch immer Schwäne, da sie die meisten Attribute von weißen Schwänen teilen, nur haben sie eben eine andere Farbe. Der Punkt ist, dass die weiße oder schwarze Farbe nicht zur essenziellen Natur des Schwans gehört. Der Objektivismus besagt ja gerade, dass Induktion mittels bloßer Quantität (wir haben besonders viele weiße Schwäne entdeckt, also gehört es zur Natur eines Schwans, weiß zu sein) nicht funktioniert.

      Was also tun wir, wenn dir glauben, die weiße Farbe gehöre zur essenziellen Natur des Schwans und dann finden wir heraus, dass es auch schwarze Schwäne gibt? Erklären wir dann die Induktion oder gar die Vernunft an sich für widerlegt? Oder akzeptieren wir, dass wir uns irrten, und die Farbe eben doch nicht zur essenziellen Natur eines Schwans gehört?

      Unser Wissen ist kontextuell. Wenn Einstein entdeckt, dass die Newtonschen Gesetze in bestimmten Fällen (Lichtgeschwindigkeit) nicht ausreichen, dann ignorieren wir ihn nicht einfach oder wir geben die Vernunft auf, sondern wir akzeptieren, dass unter bestimmten Umständen andere Gesetze gelten.

      Diejenigen, die aus solchen Beobachtungen wie Einsteins und Bohrs ableiten, Induktion wäre unmöglich, die Vernunft hätte Schranken, unsere Logik sei primitiv, können wir uns als Schamanen vorstellen, die immerzu darauf hoffen, dass endlich die Vernunft untergeht und sie wieder ihrem Wunschdenken und ihren Launen folgen können.

      • foundnoreligion sagt:

        Ich habe geschrieben, dass dies die Ansicht von Kritischen Rationalisten ist und nicht meine. Ausserdem habe ich geschrieben, das man das Falsifikationsprinzip nicht immer anwenden kann.
        Ich habe eine Frage an dich: Bleibst du beim Objektivismus stehen oder wirst du ihn als Grundlage für eine eigene Philosophie verwenden?
        Ich persönliche tendiere zu letzterem.

        • derautor sagt:

          Ist ja kein Problem. Ich reagiere immer nur auf das, was die Leute schreiben und stelle meine Position dazu dar. Ist nicht persönlich gemeint und ich behaupte nicht, dass der Kritische Rationalismus deine Position sei.

          Nun, insofern der Objektivismus korrekt ist, gibt es für mich keinen Grund, eine eigene Philosophie zu entwickeln. Allerdings erscheint es mir sinnvoll, ihn auf weitere Bereiche anzuwenden. Ich würde allerdings an deiner Stelle nicht so oft betonen, dass du eine eigene Philosophie entwickeln möchtest, denn solange du das noch nicht getan hast, schauen dich die Leute eher schief an, wenn du so etwas sagst. Das ist nämlich nicht gerade einfach. Du hast auch so eine gewisse Tendenz, den Kommentarbereich als Notizblock für deine Gedanken zu gebrauchen. Ich würde sie jeweils erst zu Ende denken oder Unklarheiten eindeutig darstellen.

  4. ulpian sagt:

    Zitat von foundnoreligion:
    „Kritische Rationalisten übersehen bei ihrem Falsifikationsprinzip eines. Dass sich nicht jede Behauptung falsifizieren lässt. Einige muss man verifizieren. Carl Sagan erklärt in seinem wohl bekanntesten Buch “Der Drache in meiner Garage”, dass man Allaussagen durch ein einziges Beispiel widerlegen, und Existenzaussagen durch ein einziges Beispiel beweißen kann.“

    Das wäre mir neu, dass kritische Rationalisten diesen Umstand übersehen würden, zumal es ja auf der Hand liegt. Auch Popper schreibt ja, lange vor Sagan, dass Tatsachenaussagen lediglich Existenzaussagen verifizieren können, dass sie aber All-Aussagen (somit alle wissenschaftlichen Theorien) nicht verifizieren oder beweisen, sondern nur stützen können (sofern sie mit den Folgerungen aus der Theorie übereinstimmen).

    vgl. etwa Popper, Logik der Forschung (Tübingen 2005), S. 9, 47 Anm., 66-68.

    Mit anderen Worten: Ein wissenschaftlicher Allsatz, kann durch noch so viele „übereinstimmende“ Beispiele nicht bewiesen, durch ein widersprechendes Beispiel aber (in seiner aktuellen Form) widerlegt werden.

    Das einfach gestrickte Schwan-Beispiel führt Popper an, um einerseits diesen Umstand zu verdeutlichen und andererseits zu zeigen, dass man einer Falsifikation immer entgehen kann, wenn man die ursprüngliche Aussage („Alle Schwäne sind weiß“) in eine bloße Definition umdeutet und etwa sagt „Nach meiner Definition gehört das Weiß-Sein zum Schwan-Sein dazu, daher sind diese schwarzen Tiere eben keine Schwäne“. (Diese Taktik nannte Popper „konventionalistische Wende“; sie hat Ähnlichkeit mit dem „No true Scotsman“-Fehlargument).

    In der Wissenschaft soll es aber nach Popper nicht um Sprachspiele gehen, sondern um (wenn auch versuchsweise) mit objektivem Wahrheitsanspruch versehene Aussagen über die Welt. Man solle widerlegbare Hypothesen über die Wirklichkeit aufstellen, ernsthaft nach Widerlegungen suchen, nach erfolgter Widerlegung (etwa durch einen schwarzen Schwan) die Hypothese verwerfen oder entsprechend modifizieren, stets nach Alternativerklärungen Ausschau halten und wissenschaftliche Theorien angesichts übereinstimmender Tatsachen nicht als „endgültig bewiesen“, sondern „bewährt trotz ernsthafter Widerlegungsversuche“ bzw. „die beste Theorie unter den derzeit vorhandenen“ ansehen.

    Zum Hauptartikel:
    Ich muss gestehen, dass ich den Unterschied zwischen Kausalität und Determinismus nicht völlig verstanden habe. Mir scheint in der Redeweise von „der Natur der Dinge“ ein Essentialismus zu liegen, der nicht wirklich geeignet ist, zur Erklärung der Phänomene beizutragen.

    Das Humesche Problem der Induktion einfach dadurch zu umgehen, dass man nicht das Geschehnis sondern die Kugel selbst zur Ursache erklärt, scheint mir überhaupt nicht plausibel. Denn hierbei wird ja gerade das Kausalitätsprinzip vorausgesetzt, Hume ging es aber eben um die Begründung dieses Prinzips. Man muss Hume durchaus nicht zustimmen, aber die obigen Ausführungen haben, so wie ich das sehe, mit der Humeschen Problemstellung wenig zu tun.

    Ich habe auch nicht ganz verstanden, ob der Determinismus nur in Bezug auf die menschlichen Handlungen abgelehnt wird oder auch in Bezug auf die übrige Natur.

    • derautor sagt:

      Mir scheint in der Redeweise von “der Natur der Dinge” ein Essentialismus zu liegen, der nicht wirklich geeignet ist, zur Erklärung der Phänomene beizutragen.

      Eine Metallkugel hat die Natur (bzw. die Attribute) „besteh aus Metall“ und „ist sphärisch“ und weitere Eigenschaften. Die Kugel „handelt“ entsprechend ihrer Natur. Ich sehe daran nichts Esoterisches.

      Denn hierbei wird ja gerade das Kausalitätsprinzip vorausgesetzt, Hume ging es aber eben um die Begründung dieses Prinzips.

      Kausalität ist etwas, das man unmittelbar beobachten kann. Dabei sollte man seinen Verstand einschalten und das, was man sieht, auf Ursachen und Wirkungen untersuchen. Hume bemerkte essenziell nur: Da tut sich etwas. Wir wissen aber nicht, warum es geschieht, ob das eine aus dem anderen folgt. Klar, wenn man nicht über das nachdenkt, was man sieht, weiß man es nicht.

      Ich habe auch nicht ganz verstanden, ob der Determinismus nur in Bezug auf die menschlichen Handlungen abgelehnt wird oder auch in Bezug auf die übrige Natur.

      Im Bezug auf die lebendige Natur im Gegensatz zur unbelebten. Lebewesen initiieren ihre eigenen Handlungen.

      • ulpian sagt:

        Danke für deine Antwort.

        Ich habe aber immer noch einige Einwände.

        Im Artikel stellst Du doch das Aristotelische Kausalitätsverständnis dem Humeschen gegenüber und veranschaulichst die Differenz an dem Beispiel der Billardkugeln. Die Aristotelische Anschauung sehe in der ersten Kugel (mit all ihren Attributen) die Ursache (für die Bewegung der zweiten Kugel), während Hume das Aufprallen dieser Kugel als Ursache ansehe. Zur Verdeutlichung führst Du sogar das Wachsbeispiel an und führst aus, ein „Aufprall“ des Wachses auf die Kugel würde eben nicht dieselbe Bewegung verursachen, somit komme es nicht auf das Geschehnis sondern auf die „Entität mit ihren Attributen“ an. Und diese Differenz stellst Du als den eigentlichen Grund für den Humeschen Skeptizismus dar.

        Ich meine, dass diese Ausführungen die eigentliche Problematik überhaupt nicht tangieren, egal wie man selber zu dieser Problematik steht oder ob man in dem Humeschen Problem tatsächlich ein Problem sieht oder nicht.

        Ich bin mir auch nicht sicher, ob eine solche Differenz überhaupt besteht. Aristoteles dürfte kaum angenommen haben, dass die erste Kugel ohne den Aufprall die Bewegung der zweiten verursachen würde. Ebenso wenig dürfte die andere Seite vertreten, dass eine Fliege, die auf die zweite Kugel aufprallt, dieselbe Bewegung verursacht.

        Die Herausforderung, der sich Hume stellte, war das Kausalitätsprinzip als solches zu beweisen. Da er hierfür keine Möglichkeit sah, verfiel er dem bodenlosen Skeptizismus. Wie gesagt, muss man Hume durchaus nicht zustimmen, insbesondere nicht in seinen Konsequenzen. Aber die ganze Problemstellung einfach zu ignorieren, indem man etwa, wie Du, sagt „Kausalität ist etwas, das man unmittelbar beobachten kann“ scheint mir an der Sache völlig vorbei zu gehen. Und, mit Verlaub, die Kausalität selbst kann man mit Sicherheit nicht „unmittelbar beobachten“.

        Wenn wir schon gewillt sind, die ganze Problematik gewissermaßen abzuscheiden, ohne uns in die philosophischen Tiefen zu stürzten, würde ich mich zum Beispiel mit dem folgenden Ansatz viel eher anfreunden können:

        Das Kausalitätsprinzip als solches können wir zwar nicht beweisen. Wir müssen es aber immer schon voraussetzen, um die Welt überhaupt rational erfassen zu können. Ähnlich wie die fundamentalen Prinzipien der Logik nicht ihrerseits logisch bewiesen werden können, aber gesetzt werden müssen, um überhaupt rational zu sprechen. Dass man ein Minimum an Vernunft-Voraussetzungen einfach postulieren muss, ohne sie beweisen zu können, ist auch kein hinreichender Grund dafür, die Vernunft gänzlich aufzugeben.

        Dann kann man immer noch darüber streiten, ob diese apriorische Voraussetzung bloß ein Postulat der menschlichen Vernunft ist, die der Natur von uns aufgezwungen wird (wie Kant das zum Teil behauptete), oder ob sie die Struktur der Natur, deren Teil wir sind, abbildet. Die evolutionäre Erkenntnistheorie etwa von Gerhard Vollmer eröffnet ja u.a. bei solchen Fragen ganz neue Einsichten. Jedenfalls meine ich, dass eine Reaktion wie „Wo ist das Problem? Man kann Kausalität doch unmittelbar beobachten“ die Frage nicht wirklich erfasst.

        Dass Hume und auch viele andere, die eigentlich rational begonnen hatten, letztlich mit der Kapitulation der Vernunft endeten, lag meines Erachtens zum großen Teil daran, dass sie die Vernunft an ihrem Vermögen maßen, „endgültige Letztbegründungen“ zu liefern. Das vermögen wir in der Tat nicht (siehe nur das Münchhausen-Trilemma). Das ist aber kein Grund vor dem Irrationalismus zu kapitulieren.

        • derautor sagt:

          Kausalität „beweisen“ ist unmöglich; ebenso wie die anderen Axiome beweisen zu wollen. Das ist schon im ersten Teil der Reihe erläutert. Aber nicht, weil wir sie willkürlich a priori annehmen, weil es für uns vernünftig klingt. Sondern, weil wir direkt beobachten können, dass es stimmt. Wie sollte man zum Beispiel „beweisen“, dass Ebbe und Flut aufeinander folgen? Da kann man nur sagen: Da, schau hin! Hier war gerade Ebbe und jetzt ist Flut. Es gibt keinen „Beweis“ für etwas, das unmittelbar erkennbar ist. Es gibt keinen Beweis für Existenz, Identität, Bewusstsein, Kausalität und Willensfreiheit, ebensowenig wie für Konzepte der erste Ebene. Nicht, weil wir sie einfach mal annehmen müssen, sondern weil Widersprüche durch ihre Leugnung entstehen würden und weil wir sie unmittelbar wahrnehmen können.

          • ulpian sagt:

            Entweder bin ich etwas begriffsstutzig oder Du gehst mit deinen Begriffen etwas lasch um. 🙂

            (1) Was heißt es denn bitte, die Kausalität unmittelbar wahrzunehmen? Ich verstehe es wirklich nicht. Wir können unmittelbar wahrnehmen, dass Ebbe und Flut aufeinander folgen. Ja. Aber, dass sie zum Beispiel durch die Gravitationswirkung des Mondes auf die Erde entstehen, können wir eben NICHT unmittelbar beobachten. Durch unsere heutigen physikalischen Theorien, die sich bewährt haben, verbunden mit den unmittelbar beobachteten Rahmenbedingungen (der Mond steht gerade in diesem Winkel; auf der Erde ist an dieser Stelle gerade Flut etc.) können wir folgern, dass Ursache für Ebbe und Flut die Gravitationskraft des Mondes ist. Aber wir können diese Beziehung nicht unmittelbar beobachten.

            (2) Von „willkürlichen“ Annahmen, die „einfach mal“ gemacht werden, habe ich ja auch nicht gesprochen. Sondern von gewissen Grundpostulaten, die ein Beweisverfahren überhaupt erst möglich machen. Mit Willkür hat dies ja nichts zu tun. Du sprichst davon, dass die „Axiome“ sich dadurch rechtfertigen, dass ihre „Leugnung Widersprüche entstehen lassen“ würde. Das läuft, wenn man es zu Ende denkt, auf ziemlich dasselbe hinaus. (Ohne darin übereinzustimmen, welche Postulate denn nun wirklich gerechtfertigt sind oder nicht).

            (3) Wir können nicht nur nicht die konkrete Kausalitätsbeziehung (etwa zwischen Mond und Flut) direkt beobachten. Sondern auch die Annahme, dass die Natur kausal geordnet ist, dass jedes Ereignis eine kausale Ursache hat (das Kausalitätsprinzip) können wir weder unmittelbar beobachten noch rational beweisen. Um jedoch die Welt rational erfassen zu können, müssen wir diese Annahme (wenn auch nur versuchsweise) machen.

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