Antworten über Antworten

Vorab, weil es angesprochen wurde: Ich kann nicht auf alle Kommentare in diesem Magazin reagieren. Eine anständige Antwort wäre teilweise sehr aufwändig, unanständige Antworten vermeide ich und daher behalte ich sie mir gegebenenfalls für einen eigenen Beitrag vor. Ich lese auf jeden Fall alle Kommentare und wenn jemand unbedingt eine Antwort von mir haben möchte, so möge er mir das mitteilen und er wird eine erhalten.

Aber genug von den Ausreden und her mit einer der Antworten, die ich Lesern noch schulde. Es geht um verschiedenartige Kritik an Ayn Rand und die Frage, ob sie jeweils berechtigt ist.

1. Ayn Rands dunkle Seite 

Ein Leser namens Manuel Pauli fragte mich, was ich von diesem New-Statesman-Artikel über Ayn Rand halte:

http://www.newstatesman.com/books/2010/07/ayn-rand-greenspan-influence

Er stammt vom führenden intellektuellen Nihilisten John Gray, über den ich mich umfassender in Der Westen. Ein Nachruf auslasse. Dass Gray kein Freund von Rand sein sollte, ist kaum überraschend. Ja, es ist erfreulich.

Natürlich hat er keine Ahnung, wovon er spricht und verlässt sich auf Wikipedia (was er zum Teil sogar einräumt). Aber das ist man gewohnt von Rand-Kritikern.

Immerhin ist es Gray trotzdem gelungen, zwei Kritikpunkte anzusprechen, die nicht völlig an den Haaren herbeigezogen sind, auch wenn er sie aufs Lächerlichste zuspitzt.

Erstens wäre das Ayn Rands frühe Beeinflussung durch Friedrich Nietzsche, die sie später unter den Teppich kehren wollte, weil sie ihr verständlicherweise peinlich war. Schließlich hielt sie Nietzsche, als ihre Philosophie ausgereift war, für einen rücksichtslosen Subjektivisten.

Für eine tabellarische Übersicht der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Philosophien von Ayn Rand und Friedrich Nietzsche, siehe:

http://www.atlassociety.org/nietzsche-and-ayn-rand

Es gibt, wie man deutlich erkennt, nur sehr wenige Übereinstimmungen.

Ein ethisch besonders relevanter Unterschied lautet, dass Nietzsche der Meinung war, eine Elite von Supermenschen sollte die übrige Menschheit ausnutzen. Derweil befand Ayn Rand, dass die Initiation von Gewalt ethisch inakzeptabel sei und dass wir friedlich und freiwillig zum gegenseitigen Vorteil miteinander handeln sollten. Ein, man würde doch meinen, markanter Unterschied.

Gray zitiert hingegen eine frühe Fassung von Rands früher anti-kommunistischer Erzählung bzw. Roman We the Living. Darin sagt die Heldin zu einem Bolschewisten: „Ich bewundere deine Methoden. Ich verabscheue deine Ideale“ und später fragt sie ihn: „Was sind die Massen als Schlamm, der zertreten werden sollte, Treibstoff, der für jene verbrannt werden sollte, die es verdienen?“ Hier ging Rand Nietzsches Philosophie kurzzeitig auf den Leim, was in ihren ersten Schaffensjahren in der Tat ein Problem war. Rand schrieb dies wohl aus Hass auf die stillen Unterstützer des Sowjetregimes, auf die Mitläufer. Auch in anderen Kontexten ließ sie sich zu Vernichtungsfantasien hinreißen, sobald es um irgendeine Bevölkerung ging, die nichts gegen ein totalitäres Regime unternahm.

Ja, das sollte man zweifellos verurteilen und es gibt hier nichts zu verteidigen für mich. Ich kann nur darauf hinweisen, dass Rands Philosophie „Objektivismus“ keine solchen Aussagen macht. Es ist in der Tat nicht das einzige Mal, dass Rand ihrer eigenen Philosophie widersprach.

Auch Rands Haltung zur Rolle der Frau ist widersprüchlich – teilweise gibt sie einfach die konservativen Vorurteile ihrer Zeit wieder (die Frau soll die Männlichkeit in ihrem Mann verehren und sich ihm beim Sex unterwerfen – Resultat sind einige sehr schräge Sexszenen in Rands Büchern), teilweise ist sie revolutionär feministisch (die Frau als kompromisslose, heldenhafte Individualistin wie Kira in We the Living oder als erfolgreiche Großunternehmerin wie in Atlas Shrugged).

So viel ist wahr: Rands Philosophie war in ihren jungen Jahren noch nicht ausgereift und sie ließ sich gelegentlich zu Wutausbrüchen und selten gar zu Vernichtungsfantasien hinreißen. Ebenso war sie zwar sehr, aber nicht zu 100% vom Zeitgeist unabhängig. Dieser Zeitgeist beeinflusste sie beispielsweise in Form von Nietzsche, der damals in Russland populär war, und später in Form der traditionellen Geschlechterrollen, die in den 1950er Jahren in den USA vorherrschten.

Allerdings: Rands Philosophie, der Objektivismus, steht im deutlichen Gegensatz sowohl zu Rands vernichtendem Hass auf die stillen Mitläufer in totalitären Regimes als auch zu der Unterwürfigkeit der Frau unter den Mann. Die Person Ayn Rand und ihre Philosophie muss man schlichtweg trennen können. Wer das nicht kann, der sollte sich nicht zum Thema äußern. Dass einige von Rands Aussagen verurteilt werden dürfen, ja verurteilt werden sollten, ist keine Frage.

2. Rands Meinung über den Stepptanz

Ferner veralbert Gray Rands angebliche Auffassung, der Stepptanz sei irgendwie rationaler als andere Tänze. Von der Theorie hat er mal wieder Null Ahnung. Er weiß nur, dass Rand den Stepptanz liebte und dass sie für Vernunft war und schließt irgendwie daraus, dass sie es für unvernünftig befunden haben müsse, etwas anderes zu tanzen als den Stepptanz.

Unvernünftige Menschen haben so ihre Probleme mit dem Konzept „Vernunft“. Sie denken, wir vernünftigen Leute wären wie Spock aus Raumschiff Enterprise oder wie der Terminator. Irgendwie sollen Gefühle der Vernunft widersprechen oder sie ergänzen. Ebenso soll man Kunst und darunter Tänze nicht rational beurteilen können, weil sie Ausdruck eines subjektiven Lebensgefühls seien (was im Grunde auch stimmt, aber man kann sie trotzdem rational beurteilen).

Rand über den Tanz allgemein:

It is music, the voice of man’s consciousness, that integrates the dance to man and to art. Music sets the terms; the task of the dance is to follow, as closely, obediently and expressively as possible. The tighter the integration of a given dance to its music—in rhythm, in mood, in style, in theme—the greater its esthetic value.

Ayn Rand über den Stepptanz:

Tap dancing is completely synchronized with, responsive and obedient to the music — by means of a common element crucial to music and to man’s body: rhythm … (tap dancing) looks, at times, as if it is a contest between the man and the music, as if the music is daring him to follow — and he is following lightly, effortlessly, almost casually.

Complete obedience to the music?

The impression one gets is: complete control — man’s mind in effortless control of his expertly functioning body. The keynote is: precision.

It conveys a sense of purpose, discipline, clarity — a mathematical kind of clarity — combined with an unlimited freedom of movement and an inexhaustible inventiveness that dares the sudden, the unexpected, yet never loses the central integrating line: the music’s rhythm.

Der Stepptanz ist also besonders gut mit der zugehörigen Musik integriert, beide interagieren harmonisch, also ist der ästhetische Wert des Stepptanzes hoch. Rand sagte zudem das fröhliche Lebensgefühl zu, das der Stepptanz vermittelt.

Darum sind jedoch andere Formen des Tanzes nicht wertlos:

Strong passions or negative emotions cannot be projected in ballet, regardless of its librettos; it cannot express tragedy or fear—or sexuality; it is a perfect medium for the expression of spiritual love. The Hindu dance can project passions, but not positive emotions; it cannot express joy or triumph, it is eloquent in expressing fear, doom—and a physicalistic kind of sexuality.

Verschiedene Tänze drücken verschiedene Gefühle aus, abhängig von der zugehörigen Musik. Und nicht nur der Stepptanz kann gut sein, sondern auch andere Formen des Tanzes – je nachdem, wie gut sie zur Musik passen und wie gut sie das zugehörige Lebensgefühl ausdrücken.

3. Erschaffung eines neuen Menschen?

Schließlich behauptet Gray, Rand habe ähnlich Nietzsche und Marx einen neuen Menschen, einen Übermenschen erschaffen wollen und der Laissez-faire-Kapitalismus sei ihre Utopie für ihren spezifischen Übermenschen. Das ist bloße Rhetorik. Man könnte ebenso sagen, dass Sozialdemokraten einen Übermenschen erschaffen wollen, eine monströse Chimäre, die sich in einer Mischwirtschaft zu neuen Höhen aufschwingt. Und Umweltschützer wollen den neuen Waldmenschen erschaffen, der ebenso ein Teil der Natur ist wie ein Hirsch und somit auf Kultur verzichten muss.

Tatsächlich sind die alles wissenden, alles studiert habenden Hauptprotagonisten von Atlas Shrugged keine allzu realistischen Charaktere. John Galt selbst ist kein echter Mensch mehr, sondern ein frei schwebendes Ideal. Allerdings dienen diese Charaktere dazu, eben Helden darzustellen, an denen man sich orientieren, denen man nacheifern kann, ohne natürlich jemals gar so perfekt zu werden wie sie. Das sind fiktive Charaktere ähnlich wie Herkules oder James Bond.

Natürlich wird nicht jeder Mensch im Laissez-faire-Kapitalismus zum alles könnenden, alles wissenden Über-Unternehmer werden. Das glaubt kein Mensch. Objektivisten gehen davon aus, dass jeder Mensch vom Laissez-faire-Kapitalismus profitieren kann – dafür muss er kein Halbgott sein. John Gray sollte mal ein Einführungsseminar in die Literaturwissenschaften (und diverse weitere) besuchen, denn seine Ausführungen sind eine einzige Peinlichkeit.

Literatur

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6 Kommentare zu “Antworten über Antworten

  1. Thomas B. sagt:

    Freut mich, dass du auf Fragen zu Rand und dem Objektivismus eingehst. Obwohl ich mich mit dieser Philosophie immer weiter anfreunde, habe ich auch ein paar Fragen. Ich erwarte keine detaillierten Antworten, aber würde mich darüber oder über Literaturhinweise freuen.

    1) Laut Rand würden im Laissez-faire-Kapitalismus alle notwendigen Wohlfahrtsfunktionen des Staates von privaten Stiftungen und dergleichen übernommen werden. Ist das reine Theorie oder gibt es auch handfeste Belege dafür, dass dies der Fall ist?
    2) Wie sieht eine effiziente privatisierte Verkehrsinfrastruktur aus? Ist nicht eine quasi-staatliche Behörde zur Mauteintreibung für Instandhaltung und Ausbau unumgänglich, solange alle Menschen Straßen nutzen?
    3) Was passiert mit Kindern, wenn Eltern sich die privatisierte schulische Bildung ihrer Kinder nicht leisten können?
    4) Wie kann verhindert werden, dass unabhängige Privatschulen Obskuratismus, Fundamentalismus und Pseudowissenschaften lehren?
    5) Polizei und Armee müssten weiterhin zumindest zum Großteil in Staatshand sein, oder? Falls nicht, so gäbe es doch ein gewisses Risiko für Korruption und Staatsstreiche, oder?

    • derautor sagt:

      1. So etwas kann man prinzipiell nicht wissen, da wir nicht wissen, welche Entscheidungen die Menschen treffen werden. Sie können sich entscheiden, anderen Menschen zu helfen und sie können sich entscheiden, dies zu lassen. In einer Gesellschaft, in der sich Menschen gegenseitig respektieren, würde ich es für sehr wahrscheinlich ansehen, dass sie bereit wären, für wirklich Bedürftige zu sorgen. Belege sind z.B. die viel höhere Spendenbereitschaft in den USA heute im Vergleich zu Europa (Buch: Who really Cares) und die Situation in England und in den USA im 19. Jahrhundert (Buch: David Kelley: A Life of One’s Own: Individual Rights and the Welfare State).

      2. Die Maut könnte auch von Privatunternehmen eingezogen werden. Ich gehe ohnehin davon aus, dass dies mittels automatischer Kreditkartenüberweisung bei Passieren von Checkpoints funktionieren würde (Buch: http://mises.org/books/roads_web.pdf).

      3. Diese Kinder wären von privater Hilfe abhängig, also von freiwilliger Unterstützung ihrer Mitbürger, z.B. von entsprechenden Stiftungen. Für Extremfälle und für eine Basisbildung wird auch unter Objektivisten über staatliche Hilfe nachgedacht, etwa in Form von Bildungsgutscheinen. Die Eltern könnten sich weiterhin die Schulen aussuchen und dort die Gutscheine einlösen. Eine gewisse Grundbildung wäre möglicherweise staatlich vorgeschrieben (das war die Idee von John Locke, umgesetzt durch Thomas Jefferson in Virginia).

      4. Insofern die Schulen zur Gewalt aufrufen und Hass predigen, etwa islamistische Schulen, kann der Staat weiterhin einschreiten. Gegen Pseudowissenschaften, Fundamentalismus, Obskurantismus in den Schulen per se würde ich nicht viel unternehmen wollen, solange keine physische Gewalt gegen die Kinder eingesetzt wird. Wenn die Kinder volljährig sind und selbst Geld verdienen, können sie ihre eigene Bildung bestimmen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Eltern an einer qualitativ hochwertigen Bildung für ihre Kinder interessiert sind.

      5. Polizei und Militär müssen vollständig in staatlicher Hand bleiben. Nur die Produzenten ihrer Materialien wie Waffen dürfen privat sein.

      • Sugar Sun sagt:

        Das ist doch alles völlig utopisch und das wird auch so wie dargestellt nicht in der Praxis klappen.

        Da bilden selbst die unausgegorensten nihilistischen Ansichten oder die Meinung fast jeder Mensch sei Supersubjektivistisch (fast jeder ist ein kleiner Nietzschejaner) noch eine bessere Abbildung an die Wirklichkeit.

        Der neue „Supermensch“ ist allein der, der meint das alles klappt schon im globalen Maßstab.

        Das klappt doch nicht einmal im Dorf/Gemeinde geschweige denn in großen unübersichtlichen Bundesstaaten, das führt doch nur zur völligen Seggration und zur Herausbildung mächtiger Stadtstaaten/Gemeinden, die dann wieder die althergebrachten Mafiaeliten in den Schlüsselstellen der Macht stellen, wie eh und je.

        Das Gesellschaftssystem das wir jetzt vorfinden korrigiert sich selbst, trotz aller edlen Ansprüche an Verbesserungen.

        Übrigens bin ich der Meinung die Grünen fordern tatsächlich den speziell ausgebildeten Ökofuzzimenschen, der dir die Kilowattstundenverbauch in Solarstrom vorrechnen, dabei das neuste Tofugericht zubereiten und dir Bilder von seiner Rettet-die-Wale-Aktion übers Gesicht wichen kann.

  2. Mauna sagt:

    Vielen Dank für die ausführliche Reaktion auf den Artikel!

  3. Karl sagt:

    Lieber Autor ich muss mich bei dir entschuldigen! Mein Vorwurf des Nichtkommentierens war kindisch und ich sehe natürlich ein dass du nicht jeden Kommentar mit einer Antwort würdigen kannst.

    Als Entschuldigung noch mal ein Lob für dein Buch und deine bisherigen Posts und eine baldige Rezension auf amazon. Und mein Schmollen beende ich auch bald mit neuen Kommentaren🙂

  4. sba sagt:

    Exkurs
    „Unvernünftige Menschen … denken, wir vernünftigen Leute wären wie Spock aus Raumschiff Enterprise oder wie der Terminator.“

    Wobei grene übersehen wird, dass Mr. Spock genetisch ein halber Mensch ist und charakterlich eit mehr als ein Vulkanier ist (Star Treck 4 bis 6), sowie übersehen wird, dass die vulkanische Ethik aus objektivistischer Sicht nicht viel taugt („The need of the many oerweights the need of the few.“ Möglich, dass Wesen, die komplett auf ihre Gefühle verzichten müssen, um leben zu können, sich altruistisch orientieren müssen, um nicht nihilistisch zu werden, als Menschen haben wir diese Notwendigkeit allerdings nicht. Ansonsten mag der zitierte Grundsatz noch in taktischen Situationen sinnvoll sein, die ja in Stra Treck öfter vorkommen als im Leben des durchschnittlichen Treckies, aber schon Sun Zu wusste, dass zwischen den erfordernissen des militäischen Lebens und den Erfordernissen des zivilen Lebens ein fundamentaler Unterschied besteht („Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind die Prinzipien, nach denen ein Staat geführt
    wird, doch nicht die Armee; Opportunismus und Flexibilität dagegen sind militärische, keine
    zivilen Tugenden.“ (Kunst des Krieges 2tes Kap.: Über die Kriegsführung)). Dieser Unterschied wird in ST regelmäßig nicht herausgestellt.)
    …Exkurs Ende^^

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