Die Beschneidung der Vernunft

Nun wurde also ein Gesetzesentwurf zur Beschneidung vorgelegt. Er besagt unter anderem folgendes, wie mir ein befreundeter Arzt mitteilte:

– Kinder älter als sechs Monate sollen von einem Arzt beschnitten werden,

– Kinder unter sechs Monaten dürfen auch von Laien beschnitten werden.

Jüdische Kinder sollten es also möglichst vermeiden, unter sechs Monate alt zu sein.

Die Betäubung des Kindes ist nicht eindeutig geregelt. Jüdische Mohalim dürften also weiterhin auf eine Anästhesie verzichten oder dem Säugling einen mit Rotwein getränkten Stofffetzen in den Mund stecken und vermuten, dass dies irgendetwas bringt.

Der Gesetzesentwurf verzichtet außerdem auf die vom Ethikrat empfohlene Anerkennung des natürlichen Vetorechts des Kindes. Sollte das Kind also anfangen zu schreien, zu zittern, um Hilfe zu rufen, „Papa, bitte nicht!“ zu weinen, so kann das Eltern, Mohel, Arzt egal sein, da nur die „Gefährdung des Kindeswohls“ relevant ist, die mit den Ansichten des Kindes selbst zu der Angelegenheit aber wenig zu tun hat.

Ferner gelten für die mit der Beschneidung fast identische Phimoseoperation (Korrektur einer Vorhautverengung) strenge Richtlinien, die allesamt für die Beschneidung nicht gelten:

1. intensive Aufklärung durch den Arzt über alle Risiken, schriftliche Erklärung, daß die Aufklärung erfolgt ist und verstanden wurde und daß Einverständnis mit dem Eingriff besteht,

2. ärztliche Feststellung der Operationsfähigkeit durch eine körperliche Untersuchung, ggf. Blutuntersuchungen, EKG etc.

3. intensive Hautdesinfektion,

4. optimale und trotzdem schonende Narkose mit verpflichtender Anwesenheit eines Facharztes für Anästhesie (!),

5. Durchführung des Eingriffs nur durch einen Arzt nach mindestens 6jährigem Studium, erfolgter Approbation plus ggfs. mehrjähriger chirurgischer/urologischer Weiterbildung (bitte bedenken Sie, daß selbst eine examinierte Krankenschwester nicht einmal selbständig eine Injektion geben darf!),

6. sterile Handschuhe, steriles Operationsbesteck, steriler Mundschutz, sterile Op-Kleidung, nach amtlichen Hygiene-Vorschriften gereinigte Operationsräume und Operationstisch,

7. Abdecken/Umkleben den Operationsgebietes mit sterilen Tüchern,

8. Blutstillung mit schonenden Methoden (bei der Beschneidung: mit dem Speichel des Beschneiders!)

9. Hautnaht mit sterilem Nahtmaterial (unterbleibt bei der Beschneidung vollkommen!) ,

10. steriler Wundverband,

11. postoperative Überwachung mit genauer Anleitung für das Pflegepersonal oder die Angehörigen,

12. ärztliche Dokumentation des Anästhesieverlaufs einschl. Art und Menge des verwendeten Narkosemittels, Verlauf von Blutdruck, Puls, Sauerstoffgehalt des Blutes usw. im „Anästhesieprotokoll“,

13. ärztliche Dokumentation des Eingriffs selbst im „Operationsbericht“,

14. ärztliche Nachuntersuchungen, sterile Verbandswechsel, Nachbehandlung.

Siehe auch: Interview mit dem Strafrechtler Reinhard Merkel aus dem Ethikrat.

Zu diesem Gesetzesentwurf, der eine vollkommene Kapitulation vor religiösen Partikularinteressen darstellt und der Menschenrechte auf einen Müllberg wirft (oder zum Recycling freigibt), kann man doch nur eines sagen: Das ist beschnitten!

4 Kommentare zu “Die Beschneidung der Vernunft

  1. DeeTee sagt:

    Wenn ein solcher Gesetzentwurf durchkommt, wenn offensichtliches Unrecht hier in Deutschland zu einem Recht verbogen wird, fühle ich mich „unserem“ Rechtsstaat gegenüber nicht mehr verpflichtet.
    Ich frage mich nur, ob das schon der Einzug der Scharia ist oder nur eine Ausnahme, weil die jüdische Religionsgemeinschaft dieses Mal mit dem Islam an einem Strang zieht und wir aufgrund unserer Vergangenheit nur deshalb so schnell nachgegeben haben.

  2. Karl sagt:

    1. Hier wurde nicht auf Basis des Kindeswohls entschieden sondern vor dem Hintergrund dass die religiösen Verbände argumentiert haben, dass ein Beschneidungsverbot per se antisemitisch oder antiislamisch ist. Die Verbotsdebatte wurde mit dieser Diskussion unzulässig vermischt.

    2. Die Beschneidungsdebatte ist nicht der einzige Punkt wo religiöse Gesichtspunkte einer Gruppe das Verhalten anderer regeln sollen. Bei der Debatte zur aktiven Sterbehilfe, PID-Diagnostik und beim Thema Gotteslästerung wird ähnlich argumentiert.

  3. Sandra sagt:

    Dank der Pionierarbiet von Professor Dr. Holm Putzke (http://www.holmputzke.de/index.php?option=com_content&view=section&layout=blog&id=1&Itemid=7) weiß jetzt immerhin fast jeder in diesem Land, dass Beschneidungen nicht wirklich gut sind für Kinder. Hoffentlich wird er weiterkämpfen für die Rechte der Kinder!

  4. Wolfgang T. sagt:

    Abschlußbemerkung von Prof. Dr. Holm Putzke bei der Diskussionsveranstaltung zum Thema „Das Kölner Beschneidungsurteil und seine Folgen“ in der Ev.-ref. Hugenottenkirche Erlangen am Dienstag, 25. September 2012, 19.30 Uhr

    Der Mann ist gut und bringt die Sache auf den Punkt.
    Bei der Diskussion und in der Gesellschaft merkt man, wir werden von Theologen regiert!

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