Meine Organe gehören mir

Der freie Markt ist die ökonomische Ausprägung von Freiheit und Selbstbestimmung. Kapitalismus ist Freiheit – es ist der Name des politischen Systems, das auf individuellen Rechten beruht, das individuelle Freiheit und Selbstbestimmung ermöglicht.

In einem aktuellen Beitrag des britischen Freidenker-Magazins Spike geht Daniel Ben-Ami kritisch auf ein Buch des Philosophieprofessors (*seufz*) Michael Sandel ein, der die „Exzesse“ des Kapitalismus einschränken möchte.

Als Beispiel nennt Michael Sandel den freien Organhandel. Die Idee lautet, dass Reiche arme Menschen irgendwie dazu bringen könnten, ihre Organe an die Reichen zu verkaufen, obwohl Arme sie vielleicht eher benötigten.

Natürlich könnte man in jedem denkbaren Fall so argumentieren. Die Reichen könnten die Armen „dazu bringen“ (indem sie ihnen einen angemessenen Lohn anbieten), dass sie für sie arbeiten, obwohl sie vielleicht lieber „für sich selber arbeiten würden“.

All dies ergibt nicht den geringsten Sinn.

Kapitalismus bedeutet: Freiwilliger Tausch zum gegenseitigen Vorteil. Wenn jemand seine Organe nicht verkaufen möchte, dann muss er sie nicht verkaufen. Er kann auch auf andere Weise sein Geld verdienen. Er könnte Bäcker werden, Fließen legen, als Manager arbeiten. Dass jemand im Kapitalismus irgendwie dazu gezwungen wäre, auf zweifelhafte Art sein Geld zu verdienen (gehen wir von einem Organhandel in einem unmoralischen Kontext aus) ist eine Ausrede von unmoralischen Menschen. „Ich musste mich prostituieren, ich hatte keine Wahl.“ Wers glaubt, wird selig. (Im Kontext einer freien Gesellschaft, versteht sich – es mag Länder geben, wo Zwangsprostitution illegitimerweise legal ist).

Die einzige Institution, die Menschen dazu zwingen könnte, ihre Organe zu verkaufen, ist die einzige Institution der freien Welt, die Gewalt gebrauchen darf: Der Staat.

Und der Staat ist es, der den Menschen nun verbieten soll, ihre Organe zu verkaufen. Was er natürlich bereits tut.

Beim freien (= freiwilligen!) Organhandel ist die Rede nicht davon, dass ein gesunder Mensch sich sein Herz rausreißt, um es zu verkaufen und sich mit dem Erlös einen Sportwagen zu leisten. Das ist hier nicht Indiana Jones, das ist die Realität. Beim freien Organhandel darf ebenso niemand die Organe anderer Menschen gegen ihren Willen verkaufen, sonst würde er im Gefängnis landen. Denn das wäre ein massiver Eingriff in die Rechte anderer.

Natürlich würde jemand nur Organe und sonstige Teile seines Körpers verkaufen, die er nicht unbedingt benötigt, wie eine Niere, Haare, Blut, Knochenmark und Sperma. Erst für den Todesfall wird man sich entscheiden, seine lebensnotwendigen Organe zu verkaufen und den Erlös seiner Familie oder seinem Partner zukommen zu lassen.

Die Gegner des freiwilligen Organhandels loben in höchsten Tönen ihre moralische Überlegenheit. Eine Medizindoktorantin schrieb auf den Seiten der Wissenscommmunity COSMIQ dazu: „in Deutschland ist Organhandel verboten, und Knochenmark gehört mit dazu. Ich finde es ist schon erfolg genug, das dein Knochenmark zu jemandem anderen passt, denn dass ist selten. Und wie ich finde mit keinem Geld der Welt ist das Leben eines Menschen zu bezahlen. Sei froh, dass du jemandem das Leben retten kannst.“

Sei froh, dass du dem Stamm deine Organe opfern darfst.

Du gehörst dir nicht selbst, dein Körper ist nicht dein Eigentum – du gehörst der „Gesellschaft“. Nicht nur die Früchte deiner Arbeit gehören der Gesellschaft, sondern auch dein Körper gehört nicht dir selbst, sondern der Gesellschaft. Und sie, nicht du, darfst über ihn verfügen. So die unausgesprochene Logik der Altruisten (was nicht heißen soll, dass diese spezifische Medizindoktorantin das vollständig so sehen würde oder sich darüber bewusst wäre, was sie sagt. Es geht nicht um sie. Es geht um eine in der Gesellschaft weit verbreitete Haltung und deren logische Implikationen).

Aber die Altruisten brauchen noch immer unsere Einwilligung. Wir haben noch die Option, die Organspende zu verweigern. Das Eigentum über unseren eigenen Körper ist uns vom Staat genommen worden, aber wir sind noch nicht dazu verpflichtet, uns selbst auf den Opferaltar zu legen. Wir müssen einwilligen. Ich werde niemals einwilligen. Ich habe meinen Organspendeausweis zerrissen. Ich möchte ausschließlich, dass mir jemand freiwillig ein Organ spendet, wenn er auch die Option hat, es stattdessen zu verkaufen.

Organspenden für Menschen, die einem nichts bedeuten, sind unmoralisch, denn sie sind eine Form der Selbstaufopferung (es sei denn, jemand muss ohnehin sterben und er hat niemanden, dem er den Erlös zukommen lassen möchte). Wir könnten uns selbstverständlich freiwillig dazu entscheiden, einem Menschen, den wir lieben, ein Organ von uns selbst zu spenden. Irgendeinem Fremden gratis unsere Organe zu überlassen ist, obwohl wir sie oder ihren Erlös für jemanden, der uns mehr bedeutet, brauchen würden, eine moralische Perversion, die in unserer Gesellschaft als Gipfel der Moral gefeiert wird. „Barbarei“ ist eine zutreffendere Umschreibung; das Verbot des Organhandels ist ein Resultat der Idee, wir wären das Eigentum der „Gesellschaft“ und unser Leben wäre nicht unser eigenes, über das wir zu unserem eigenen Vorteil verfügen dürfen, solange wir niemandem damit schaden – der elementarste Grundsatz jeder freien Gesellschaft.

Meine Organe sind meine Organe. Deine Organe sind deine Organe. Ich respektiere es, dass du über deinen Körper frei verfügst und du respektierst es, dass ich über meinen Körper frei verfüge. Das ist die einzig konfliktfreie Lösung. Das ist die einzige Möglichkeit, wie Menschen, die im rationalen Eigeninteresse handeln, friedlich miteinander auskommen können.

Wenn du mir stattdessen sagst, ich hätte kein Recht darauf, meine eigenen Organe zu verkaufen – sei es, um selbst den Erlös zu behalten; sei es, um ihn nach meinem Tod meinen Lieben zukommen zu lassen – und ich hätte lediglich die Option, meine Organe verwesen zu lassen oder sie ohne Gegenleistung zu verschenken, so greifst du in meine Grundrechte ein. Unser Konflikt wird kein Ende finden, bis du mir meine Rechte zuerkennst.

Die Altruisten, die unsere Einwilligung in unser Selbstopfer fordern, sind nicht die auserwählten Vertreter der höchsten Moral. Sie sind eine primitive Barbarenhorde, die noch an die Legitimität von Menschenopfern glaubt.

14 Kommentare zu “Meine Organe gehören mir

  1. David sagt:

    Ich verstehe die Kritik am Verbot des Organhandels. Aber ich bin mir nicht sicher bei der Kritik der Organspende.
    1.) Es ist ja keine reine Selbstaufopferung, da die Wahrscheinlichkeit ein Organ (kostenlos) zu bekommen viel größer wird, wenn viele Leute Organspender sind. Das ist derselbe Grund, warum man in der U-bahn die Schuhe nicht auf der Sitzbank ablegt: Die Wahrscheinlichkeit selber einen sauberen Sitzplatz zu haben ist einfach besser, wenn alle sich zivilisiert verhalten.
    2.)

    „Da es drei Möglichkeiten gibt, verotten, verschenken und verkaufen, die dritte Methode jedoch verboten ist, will ich die organe nicht verschenken.“
    „Da es drei Möglichkeiten gibt, verotten, verschenken und verkaufen, die dritte Methode jedoch verboten ist, will ich die organe nicht verotten lassen.“
    Was ist der Argumentative unterschied, zwischen der ersten (deiner) und der zweiten Aussage?

    • derautor sagt:

      1. Und wenn alle gratis arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass jeder etwas vom großen Topf abbekommt. Sozialismus pur. Die Sitzbank in einer U-Bahn gehört mir nicht, meine Organe gehören mir. Ebenso ist es nicht zivilisiert, seine Organe an irgendeinen beliebigen Menschen zu verschenken, wenn man sie auch verkaufen oder an die Lieben verschenken könnte – sondern unzivilisiert.

      2. “Da es drei Möglichkeiten gibt, verotten, verschenken und verkaufen, die dritte Methode jedoch verboten ist, will ich die organe nicht verschenken.”

      Das sage ich nicht. Ich sage: Es ist meine Wahl und ich will bestimmen, an wen ich sie gegebenenfalls verschenke oder ob ich sie verkaufen möchte oder nicht.

  2. Stefan sagt:

    Es ist beruhigend mal anderer Meinung zu sein wie du. Man zweifelt schon an der geistigen Aktivität wenn man immer nur zustimmt.
    Zu lebenden Personen hast du alles gesagt, ich frage mich aber wie du darauf kommst Leichen Rechte zuzusprechen.
    Ab dem Zeitpunkt des Dahinscheidens erfüllt kein (real existierendes) Lebewesen irgendein relevantes Kriterium (Existenz, Bewusstsein etc.).
    Du bestimmst nicht über deinen Körper weil „Du“ dann nicht mehr existierst. Game Over; (oder mit Ayn Rand: Die Welt ist untergegangen)Solange sich kein Toter darüber beschweren kann dass man ihn ausnimmt wüsste ich nicht was dagegen spricht eine Organspendepflicht ab dem Todeszeitpunkt einzuführen.

  3. Kawe sagt:

    Ein paar Probleme gibt es da aber schon noch. Organe sind rar. Die Zahl ließe sich durch finanzielle Anreize für Hinterblieben wahrscheinlich etwas steigern. Doch wird wohl der Bedarf auf legale Weise (Tod durch Unfall oder Krankheit unter intensivmedizischen Bedingungen, ohne dass die Aussicht, Organe zu erhalten, für den Tod ursächlich ist) nicht gedeckt werden können. Dieser Mangel wird die Preise dauerhaft in die Höhe treiben, was wiederum Anreize schafft, bei der „Spendebereitschaft“ nachzuhelfen. Organentnahme- und Beschaffungskriminalität würden deutlich ansteigen.
    Ich hoffe, dass sich das Problem der Organknappheit dereinst biologisch-technisch lösen lässt. Das ist natürlich kein Trost für heutige an Organinsuffizienzen Leidende.

    • Wafthrudnir sagt:

      Selbstverständlich sind Organe rar – wie jedes gut, daß vom Staat zwangsverwaltet wird:
      1) Es gibt keinen Anreiz, sie zu spenden, wenn man vom guten Gewissen absieht. Und auch wenn die Mehrheit die Ansicht von AM nicht teilen dürfte, ist ihr Gewissen doch nicht stark genug entwickelt, um Organe in ausreichender Menge zu Verfügung zu stellen.
      2) Es gibt keinen Anreiz, sie pfleglich zu behandeln. Ich las einmal (sorry, Quelle vergessen), daß viele Ärzte darauf verzichten würden, brauch- und verfügbare Organe „in Verkehr“ zu bringen, weil es für sie ein großer bürokratischer Aufwand wäre, und sie absolut nichts davon haben.
      3) Durch den staatlichen Druck steigen die Preise für Organe so stark an, daß nur sehr wenige, sehr risikobereite und sehr reiche Menschen imstande sind, sich Organe zu kaufen. Es gibt also einen Organmarkt, nur sind die Preise dort, ähnlich wie bei Drogen, absurd überhöht, es gibt keine Konsumentensicherheit und auch die Bedingungen für die Verkäufer, also die Spender, sind schlecht.
      Das Argument mit der Beschaffungskriminalität ließe sich auch gegen jedes andere Freiheitsrecht vorbringen: Wäre es illegal, Möbel und Haushaltsgeräte zu verkaufen, gäbe es weniger Wohnungseinbrüche. Wäre es illegal, sich öffentlich zu Religionen zu äußern, wären die Anhänger einer besonders friedlichen Religion nicht gezwungen gewesen, Botschaften zu stürmen. Wäre es illegal, wenn Privatpersonen Verträge abschließen, gäbe es kaum mehr Betrugsfälle.
      Man sieht also, daß jedes Freiheitsrecht im Prinzip Anlaß zu kriminellen Handlungen geben kann, aber es ist offensichtlich auch so, daß ein Rechtsstaat, der seine Aufgabe Ernst nimmt, kriminelle Handlungen so weit einschränken kann, daß die Vorteile der Freiheitsrechte weit überwiegen.

      • Kawe sagt:

        Organe sind nicht rar, weil sie vom Staat zwangsverwaltet werden, sondern weil, von Lebendspenden abgesehen, die nicht für alle Organe möglich sind und auch ein erhebliches Risiko beinhalten, zunächst ein Mensch sterben muss, und zwar unter Bedingungen, die erlauben, dass man bei totem Gehirn die übrigen Organe noch eine Weile am Funktionieren hält. Während die Legalisierung von Drogen, die leicht in Mengen weit über den Bedarf produziert werden könnten, die Preise purzeln ließe, hülfe ein Markt für Organe nicht im erforderlichen Maße, den Mangel zu beheben. Die Folge wären vermutlich absurd hohe Preise. Käme als Kassenleistung wohl nicht in Frage. Dürfte dem Wähler nicht zu vermitteln sein.

        • derautor sagt:

          Ja, manche Organe sind regelrecht wertvoll. Umso besser also, dass der Gewinn ihren Eigentümern zusteht und nicht der Allgemeinheit.

  4. sba sagt:

    Die Sache mit dem „Leben vs. Erbe“ angeht, so ist eine Leiche, wenn ich das richtig weiß, im Eigentum des nächsten Angehörigen des Verstorbenen (derselben Person, die für Bestattung/ „Entsorgung“ zuständig ist). Jedenfalls bis zur letzten Hysterie um das Thema war auch das letzte Wort in Sachen Organspende bei den Angehörigen, der Ausweis diente in erster Linie dazu, ihnen die Meinung des betreffenden mitzuteilen.

    @Andreas: Ich empfehle, Dir wieder einen Ausweis zuzulegen und den vierten Kreis anzukreuzen (Widerspruch gegen Entnahme von Organen und Gewebe). Ist rechtlich sicherer.

    Da übrigens die medizinische Ausbildung immernoch die Sektion einer Leiche beinhaltet, ist man zur Nachschubbeschaffung zu einem Modell gekommen, dass recht nahe am freien Organhandel ist: Wenn man seine Leiche an ein medizinisches Institut vererbt, bekommt man einen Vertrag, dem gemäß die Uni Kosten und Organisation der Bestattung (eingeäschert, Urne) übernimmt.

  5. DeeTee sagt:

    Zum Organspendeausweis: wer ankreuzt, uneingeschränkt Organspender zu sein, ist damit auch potentielles medizinisches Ausschlachtobjekt. Wer also, aus edlen Motiven, statt zu verrotten „nur“ seine Organe spenden möchte, muss dies zwinged auf dem Ausweis formulieren (nur Niere, Herz etc). Einen Organspendeausweis empfehle ich ausdrücklich jedem, denn dort kann man auch seine Nichtbereitschaft dokumentieren (Ich will keine Organe spenden). Somit hat man immer eine große Last von seinen nächsten Angehörigen genommen, eine so schwierige Entscheidung in dieser traurigen Lebenslage zu fällen.
    Die Gefühle der Hinterbliebenen sind manchem wichtiger als die Gesundheit Fremder, auch dass ist zu respektieren.
    Um die Diskussion auf eine etwas pragmatischere Weise zu sehen, ein wohl den meisten bekanntes Beispiel:
    Blutspende.
    Hier passiert etwas Ähnliches: Der Bedarf ist da, man appelliert an die Bereitschaft des Einzelnen, weil jeder mal darauf angewiesen sein könnte, viele spenden freiwillig, und man hilft notdürftigen Menschen. Soweit, sogut. Nur: Der Blutspendedienst und das DRK verdienen daran Millionen (auch z.T. durch freiwillige Helfer). Als ich in einer Reportage in Kenntnis gesetzt wurde, dass z.T. Blutkonserven in Kühlschiffen durch die Welt geschickt werden, die Händler (DRK) daran viel Geld verrdienen, nur der „edle“ Spender leer ausgeht, habe ich nicht wieder gespendet.
    Jede noch so nutzlose Pille (und ich meine nicht unbedingt Homöopathica) wird von den Krankenkassen teuerst erstattet, also warum sollte man nicht einen Teilbetrag für Blutspenden (oder Organe) an den Spender (oder die Hinterbliebenen) geben?
    Aber das System läuft ja auch so ganz gut…

    • Kawe sagt:

      Was ist mit „Ausschlachtobjekt“ gemeint? Sicher kann man Einschränkungen vornehmen, doch was soll das bringen? Wenn ich meine Organe nach meinem Tod weiter geben möchte, dann macht es für mich keinen Unterschied, ob es nun nur Herz, Lunge, Leber, Nieren betrifft oder ob noch Hornhäute, Blutgefäße, Pancreas etc. entnommen werden. Für die Medizinerausbildung ist ein Verstorbener nach Organentnahme hingegen nicht mehr dienlich. Dafür braucht man unversehrte Leichname. Wie soll Anatomie gelehrt werden, wenn die wesentlichen Organe fehlen?

    • Kawe sagt:

      Was das Blutspenden betrifft: Man kann auch das DRK meiden und eine Aufwandsentschädigung für die eingesetzte Zeit und die Unannehmlichkeiten erhalten. Es werden zwischen 25 und 60 Euro gezahlt, je nachdem, ob es sich um eine Vollblut-, Plasma- oder Thrombozytenspende handelt. Letztere ist langwieriger und etwas unangenehm, daher die höhere Entschädigung.

      • derautor sagt:

        Wer bezahlt so etwas zum Beispiel? Auf einmal komme ich mir vor, als hätte ich viel zu viel Blut und jemand anderes könnte es gebrauchen…

        • sba sagt:

          Einfach bei nicht-DRK Blutspendediensten rumfragen. Bei mir gibt es eine private Hämatologische Firma und die Uniklinik, die ab der zweiten Blutspende Aufwandsentschädigungen geben.

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